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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Literatur
Ein politischer Liebesroman von Renate Schoof
Politik, Kunst und Erotik
Von Marc Weidemann

Über die Revolte von 1968 wurde viel geurteilt, positiv wie negativ. Nun hat Renate Schoof einen Roman geschrieben, in dem es zwar unter anderem um die Ideen von 1968 geht, vor allem aber um das, was davon geblieben ist. Einige Künstlerinnen und Künstler, die sich seit langem kennen, treffen sich zu einem Land-Art-Symposion, einem Revival, an der Küste. Damals hatten sie sich von Zwängen befreit, waren in eine neue, veränderbare Welt aufgebrochen, um Politik und Gesellschaft menschlicher zu gestalten. Jetzt zeigt sich, was von ihren Träumen, Ansichten und Einsichten trägt. Das ist spannend und zugleich informativ, zumal die Autorin mit erfrischender Offenheit auch aktuelle Fragen aus Politik und Kunstbetrieb anspricht.
 

Renate Schoof – lässt die Frauen zu Wort kommen
Foto: privat
Ort der Handlung ist eine alte Villa am Meer, in deren Umgebung dann die verschiedenen Kunstaktionen stattfinden, und wo sich nach und nach ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht entwickelt. Die Personen beginnen zu leben, sie berichten von ihrer Vergangenheit, sie diskutieren, streiten, verlieben sich, gestalten ihre Kunstwerke. Dabei durchzieht die Romanhandlung in den unterschiedlichsten Formen die Sehnsucht der Handelnden, erkannt und anerkannt zu werden, der Wunsch auch nach einem sinnvollen Leben in einer sozialen und humanen Gesellschaft, in der ihre Utopien wenigstens ansatzweise verwirklicht werden können.
 
Eingeladen hat der ein wenig eigenbrötlerische und in Maßen erfolgreiche Bildhauer Ricardo Maag, zunächst hauptsächlich in der Absicht, seine Kollegin Ruth wiederzusehen, in die er sich vor Jahren verliebt hatte. Ruth, eine emanzipierte, sensible Frau, eher in sich gekehrt und alterslos, geht allerdings ihrer eigenen Wege. Überwiegend wird aus ihrer Sicht erzählt, wobei sich die Diskussion der Künstlerinnen am patriarchal geprägten Geschlechterverhältnis entzündet und deutlich wird, dass viele Ziele noch lange nicht erreicht sind. Das Romangeschehen spiegelt zudem, wie schwer es ist, schon eroberte Freiräume in Anspruch zu nehmen. In einfühlsamer, authentischer Sprache lässt Renate Schoof die Frauen zu Wort kommen und sich über gute und schwierige Erfahrungen mit der „sexuellen Befreiung“ austauschen.
 
Lizzy sagt, und das ist bezeichnend: „Und mein emotionaler Trugschluss ist, dass Sexualität automatisch Nähe bedeutet, näher geht’s ja eigentlich kaum noch … Inzwischen ist mir bewusst geworden, dass vor allem meine Seele scharf ist. Ich weiß nicht, wie es dir geht. Wo bist du krank vor Sehnsucht? Im Schoß? Mir jedenfalls brennt’s das Herz weg. Als wäre meine Speiseröhre verätzt. Da brennt das Höllenfeuer, in meiner Brust. Und da verbrennt’s mich, wenn der, den ich begehre, mich nicht umarmt.“
 
Der Blick aufs Meer – entgrenzt vom weiten Horizont – ermutigt zu Aufbruch und Neubeginn. Es entstehen Skulpturen, Installationen, Fotos und Happenings, nach und nach wird Ruth zur Mitwisserin von Geheimnissen, von privaten und politischen Abgründen. Zum Sinnbild für innere und äußere Zwänge wird ein an langer Leine ans Ufer gebundenes Floß, das mit dem ablaufenden Wasser scheinbar frei aufs Meer hinaustreibt. Auch Ruth verlässt festen Boden, als sie sich überraschend in den Journalisten Jan Sengefelder verliebt, der für ein Magazin über das Symposion berichtet.
 
In den Frühstücks- und Abendgesprächen geht es dann um die uralten Fragen zu Kunst und Natur, zu Politik und Erotik. Immer wieder dringen ungewohnte Deutungen bekannter Kunstwerke und Mythen ins Bewusstsein. Es werden aber auch die Solidaritätsgefühle während der Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die Militärdiktatur in Chile und in der Friedensbewegung wieder spürbar. „Wir Achtundsechziger strebten doch etwas ganz Normales an“, sagt der Bildhauer Ricardo auf einem nächtlichen Strandspaziergang mit Ruth. „Eine Welt ohne Ungerechtigkeit und Krieg, ohne Doppelmoral und die ganze Verlogenheit.“ Seine Mission als Antriebskraft für die künstlerische Arbeit bringt er mit den Worten auf den Begriff: „Die Berechtigung von Kunst ist ihre eigene Art der Welterkenntnis und ihr ebenso vieldeutiger wie präziser Ausdruck für etwas, dem wir uns nur anzunähern vermögen.“ Künstlerisch arbeiten heißt für ihn: Verstehen lernen.
 
Hin und wieder kommt die aktuelle politische Entwicklung zur Sprache. Geschickt lässt die Autorin Beweggründe, Begeisterung und Empörung ihres Personals für den Aufbruch von damals aufscheinen und mit der aktuellen Entwicklung korrespondieren. Deutlich wird, wie sich die Vorstellungen und Hoffnungen in den Biografien der Einzelnen verändert und zum Teil an die aktuellen Bedingungen angeglichen haben. In einer Auseinandersetzung zwischen Ruth und einem peruanischen Künstler um das „realexistierende Christentum“ stellt sich schließlich die Frage, ob viele Christen und ihre Kirchen von ihren hohen Idealen nicht genauso weit entfernt sind, wie es Menschen im „realexistierende Sozialismus“ waren.
Vom Rot der Revolution ist im Titel auf dem meerblauen Cover zwar nur ein kleines rebellisches rotes ‚r‘ geblieben, aber das trifft durchaus den Inhalt. Es geht eben nicht in erster Linie um Rebellion oder gar revolutionäre Visionen, sondern um die Verbindung von Kunst, Politik und Leben – was natürlich auch visionäre Aspekte hat. Etwas sehr verkürzt lässt sich feststellen, dass Renate Schoof mit ihrem Roman „Blauer Oktober“ ein vielschichtiger und beachtenswerter politischer Liebesroman gelungen ist. (PK)
 
Renate Schoof: Blauer Oktober, Roman, VAT Verlag André Thiele, Mainz 2012, Klappenbroschur, 214 Seiten, 16.90 Euro.


Online-Flyer Nr. 348  vom 04.04.2012

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