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Kurt Pätzolds Buch über "Kriegerdenkmale in Deutschland"
Deutsche Erinnerungspolitik
Von Hans Georg
Im Frühjahr 2011 luden der private "Förderverein zur Erhaltung und Wiederherstellung von Kulturgütern" in Mainz-Ebersheim und die ebendort beheimatete katholische Kirchengemeinde St. Laurentius zu einer feucht-fröhlichen Feier. Anlass war die umfassende Renovierung des örtlichen, 1935 eingeweihten Kriegerdenkmals. Die Lokalpresse berichtete enthusiastisch - ganz so, als handele es sich um ein Weinfest oder eine Karnevalssitzung.
Kein Wort fiel über den zeitgeschicht-lichen Kontext, also darüber, dass es die örtlichen NSDAP-Größen gewesen waren, die im Jahr der Wiederein-führung der Allgemeinen Wehrpflicht ein Denkmal für die Toten des Ersten Weltkriegs aus der Taufe gehoben hatten, um damit vor aller Augen ihre Bereitschaft zu einem neuen Waffengang zu demonstrieren. Kommentarlos erwähnt wurde lediglich, dass das Abspielen des Badenweiler-Marsches die Einweihungs-feierlichkeiten von 1935 begleitet hatte. Über die Funktion des Musikstücks, das dazu diente, in den Versammlungshallen des Deutschen Reiches das Eintreffen des "Führers" Adolf Hitler anzukündigen, erfuhren die Leser wiederum nichts.
Online-Flyer Nr. 393 vom 13.02.2013
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Inland
Kurt Pätzolds Buch über "Kriegerdenkmale in Deutschland"
Deutsche Erinnerungspolitik
Von Hans Georg
Im Frühjahr 2011 luden der private "Förderverein zur Erhaltung und Wiederherstellung von Kulturgütern" in Mainz-Ebersheim und die ebendort beheimatete katholische Kirchengemeinde St. Laurentius zu einer feucht-fröhlichen Feier. Anlass war die umfassende Renovierung des örtlichen, 1935 eingeweihten Kriegerdenkmals. Die Lokalpresse berichtete enthusiastisch - ganz so, als handele es sich um ein Weinfest oder eine Karnevalssitzung.
Kein Wort fiel über den zeitgeschicht-lichen Kontext, also darüber, dass es die örtlichen NSDAP-Größen gewesen waren, die im Jahr der Wiederein-führung der Allgemeinen Wehrpflicht ein Denkmal für die Toten des Ersten Weltkriegs aus der Taufe gehoben hatten, um damit vor aller Augen ihre Bereitschaft zu einem neuen Waffengang zu demonstrieren. Kommentarlos erwähnt wurde lediglich, dass das Abspielen des Badenweiler-Marsches die Einweihungs-feierlichkeiten von 1935 begleitet hatte. Über die Funktion des Musikstücks, das dazu diente, in den Versammlungshallen des Deutschen Reiches das Eintreffen des "Führers" Adolf Hitler anzukündigen, erfuhren die Leser wiederum nichts.Wie der Berliner Historiker Kurt Pätzold berichtet, blieb die geschilderte "Unart, so in die Nazizeit zurückzublicken", nicht ohne Folgen. Für Proteste sorgte insbesondere die Tatsache, dass auf dem nach 1945 angefügten Teil des Ebersheimer Kriegerdenkmals auch der Name eines gefallenen SS-Soldaten verewigt worden war. In der Folge beschlossen die im Ortsbeirat vertretenen politischen Parteien allerdings nicht dessen Entfernung oder gar den Abriss des gesamten Monuments, sondern die Errichtung eines neuen Denkmals, um, wie es hieß, "an die weiteren Opfer des Faschismus zu erinnern". Die eigenartige Formulierung verweist laut Paetzold darauf, dass die Abgeordneten offenbar einem Opferbegriff huldigten, der "der Geschichte und dem Andenken Gewalt antut". Damit wiederum könnten sie sich "auf die Staatsformel stützen, mit der in der Bundesrepublik Deutschland Gedenken und Erinnerung etikettiert werden".
Ihren zentralen Ausdruck fand die besagte "Staatsformel" in der 1993 erfolgten Umwidmung der Berliner Neuen Wache. Zu DDR-Zeiten hatte das klassizistische Gebäude als zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus und Militarismus fungiert; im wiedervereinigten Deutschland wurde daraus ein Ort der Erinnerung an die "Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft". "Der Faschismus", schreibt Pätzold, wurde auf diese Weise "ebenso exmittiert wie der Militarismus". Gleichzeitig erhielten diejenigen, die im Kampf für ein in der Menschheitsgeschichte einmaliges Mordregime gefallen waren, ebenso den Status von "Opfern" wie diejenigen, die im Kampf gegen ebendieses Regime zu Tode gekommen oder in in ihrer Eigenschaft als Pazifisten, Juden, Behinderte und Kranke ermordet worden waren.
Pätzolds Urteil über die geschilderte bundesrepublikanische Erinnerungspolitik fällt denn auch entsprechend vernichtend aus: "Die Opfer des Faschismus und die Opfer des Krieges, man mag beide als Opfer bezeichnen, gehören zwei ganz unterschiedlichen Opferkategorien an, die als Tote nicht vereint werden sollten, sie waren es im Leben auch nicht. Sie eignen sich nicht für die geschichtliche Verarbeitung zu einem 'Opferbrei'".
Passend zur unterschiedslosen Opferrhetorik erhielten zahlreiche ostdeutsche Gemeinden in den Jahren nach 1990 Denkmale, die an die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs erinnern. Wo bereits Monumente für die Toten des Ersten Weltkriegs existierten, wurde der Zweite, wie Paetzold berichtet, einfach "nachgetragen" - unter anderem im brandenburgischen Duben. "1914-1918. 1939-1945. Ihren gefallenen Helden in dankbarem Gedenken" ist hier unter einem in Stein gehauenen Stahlhelm und einem Eisernen Kreuz zu lesen. "Die neuen Bundesländer haben sie wieder bekommen, die lügenden Tafeln", schreibt Pätzold abschließend in Anspielung auf Kurt Tucholsky. Der antifaschistische Schriftsteller hatte in den vermeintlichen Helden staatlich sanktionierte Mörder erkannt und sich Gedenktafeln gewünscht, auf denen etwa folgender Text eingraviert wäre: "Hier lebte ein Mann, der sich geweigert hat, auf seine Mitmenschen zu schießen. Ehre seinem Andenken!" Zeugnisse dieser Art allerdings wird man wohl in einem Land, das den gefallenen Teilnehmern seiner neokolonialen Interventionskriege schon wieder ein "Ehrenmal" gewidmet hat, noch lange vergeblich suchen. (PK)
Kurt Pätzold: "Kriegerdenkmale in Deutschland"
Eine kritische Untersuchung
Berlin (Spotless) 2012
125 Seiten
9,95 Euro
ISBN 978-3-360-02076-5
Mehr über den Historiker Pätzold erfahren Sie unter
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