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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Globales
Ein nicht genannter Grund für die Weltwirtschaftskrise
Wenn das Zugpferd lahmt
Von Harald Schauff

Prost Neujahr! Das neue Jahr beginnt wie das alte aufgehört hat: Im Griff der Krise. Die Euro-Zone steckt in der Rezession. Deutschland gehört (noch) nicht direkt dazu. Der Krisenbär hat jedoch bereits mächtig am Bruttoinlandsprodukt geknabbert. Die Politik reagiert: Mit Gipfeltreffen und Absichtserklärungen. Das konnte den Abschwung bisher nicht aufhalten. Man setzt auf den Rotstift: Runterkürzen in der Hoffnung, dass das Wachstum bald neu treiben möge. Wenn das geschehe, meint man, komme der Rest, vor allem die Beschäftigung, ganz von selbst.

Konjunkturzyklen
Grafik: Holger Zimmermann
 
Deutschland hat es vorgemacht, heißt im Endeffekt, den USA nachgemacht. Löhne gesenkt, Sozialausgaben gesenkt und einen statistisch wirksamen Billiglohnsektor hochgezogen. Das hat die Exporte verbilligt und begünstigt. Besonders in China sind sie begehrt. Unsere Schlager heißen Autos, Maschinen und: Waffen. Mit Recht kann also behauptet werden: Das Exportgeschäft brummt mordsmäßig. Schröder, wir danken dir für diese Agenda hier. Mögen die Südeuropäer uns im Kurzraffer nacheifern.
 
Dafür hat der Binnenmarkt, der deutsche wie gleichermaßen der europäische, gelitten. Auch die vorübergehenden Kaufrausch-Attacken, das von Springer-Medien verkündete ‘Krise wegshoppen’, werden ihn nicht nachhaltig beleben. Schaut man sich global um, läuft es eigentlich nirgendwo mehr richtig rund. Selbst das chinesische Wachstum schwächelt. Es gab Zeiten, da war es doppelt so hoch. Die US-Konjunktur kommt auch nicht so recht in Fahrt. Das letzte leichte Absinken der Arbeitslosenquote war einmal mehr dem Zuwachs an Billigjobs zu verdanken.
 
Offensichtlich macht die Weltkonjunktur eine längere Abschwungphase durch, ähnlich wie in den 20ern und 30ern des letzten Jahrhunderts. Insofern ist ein Vergleich der jetzigen Krise mit der Großen Depression der frühen 30er durchaus angebracht. Erst recht bei Betrachtung der Arbeitslosenzahlen in Spanien, Portugal, Italien und Griechenland. Damals folgte der Großen Depression noch eine Nachkrise: 1937/38. Diese wirkte sich in den USA schlimmer aus als der Einbruch von 1929. In Deutschland machte sich diese Nachkrise weniger bemerkbar. Man befand sich bereits in der Aufrüstungsphase zum Krieg.
 
Den zweiten historischen Vergleich bieten die 70er an. 1973 kam es zur ersten Ölkrise. Danach ging die Weltkonjunktur auf eine etwa 10 Jahre anhaltende Talfahrt. Ganz ähnlich wie in den 30ern folgte auch diesem Einbruch runde 5 Jahre später eine Nachkrise: Die zweite Ölkrise in den Jahren 1979-82. Erst danach verbuchte das Weltwirtschaftswachstum wieder höhere Raten.
 
Alle paar Jahrzehnte driftet die Weltwirtschaft nach voran gegangenen Aufschwüngen mit hohen Wachstumsraten ab in längere Abschwungphasen. Die Ursache liegt im Lahmen ihrer Zugpferde. Gemäß der Theorie der langen Konjunkturzyklen des russischen Ökonomen Kondratieff (1892-1938) handelt es sich bei solchen Zugpferden um "Basisinnovationen": Neue Technologien, welche die Industrie, Arbeits- und Lebenswelt nachhaltig umkrempeln. Eine solche die Weltwirtschaft antreibende Basisinnovation war z.B. Anfang des 19. Jahrhunderts die Dampfmaschine. Später folgte die Eisenbahn. Nach dem zweiten Weltkrieg waren es das Automobil und die Petrochemie. Beide hatten Mitte der 70er ihren Zenit überschritten.
 
Die bahnbrechende Innovation der letzten Jahrzehnte war und ist seit den 80ern die Computertechnik. Anfang der 80er rollte hierzulande die PC-Welle an. Gefolgt von Internet-boom und Handy-Manie. Kurz nach der Jahrtausendwende brach der Neue Markt mit seinen vielen kleinen Internetfirmen zusammen. Der erste große Dämpfer. Und ein deutliches Signal: Das Zugpferd begann zu lahmen. Die Computer- und Halbleiter-Industrie fuhr zwar noch ordentliche Umsätze und Gewinne ein. Jedoch verzeichnete man nicht mehr die Zuwachsraten wie in den Jahrzehnten zuvor. Grund: In den westlichen Staaten waren die meisten Büros und Haushalte inzwischen mit PC und Internetanschluss ausgestattet. Es gab weniger Neuanschaffungen. Man tauschte nur noch alte gegen neue Geräte. Ähnlich war es der Automobilwirtschaft in den 70er Jahren, in den USA sogar schon Ende der 50er Jahre ergangen.
 
Gut nachvollziehen lässt sich diese Entwicklung am Verlauf des Börsenkurses der Microsoft-Aktie. Während ihr Wert in den 80ern und 90ern noch nach oben geschnellt war, erlebte sie in der Dot-Com-Krise vor zehn Jahren einen rasanten Absturz. Von diesem hat sie sich bis heute nicht mehr richtig erholt. Lahmt das Pferd, kommt der Karren nicht mehr recht in Schwung und bleibt leichter stecken. Auch deshalb kam es einige Jahre später zur Immobilien- und Finanzkrise.
 
Man beachte die Zeitabstände: Die Dot-Com-Krise begann in den USA im letzten Quartal des Boomjahres 2000. Genau sechs Jahre später legte die Immobilienkrise los. Inzwischen sind wir wieder sechs Jahre weiter und in Europa tobt die Schuldenkrise. In einer Branche verschlechtern sich zunehmend die Ergebnisse und Aussichten: Es ist die Halbleiter- und High-Tech-Industrie. Ob Hewlett Packard, Infineon oder Microsoft. Die Gewinne sprudeln nicht mehr so.
 
Das Zugpferd ringt um Puste. Die Aussichten für die Weltkonjunktur trüben sich ein. Damals Ende der 30er begannen sie, sich den Weg aus der Sackgasse frei zu schießen und zu bomben. Nur so wurde das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit möglich. Über 60 Millionen Tote betrug der Blutzoll. Konservative und Wirtschaftsliberale verdrängen das gern, wenn sie die "Aufbruchsstimmung" jener Zeit in höchsten Tönen loben.
 
Den beiden Ölkrisen Mitte der 70er und Ausgang der 80er folgte kein großer heißer Konflikt, dafür die Endphase des Kalten Krieges. Es gab ein Wettrüsten und über 80 Stellvertreterkriege weltweit. In der Folge brach der Ostblock zusammen, die Nachkriegs-Ordnung fand ihren Abschluss. Ökonomen wie der Amerikaner Francis Fukuyama verkündeten den Endsieg des Kapitalismus. Zwei Jahrzehnte danach ist die Siegeseuphorie einer gewissen Ernüchterung gewichen. Zu sehr haben die Finanzkrise und ihre Folgen bereits ins Kontor geschlagen. Der Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung und die Folgen der Abschwünge der letzten Jahrzehnte legen die Schlussfolgerung nahe: Die Tage der bestehenden neoliberalen bzw. turbokapitalistischen Weltordnung sind gezählt. Zu viel mehr als ein paar Jährchen wird es nicht mehr reichen.
 
Und was folgt dann? Der verantwortungs-bewusste Kapitalismus, den uns der frühere Pastor und jetzige Bundespräsident Gauck predigt? Hat die Geschichte diesen nicht längst als frommen Wunsch enttarnt? Die bestehende Wirtschaftsordnung gräbt sich selbst das Wasser ab. Sie ist weder sozial noch ökologisch verträglich. Und ohne das Mittel des Krieges unfähig, ihre Existenz und Vorherrschaft zu behaupten. Krieg: Die höchste und verheerendste Form gesellschaftlicher Dynamik und Konkurrenz. Alte Strukturen abreißen, um Platz zu schaffen für neues Wachstum. So allmählich sollte die Menschheit schlau werden und einen anderen Weg finden, einen Ausweg aus der Wachstums-Umverteilungs- und Gewaltspirale. Geht es nach systemkonformen Ökonomen, darf diese sich mithilfe neuer Zugpferde bis in alle Ewigkeit weiter drehen. Doch welche Innovationen kommen dafür in Frage? Einige setzen auf Biotechnologie, andere auf Altenpflege. US-Ökonom Jeremy Rifkin favorisiert die regenerativen Energien. Eine davon oder alle zusammen sollen sie für hohe Wachstumsraten und Vollbeschäftigung sorgen. Rückblickend auf zwei Weltkriege und hunderte von bewaffneten Konflikten bis zum heutigen Tage hat man seine Zweifel, dass dies ohne militärischen Feuerschutz gelingen kann.
 
Wir stehen vor dem Scheideweg: Entweder klammern wir uns an das bestehende sozial ungerechte und ökologisch schädliche System. Und nehmen dafür weitere Kriegszerstörung und Umweltkatastrophen infolge des Klimawandels in Kauf. Oder wir bauen das bestehende Konstrukt ökologisch und umweltverträglich um. Links oder Rechts, wohin soll es gehen. Einen gesunden Mittelweg gibt es nicht. (PK)   
 
Diesen Beitrag hat uns Harald Schauff aus der aktuellen Kölner Obdachlosen-Zeitung "Querkopf“ zur Verfügung gestellt, einer Selbsthilfe-Mitmachzeitung von kritischen Menschen, denen die gezielte Meinungsmache der allgemeinen Presse gegen den Strich geht. "Querkopf“ wird überwiegend von Obdachlosen für 1.50 Euro auf der Straße verkauft. Die Verkäufer können davon 0.75 Euro behalten. 
 
Mehr zum Thema finden Sie auch in dem aktuellen Beitrag "Die neue Weltordnung" von Mario Cortes.                                  


Online-Flyer Nr. 388  vom 09.01.2013

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