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Inland
Über 40 Jahre grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Umweltbewegung
50 Jahre Élysée-Vertrag
Von Axel Mayer

Am 22. Januar 1963 wurde der deutsch-französische Freundschaftsvertrag (Élysée-Vertrag) von Bundeskanzler Konrad Adenauer und vom französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle unterzeichnet. Dieses wichtige Abkommen hat Deutsche und Franzosen nach den Schrecken des ersten und zweiten Weltkriegs ein Stück zusammengeführt. Wenn jetzt überall an 50 Jahre Élysée-Vertrag erinnert wird, dann wollen wir an das von uns vierzig Jahre lang erkämpfte, immer gefährdete Europa der Menschen, an die deutsch-französisch-europäische Zusammenarbeit von "unten" erinnern.

Anzeige in der Badischen Zeitung vom 17.1.13
Quelle: http://vorort.bund.net/
 
 
Auf den besetzten AKW-Bauplätzen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F) haben wir drei Jahrzehnte nach Kriegsende den europäischen Traum vom grenzenlosen Europa geträumt und erkämpft. Wir haben die realen und die inneren Grenzen und die alte, verlogene "Erbfeindschaft" überwunden, Bauplätze und Brücken besetzt, Gifteinleitungen in Rhein und Luft abgestellt, für Leben und Zukunft gekämpft und gemeinsam viele Gefahren am Oberrhein abgewehrt.
 
Einige ausgewählte Beispiele:
 
25. August 1974: Zusammenschluss der elsässischen und badischen Bürgerinitiativen. Aus diesem Treffen resultiert die "Erklärung der 21 Bürgerinitiativen an die badische-elsässische Bevölkerung".
 
Oktober 1974: Auf dem besetzten Platz in Marckolsheim pflanzt der elsässische Lehrer Jean Gilg ein Transparent in den Boden: "Deutsche und Franzosen gemeinsam – Die Wacht am Rhein!" Das war eine geniale und entwaffnende Absage an die jahrhundertealte Propaganda von der Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen und ein Aufruf zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit für die gemeinsamen Aufgaben der Zukunft, die wir mit der Chiffre Ökologie meinen.
 

Treffen von AKW-Gegnern beider Länder in den
70er Jahren
Entgegen aller "nationaler Interpretati- onen" war die grenzüberschreitende Zusammenarbeit immer eine Sache auf Gegenseitigkeit. Schon 1970 haben sich die AKW-Gegner in Kaiseraugst und Fessenheim organisiert, 1971 dann die badischen Partner in Breisach, 1973 in Wyhl. Elsässische und Schweizer Aktivisten brachten wesentliche Ideen und Erfahrungen über die Grenze herüber nach Breisach und Wyhl, und nirgendwo wurde jemals nach der Staatsange-hörigkeit gefragt. Ohne diese Zusammenarbeit hätten wir an keinem der besetzten Plätze Erfolg gehabt und der Giftmüllofen in Kehl (eine realistische Bedrohung für Straßburg) wäre nicht verhindert worden.
 
Am 16.1.13, war eine Delegation von französisch-badischen UmweltschützerInnen im Umweltministerium in Paris um über die schnelle und endgültige Abschaltung des AKW Fessenheim zu verhandeln.
 
Geschickt geschürte Feindbilder
 
Doch immer wieder überlagern alte und neue, geschickt geschürte (noch kleine) Nationalismen und traurige Feindbilder auf beiden Rheinseiten die Europa-, Regio- und Dreyeckland-Mythen und diese Feindbilder werden aus ökonomischen Gründen gezielt aufgebaut. Erschreckend ist nicht, dass Konzerne und Lobbyisten versuchen, uns gegeneinander auszuspielen. Erschreckend ist, dass die "nationale Karte" immer noch häufig sticht.
 
In diesen Konflikten und in der Art, wie sie manchmal ausgetragen werden, scheitert immer auch ein kleines regionales Stück Europa.
 
"Europa von unten"
 
Umso wichtiger ist unser Europa von unten, abseits aller Verträge und europäischer Fördertöpfe, Metropolregion-Pläne und Interreg-Gelder. In Fessenheim, bei der Stocamine, beim Hochwasser- und Naturschutz am Rhein und überall, wo wir uns grenzüberschreitend für Mensch, Natur, Umwelt, Zukunft, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Freiheit engagieren.

Axel Mayer bei Stuttgart21-Demo
Quelle: http://www.cbgnetwork.org
 
Im Juli 1991 stand in der "Europäische Erklärung von Bürgerinitiativen und Umweltverbänden im Dreyeckland" ein traurig visionärer Satz, der sich auch auf die deutsch-franzöischen Beziehungen übertragen lässt: "Ein Europa, das nur von Wirtschafts- und Wachstumsinteressen bestimmt wird, ein Europa, das kein Europa der Menschen und Regionen wird, kann langfristig keinen Bestand haben. Es ist in Gefahr, in wenigen Jahrzehnten, bei den nächsten größeren Krisen, zu zerfallen, so wie wir das jetzt in Jugoslawien und der Sowjetunion erleben."
 
50 Jahre Élysée-Vertrag sind ein guter Anlass um zu feiern, um gleichzeitig aber auch das stets gefährdete "Europa von unten" zu thematisieren. (PK)
 
Axel Mayer ist BUND-Geschäftsführer und Vizepräsident des Trinationalen Atomschutzverbandes TRAS


Online-Flyer Nr. 390  vom 23.01.2013

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