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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Literatur
Auszug aus dem Roman "Hellers allmähliche Heimkehr" – Teil III
"Das gehört nicht in die Zeitung!"
Von Wolfgang Bittner

Im Kontext der aktuellen Diskussionen über um fremdenfeindliche Gewaltexzesse erzählt der Jurist und Autor Wolfgang Bittner in seinem fiktionalen Roman "Hellers allmähliche Rückkehr" die Geschichte des heimkehrenden Journalisten Martin Heller, der in den Ort seiner Jugend zurückkehrt, um dort als Chefredakteur der ansässigen Lokalzeitung einen Neuanfang zu wagen. Kaum angekommen, stößt er auf eine Verflechtung von privaten und öffentlichen Interessen, die unter dem Deckmantel gutbürgerlicher Situierung eine Form von Korruption verbirgt, deren Wurzeln tief in rechtsradikale Ideologien hineinreichen. Hier Teil III unserer Serie aus dem Roman. – Die Redaktion
 
Gartenparty beim Verleger Heribert Worps. Agnes hatte sich zuerst gesträubt, war dann aber doch mitgekommen, „studienhalber“, wie sie sagte. Sie trug ein pastellgrünes Kostüm, in dem sie jung und sehr anmutig wirkte. Heller fühlte sich wohl in ihrer Begleitung, er war sogar ein bisschen stolz auf sie.
 
Die Worpssche Villa, ein italienisch anmutender zweistöckiger Bau mit grünen Fensterläden, dessen Fassade von Weinlaub überwuchert war, lag in der Nachbarschaft des Anwesens der Fabrikantenfamilie Kleiber. In dem parkartigen Garten war für den Fall, dass es regnen würde, ein Zelt aufgebaut, doch das Wetter zeigte sich von der guten Seite. Drei Kellner gingen herum und boten Getränke und Häppchen an, im Hintergrund war ein Büfett aufgebaut. Heribert Worps kam ihnen entgegen und begrüßte Heller mit den Worten: „Schön, dass Sie gekommen sind. Und in so netter Begleitung.“
 
Er begleitete Heller und Agnes zu der Gesellschaft von etwa fünfzig Personen, die sich auf dem Rasen vor dem Zelt aufhielt, zum Teil an kleinen Stehtischen. Hier stellte er sie seiner Frau vor, die sicherlich fünfzehn, wenn nicht zwanzig Jahre jünger war als er. Wie Heller wusste, war sie Worps‘ Sekretärin gewesen, und er hatte sie geheiratet, nachdem seine erste Frau gestorben war. Sie stand mit dem Fabrikanten Kleiber und dessen Frau zusammen sowie mit zwei Ehepaaren mittleren Alters; die Herren wurden als Direktor des Gymnasiums und Chefarzt des Kreiskrankenhauses vorgestellt. Man tauschte einige Höflichkeiten aus.
Heller bemerkte am Nebentisch den Bürgermeister und den Landrat; sie nickten ihm freundlich zu. Dann entdeckte er René und Valerie Thalheim, die zusammen mit Pastor Engelke einige Tische entfernt standen. „Wir sehen uns“, sagte Worps. „Ich hätte noch etwas mit Ihnen zu besprechen.“ Er wandte sich Neuankömmlingen zu: dem Bauunternehmer Berkemeier nebst Gattin und einem weiteren Paar. „Das ist Herr Oberstudienrat Ritter mit seiner Frau“, flüsterte Agnes. „Du weißt, wir sprachen neulich in der Versammlung von ihm.“ Ritter war ein hagerer, hochgewachsener Mann um die Fünfzig, mit dem Worps, ebenso wie mit Berkemeier, sehr vertraut umging.
 
„Eine illustre Gesellschaft“, murmelte Heller. Er umarmte Valerie und drückte René die Hand. „Wir haben uns gerade über die Initiative der Friedensgruppe unterhalten“, sagte Valerie. „Die Idee, an den Innenminister zu schreiben, finde ich hervorragend.“
René pflichtete ihr bei: „Hoffentlich nimmt man die Beschwerde ernst.
„Wir haben unserem Brief auch die Berichte von Herrn Heller beigefügt“, sagte Pastor Engelke. „Das schien uns hilfreich zu sein. Die Sachlage ist im Übrigen eindeutig. Am besten wäre es wohl, wenn dieser Herr“ – er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Polizeirats Hertenstein – „aus dem Verkehr gezogen würde. Dass er mit den Neonazis unter einer Decke steckt, ist – gelinde gesagt – ein Skandal. Aber es kommt darauf an, wer im Innenministerium die Beschwerde bearbeitet.
 
Um den Bauunternehmer Berkemeier hatten sich mehrere der Gäste versammelt, die ihn hofierten: ein Zeichen dafür, dass Geld attraktiv macht.
 
„Ich wusste schon länger, dass er ein Nationalist ist“, sagte Valerie. „Unverständlich, warum Heribert Worps ihn ständig in Schutz nimmt.“
 
„Worps tendiert selber in diese Richtung und damit ist er beileibe nicht der Einzige“, meinte René. „Einige unserer Politiker fördern mit ihrer Überbetonung des Deutschen diese Tendenz und zugleich mal wieder die Antipathie unserer Nachbarn, die ich verstehen kann. Das ist diese Überheblichkeit, diese Großmannssucht, die uns noch nie gut bekommen ist.“
 
„Vielleicht nehmen sich unsere Politiker nur ein Beispiel an den Amerikanern“, warf Pastor Engelke ein. „Etwas Überheblicheres als die US-Regierung mit ihrer militanten und egoistischen Außenpolitik gibt es ja wohl nicht.“
 
„Seien Sie vorsichtig mit solchen Äußerungen“, empfahl Agnes. „Das könnte Ihnen als Antiamerikanismus ausgelegt werden.“
 
„Ein Totschlagsargument“, hielt ihr der Pastor entgegen. „Wahrscheinlich hat das auch die Central Intelligence Agency oder einer der verbrecherischen ‚Thinktanks‘ ausgebrütet, die bekanntlich gern derartige Kampagnen reiten. Wer des Antiamerikanismus bezichtigt wird, hat von vornherein verloren, er gilt als unseriös, unglaubwürdig, womöglich ist er ein Verschwörungstheoretiker – übrigens auch so ein Kampfbegriff, der seit einiger Zeit als ideologische Waffe selbst da benutzt wurde, wo sich im Nachhinein eine Verschwörung beweisen ließ. Ich denke zum Beispiel an die Lügen, die zum Angriff auf den Irak geführt haben. Wer das damals durchschaute, galt als Verschwörungstheoretiker. Oder nehmen wir die Mordanschläge der CIA auf Fidel Castro. Übrigens ist kaum bekannt, dass es auf Veranlassung des Pentagon Anfang der neunzehnhundertsechziger Jahre mal eine ‚Operation Northwoods‘ gab, einen amerikanischen Geheimplan mit inszenierten Terroranschlägen gegen den zivilen Luft- und Schiffsverkehr in den USA. Dafür sollte dann Fidel Castro verantwortlich gemacht, und damit ein Vorwand geschaffen werden, Kuba nach der misslungenen Schweinebucht-Invasion erneut zu überfallen. Der Plan wurde nur deshalb nicht umgesetzt, weil Kennedy seine Zustimmung verweigerte. Er ließ allerdings 1961 eine ‚Operation Mongoose‘ ausarbeiten, wonach die kubanische Regierung durch Propaganda, Sabotage und Attentate gestürzt werden sollte. Damit beschäftigten sich vierhundert Spezialisten, denen ein Jahresetat von fünfhundert Millionen Dollar zur Verfügung stand.“ Er griff sich ein Glas Wein vom Tablett eines Kellners, nahm einen Schluck und rief: „Ist es nicht erstaunlich perfide, was solchen Geheimdiensten einfällt? Das kam erst nach über dreißig Jahren durch den ‚Freedom of Information Act‘ ans Licht.“
 
„Damit stehen die Amerikaner aber nicht allein“, gab René zu bedenken.
 
Doch Pastor Engelke ließ sich nicht beirren. „Sie sind die Speerspitze, sozusagen. Dahinter steht das ‚Unternehmen‘ Globalisierung und die Idee vom freien Markt, der die Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern zu Bettlern macht. Das ist die Politik, der sich unsere Politiker der schönen neuen freien Welt verpflichtet fühlen – scheinheiliger geht es nicht. Die so verstandene Globalisierung braucht willfährige und korrupte Geschäftspartner in anderen Staaten, am besten geeignet sind Diktatoren.“ Er hob erneut die Stimme: „Natürlich bedarf es dazu zivilisatorischer Begleitung. Während das US-Militär den Weg für die Profitmaximierung freihält, sorgt Hollywood dafür, dass der American way of live in alle Welt verbreitet wird.“ Er trank einen Schluck von dem Kaffee, den Agnes ihm brachte.
 
„Und wie lange wird das gutgehen?“, fragte Valerie, offensichtlich beunruhigt.
 
„Wahrscheinlich nicht mehr lange“, prophezeite Engelke.
 
Doch René winkte ab: „Die USA sind ein Imperium, nach wie vor die Supermacht Nummer eins.“
 
Der Pastor hob die Hände, als wolle er den Himmel als Zeugen anrufen. „Das wird mit Sicherheit nicht immer so bleiben. Gehen wir einmal zurück zur ersten Jahrtausendwende: Um Tausend nach Christi Geburt waren Großreiche wie Ägypten, Sumer, Assyrien, Babylonien, Persien oder Rom bereits lange untergegangen, und während Mitteleuropa noch von Urwald bedeckt war, gab es Zivilisationen in Mittelamerika bei den Mayas, in Afrika und den arabischen Ländern und schon seit mehr als zwei Jahrtausenden in China. Insbesondere die chinesische Zivilisation war so hochentwickelt, dass wir Heutigen nur staunen können, wenn wir uns eingehender damit befassen.“ Erneut wurde er laut: „Und ich frage Sie: Was ist mit diesen Zivilisationen geschehen?“ Er blickte in die Runde, zuckte mit den Schultern und setzte hinzu: „Ruinen!“
 
„China ist wieder im Kommen“, wandte Valerie ein.
 
„Und die USA haben zweifellos den Zenit überschritten“, behauptete der Pastor. „Eine Hoffnung möchte ich Ihnen allerdings lassen: Unsere Geschichte wird so sein, wie wir sie gestalten.“
 
Worps kam auf Heller zu und nahm ihn beiseite. „Was ich Ihnen sagen wollte“, begann er, „ich lese selbstverständlich meine Zeitung und freue mich über Ihr Engagement. Aber Sie haben in der kurzen Zeit, in der Sie hier sind, schon ziemlich viel Staub aufgewirbelt. Ich denke, Sie sollten sich künftig etwas mehr zurückhalten, vor allem gegenüber unserer Polizei. Jedenfalls sollten wir eine Konfrontation vermeiden. Hertenstein weiß jetzt Bescheid, dass er sich nicht alles erlauben kann, ich finde, das reicht. Und was diese Neonazis betrifft: Das sind doch überwiegend junge aufmüpfige Bengel, die man nicht ernst zu nehmen braucht. Je mehr wir darüber schreiben, desto mehr werten wir sie auf. Ich meine auch die Leserbriefe dazu und den Bericht über Ihr demoliertes Auto – das ist mir alles viel zu persönlich, das gehört nicht in die Zeitung. Wir müssen schließlich unser Zielpublikum bedienen, und das ist überwiegend bodenständig, ich meine im guten Sinne konservativ. Eine Anzahl Leser hat bereits seine Abonnements gekündigt, einige haben mir sogar persönlich geschrieben und sich beschwert.“
 
„Wir haben mehr Abonnenten hinzugewonnen, als wir verloren haben“, verteidigte sich Heller. Er musste an sich halten, um Worps nicht an seine Zusage, sich nicht in die redaktionelle Arbeit einzumischen, und auf die Bedeutung der freien Presse hinzuweisen. Er fühlte sich bevormundet, misshandelt, er spürte wie der Ärger in ihm aufstieg, schwieg jedoch. Es bringt nichts, ihn jetzt zu brüskieren, dachte er. (PK)
 

Wolfgang Bittner
Foto: privat
Teil III aus "Hellers allmähliche Heimkehr" von Wolfgang Bittner, 2012 im VAT Verlag André Thiele, Mainz, 244 Seiten, gebunden, 19.90 EUR, ISBN 978-3-940884-93-0
Teil, III und IV erscheinen in den nächsten NRhZ-Ausgaben
Wolfgang Bittners Biografie finden Sie unter Teil I dieser Serie: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18381
 
Lesung von Wolfgang Bittner aus "Hellers allmähliche Heimkehr",
Mi 21.11.2012 / 20.00 – 22.15 Uhr, Friedensbildungswerk Köln / 3 Ustd / Preis: 5 Euro / Kurs 66-B2, Obenmarspforten 7- 11, 50667 Köln, Tel.: 0221 – 952 19 45, Fax: 0221 – 952 19 46, Email: FBKKoeln@t-online.de
 


Online-Flyer Nr. 381  vom 21.11.2012

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