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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Die Hamburger Kabarettistin Lisa Politt mit Solo-Programm auf Reisen
„Wie geht’s uns denn…?“
Von Peter Kleinert

"Es ist unfassbar, dass noch nicht alle klugen, denkenden, freundlichen Menschen die beste Kabarettistin in diesem Land kennen: Lisa Politt. Volker Pispers sagt über sie: "Lisa Politt ist die einzige Frau in Deutschland, die aggressives politisches Kabarett macht". Oft hab ich den Eindruck, sie ist auch der einzige Mann... Lisa Politt und ihr Partner Gunter Schmitt betreiben in Hamburg das wunderschöne Kabarettheater "Polittbüro", nicht weit vom Hauptbahnhof in St. Georg. Das sei Hamburg-Reisenden herzlich empfohlen. Es ist aber ein großes Glück, dass Lisa Politt auch immer wieder auf Tour geht. Wer nicht hingeht, ist selbst schuld." So die Frankfurter Autorin Jutta Ditfurth, die uns auf Lisa Politt aufmerksam machte, zu deren aktuellem Programm wir hier einen Artikel bringen.  
 

Lisa Politt
Quelle: wikipedia, Foto: Christine Schröder
Zu Lisas neuem Programm:
 
Da werden wir gebeutelt von Schuldenkrise, Griechenland und schlechtem Wetter, und was liest der Deutsche: Bücher über Kohl. Warum? - Er will sich Tipps holen vom Siegertypen. Das Buch von Sohn Walter, das über (Ex-) Ehefrau Hannelore: Beide verdrängen sich gegenseitig von den ersten Plätzen der Bestsellerlisten, und beide handeln im Grunde nur von ihm. Helmut. Dem Dicken. Der Birne. Sowohl das meckernde Söhnchen als auch die (Ex-) Gattin der Finsternis verweist die Lichtgestalt auch in Abwesenheit locker auf die Plätze. Toll! Klar ist: Wer so lange (…und breite) Schatten wirft, der steht in der Sonne. Und auch wenn die Familie des Einheitskanzlers sich jetzt entzweit: Er, der schon immer sowohl seine Partei als auch seine Familie in „Kohlianer“ und „Nicht- Kohlianer“ zu unterscheiden wusste, steht nach allem als Gewinner da. Respekt. Wie schafft er das, und geben die Bücher auch anderen Versagern Tipps, die man abgreifen kann? Was ist sein Erfolgs- Geheimnis?


Walter Kohl – 2011 auf der Leipziger Buchmesse
Quelle: wikipedia
 
Muss man sich nur rechtzeitig vom Acker machen, bevor sich die „Visionen“ wie „Die Blühende Einheit“, „Der Euro“ oder „Griechenland“ als heiße Luft entpuppen, damit man selbst als Macher und die Nachfolger als Versager dastehen?
 
Braucht es in jedem Fall eine Ehefrau wie Hannelore, die es schafft, aus einem Rüstungsnazi-Vati und einer reichen und behüteten Kindheit eine herzerweichende Flüchtlingslegende zu stricken, die also PR-mäßig schon mal Gold ist, den Gatten entsprechend stützt, ihm die Kinder und den Haushalt vom auch noch gut genährten Leib hält und sich, wenn’s gar nicht mehr anders geht, die einzig haltgebende Perücke so tief in’s Gesicht zu ziehen, dass sie diesen Zustand mit dem „dunkelsten Kapitel unserer Geschichte“ verwechselt?
 
Und brauchen Frauen vielleicht alle ihren eisenhart an der Einsamkeit gestählten Humor, um in der heutigen Zeit als Erfolgsmodell durch’s Leben zu gehen? Gefragt, wie sie die lange Zeit des Wartens auf den Gatten ertrage, hat Hannelore Kohl einmal einem Journalisten geantwortet: „Wir haben einen Hund. Wann immer mein Mann nach Hause kommt - der Hund freut sich. Ich habe in dieser Beziehung sehr viel von unserem Hund gelernt.“ Das ist doch was. Aber zurück zum Original, zur Hauptperson:

Hannelore Kohl
Quelle: wikipedia/Bundesarchiv
 
Wie schafft er es, dass man allein bei seinem voluminösen Anblick den Eindruck gewinnt, den Hunger in der Welt kann man vielleicht wirklich nur mit Waffengewalt bekämpfen? – Und welchen Ernstfall genau hat die passionierte Sportschützin Hannelore eigentlich am Schiessstand trainiert?
 
Wie geht das, trotz Spendenaffäre als verlässlich zu gelten, nur weil man die Namen der Mittäter nicht verrät? – Ist es gerade das, was können wir für einen eigenen erfolgreich kriminellen Alltag daraus lernen, und wie gelingt es einem als Vater, dass aus einer ehemals erfrischend renitenten Brut wie Walter, der sich als 12jähriger die bemerkenswerte Fähigkeit aneignet, im Fond des Sicherheitsfahrzeugs, das ihn zur Schule bringt, eine Heckler & Koch auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen, ohne dass die beiden vorn im Wagen sitzenden Beamten das bemerken, wie schafft man es also, dass daraus letztlich ein Sohn wird, der die Lebensleistung des einst verhassten Alten würdigt und ihm unbedingt verzeihen will? Das müssen Sie wissen. Denn das braucht jeder in Krisenzeiten: Eine gut funktionierende Familie.

Helmut Kohl und Co. feiern die Wiedervereinigung
NRhZ-Archiv
 
Wie schafft man es, die „geistig-moralische Wende“ einzuläuten und trotzdem zum Schluss eine nigelnagelneue Pflegerin mit (echtem!) Doktortitel zu ehelichen, die auch noch so sparsam ist, dass sie die Klamotten ihrer Vorgängerin aufträgt? Die einem mit ihrem Verhalten auch noch die miesepetrigen Söhne vom Hals schafft - oder ist das Ganze nur ein Missverständnis und sie in Wirklichkeit nur dem Mythos der kraftspendenden Perücke ihrer Vorgängerin auf der Spur?
 
Helfen solche Perücken auch anderen Frauen auf dem Weg in ihre zukünftige Rolle, oder sind das Hirngespinste vergangener Zeiten, und es reicht völlig aus zu verstehen, was Heidi Klum uns sagt? „Die Mädchen können heute alle Facetten ihrer Persönlichkeit zeigen. Sie können posen im Liegen, im Stehen, auf dem Bauch oder auf dem Rücken.“ Danke. Von „Auf den Knien“ ist schließlich nicht die Rede.
 
Üben Sie mit Lisa Politt die hohe Kunst des Aussitzens und Perücke-Aufsetzens: Lernen Sie siegen. Hören Sie dabei tief in sich hinein und lassen Sie sich fragen: Wie geht’s uns denn? – Garantiert gut, nach diesem Programm. Wäre doch gelacht.
 
Auszeichnungen
 
DEUTSCHER KLEINKUNSTPREIS 1991 an das Duo „Herrchens Frauchen“ (Lisa Politt und Gunter Schmidt)
 

Quelle: Morgenpost
DEUTSCHER KABARETTPREIS 2003 an Lisa Politt (Hauptpreis; zum ersten und bisher einzigen Mal an eine Frau verliehen)
Begründung der Jury: „Lisa Politt tritt auch in ihren Solo-Programmen souverän den Beweis an, dass zeitkritisches politisches Kabarett keine Männerdomäne ist. Mit sprachlicher Schärfe und intellektuellem Witz vertritt sie streitbar, undogmatisch und selbstironisch unbequeme Standpunkte und ist gleichzeitig eine brillante und stimmgewaltige Entertainerin.“
 
DEUTSCHER KLEINKUNSTPREIS 2005, Sparte Kabarett an Lisa Politt (ebenfalls das erste und bisher einzige Mal an eine Frau verliehen)
Begründung der Jury: „Damit zeichnet die Jury eine Überzeugungstäterin aus, die als Solistin ebenso wie im Duo Herrchens Frauchen zusammen mit Gunter Schmidt kabarettistische Konsequenzen zieht. Ihre energievolle Präsentation gipfelt in den Songs, die sie mit einer Super-Rockröhre singt. Lisa Politt: Eine radikale Denkerin, die gnadenlos analysiert und exakt formuliert.“


Lisa Politt in ihrem neuen Solo „Wie geht’s uns denn?“
Foto: Gundi Hauptmüller

Vergiftete Köder

Arriviert und frisch frisiert – alles glatt, nicht eine widerspenstige Locke stiehlt sich hervor. Die Dame da vorne auf der Bühne wahrt Contenance in allen Lebenslagen, will heißen: in allen Positionen auf ihrem Deckchair. Eifert sie, wenn auch mit schwarzer Mireille-Mathieu-Perücke statt mit blondem Beton, ihrem Vorbild Hannelore Kohl nach? Ja, die hatte zu leiden. Und was hat die nicht alles ausgehalten. Sogar ‘ne gebrochene Hand beim Shaking Hands mit Staatsoberhäuptern. Na, und ihr Sohn Walter. Wie der erst unter dem aussitzenden Vater zu leiden hatte. Schreibt er ja selber. Als Rache konnte er von Sicherheitsleuten unbemerkt – quasi unter deren Augen – ein „Heckler & Koch“-Maschinengewehr auseinander nehmen und wieder zusammensetzen. „Da hätt‘ aber auch was schief gehen können.“
Lisa Politt in Gewand und Diktion einer Society-Lady hat alle Sprüche drauf, die einer Wenn-mein-Mann-kein-Geld-hinlegt-erpress-ich-ihn-Gattin ganz natürlich über die Lippen kommen. Bewunderung für Tigermütter etwa, Sottisen über die Griechen und ihre Finanzen, Gemüsehändler mit Migrationshintergrund, erfolgreiche Ex-Kommunisten etc. Manches lässt sie visuell für sich stehen: Im Hintergrund laufen immer mal wieder unkommentiert Diaprojektionen oder – teilweise groteske – Filmschnipsel.
Mit weit ausholendem Schwung mäht sie quer durch Politik und Gesellschaft. Und landet eben immer wieder bei Familie Kohl – und den Büchern zum Thema. „Irgendjemand muss die doch gelesen haben, schließlich stehen sie auf der Bestsellerliste ständig ganz oben.“ Gern zitiert sie daraus und verführt niemanden zu voreiligen Lachern. Lisa Politt legt vergiftete Köder aus: Indem sie sich über weite Strecken jeden Kommentar verkneift, nicht mal eine Augenbraue hochzieht, lässt sie die Zuschauer mit ihrem Urteilsvermögen allein. Nichts vorrubriziert. Kein: Hier bitte lachen! Die Zitate aus den Büchern, die Verquickung der Assoziationen sollen für sich wirken. Und jeder kann sich nebenbei überprüfen, ob der den Vorurteilen und haltlosen Beschuldigen über Depravierte und Prekäre auf den Leim gekrochen ist.
Lisa Politt, die sonst gern mal mit oralem Maschinengewehr Zuschauer niedermäht, die ohnehin ihrer Meinung sind, setzt in ihrem neuen Solo „Wie geht’s uns denn?“ auf ruhigere Töne. Denen man aber sehr genau nachspüren muss, um alles mitzubekommen. Auch von ihrem Masseur, der sich wortlos ihrer Füße annimmt, lässt sie sich nicht unterbrechen in ihrer Demaskierung eines breiten gesellschaftlichen Konsenses durch bloßes Zitat. Nur gelegentlich gehen die Pferde mit ihr durch. Dann tritt sie gleichsam neben sich, zum Beispiel, wenn sie einen boshaften Sprechgesang über die Boygroup der Männerführungsriege der SPD anstimmt. Doch, wie gesagt, Walter und Hannelore stehen im Brennpunkt ihres Interesses. Hier seziert sie nach Herzenslust. Und schließlich streift sie sich Hannelores Wunderperücke über, um ihr noch näher zu kommen. Um schließlich barhäuptig mit ein paar Hieben die Mär von der gebrochenen, lichtallergischen, professionellen Kanzlergattin zu zerschlagen. Nicht zuletzt mit Blick auf die Geschichte ihrer Familie, die aus arisiertem Vermögen Profit geschlagen habe. „Lichtscheu wäre wohl die bessere Bezeichnung gewesen.“ – Ein großer Abend mit Lisa Politt.
Aus "GODOT – Das Hamburger Theatermagazin", Text: Oliver Törner

Aktuelle Tour mit „Wie geht’s uns denn?“
 
Fr., 16.11. 2012: Café Grenzbereiche Platenlaase www.platenlaase.de
Sa., 17.11.: Burgtheater Nürnberg www.burgtheater.de
So., 18.11.: Löwen Tübingen www.zimmertheater-tuebingen.de
Mo., 19.11.: Bar jeder Vernunft Berlin www.bar-jeder-vernunft.de
Mi., 21. und Do., 22.11.: Polittbüro Hamburg www.polittbuero.de
Fr., 23.11.: Capitol Bremerhaven www.arbeitnehmerkammer.de
Sa., 24.11.: Kreisbibliothek Eutin http://www.eutin-kb.de
So., 25.11.: Weserterassen Bremen www.weserterrassen.com
Mi., 28.11.: Comedia Colonia Köln www.comedia-koeln.de
Do., 29.11.: Schauspiel Hannover / Cumberlandsche Bühne                          www.schauspielhannover.de
Fr., 30.11. 2012: Lutterbeker, Lutterbek bei Kiel www.lutterbeker.de
Mo., 3.12. 2012: Pantheon Bonn: Kabarettfest WDR (Special) www.wdr.de
WDR Fernsehen "Unterhaltung" www.comedy.wdr.de
Und ab Dienstag, 18.12. 2012: Polittbüro Hamburg, Weihnachtsprogramm (nicht am 24.12.)
(PK)
 


Online-Flyer Nr. 380  vom 14.11.2012

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Von Kostas Koufogiorgos
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