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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 27
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Ihre Lage spitzt sich in den folgenden drei Tagen zu, die genauso ereignislos verlaufen wie die vergangenen.
Ihr Proviant geht aus. Sie werden mit ihren Erkundungen etwas mutiger, aber das bringt sie auch nicht weiter. Am Freitag und Samstag ist etwas Rangierverkehr, der Sonntag ist völlig still. Abends gegen zweiundzwanzig Uhr hält wieder der Expreßzug, auf dem Weg nach Paris.
So beschließen sie, wenn nicht ein Wunder geschieht, am Montagabend einfach in den Expreßzug zu steigen und ohne Fahrkarte nach Paris zu reisen. Oder wenigstens so weit sie kommen.
Das Wunder bleibt aus.
Gegen Abend reinigen sie, so gut es geht, ihre Kleidung, beziehen im Gebüsch am Waldrand Posten, nicht weit vom Ende des Bahnhofs, und erwarten den Schnellzug. Er kommt pünktlich dreiviertel zehn. Die Lokomotive schnauft, dämlicherweise schaut auf der dem Bahnsteig abgewandten Seite, von der sie kommen, der Heizer aus dem Fenster. Was hilft’s. „Also los! Hals- und Beinbruch!“
Sie gehen flott auf den Zug zu, an der Lokomotive vorbei, aus der sie der Heizer neugierig betrachtet, und zwingen sich zu lässiger Gangart. Schmudes Zittern verrät seine Panik, ist aber auf die Distanz vermutlich nicht zu erkennen. Max zieht die Aufmerksamkeit des Heizers auf sich, indem er locker an seine Baskenmütze tippt: „Salut!“
Der Heizer erwidert den Gruß und tippt sich ebenfalls an die Mütze über dem schwarzen Gesicht. Unbeteiligt sieht er zu, wie sie in den ersten Waggon klettern. Das regi­striert Max noch beim Einsteigen mit einem Blick aus den Augenwinkeln.
Die Waggontür klappt hinter ihnen zu, sie sind im Zug! Der Gang des Wagens ist leer. Keine Menschenseele. Max schaut vorsichtig aus dem Fenster der gegenüberliegenden Tür auf den Bahnsteig, sieht aber auch dort niemanden. Weiter hinten hören sie Türenklappen. Dann eine Trillerpfeife – der Zug setzt sich in Bewegung.
Max holt tief Luft und schnauft: „Alea jacta est! Der Würfel ist gefallen.“
„Was für ’n Würfel?“ Schmudes Panik legt sich. „Wir fahren endlich wieder – und etwas komfortabler als bisher.“ Schmude linst um die Ecke ins nächst Abteil: „Mann! Das ist ’n Schlafwagen! Erster Klasse. Wenn die alle pennen, sind wir ja sicher.“
„Um zehne pennen die doch noch nicht. Die sind im Speisewagen. Oder es kommen später noch welche. Nee, wir müssen weg vom Anfang des Zuges. Die Kontrolle fängt ganz vorne oder ganz hinten an, und dann haben wir keine Chance, auszuweichen. Wir müssen weiter nach hinten.“ Er geht vorsichtig den Gang entlang und schaut in jedes Abteil hinein, soweit nicht die Vorhänge zugezogen sind. Nirgendwo ist jemand zu sehen oder brennt ein Licht.
„Komisch. Hier ist gar nichts los. Aber der Zug sah doch nicht so leer aus.“
„Besser wir treffen keinen, als daß sie uns dußlige Fragen stellen.“
„Das wird nicht so bleiben. Wir fahren bestimmt, na, mindestens zehn Stunden, wenn nicht mehr.“
„Soll’n wir die ganze Zeit auf’m Gang stehen bleiben? Suchen wir uns doch ’ne bequeme Ecke, ziehn uns die Jacke übern Kopp und pennen.“
„Und dann wirste geweckt: Vos tickets, s’il vous plaît! Ihre Fahrkarten, bitte! Nee, nee. Einer muß immer aufpassen, ob der Schaffner kommt.“
Sie kommen an die Verbindungstür zu den anderen Wagen: Sie ist verschlossen!
„Scheiße! Wenn jetzt einer kommt, sitzen wir in der Falle.“ Schmude ist gleich wieder in Panik.
„Wo soll denn hier einer herkommen – wenn er nicht auf dem nächsten Bahnhof einsteigt? Da steigen wir jedenfalls um. Und bis dahin gehst du sicherheitshalber ins Klo. Los! Wenn wir halten, kommst du raus.“
Schmude zwängt sich ins WC. Max sucht sich eine Position, von der aus er den Gang, die Tür und die Plattform des nächsten Wagens beobachten kann, selber aber ist er durch den Türrahmen gedeckt.
Der Zug rollt durch die Dunkelheit. Der Himmel ist be­deckt, Sterne und Mond geben nichts von der Landschaft preis. Selten sieht man das vorbeihuschende Licht eines Hauses oder eine Signallampe. Nur das Dröhnen des Zuges verrät, wenn er durch einen der zahlreichen Tunnel fährt. Aber er fährt! Sie haben das schöne Gefühl, in Richtung Heimat zu fahren.

Max denkt an Paule. An die weichen Lippen, wenn sein Mund sie berührt. Seine Hand fühlt den sanften, sinnlichen Schwung ihrer Hüfte. Er folgt dieser Linie zur Achsel, zum Nacken, zum Ohr.

Der Zug verlangsamt die Fahrt, die Bremsen kreischen. Schmude steckt sichernd den Kopf aus der Klotür und kommt auf Max’ Wink ganz heraus. Der Zug hält. Sie klettern hinaus, dieses Mal auf der Bahnsteigseite, wo einige wenige Leute einsteigen oder den Zug verlassen, und steigen in den nächsten Wagen ein.
„Du gehst erst einmal wieder aufs Klo, und ich sondiere die Lage.“ Max schubst Schmude wieder auf die Toilette und geht weiter nach vorne, die Lage peilen. Der Wagen ist wieder fast leer, ein Erster-Klasse-Wagen mit einladenden Plüschsitzen, leider keine gute Gelegenheit für zwei getürmte Gefangene, die keine Fahrkarten haben und nicht auffallen wollen. Auch der nächste Wagen ist erster Klasse und erst der übernächste zweiter.
Max holt Schmude aus der Toilette, sie gehen weiter nach hinten.
Sie tun so, als ob sie ein Abteil oder einen Bekannten suchen und bemerken aufatmend, daß die anderen Reisenden sie überhaupt nicht beachten.
„Merkste was?“ fragt Schmude erleichtert, „Die woll’n überhaupt nischt von uns wissen.“
„Da haben wir Schwein, was?“
„Wir suchen uns jetzt ’n friedliches Plätzchen, hocken uns hin und versuchen ein bißchen zu pennen.“
„Und dann weckt dich einer zärtlich: Monsieur! Votre ticket, s’il vous plaît! Ihre Fahrkarte, bitte ... Is nich. Verpiß dich ins Klo!“
„Immer ick in det stinkende Kabinett!“
„Bodo, zick nicht rum! Die Fahrt ist noch lang, und selbst wenn wir aufpassen, müssen wir noch höllisch viel Glück haben, wenn sie uns nicht erwischen sollen. Also!“
„Mann, hätt’ ick mir bloß nich mit dir injelassen ...“ Übellaunig verdrückt sich Schmude auf die Toilette. Max lümmelt sich in den Gang und tut so, als ob er aus dem Fenster sähe.
Die Nacht ist nach wie vor schwarz. Der Zug keucht nordwärts durch die Berge, dann passiert er Le Puy, Brioude, Issoire, Clermont-Ferrand. Die Zeit kriecht dahin, es bleibt dunkel. Max fallen immer wieder die Augen zu.

Max träumt von den schmusenden Pärchen in der Kirche und versucht sich vorzustellen, daß sie sich lieben.
Er öffnet das Fenster einen Spalt breit und atmet tief durch. Der Schlaf zieht sich zeitweilig zurück.
Dann erscheint Frömmich vor Max’ geistigem Auge. Max hört seine spitzen Bemerkungen und ist froh, daß er den gehässigen Angriffen entronnen ist.
Er zwingt sich, den Gang im Auge zu behalten!
Im Zug tut sich nichts. Aber dann wird drei Abteile weiter die Tür aufgeschoben, eine korpulente Dame mit Strickjacke und vom Schlaf zerzausten Haaren steuert, von Max weg, der Toilette zu! Dort sitzt ahnungslos Schmude! Max schlendert mit gebremster Eile ebenfalls dorthin. Die Dame rüttelt an der Klinke.
„Bonsoir, madame!“
„Monsieur!“ Sie wendet sich Max zu und ist entzückt. „C’est occupé!“
„Ah, oui? Alors, il faut attendre, n’est-ce pas?“
„Oui, mais c’est un peu urgent, savez-vous?“ Sie hat offen­bar verschlafen, daß sie auf die Toilette muß, und klemmt jetzt wie ein kleines Mädchen die Beine zusammen. Sie klinkt wieder und klopft an die Tür, Schmude rührt sich nicht. Kein Wunder, denn sie haben vergessen zu vereinbaren, wie sie sich in einem solchen Fall verständigen wollen.
Max versucht, sich verständlich zu machen, und klopft ebenfalls: „Monsieur ... äh, madame?“ Verdammt noch mal, wie kann er wissen, daß ein Mann da drin ist?! Er hofft, daß Schmude seine Stimme erkennt. Aber ob Schmude die Stimme erkennt oder nicht, er macht nicht auf!
„Monsieur! Où madame? C’est urgent! Finissez, s’il vous plaît!“ Die Dame hämmert an die Tür. „Il a la diarrhoe“, er muß Durchfall haben, vermutet sie.
Auch Max pocht wieder an die Tür, vorsichtiger, um Schmude nicht zu verschrecken: „Mais monsieur, ouvrez, s’il vous plaît! Mach auf, Bodo!“ mischt er vorsichtig unter seinen französischen Wortschwall.
Und siehe da, die Tür öffnet sich, vorsichtig wie die Klappe einer Rattenfalle. In dem Spalt erscheint Schmudes verstörtes Gesicht und, zuerst zögerlich, dann aber stoßartig, auch sein Körper.
Die Neugier der Dame rangiert vor ihrem natürlichen Be­dürfnis, und so versucht sie, Schmude noch zu inquirieren: „Est-ce que vous avez la diarrhoe, monsieur? Il y a encore des autres, qui ont un besoin naturel, n’est-ce pas?“
Schmude starrt hilfesuchend Max an, der verstohlen nickt, während er die Dame in Richtung Klo dirigiert, und sagt dann eines der drei Worte Französisch, deren er mächtig ist: „Oui!“ Was in diesem Fall richtig ist.
Max hält der Dame galant die Klotür auf: „Madame!“, schiebt sie ins Kabinett und schafft sie damit von der Bühne.
Schmudes Anlauf zu ausführlicheren Entschuldigungen: „Mensch, ick wußte doch nich, det ick ...“, erstickt er im Keim: „Halt die Schnauze!“ sagt er mit unterdrückter Stimme, „verpfeifen wir uns lieber, ehe wir hier Erklärungen abgeben müssen!“
Damit ziehen sie beschleunigt in Richtung Mitte des Zuges ab. Sie finden ein leeres Abteil, Max schiebt Schmude hinein: „Los! Hau dich in eine Ecke, zieh dir die Jacke über den Kopf und versuche zu pennen. Ich passe derweil im Gang auf den Schaffner auf.“
Er schlendert bis zum Ende des Ganges, zur Plattform, lehnt sich gegen das Fenster und sichert nach beiden Seiten.
Es ist wenig Bewegung im Zug, der Gang ist gut zu über­blicken, auch der des Nachbarwagens. Wenigstens solange die Pendeltür offen bleibt. Dummerweise hat der Waggon außer an beiden Enden auch in der Mitte des Ganges noch eine Tür, und die Reflexe auf ihrer Scheibe behindern die Sicht. Ein nahender Schaffner wäre kaum zu erkennen.
Max öffnet zuerst die Tür des Nachbarwagens und stellt sie fest, dann die in der Mitte des eigenen.
Nur wenige Reisende gehen durch den Zug, aber fast jeder von ihnen läßt die Tür gewohnheitsmäßig hinter sich zufallen. Noch ein oder zwei Mal geht Max die Türen öffnen und feststellen, dann bremst die zunehmende Müdigkeit seine Aktivität. Nach den Strapazen und Aufregungen der letzten Stunden und Tage läßt er sich in eine süße Gleichgültigkeit sinken. Vielleicht ist das auch besser, wenn er nicht auffallen will, denn in dem Nachtzug sind eigentlich alle müde. Hoffentlich auch der Schaffner!
Der Zug passiert Montluçon und Bourges, hält und fährt weiter.
Eine Zeitlang setzt sich Max in das Abteil. Einzelne andere Passagiere nehmen Platz, steigen aus oder ein und schenken Max und Schmude kaum Beachtung.
Die beiden vertreten sich gelegentlich die Füße, gehen ein paar Schritte im Gang hin und her, lockern die vom stundenlangen Sitzen verkrampften Glieder.

Immer wieder erscheinen Erinnerungen aus jüngster Zeit und Bilder der Vergangenheit auf der schwarzen Tafel der Nacht vor Max’ innerem Auge.
Frömmich dringt auf ihn ein: „Was hast du bei der Witwe zu suchen? Die liebe ich allein!“
Skroszny: „Laß ja die Pfoten von Madame Mauser! Die hat zwei stramme Schenkel!“
Madame Lacombe: „Machen Sie mir keine Sorge, Mon­sieur Max!“
Germaine: „Aber Monsieur Max! Warum lieben Sie mich nicht?“
Nur Paules Lächeln läßt dann die bösen Geister ver­schwinden ...

Der Morgen graut, der Tag wird hell. Die Wald- und Buschlandschaft der Sologne zieht vorbei. Menschen sind kaum zu sehen. Sie kommen durch Vierzon, vorbei an Salbris. Max kann nicht ahnen, daß er die Gegend bald sehr viel genauer kennenlernen wird.
Der Zug hält auf dem Bahnhof von Orléans, der im Kriege zerstört wurde und immer noch nur behelfsmäßig hergerichtet ist. Max scheucht Schmude wieder ins WC. Hier ist viel Betrieb. Die Abteile füllen sich. Auf der Suche nach einem Sitzplatz drängeln sich die Menschen mit Gepäck durch die Menge, Stimmengewirr brodelt über der Szene. Die Pendeltüren im Gang werden aufgestoßen, fallen zu, werden wieder aufgestoßen.
Plötzlich steht ein Schaffner auf der Plattform des Nach­bar­wagens. Max kann sich auf den letzten Metern noch in den benachbarten Wagen zurückziehen und sieht im Spiegel der Scheiben, wie an die Tür des WC geklopft wird. Sie bleibt verschlossen. Aber der Schaffner pocht beharrlich und kräftig und redet anscheinend auf den Benutzer ein. Schließlich öffnet Schmude die Tür, steckt den Kopf durch den Spalt, er­kennt die Situation und zieht seinen Körper nach.
Max sieht den Schaffner gestikulieren, während er auf ihn einredet.
Schmude schüttelt den Kopf und zuckt die Schultern.
 „Scheiße, Scheiße! Was tun?“ Max versucht logisch und klar zu denken: Noch ist er selber nicht erwischt worden. Er ist auch noch nicht aufgefallen. Zwischen Schmude, den Schaffner und ihn schieben sich ein Dutzend Leute, streifen im Vorbeigehen die kleine Gruppe mit einem verwunderten Blick, aber halten sich nicht auf. Max könnte sich einfach umdrehen und gehen. Wäre Schmude an seiner Stelle, würde er das ganz natürlich finden. Wer eine Chance hat, muß sie wahrnehmen. Da war aber schon diese Sache mit dem verplombten Güterwagen. Schmude würde stinksauer sein, wenn Max jetzt allein eine Fliege machte. Vielleicht gibt’s auch eine Chance, mit dem Kontrolleur zu reden. Der Krieg ist seit zwei Jahren vorbei, und viele Franzosen verstehen, daß die Gefangenen nach Hause wollen. Andererseits, wenn er allein versuchen will, weiterzukommen, was soll er tun? Im Zug bleiben? Geld für eine Fahrkarte hat er nicht. Auf der Suche nach einem passenden Güterzug hat er gerade sechs Tage vergeblich vertrödelt. Aussteigen und in die Stadt gehen? Und was weiter? Seit zwei Tagen hat er praktisch nichts mehr gegessen. Alles in allem erscheint ihm Kameradschaft jetzt wichtiger als seine alleinige Flucht.
Er drängt sich zum Schaffner durch: „Monsieur! Écoutez, s’il vous plaît. Wir sind Kriegsgefangene, aber der Krieg ist schließlich seit zwei Jahren vorbei. Wir wollen nur nach Hause, aber wir haben kein Geld für eine Fahrkarte. Lassen Sie uns abhauen! Drücken Sie ein Auge zu.“
„Oui, monsieur!“ steuert Schmude ein Wort des guten Willens bei.
Der Kontrolleur bleibt ganz ruhig. Vermutlich sind sie nicht die ersten, die er ohne Fahrkarte erwischt. Er schüttelt aber den Kopf: „Venez avec moi!“, und winkt ihnen auszusteigen.
Wer weiß! Vielleicht teilt er die Abneigung vieler Franzosen gegen die Deutschen, die Frankreich besetzt hatten, eine Abneigung, die auch der Scham über das eigene Versagen entspringt. Nichts nimmt man einem anderen mehr übel als die eigene Schuld. Vielleicht leidet er aber auch darunter, daß ihm die Deutschen seinen schönen Bahnhof zerstört haben. Und vielleicht ist er auch einfach ein sturer Beamter.
Noch auf dem Bahnsteig könnten sie fliehen, einfach weglaufen und im Gewimmel untertauchen. Solch ein Flucht-versuch wäre vielleicht nicht aussichtslos. Vielleicht würden sie von Passanten aufgehalten, vielleicht auch nicht. Aber Max traut Bodo Schmude nicht zu, daß er noch genügend Kraft und Entschlossenheit zu so einem Fluchtversuch hat. Er selber muß sich zusammenreißen. Also folgt er mit Schmude dem Schaffner. Der führt sie in eine behelfsmäßige Aufsichtsbude, bedeutet ihnen zu warten und erklärt einem anderen Beamten die Lage. Der telefoniert.
Max und Schmude sitzen auf einer Bank und lassen die Spannung von sich abfallen. Endlich haben sie uns erwischt, empfinden sie, wir haben keine Verantwortung mehr, wir können nichts mehr tun!
Max artikuliert seine Gefühle nicht ganz so klar und noch weniger spricht er sie aus, aber er spürt, daß Schmude ähnlich zumute sein muß.
Sie sitzen und warten. Aber sie warten nicht mehr mit der Spannung der letzten Tage, warten nicht mehr auf eine Möglichkeit, die Flucht fortzusetzen, oder auf eine Gefahr für ihr Gelingen. Sie sind aus der Pflicht entlassen. Was jetzt kommt, hängt nicht mehr von ihnen ab. Sie denken nicht darüber nach, wie sie vielleicht doch noch fliehen könnten.
Als Max mit dem Schaffner gesprochen hat, hat er es in dessen Hände gelegt, ob sie die Flucht fortsetzen werden oder nicht. Der Schaffner wurde zum Schicksal, und das entschied gegen sie. Jetzt warten sie entspannt. Die kommenden Dinge können kaum schlimmer sein als die vergangenen.

*

„Fast die Hälfte seines Lebens wartet der Soldat vergebens“, heißt ein Satz aus der Muschkoten-Philosophie. Was kommt, kann man nicht ändern. Und wenn’s schlimm kommt, schaltet man auf stur. Jahrelang hat Max diese Haltung trainiert, als Überlebenshilfe, mit vierzehn beim Jungvolk, spätestens seit Februar 1943, als er, fünfzehnjährig, Luftwaffenhelfer wurde, dann als ‚Arbeitsmann‘, als ‚Kadett‘ in der Kriegsmarine, als Internierter in Norwegen und schließlich als ‚prisonnier de guerre‘ oder genauer gesagt Zwangsarbeiter in Frankreich.
Besonders beim Arbeitsdienst hatte ihm diese Haltung geholfen, als er stumpfsinnig Löcher buddeln mußte, beim Exerzieren mit dem Spaten oder beim Spatenpolieren. Max ärgerte sich nicht, sondern grinste darüber. Darüber nun ärgerte sich sein Zugführer und scheuchte ihn durchs Gelände. Max grinste weiter. Er dachte: Ich kann länger rennen, als du brüllen kannst, alter Sack!, und richtete eben sein Tempo danach ein.
Schmude ist nicht ganz so gelassen wie Max: „Gott sei Dank, daß es vorbei ist!“ sagte er zwar, „aber was kommt jetzt?“
„Wenn wir Pech haben, schicken sie uns zurück. Wenn nicht, also wenn wir Glück haben, sind wir der Heimat ein Stück näher.“
„Aber die schicken uns doch nicht nach Collet, sondern ins Hauptlager, nach Alès!“
„Na und? Dann hauen wir wieder ab.“
„Das ist doch ein richtiges Gefangenenlager, mit Stachel­draht­zaun und Posten und so. Da ist es nicht so leicht, ab­zu­hauen!“
„Ich hätte schon in Bretzenheim über den Zaun klettern sollen! Und der war drei Meter hoch. Ich will in diesem Jahr zu Hause sein! Verstehste?“
Schmude hat keine Kraft mehr für strategisches Denken: „Hoffentlich kriegen wir bald was zu fressen. Ich hab’ Kohldampf.“
Nach einiger Zeit kommen zwei Gendarmen, mustern die beiden kurz interessiert und wechseln ein paar Worte mit dem Bahnbeamten. Sie sind weder freundlich noch grob, sie tun ihre Arbeit. Sie schließen die beiden mit Handschellen zusammen und fordern sie mit einem Schlenker der Hand auf zu folgen: „Allons y!“
Flankiert von den Gendarmen, gehen sie durch die Stadt. Das Stadtbild hat keinen Charakter. Drei- und vier­ge­schossige Häuser aus der Jahrhundertwende, Baulücken und Trümmergrundstücke. Ein paar schöne alte Fassaden, wenig gepflegt, fallen Max nicht besonders auf. Er hat dafür weder die Vorbildung noch gegenwärtig Interesse. Weiter entfernt, über den Häusern, erheben sich die zwei Türme der gotischen Kathedrale. Eine freundliche Märzsonne läßt die Dächer glänzen.
In dem Maße, wie sich ihr Befinden wieder normalisiert, soweit davon unter den gegebenen Bedingungen überhaupt die Rede sein kann, macht sich ihr knurrender Magen mehr und mehr bemerkbar, und es fällt ihnen auf, daß sie seit Tagen nicht mehr richtig gegessen haben.
Die Handschellen genieren Max. Er achtet mehr darauf, ob ihn die Leute anstarren, als auf das Bild der Häuser und Straßen. Aber nur selten mustert jemand neugierig die jungen Burschen, die da gefesselt durch die Stadt geführt werden. (PK)

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max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 320  vom 21.09.2011

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Von Kostas Koufogiorgos
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