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Literatur
Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge 20
Max - Jahrgang 27
Von Lutz Köhlert

maxMai 1945 - Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Zu den ziel- und richtungslosen deutschen Soldaten gehört auch Max, siebzehnjähriger Kadett der Deutschen Kriegsmarine, den es nach Norwegen verschlagen hat. Er wird von den Engländern interniert, von den Amerikanern abtransportiert und den Franzosen übergeben. Die stecken ihn in eine Antimonmine in den Cevennen. Dort arbeitet er bis Ende 1947, meist unter Tage. Die Arbeit ist schwer und nicht ungefährlich. Eine gewisse Entschädigung dafür ist das sanfte Mittelmeerklima, seine schöne Vegetation und reiche Fruchtbarkeit. Noch Jahrzehnte später wird er von den sonnigen Felsterrassen über dem Gardon träumen, vom „Garten Frankreichs“, wo er das „Dornröschenschloß“ findet und seine erste Liebe, Marie-Paule.

Die Arbeit in der Grube geht ihren alltäglichen Gang. Die Gefangenen haben sich auf einen vertretbaren Rhythmus eingependelt, ohne sich kaputtzumachen. Nur Skroszny und Frömmich schinden zusätzliche Prämien heraus. Das lohnt sich immer weniger, weil Nebenarbeiten im Dorf inzwischen besser entlohnt werden. So hat Max drei Wochen lang eine zweite Schicht beim Straßenbau gearbeitet und einigermaßen anständig bezahlt bekommen.
Heute arbeitet Max mit Schmude als Räumer. Sein Fran-zösisch macht Fortschritte, und er übt täglich, wann er nur kann. Jetzt zählt er seine Schippen: „... vingt-huitième, vingt-neuvième, trentième ...“
Schmude stützt sich auf seine Schaufel: „Hör bloß auf mit dem Französischgequatsche! Schlimm jenug, det wir hier festsitzen, da will ick mir nich ooch noch andauernd dieset Blabla anhören!“
Max ist unbegreiflich, wie jemand keine Lust zum Lernen haben kann, noch dazu in einer Sache, die entscheidend zur Verbesserung der Lebensumstände beiträgt. So versucht er, wenn auch mit wenig Erfolg, Bodo Schmude aus seiner Lethargie zu reißen: „Ich versteh’ dich nicht! Wenn du die Sprache kennst, fühlst du dich nicht mehr so fremd, kannst du dich verständlich machen, verstehst du besser, was die anderen von dir wollen. Kannste deine Interessen besser wahrnehmen!“
Schmude ist nicht zugänglich: „Ick bin hier nich zu Hause und ick will et ooch nich sein!“
Er lebt in einem Raum gewohnter und bequemer Em­pfin­dun­gen und Wahrnehmungen, instinktiver Folgerungen und Reaktionen, und ist zufrieden, wenn er seine unmittelbaren Bedürfnisse, essen, schlafen und rauchen, einigermaßen be­friedigen kann. Er leidet, aus seiner Sicht unabänderlich, unter der eingeschränkten Verbindung zu seinen Mitmenschen und dem Mangel an Zerstreuung. Natürlich fehlen ihm Sex und Liebe. Mit diesen Einschränkungen lebt er und er ist nicht bereit, überflüssige Kraft aufzuwenden, um sie zu überwinden. Allerdings befällt ihn zeitweilig ein Trübsinn, der seinem Naturell so gar nicht entspricht.
„Achtung! Mauser kommt!“ Sie beginnen wieder zu schippen.
Zuerst sieht man den pendelnden Lichtschein der Grubenlampe, dann taucht Mauser aus dem dunklen Stollen auf: „Alors? Wieviel Waggon?“
„Le douzième“, berichtet Max, ohne das Schippen zu unterbrechen.
Mauser ist ausnahmsweise zufrieden. Er setzt sich auf einen Gesteinsbrocken, dreht sich eine Zigarette und bietet dann auch den beiden an, sich eine zu drehen.
Max lehnt ab, Schmude nimmt dankend an.
Dann sieht Max an Mausers Hand einen der von Frömmich gehämmerten Ringe. „Ring von Frömmich?“
Mauser nickt und freut sich: „Frömmich. C’est un artist. C’est très jolie le bague, n’est-ce pas? Schon ... schön! Il a fait aussi une bague pour ma femme. Macht auch Ring für mein Frau. Mein Frau ist schön, Ring ist schön.“ Da er zufrieden ist, möchte er gerne freundschaftlich schwatzen: „Nu, wie ist Mademoiselle Paule?“ Er sagt das, um Konversation zu machen, ohne kritischen Unterton oder Boshaftigkeit.
Obwohl Max wissen muß, daß so eine Beziehung im Dorf nicht verborgen bleibt, ist er peinlich berührt, daß Mauser davon weiß, und antwortet schroff: „Was weiß ich?“
Mauser erklärt sein Wissen: „Meine Frau hat gesehen.“
„Was hat sie gesehen?“
„Nu, du in Dorf mit ‚belle épaule‘.“
Max ist sauer, daß auch Mauser diesen Spottnamen ge­braucht, obwohl er wahrscheinlich schon seit Paules Schulzeit im Dorf gebräuchlich ist und ewig wie Pech an ihr kleben wird. Die meisten verwenden ihn aber gedankenlos, ohne Spott, eher etwas mitleidig, was ihn nicht weniger kränkend macht.
„Hat deine Frau auch einen Kosenamen?“
„Kosenamen?“
„Wie sagt man: Zärtlichkeit, amour, nom d’amour?“
„Ah! Petit nom, ‚Kose-namen‘?“
„Vielleicht ‚beau cul‘?“ Er wackelt mit dem Hintern und Schmude lacht meckernd.
Mauser nimmt das nicht krumm und lacht auch, winkt aber ab: „Nein, nein. Nom d’affection – nur für ich!“
Max reizt weiter: „Vielleicht auch ,tachette de beauté‘?“ Er kratzt sich auffällig in der Leistengegend.
Schmude versteht nicht: „Was heißt das?“
„Schönheitsfleckchen!“
Mausers Lachen bekommt einen zweiflerischen Unterton und Max geht weiter. Jetzt will er sich auf Mausers Kosten an Skroszny rächen. Er weiß nicht, was ihn zu solcher Bosheit treibt: „Oder, warte mal ..., jetzt muß ich nachsehen.“ Er blät­tert in seinem kleinen Wörterbuch: „Voilà! Fossette – Grüb­chen. Wie wär’s mit ‚cul aux fossettes‘ – Grübchenarsch!“
Mauser hört auf zu lachen: „Was soll das heißen?“
Max hält die gespreizte Hand hinter seinen Kopf: „Soll heißen, du hast den Bock zum Gärtner gemacht. Verstehst du? Den Holzbock!“
„Was heißt ‚Holzbock‘?“ Er blättert wieder im Wörterbuch: „Ah, capricorne ...“
Obwohl Mauser nicht ganz klarsieht, versteht er, daß es sich um ehrenrührige Anspielungen handelt, und steht wütend auf: „Hör auf mit mein Frau! Was steht ihr hier rum? Arbeit, vite, vite! Ihr dummfaul!“ Er wendet sich brüsk und stapft davon.
Schmude ruft: „Grüß Grübchenarsch!“, und wirft ihm eine Kußhand nach. „Der wird heute nacht nicht gut schlafen.“
Max zuckt die Schultern, er ist schuldbewußt und mürrisch: „Das habe ich eigentlich nicht gewollt. Weiß nicht, was mich geritten hat.“

Max hat für den Patron des Bistros Flaschen gespült. Der junge Wein kann abgezogen werden.
Nach der Arbeit wird er zu einem Stück Käse und einem Halben Wein in die Gaststube geladen, wo zur Zeit nur drei Männer bei einem kleinen Roten am Tresen sitzen.
Max bekommt seinen Platz in der Nische neben der Tür und grüßt höflich: „Bonsoir, messieurs!“
Ernesto, der junge spanische Zimmermann, in blüten­weißem Hemd, der neuerdings im Verbau arbeitet und den Max schon mehrmals getroffen hat, grüßt freundlich zurück: „Salut!“ Ebenso grüßt der Zweite, ein etwas schmuddeliger älterer Gelegenheitsarbeiter vom Straßenbau. Der Dritte dreht Max den Rücken zu und läßt nur einen Stiernacken über dem kragenlosen Hemd sehen. Max kennt ihn vom Vorbeigehen. Es ist der Dorfschmied, der die Bohrmeißel schleift und härtet.
Mignon, die dicke Magd und Kellnerin, ist heute zu ihrer kranken Mutter nach Ste-Cécile gefahren, und Paule bedient die wenigen Gäste. Sie bringt Max un pichet, eine Karaffe Roten „à la maison“, einen runden Ziegenkäse und ein Stück Schafskäse, einen Korb mit Stücken vom Baguette und die obligatorische ‚carafe d’eau‘. Bevor sie zu Max hingeht, legt sie ihr lose geschlungenes Halstuch ab, so als ob ihr zu warm wäre.
Als sie die Teller hinsetzt, streift sie Max’ Hand, neigt sich zu ihm herab und lächelt ihm zu: „Bon appetit, monsieur Max!“ Sie trägt einen lockeren Pulli mit weitem Ausschnitt, der, so wie sie sich herabneigt, zwei runde, reizende Brüste mehr als nur ahnen läßt. Max wird etwas schwindlig, und er muß sich zwingen, ihr ins Gesicht zurückzulächeln und dann auf seinen Teller zu schauen, weil der Raum ringsumher zu kreisen beginnt.

*

Max sammelt viel und gerne Erfahrungen, aber manchmal verzichtet er noch lieber.
Alle vierzehn Tage kommt mit der Schmalspurbahn in Collet ein Waggon mit Grubenkoks an, kopfgroßen Brocken, der wird auf den Lkw der Mine umgeladen und zur Grube gefahren. Diese Arbeit ist bei den Gefangenen recht beliebt. Sie findet in frischer Luft statt, man kann etwas sehen, gelegentlich ein Wort mit einem Bekannten wechseln, und man kann sich die Arbeit einteilen, obwohl die Koksgabeln riesig sind und mindestens fünf Kilo Koks fassen.
Die Straße führt vom Bahnhof mit starkem Gefälle senkrecht auf die Hauptstraße zu, die quer durchs Dorf, parallel zum Hang verläuft, in westlicher Richtung nach Ste-Cécile-d’Andorge, in östlicher Richtung nach Ste-Colombe, zum Berg hin durch eine steile Felswand begrenzt, zum Flußbett hin durch eine etwa fünfzig Zentimeter hohe Natursteinmauer gesichert, bevor die Felswand weitere zwanzig Meter tief abfällt.
Der Lkw, ein betagter Chevrolet Sechszylinder, ist ein Fünftonner, aber grober Grubenkoks läßt sich gut zu Haufen aufschütten, und wenn man Koks als Haufen auf den Laster schüttet, werden das sechs oder mehr Tonnen. Der Wagen hat Einfülltrichter für einen Choke auf jedem Zylinder und noch Kulissenschaltung, die nebst der Handbremse auf der Fahrerseite außen, hinter dem Kotflügel, angebracht ist. Die Handbremse funktioniert nicht, und wenn man am Berg anhalten will, was in Collet-de-Dèze die normale Art anzuhalten ist, springt man aus dem Auto und legt einen Stein hinter eines der Räder. Steine liegen in Collet überall.
Des weiteren ist der Kühler stark undicht, das Wasser flieht ihn ganz offen und schamlos, so daß etwa alle zehn Minuten nachgefüllt werden muß. Zu diesem Zweck ist ein Kanister mit Wasser hinter den rechten Vorderkotflügel ge­klemmt. Angeworfen wird der Motor mit einer Hand­kurbel. Das Getriebe ist leichtgängig, und manchmal schal­tet es überraschend aus dem Leerlauf in einen Gang. Beim Anwerfen ist es deshalb nicht ratsam, unmittelbar hinter oder vor den Lkw zu treten, und der an der Kurbel tut gut daran, sich seitlich einen Ausweichplatz zu sichern, da das Gefährt vielleicht einen Satz rückwärts oder vorwärts macht. Als Max einmal unglücklich zwischen Bordwand und Laderampe steht, hat ihn nur seine Beweglichkeit davor gerettet, zerquetscht zu werden.
Aber das Auto tut seinen Dienst und schleppt bei jeder Fuhre so viel Koks, wie sich laden läßt.
Als Max und Robert die letzte Fuhre geladen haben, sagt Pierre zu Max: „Ich hab’ noch was im Bahnhof zu besprechen, du kannst den Lkw schon mal runterfahren.“ Robert schaut von einem zum anderen und sagt schnell: „Ich gehe zu Fuß!“
Max hat noch nie ein Auto gelenkt und würde es ganz gerne einmal versuchen. Aber angesichts dieses Veteranen und seiner Capricen, mit sechs Tonnen Koks auf dem Buckel, fünfundzwanzig Prozent Gefälle und einer scharfen Kurve auf der Straße verzichtet er lieber und wehrt ab: „Nee nee! Das Auto ist mir zu schnell.“
Pierre grinst: „Wie du willst.“
Die allgemeine politische Entwicklung wird von den Ge­fan­genen mehr am Rande oder von Fall zu Fall zur Kenntnis genommen, so auch der Nürnberger Prozeß. Aber als die Urteile verkündet werden, sitzen sie alle am Radio zu-sammen. Max übersetzt das Wesentliche aus dem Englischen: „... hanged to death! ... hanged to death! – Tod durch den Strang!“
Obwohl die meisten in den vergangenen Wochen und Monaten die Führer des Dritten Reiches verflucht und mehr und mehr Klarheit über die Verbrechen der Naziherrschaft gewonnen hatten, sind die harten Urteile ein Schock. Zu gering ist noch das Wissen um die konkreten Vorgänge, um die Hintergründe der Kriegshetze, Vertreibungen, Massen-morde, um selber urteilen, verurteilen zu können.
Noch weniger Verständnis herrscht für die sich zuspitzen­de Auseinandersetzung zwischen den beiden Weltsystemen Kapita­lismus und Sozialismus, die erstmals in der Fulton-Rede Churchills deutlich artikuliert wird. Die Argumentation ist dem­entsprechend wenig sachlich und fundiert. Max ver­folgt sie interessiert, ohne sich selber einzumischen.
Frömmich verteidigt verbissen vermeintliche nationale In­ter­es­sen: „Eine Sauerei! Ein glatter Bruch des Völker-rechts.“
Tünnes versucht, die Zusammenhänge zu sehen: „Ich weiß nicht, ob wir uns noch darauf berufen können.“
Emil hat die schreckliche Wirklichkeit der letzten fünf Jahre vor Augen: „Endlich kriejen auch mal die Haupt­ver­ant­wort­lichen ihre Fätt wech!“
Schmelzer hat in der Schule gelernt: „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“
Tünnes: „Vielleicht war das vorjestern so!“
Emil: „Dann sollte man die Politiker lieber jleich aufhän-gen!“
Frömmich ist anscheinend nicht nur Nationalist, sondern auch Militarist – und wieweit Nazi? „Ohne Krieg bewegt sich nichts in der Weltgeschichte.“
Emil ärgert das großspurige Gerede: „Ich brauche keine Weltgeschichte, mir reicht meine kleine Arbeitsgeschichte, Familiengeschichte und Lebensgeschichte!“
Frömmich: „Herrgott, Emil! Sei doch nicht so kleinkariert! Es ist nun mal passiert, und man muß einen Schlußstrich ziehen! Sonst wirst du ja deines Lebens nicht mehr froh ...“
Sigi: „Manches sollte man sich schon merken, und manche Leute! Fairness vor allem!“
Skroszny hat bisher geschwiegen, jetzt platzt er grob heraus: „Fairness! Daß ich nicht lache. Wer ist denn je fair gewesen? Und das mit dem Schlußstrich, das ist sehr bequem für die Herrschaften, die den Karren in die Scheiße gefahren haben!“
Frömmich grinst mit Blick auf das blaue Auge: „Aus dir spricht der geprügelte Knecht.“
Skroszny wird wütend: „Zu den ,Herren‘ wollt’ ich auch nicht gehören! Die einfachen Menschen wollten den Krieg nicht!“
Emil: „Ach nee! Als Goebbels gefragt hat: ‚Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr Kanonen statt Butter?‘, haben nicht alle ‚Ja!‘ gebrüllt?“
Sigi: „Wir brauchten Lebensraum im Osten.“
Emil: „Sigi, wenn du so lang wie dämlich wärst, könntest du aus der Dachrinne saufen!“
Skroszny ist noch nicht fertig: „Und die nicht mitmachen wollten ...“, er macht die Geste des Hängens, „manchmal wegen eines Wortes!“
Max erinnert sich mit Schauder: „Bei uns in der Flakstellung ist beim Fliegerangriff ein Bild von der Wand gefallen. Und als es einer wieder aufgehängt hat, hat Kalle, unser Obergefreiter, gesagt: ‚Laß liegen! Den hängen bald andere auf.‘ Am nächsten Tag haben sie ihn abgeholt.“
Skroszny: „Scheißkrieg!“
Frömmich: „Aber den Westwall hast du mitgebaut, ja?“
„Wenn du nischt zu fressen hast? So ging’s doch den meisten!“
Max ist nach dem Auffliegen der Lügen vom ‚Volk ohne Raum‘, von der ‚Herrenrasse‘, vom ‚Weltjudentum‘, von ‚Blut und Ehre‘ zum Pazifisten geworden. Er schwört sich, nie wieder ein Gewehr anzufassen. Das wird ihm später, als es um die Wiederbewaffnung Deutschlands geht, zur ‚Verteidigung der Freiheit gegen den Kommunismus‘ oder zur ‚Verteidigung des Sozialismus gegen den Imperialismus‘, einige Diskussionen und einigen Ärger eintragen.
„Waffen müssen überhaupt verboten werden!“
Tünnes bezweifelt die Durchführbarkeit dieses Vorsatzes: „Wer wird verbieten, und wer wird gehorchen?“
Frömmich: „Kriege gab’s immer und wird’s immer ge-ben.“
Emil: „Wie die Läuse, die Krätze, die Dummheit!“
Skroszny: „Und die Sigis und Frömmichs!“
Frömmich ist jetzt sehr böse und ruhig: „Die, wenn nötig, mit vaterlandslosen Gesellen aufräumen!“ Und dann, gleich wieder amüsiert: „Wir hatten mal ’ne Diskussion mit den Sozis, die zum Schluß ein bißchen handgreiflich wurde. Im Saal stand ein eiserner Ofen mit so ’nem durchbrochenen gußeisernen Aufsatz. Den hab ich gepackt“, er führt vor, wie das vor sich ging, „und hab ihn dem Obersozi über den Kürbis gestülpt. Er sah aus wie ein Raubritter. Nachher war seine Fassade ein bißchen beschädigt.“ Er blickt sich scheinbar im Raum um: „Leider haben wir hier nicht solchen Ofen!“
Skroszny nimmt die Herausforderung an: „Großfresse!“
Frömmich bemerkt die allgemeine Ablehnung und ver­zichtet auf eine Prügelei.

*

Max trifft sich mit Paule, sooft sie Zeit hat und nicht im Bistro arbeiten muß. Wenn möglich, treffen sie sich heimlich, um Paule nicht zu sehr ins Gerede zu bringen.
Anfangs hat ihre Mutter ihr heftige Szenen gemacht und sie grob beschimpft. Paule ist ganz ruhig geblieben, bis der Mutter der Zorn ausging und sie wohl auch einsah, daß ihre Tochter ein bißchen Glück und Zärtlichkeit verdient hätte. Nur eben nicht so, daß ihr die Kerle im Bistro in den Hintern kneifen.
Abends steht Max wieder, ein wenig hinter Sträuchern verborgen, am Gartenzaun und pfeift leise.
Beim dritten Mal öffnet sich die Tür, und Paule schlüpft heraus, sich noch eine Strickjacke überziehend. Sie umarmt Max, er küßt sie auf Augen und Nase und sie erwidert mit einem Kuß auf den Mund. Eingehakt gehen sie durch die dunklen Gassen hinauf zu ihrem Platz auf dem Felsen, über dem Dorf.
Sie sitzen eng aneinandergeschmiegt und schauen auf die Lichter am Hang, hinter denen die Menschen sitzen und essen, miteinander reden und streiten, sich lieben oder hassen.
Es ist zu viel Streit und Haß in der Welt, zu viel Bosheit. Warum werden die Menschen nicht klüger und freundlicher? Aber Klugheit hat anscheinend nichts mit Freundlichkeit zu tun. Max glaubt daran, daß die Menschen klüger und besser werden können. Dafür wird er sich einsetzen. Das soll eine Rolle in seinem Leben spielen. Er weiß noch nicht, wie sehr sie von ihrem Herdeninstinkt beherrscht werden, der sie veranlaßt, sich ihren Platz in der Hackordnung der Herde zu sichern, und zwar den bestmöglichen Platz, selbst auf Kosten der anderen. Und daß wer viel hat immer noch mehr haben möchte. Viel Geld und mehr Geld. Viel Macht und mehr Macht. Einfach so!
Hier spürt er, wie sich Paule an ihn schmiegt. Er empfindet eine große Zärtlichkeit für sie, und es stimmt ihn wehmütig, daß er sie irgendwann, bald, verlassen wird. Aber er wünschte es nicht einmal anders. Das Leben ist schmerzhaft und schön zugleich. (PK)

Lesen Sie die Fortsetzung des biografischen Romans in der kommenden Ausgabe, oder - bequemer - bestellen Sie das Buch bei edition winterwork

max - jahrgang 27Max, Jahrgang 1927, 16jähriger Luftwaffenhelfer, später Kadett der Kriegsmarine auf dem Zerstörer „Hans Lody“, schildert seine Erlebnisse während des Krieges und in französischer Kriegsgefangenschaft. Seine Erinnerungen kreisen um die Arbeit im Bergwerk, um die erste Liebe zu der Französin Marie-Paule, die vergeblichen Fluchten und die endliche Heimkehr in das besetzte Deutschland. Reflexionen über die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges haben angesichts weltweiter kriegerischer Aktivitäten nichts von ihrer Aktualität verloren.
ISBN 978-3-942693-50-9  € 11,90
© 2010 edition winterwork alle Rechte vorbehalten

Lutz Köhlert, geboren 1927 in Falkensee, lebt in Kleinmachnow. Er war
von 1943 bis 1945 Luftwaffenhelfer und Kadett der deutschen Kriegsmarine in Norwegen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geriet er in
französische Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einem Bergwerk in den
Cevennen bis Januar 1948. Er versuchte mehrfach von dort zu fliehen.
Nach seiner Rückkehr 1948 legte er in Falkensee das Abitur ab und
studierte an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin und an der
Universität Greifswald Bühnenbild und Kunstwissenschaft.
Nach seiner Promotion wandte er sich dem Film, später dem neuen Medium Fernsehen zu. Bei der DEFA führte er Regie, u. a. bei den Spielfilmen „Ärzte“, 1961, und „Tiefe Furchen“, 1965. Für das Fernsehen entstanden szenische Dokumentationen wie „Schließt mir nicht die Augen“ und „Die letzten Stunden von Radio Magellanes“. Ab 1967  bis zu seiner Emeritierung 1991 war er an der Hochschule für Film- und Fernsehen „Konrad Wolf“ als Dozent, Rektor und Professor für Regie tätig.


Online-Flyer Nr. 313  vom 03.08.2011

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