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Globales
Ein Gespräch mit Abdullah Öcalan aus dem Buch "Ich bin Kurdin“
„Eine Gesellschaft, die von Frauen bestimmt wird“
Von Alexander Goeb

Das folgende Gespräch, das der Journalist und Autor Alexander Goeb im Jahr 1991 mit Abdullah Öcalan führte - also lange vor seinem Todesurteil in der Türkei "wegen Hochverrats, Bildung einer terroristischen Vereinigung, Sprengstoffanschlägen, Raub und Mord", das später in lebenslängliche Haft abgeändert wurde, halten wir im Zusammenhang mit der Ermordung der drei kurdischen Frauen  vergangene Woche in Paris für wichtig. Deshalb bringen wir es hier mit Genehmigung des Autors. – Die Redaktion

Abdullah Öcalan und Alexander Goeb (rechts) im Gespräch
Foto: Guenay Ulutuncok
 
Am Kampf der PKK beteiligen sich immer mehr Frauen. In diesem Militärlager, wo wir uns befinden, erhalten rund 100 Frauen eine militärische Ausbildung…
 
Ja, so ist es. Etwa 25 Prozent der Guerilla besteht aus Frauen, und es werden immer mehr. Aber um Sie etwas zu korrigieren: die Frauen und auch die Männer erhalten hier nicht nur eine militärische Ausbildung. Dieses Lager, die „Akademiya Mahsum Korkmaz“ - das war einer unserer Guerillaführer, ehe er starb – ist auch eine Schule. Nur 50 Prozent unserer Leute hier sind aus der Türkei, der andere Teil stammt aus dem Irak und Syrien. Viele der Frauen und Männer, die aus der Türkei kommen, sprechen kein kurdisch, weil kurdisch zu sprechen vor kurzem noch verboten war. Sie erlernen hier erstmals ihre eigene Sprache. Wir haben auch ein Alphabetisierungsprogramm, und es finden natürlich politische Diskussionen statt.
 
Es gibt auch besondere Versammlungen der Frauen. Sie haben gestern vor einer solchen Frauenversammlung gesprochen…
 
Ja. Die Rechte der Frauen sind eine Hauptsache in unserem politischen Programm. Keine Nebensache wie in den realsozialistischen Ländern. Viele Frauen kommen zu uns nicht wegen unserer Berufung auf Marx, sondern weil sich herumgesprochen hat, dass die PKK ernst macht mit der Befreiung der Frau, dass innerhalb der PKK ganz klar ist, dass Frauen gleichberechtigt sind.
 
Ist das jetzt eine Taktik, weil sie Guerillakämpfer brauchen?
 
So ist es nicht. Für uns sind die Befreiung Kurdistans und die Befreiung der kurdischen Frauen eine Einheit. In der kurdischen Gesellschaft leben die Frauen in absoluter Unterdrückung. Wir versuchen, unsere Frauen vor solchen Sklavenstrukturen zu schützen. Darüber wird in Frauenversammlungen diskutiert.
 
Wie geschieht das konkret?
 
Hier im Lager, in den befreiten Gebieten und im Kampf ist klar, dass Frauen alle Möglichkeiten haben müssen, ihren eigenen Willen zu entwickeln. Sie können Fähigkeiten entwickeln, die sie in ihrer Geschichte verloren hatten. Früher konnten manche Frauen keine zwei Worte sprechen, weil sie es nie gelernt hatten. Jetzt wird ihnen die Möglichkeit geboten, stundenlang zu reden, Verantwortung zu übernehmen, auch für Männer. Zwei der zehn Kommandanten dieses Lagers sind Frauen: Es gibt keine Begrenzung ihrer Rechte, sie sollen ihre Persönlichkeit entwickeln, sie sollen neu lieben lernen, was dabei heraus kommt, wird sich in der Praxis zeigen.
 
Was meinen Sie damit, Sie sollen neu lieben lernen?
 
In der kurdischen Gesellschaft ist die Beziehung zwischen Mann und Frau eine Art Kollaboration. Es gibt den Herrscher, das ist der Mann, und es gibt die Vasallen, das ist die Frau. Ich habe das an mir selbst gesehen. Ich habe auch in einer solchen herkömmlichen Ehe gelebt, in der die Geschlechtlichkeit zur Ware wird. Du gibst mir deine Sexualität, und dafür gebe ich dir materielle Sicherheit. Für die Frauen hieß das auch, dass sie aus dem sozialen und politischen Leben ausgeblendet waren. Ich sah darin einen unglaublichern Fall für Frauen und für Männer. Wir wollen diese Beziehungen nicht mehr, die nach Ware und Besitz riechen.
 
Und deshalb kommen so viele Frauen zur PKK?
 
Ja, deshalb kommen sie. Und wir können sie gar nicht alle aufnehmen. Inzwischen ist es so, dass es Familien gibt, die uns ihre Töchter schicken, weil sie nicht mehr wollen, dass sie in den alten Strukturen verharren.
 
Das klingt so, als sei die Befreiung der Frau innerhalb der PKK schon gelungen?
 
Das ist sie natürlich nicht. Es gibt Probleme. Frauen haben Schwierigkeiten, ihren eigenen Weg zu finden. Und manche Männer meinen immer noch, sie müssten Frauen beschützen, sie meinen, sie müssten als Befreier und Helfer auftreten.
 
Warum ist denn für Sie und die PKK eine starke Rolle der Frauen so wichtig?
 
Weil wir der Meinung sind, dass eine künftige Gesellschaft sehr viel mehr von dem haben muss, was die Frauen in sich tragen. Wir müssen zu einer Gesellschaft kommen, die nicht mehr vom Geist des Mannes, sondern von dem der Frau bestimmt wird. Wir denken, dass das wichtig ist für eine Welt, in der sich besser leben lässt.
 
Es überrascht, so etwas von jemandem zu hören, der von seinem Erscheinungsbild alle Attribute eines typischen kurdischen Mannes aufweist…
 
Das überrascht nur, wenn man sich von Äußerlichkeiten leiten lässt. Es ist ja so, dass die Persönlichkeit der Frau über Jahrhunderte in Tiefschlaf versetzt wurde. Wir wollen sie erwecken. Es soll eine Renaissance geben. Das wird die kurdische Gesellschaft sehr verändern. Aber davor darf man keine Angst haben. Vor allem die Männer dürfen davor keine Angst haben…(PK)

Das Interview ist dem Buch „Ez Kurdim – Ich bin Kurdin“ von Alexander Goeb, Gerd Schumann und Guenay Ulutuncok entnommen. Es erschien 1992 im Marino Verlag

Hierzu auch das Interview von Martin Dolzer mit der Kurdin
Nudem Gever von der kurdischen Frauenbewegung in Europa anläßlich der Morde in Paris. 


Online-Flyer Nr. 389  vom 16.01.2013

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