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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 30
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Max erreicht die Gleise und wendet sich nach Süden. Nach wenigen hundert Metern stößt er auf den hellerleuchteten Bahnhof. Er weiß nicht, ob eine Straße daran vorbeiführt, und hat auch keine Hoffnung, sie in der Dunkelheit schnell zu finden. Also holt er tief Luft, zwingt sich zur Ruhe und wandert zügig, aber scheinbar ganz ohne Eile den Schienen nach über den Bahnsteig.
Ein Bahnbeamter beobachtet ihn etwas verwundert, Max geht gelassen weiter und tippt nur grüßend mit dem Finger an die Baskenmütze. Nach drei Minuten Angst ist er über den Bahnhof hinaus und wieder von der Dunkelheit verschluckt. Er marschiert weiter, so flott es geht. Auf den Schwellen läuft es sich schlecht. Ihr Abstand ist zu kurz für einen Wanderschritt, und zu weit, um zwei Schwellen mit einem Schritt zu nehmen. Neben den Gleisen stößt man unangenehmerweise an die Schwellenenden oder an die Klemmen für die Erdkontakte der elektrifizierten Strecke. Solange er im Mondschein wandert, kann er noch sehen, wohin er tritt, und ein Stolpern meistens vermeiden. Bald aber kommt er an einen Tunnel! Den ersten Tunnel von mehreren, kilometerlangen, die folgen sollen.
Im Tunnel sieht man nichts. Absolut nichts! Max muß sich voll auf sein Gefühl verlassen, kann aber nicht abschätzen, in welchen Abständen Seilschlaufen und Befestigungseisen seinen Füßen im Wege sind, so daß er immer wieder darüberstolpert. Dann sieht er voraus ein rotes Licht. Es blen-det ihn, doch es erleuchtet nichts. Max geht darauf zu und stellt sich vor, daß dort ein Postenhäuschen mit einem Strecken-wärter sein könnte. Mit einigem Abstand betrachtet, ist das eine blödsinnige Vorstellung: Was sollte ein Strek-kenposten nachts in einem Tunnel tun? Aber auf Max’ Vorstellungskraft drücken zentnerschwer heimtückische Hindernisse und Zufälle, und er will keine noch so absurde Möglichkeit außer acht lassen, um seine Flucht nicht zu gefährden.

Max erinnert sich an einen Alptraum seiner Kindheit: Er ist in einem U-Bahn-Schacht, einer runden Betonröhre, auf den Gleisen. Der Schacht teilt sich vor ihm in zwei verschiedene Tunnel, die beide auf dasselbe Gleis münden. Aus beiden Tunneln kommen Züge auf ihn zugerast, und er hat keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen.

Das rote Licht ist nur ein Signallicht, Max geht ungehindert vorbei. Aber voraus schwillt ein schrilles Brausen an: Ein Zug nähert sich. Es gibt keinen Fluchtweg, kein Ausweichen, keine Deckung. Während das singende Rollen von E-Lok und Rädern zum Dröhnen anwächst, drückt er sich eng an die Tunnelwand. Der Lärm wird zum Getöse und verschmilzt mit grellem, vorbeistürmendem Lichtschein. Der Zug tost in einem Sturmwind vorbei, Licht und Schatten blenden sekundenlang, und dann ist auch schon alles verschwunden.
Max steht wieder allein im Dunkel. Das war die erste von einem halben Dutzend Begegnungen in diesem und in den nächsten Tunneln, an diesem und am folgenden Tag.
Max wandert Richtung Süden, und der Weg wird lang.
Anfang Mai wird es schon zeitig hell. Er wagt es nicht, bei Tageslicht weiterzugehen, und schlägt sich in die Büsche, um auszuruhen und die erneute Dunkelheit für den weiteren Weg abzuwarten.
Er findet sich in einer Bruchlandschaft mit Weiden und Erlen, gelegentlich eine Kiefer oder ein paar alte Wacholder. Zwischen flachen Tümpeln ist der Boden feucht, an anderen, etwas erhöhten Stellen findet sich glücklicherweise trockenes Gras, auf das er sich betten kann. Libellen umschwirren ihn, Schmetterlinge, eine Rohrdommel läßt ihr getragenes Tülülüüt ertönen, und Myriaden von Mücken bilden mit ihrem aggressiven Singen den akustischen Hintergrund.
Die Züge hört Max einige hundert Meter entfernt vorbei­rauschen, eine Straße oder befahrene Wege scheinen nicht in der Nähe zu sein. Er untersucht seine zerstochenen und zer­kratzten Handgelenke, seine zerrissenen Klamotten. Glück­licher­weise haben ihn einige Jahre Erfahrung des Um­hergetriebenseins beim Kommiß und in der Ge­fangen­schaft gelehrt, daß Desinfektionsmittel, Heftpflaster und Nähzeug zum Sturm- oder Fluchtgepäck gehören. Zunächst polkt er, so gut es geht, Reste abgebrochener Dornen aus der Haut, beschmiert die Wunden mit einer Lösung von Kaliumpermanganat, seinem Wundermittel aus der ‚usine‘, und verpflastert sie. Dann flickt er die zerrissenen Sachen.
Er versucht zu schlafen, aber trotz seiner Müdigkeit will der Schlaf nicht kommen. Zu sehr treiben in seinem Kopf die Eindrücke der vergangenen Wochen umher. Wo ist Paule? Was wird sie jetzt tun? Außerdem überfallen ihn schwarze Schwärme von Mücken und zwingen ihn, Gesicht und Hände unter der Jacke zu verstecken. Aber die Sonne steigt höher, die Luft ist feuchtigkeitsgesättigt, es wird immer wärmer und er bekommt nicht genug Sauerstoff und muß das Gesicht wieder entblößen.
Der Tag wird lang.
Er versucht wieder sich vorzustellen, was die wohl im Lager Salbris gemacht haben, als er beim Morgenappell nicht mehr da war. Später wird ihm Schmude berichten, man sei völlig ratlos gewesen, weil es keine Spuren seines Verschwindens gegeben habe.
Als es dunkel wird, macht er sich erneut auf den Weg. Wieder Stolpern über die Schwellen, wieder die endlosen finsteren Tunnel, wieder entgegenkommende Expreßzüge, vor denen er sich an die Wand quetschen muß. Noch Jahre später wird er von diesen Zügen träumen und von Stacheldrahtzäunen, in denen er hängenbleibt.
Gegen halb eins erreicht er Vierzon, den Verschiebe-bahnhof. Ein Dutzend Gleise liegen nebeneinander und tragen lange Reihen von Güterwaggons. Er verliert nicht viel Zeit, sondern beginnt, die Zielbahnhöfe festzustellen: Rennes, Brest, Nantes, St-Nazaire, Reims – was davon geht über Paris? Die Gegenrichtungen scheiden ohnehin aus. Ein Waggon nach Amiens ist geschlossen, einer nach Lille ist ein Kesselwagen.
Als er einmal zwischen zwei Waggons hindurchklettert, um ein Gleis zu überqueren, überfährt ihn fast eine E-Lok, die im allgemeinen Rangierlärm kaum zu hören ist. Zum Glück fährt sie so langsam, so daß er noch beiseite springen kann.
Er gibt die Suche für diese Nacht auf und sieht sich nach einem Unterschlupf um. Er findet eine Kanalröhre, die das Regenwasser unter der Straße hindurch in einen kleinen See leiten soll. Zur Zeit ist sie trocken. Er kriecht hinein und macht es sich für den Rest der Nacht bequem, so gut es geht.

Am nächsten Tag kriecht er aus seinem Versteck, klopft seine Klamotten ab, läßt die Tasche zurück und macht sich auf einen Erkundungsgang in den Ort. Er ist noch nicht gelassen genug, um herumzustreifen und den Ort ganz in Augenschein zu nehmen. Das erscheint ihm auch wenig sinnvoll. Er beginnt mit dem Bahnhofsgelände, und es zeigt sich, daß er bisher nur einen kleineren Teil davon gesehen hat. Der größere Teil der Gleisanlagen schließt sich südlich an das ihm bisher bekannte Gelände an. Das wird also das Erkundungsgebiet für die nächste Nacht. Der Tag wird warm, sein Wasser ist alle, Durst beginnt ihn zu quälen. Nicht weit von seinem Versteck ist ein kleiner See mit einem Abflußgraben. Das Ufer ist mit Schilf und Wasserpflanzen bewachsen, das Wasser von Algen getrübt, anscheinend aber nicht durch Abwässer verunreinigt. Es fließt auch und unterliegt so einem natürlichen Reinigungsprozeß. Vermutet Max jedenfalls. Er kostet vorsichtig, es läßt sich trinken. Er kann nur hoffen, daß es keine schädlichen Keime enthält, und füllt seine Feldflasche. Dann wandert er zu seinem Versteck zurück und verkriecht sich wieder.
Die Sonne steigt in einen schönen blauen Maihimmel. Max hat davon nicht viel, aber selbst in seinem Röhrenbunker wird es warm. Der Tag wird heiß und lang. Er ißt ein paar Löffel Hash. Gelegentlich kommen Leute an seinem Versteck vorbei, dann kriecht er tiefer in seine Röhre. Sie nehmen keine Notiz von ihm.
Er versucht zu schlafen, vergeblich. Seine Gedanken gehen zurück und voraus spazieren. Vor allem beschäftigt ihn natürlich der Bahnhof. Es muß doch, zum Teufel, Züge nach oder über Paris geben! Oder gehen alle Züge über Paris? Werden vielleicht die Züge in den Osten Frankreichs – und nach Deutschland – an Paris vorbeigeleitet? Er kann sich nur auf sein Glück verlassen, das, wie sich zeigen wird, ein unsicherer Gefährte ist.
Er denkt an Collet-de-Dèze und das geruhsame Leben dort. Die Stunden mit Paule, der Ärger mit Frömmich und Skroszny. Doch der verblaßt schon. Die romantische Stimmung und die zärtlichen Gefühle kommen aber nicht recht auf. Zwei Nächte und einen Tag lang auf der Flucht haben ihre Spuren hinterlassen. Die Mückenstiche jucken wie verrückt, die zerstochenen und zerkratzten Handgelenke brennen, Hitze und Durst sind zumindest lästig, Max ist unausgeschlafen und nervös. Schmude ist jetzt vermutlich stinksauer. Oder ist er eher froh, daß er nicht mitmußte? Das hängt wohl von Erfolg oder Mißerfolg des Unternehmens ab.
Schließlich kommen doch Dämmerung und Nacht. Das Teichwasser zeigt bisher keine negativen Wirkungen.

*

Bei Dunkelheit macht er sich erneut auf die Suche. Und dieses Mal scheint er Glück zu haben. Ein Waggon mit Barackenbauteilen ist nach Amiens deklariert. Der müßte über Paris fahren, wenn die Welt nicht ganz verdreht ist. Er klettert hinauf und findet zwischen den Holzkonstruktionen einen Hohlraum, der von außen nicht einzusehen ist. Er kriecht hinein und macht es sich gemütlich. Hier kann er warten. Er ahnt noch nicht, wie lange er warten muß.
Rechts und links von ihm werden Waggons gerückt, krachen Puffer aufeinander, quietschen Kupplungen, rollen Loks vorbei. Einmal ruckt sein Zug an, bewegt sich aber nur wenige Meter und bleibt wieder stehen. Einmal steigt sogar jemand auf seinen Waggon, um einen Blick auf die Ladung zu werfen. Max hält den Atem an. Der Bahnarbeiter steigt wieder ab, Max atmet aus. Sein Zug setzt sich nicht in Bewegung. Aber die Waggons haben doch wohl Räder?!
Die Nacht vergeht, Max sitzt in seinem Versteck ziemlich sicher, aber was nützt ihm das? Der lebhaftere Rangierbetrieb der ersten Nachthälfte läßt nach. Max klettert noch einmal aus seinem Versteck. Kann er seine Tasche so lange darin liegen lassen? Was ist, wenn sich der Zug doch plötzlich in Bewegung setzt? Er nimmt sie lieber mit. Neues findet er aber nicht, keinen Waggon an die Ostgrenze, keinen mit Proviant. Er ist müde. Er pinkelt und kriecht zurück in sein Versteck.
Die Sonne steht zeitig auf und steckt ihre Strahlenfinger durch die Ritzen. Max blinzelt ins Licht, denkt, wie es wohl weitergeht, wenn der Zug am Tage abfährt. Soll ihm recht sein. Er wird kaum noch am gleichen Tag in Amiens ankommen, oder doch nicht gleich entladen werden, so daß Max Zeit findet, sich zu verdrücken. Aber der Zug steht. Der Waggon rührt sich nicht von der Stelle.
Max geht das Lager Salbris durch den Kopf, Orléans, die Mine, Frömmich, Paule.

*

Sie schließt die Augen, bevor sie ihn küßt. Er spürt dem Duft ihres Mundes, ihres Haares, ihrer Haut nach. Das traurige Gedicht kommt ihm in den Sinn: „... que les plus belles choses ont le pire destin. Et rose, elle a vecu ce que vivent les roses, l’espace d’un matin. – ... denn das Leben der schönsten Dinge geht einen schlimmen Gang: Als Rose lebt sie die Zeit einer Rose, nur einen Morgen lang.“
Max ist glücklich, wenn er an Paule denkt, und traurig zugleich. Er ist froh über seine neue Freiheit und traurig über sein Alleinsein.
Den letzten Brief von zu Hause hat er vor zwei Monaten bekommen, bevor er sich auf den Weg gemacht hat. Er versucht, sich vorzustellen, wie es dort aussieht. Das gelingt nur schlecht. Er weiß, Vater hat ein Fuhrgeschäft aufgemacht, weil ihm der Weg in das alte zerbombte Werk zu weit ist. Die Eisenbahn fuhr monatelang nicht. Vieles liegt in Trümmern, aber das kleine Einfamilienhaus der Eltern steht noch. Im Garten bauen sie Gemüse an, Vater auch Tabak. Holz und Kohlen sind knapp.
Völlig fremd ist ihm eine kleine Schwester, Juliane, drei Jahre alt. Die Eltern haben sie 1945 angenommen ... Mit kleinen Kindern weiß Max nicht viel anzufangen. Er ist selber noch nicht erwachsen. Immerhin hatte er noch in Collet für Juliane einen Roller gebastelt, den er nach Hause schicken durfte. Ob er dort angekommen ist, weiß keiner zu sagen.
Der Tag schreitet fort und geht vorbei, der Zug rührt sich nicht von der Stelle. Max macht sich klar, daß es Samstag ist. Arbeiten die hier am Wochenende nicht? Wie wird das am Sonntag?
Als es dunkel wird, klettert er wieder aus seinem Versteck und streift über den Bahnhof. Sein Windlicht ist ausgebrannt, die Frachtbriefe an den Waggons kann er nur noch mit Mühe entziffern. Der Wind hat das Flämmchen flackern und die Kerze schnell sterben lassen. Die stearinbekleckerte Dose schmeißt Max in einen offenen Waggon. Soll sich wundern, wer sie findet.
Er entdeckt keine günstige Fahrgelegenheit, auch nichts zu essen. Sein schmaler Vorrat ist aufgebraucht, der Magen beginnt zu knurren. In einem Kesselwagen vermutet er Wein. Aber wenn er hinaufklettert und den Tankdeckel öffnen kann, wie soll er den Wein herausbekommen? Außerdem: Was nützt ihm Wein auf seinen leeren Magen? Er hätte schnell einen Schwips, der nicht sehr hilfreich wäre. Dann findet er doch einen offenen Waggon mit Kartoffeln. Er stopft sich die Taschen voll, kriecht wieder in sein Versteck und versucht, den Rest der Nacht zu schlafen.
Erst die Strahlen des Sonnenlichts, die in seine Höhle hineinsickern, wecken ihn. Sonntagsruhe, Kirchenglocken. Max hat Durst. Seine Feldflasche ist leer. Er klettert vorsichtig aus dem Versteck und spaziert zum See. Der liegt verlassen, kein Kahn, kein Angler, kein Spaziergänger. Am Abfluß des Sees füllt er die Feldflasche. Er geht ein Stückchen am See entlang und grüßt im Vorbeigehen zwei Frauen, die aus der Kirche kommen: „Bonjour, mesdames!“ Sie erwidern seinen Gruß freundlich und etwas verwundert. Vorsichtig überquert er die Gleise und kriecht in seine Bretterhöhle zurück.
Rohe Kartoffeln sind vielleicht nicht gerade eine Delikatesse, aber sie stillen den immer störender werdenden Hunger.
Auf dem Bahnhof rührt sich nichts. Gelegentlich rollt ein Zug vorbei, ohne seine Fahrt zu verringern. Max hat Zeit zum Dösen und Träumen. Er blinzelt in einen Sonnenstrahl, der ein buntes Farbenspiel auf seiner Netzhaut veranstaltet.

Er sieht das Tal des Gardon vor sich, die weißgelben Felsen, die blaugrünen Kolke, verbunden durch die Silberschnur des sommerlich-mageren Rinnsals, die graugrünen Kastanien­wälder und die bunten Gärten. Und neben ihm, über dem Fluß, sitzt Paule und schaut ihn mit großen, zärtlichen und ein wenig traurigen Augen an. Er ist vor ihr weggelaufen, vor ihrer Liebe.
Ihm ist, als könne er davonfliegen, wie im Segelflugzeug vor dem Kriege: Das Tal bleibt unter ihm zurück, der Kirchberg wird immer kleiner, und Paule sitzt ganz klein am Fluß und bemerkt ihn nicht.

Max schläft zwischendurch ein bißchen, rückt sich ab und zu zurecht. Einmal kommen wieder Schritte vorbei, zwei Männer unterhalten sich, sie sprechen schnell, so daß Max kaum etwas versteht.
So kommt die Nacht. Max klettert wieder aus seinem Versteck und reckt die steif gewordenen Glieder. Aber er entfernt sich nicht von seinem Waggon, sondern bleibt vor dem Zugang zur Höhle sitzen, bereit, jederzeit wieder hineinzuschlüpfen.
Der Rangierbetrieb beginnt. Ein Nachbarzug wird ge­rückt, nicht weit entfernt klirren Kupplungen, Puffer schlagen aufeinander, Pfeifsignale und Stimmen sind zu hören. Auch an seinen Zug werden offenbar Waggons an- oder ab­ge­koppelt. Max verkriecht sich wieder. Gegen halb zwei, endlich, ruckt der Zug an und setzt sich Richtung Norden in Bewegung! Max wartet noch, bis die Signallichter des Bahnhofs vorbeigehuscht sind, dann setzt er sich oben auf die Holzplatten und stemmt triumphierend sein Gesicht dem Fahrtwind entgegen.
Nach zwanzig Minuten passiert er Salbris, er kann das erleuchtete Lager im dünnen Bruchwald sehen und schreit seinen Triumph durch die Nacht den Bewachern zu, denen er entronnen ist.
Der Zug passiert kleine Ortschaften ohne zu halten. Wenn er unter Signalbrücken hindurchrollt, macht Max sich klein. Er möchte seinen Weg nicht durch einen dummen Zufall gefährden. Etwas von der bisherigen Spannung fällt von ihm ab, er gönnt sich eine Pause bis zur nächsten Etappe, die er noch nicht kennt, von der er nicht weiß, womit er fertig werden muß.
Gegen drei Uhr fährt er an Orléans vorbei. Die Stadt wirkt tot trotz ihrer Lichter, das Gefangenenlager ist von der Bahnstrecke aus nicht zu sehen. Er schickt ihm dennoch einen finsteren Fluch.
Der Zug behält seine Geschwindigkeit, nur selten verlangsamt er, wenn er Bahnhöfe, Weichen oder Kreuzungen zu passieren hat. Im Osten wird es hell, der Himmel trägt das blaue Kleid der Königin, fast schwarz noch im Zenit mit blassem Saum am Horizont, dann schmückt der Saum sich mit Silber und Gold, und das Kleid wird mehr und mehr leuchtend blau. Max genießt das Farbenspiel und vergißt fast, sich vor dem Morgenlicht zu verstecken. 

*

Um halb fünf rumpelt der Zug durch Vorstädte und In­dustrie­anlagen, fährt an Abstellgleisen und häßlichen Zweck­bauten vorbei und erreicht gegen halb fünf einen großen Rangierbahnhof, wo er seine Fahrt verlangsamt und schließ­lich zum Stehen kommt.
Max steckt seinen Kopf aus dem Versteck, wie die Schnecke aus dem Gehäuse. Niemand ist zu sehen. Jenseits eines hohen Maschendrahtzaunes führt eine Straße vorbei, auf der zu dieser frühen Tageszeit kein Fahrzeug rollt. Ist das Paris? Max kann keine Inschrift entdecken, die das bestätigen würde. Die Gegend sieht aus wie der Vorort einer Großstadt. Wie soll er feststellen, wo er sich befindet? Und wohin er weiter soll, kann er nur ahnen.
Der Zug ruckt, mit kreischenden Puffern drängen die Waggons gegeneinander. Max wartet eine Weile, ob der Zug sich wieder in Bewegung setzt. Aber nichts geschieht. Weiter entfernt ist das Rollen von Waggons und Lokomotiven zu vernehmen. Max hatte gehört, daß Züge nach Osten, also ins Saargebiet oder Rheinland, vom Gare de l’Est abgingen. Er wird sich also zum Ostbahnhof aufmachen, das heißt nach Norden marschieren, nach Paris hinein.
Vorsichtig steigt er aus dem Waggon, sichert nach beiden Seiten, und geht dann, scheinbar ohne Eile, jedoch zügig quer über die Gleise auf den Zaun zur Straße zu. Ein offenes Tor oder einen Durchgang kann er nicht entdecken. Am Zaun schaut er nochmals nach allen Seiten, ob ihn jemand beobachtet. Er sieht niemanden. Etwas mühevoll zieht er sich in den kleinen Maschen die zweieinhalb Meter hoch und läßt sich drüben fallen. Ein Mann auf der anderen Straßenseite sieht zu, reagiert aber nicht weiter. Max hat kein Interesse, etwas zu erklären, sondern macht sich zügig auf den Weg. Wie lang der ist, weiß er nicht. Auf jeden Fall weiß er eines: Er ist noch sehr lang.

Die Sonne geht auf. Max wandert fröhlich, obwohl er Durst und Hunger hat. Am Rande eines Feldes, auf dem der Mais eine Spanne hoch steht, ißt er seine letzte Kartoffel. Aber er hat kein Wasser mehr, Durst beginnt ihn zu quälen. Er hat die erste Etappe bewältigt, der Tag verspricht schön zu werden, am Abend wird er klüger sein.
Die Sonne kommt hoch, ihm wird warm. Das prächtige Frühlingswetter macht optimistisch und spendet Kraft. Er umgeht einen Flugplatz, es muß Orly sein, aber die Stadt Paris ist immer noch nicht in Sicht.
Gegen sieben Uhr erreicht er in einer Vorstadtsiedlung eine Station der R.E.R., des Vorortzuges, mit dem offenbar viele Leute in die Stadt zur Arbeit fahren. Max hat noch die fünfundsiebzig Francs in seiner Unterhose. Der Weg nach Paris scheint noch weit zu sein, und er beschließt zu fahren. Ein paar hundert Meter von der Station entfernt, halbwegs gedeckt durch Zäune, kramt er seine Barschaft aus der Wäsche und geht klopfenden Herzens zum Fahrkartenschalter. Alle Leute vor ihm kaufen Wochenkarten. Es ist Montag, und Max hält es für möglich, daß hier ausschließlich Wochenkarten verkauft werden. Da er nicht durch Unkenntnis auffallen will, fragt auch er nach einer Wochenkarte. Er spricht er recht gut französisch, wenn auch mit dem Akzent des Südens, aber er ist sich seiner Sprache nicht so sicher. Bisher kam es nie darauf an, ob er mit Akzent oder ohne sprach. Hauptsache, er wurde verstanden. Jetzt er fragt er zu schüchtern, zu leise. Der Schalterbeamte, ein fünfzigjähriger Bürstenkopf, ver-steht ihn nicht und reckt mit einem fragenden „Hä?“ sein Ohr näher an das Schalterfenster. Max wiederholt seinen Wunsch etwas deutlicher, und bekommt eine Fahrkarte für eine ganze Woche und noch etwas Geld heraus.
Aufatmend und scheinbar gelassen schiebt er sich mit den anderen durch die Sperre und steigt in den wartenden, schon vollen Zug. Er muß stehen und sich an einer Schlaufe festhalten, obwohl er jetzt ganz gerne einmal ein bißchen gesessen hätte.
Der Zug fährt an, Max stemmt seine träge Körpermasse gegen die zügige Beschleunigung durch die Elektromotoren und entschuldigt sich, weil er seine Nachbarin angestoßen hat: „Excusez s’il vous plaît, madame!“, und erntet ein freundliches: „Il n’y a pas de quoi, monsieur.“ Das hilft ihm, lockerer zu werden.
Er beachtet kaum, wie lang die Fahrt dauert, er ist mit der Beobachtung der vorbeifliegenden Landschaft und vor allem der Fahrgäste beschäftigt. Die kümmern sich nicht um ihn. Er fährt vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Minuten, dann taucht der Zug unter die Erde und kommt zwischen hohen Häusern aus seinem Maulwurfsgang wieder ins Licht.
Als Max meint, weit genug gefahren zu sein, steigt er am Gare de Lyon aus. Das ist zu früh, wie er später feststellen muß. Aber irgendwo mußte er aussteigen, und von einem Bahnhof fahren schließlich Züge irgendwo hin. Nur leider hier nicht nach Osten, nach Deutschland. (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 323  vom 12.10.2011

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