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Aktueller Online-Flyer vom 25. Juni 2016  

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Globales
Wie ähnlich sich Israel und Südafrika schon bei ihrer Gründung waren
Apartheid im Zweigespann
Von Ronnie Kasrils

An einem besonderen Angelpunkt der Geschichte - im Mai 1948 - begannen beide - das zionistische Israel und der Apartheidstaat Südafrika - ihre Existenz. Sie machten weiter und wurden so etwas wie ein grauenhaftes Zweigespann. Der Architekt der Apartheid, Dr. Hendrik Verwoerd brachte es fertig, die Geschichte und Doktrin der beiden Länder gleich zu setzen, mit dem Versuch, die westliche Verurteilung von Südafrika zu neutralisieren. Wörtlich erklärte er: „Die Juden nahmen Israel von den Arabern, nachdem sie tausend Jahre dort gelebt hatten. Israel ist wie Südafrika ein Apartheidstaat“ (Rand Daily Mail, 23.11.61). Verwoerds Logik war einfach: Wir haben unsere Schwarzen nicht anders behandelt als Israel die Araber. Warum hacken sie gerade auf uns herum?
 

Premierminister Hendrik Verwoerd:
Israel verhält sich nicht anders als
Südafrika
Weil Palästinenser ununterbrochen tausend Jahre im Heiligen Land lebten, hatte Verwoerd mit seinem Vergleich Recht. Beide, der Apartheidsstaat Südafrika und das zionistische Israel waren koloniale Siedlerstaaten, die auf der Grundlage der Enteignung des Landes und des Geburtsrechtes der einheimischen Bevölkerung geschaffen wurden. Dies ist - ohne dass man sich schämte - in Israels Fall seit der Zeit Herzls über Jabotinsky, Ben Gurion, Menachem Begin, Moshe Dayan bis Sharon dokumentiert worden.
 
Politik der rassistischen Ethnizität 
 
Beide Staaten predigten und führten eine Politik durch, die sich auf rassistische Ethnizität gründet: den alleinigen Anspruch der Juden in Israel und der Weißen in Südafrika auf ausschließliche Staatsbürgerschaft, auf monopolisierte Rechte, was das Land, den Besitz, das Geschäft betrifft, auf besseren Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Soziales, Sport und kulturelle Einrichtungen, Pensionen, öffentliche Dienste auf Kosten der ursprünglichen einheimischen Bevölkerung, auf die Monopol-Mitgliedschaft beim Militär und bei den Sicherheitskräften, die privilegierte Entwicklung entsprechend ihrer eigenen rassistischen Vormachtstellung; sogar die Ehegesetze beider Länder beruhen darauf, die rassistische „Reinheit“ zu bewahren.
 
Die Tatsache, dass die palästinensische Minderheit innerhalb Israels wählen darf, gleicht kaum die Ungerechtigkeit auf allen anderen Gebieten grundsätzlicher Menschenrechte aus. Jene Palästinenser, die an der Wahl für die Knesset teilnehmen dürfen, tun dies nur unter der Bedingung, dass sie Israels Existenz als jüdischer Staat nicht zu hinterfragen wagen.
 
Die sog. Nicht-Weißen im Apartheidstaat Südafrika - die eingeborenen Afrikaner und die andere gemischtrassige Bevölkerung asiatischen Ursprungs waren Bürger 2. oder 3.Klasse. Nicht-Juden in Israel selbst, geschweige denn die Bevölkerung in den besetzten palästinensischen Gebieten, die einen Nicht-Staatsbürgerstatus haben, aber allen Arten von Diskriminierungen und Vorurteilen ausgesetzt sind wie z.B. den Gesetzen, die ihnen die freie Bewegung, den Zugang zu Arbeit und Handel verbieten und ihnen diktieren, wo sie wohnen dürfen etc. Verwoerd erkannte Israels Enteignungspolitik gegenüber den einheimischen Palästinensern von 1948 an und unterstützte sie, auch die Zerstörung ihrer Dörfer, die Massaker und systematische ethnische Säuberung.
 
Von „schwarzen Flecken“ gesäubert
 
Nur wenige Jahre nachdem Südafrikas Apartheidregierung 1948 an die Herrschaft kam, wurden die Städte rücksichtslos von den sog. „schwarzen Flecken“, wo Nicht-Weiße lebten, gesäubert. Das Regime zerstörte mit Bulldozern die Häuser, lud die Familien auf Militär-LKWs und siedelte sie unter Zwang in entfernten Siedlungen an. Nicht wie die „Eingeborenen-Reservate“, die bald als Bantustans wiederhergestellt wurden, waren diese nicht zu weit von Industriegebieten weg, weil die Wirtschaft mit einer gewissen Quote billiger schwarzer Arbeiter blühte. Das heutige Israel ist noch schlimmer und zwar indem es die palästinensische Arbeit aus seiner Wirtschaft ausschließt.


Bantustan im Gaza-Streifen – schlimmer als einst in Südafrika
Quelle: http://electronicintifada.net/
  
Hätte Verwoerd die Teilung des palästinensischen Gebietes nach dem 1967er-Krieg und die folgende Errichtung der winzigen Bantustans in der Westbank und im Gazastreifen noch erlebt, würde er die Machenschaften, die die Palästinenser in ihre eigenen Ghettogefängnisse sperrten, sehr bewundert und gut geheißen haben. Das war auch Verwoerds großer Plan und der Grund, warum Ex-Präsident Jimmy Carter so prompt die besetzten palästinensischen Gebiete (OPT) mit der Apartheid vergleichen konnte. Tatsächlich bestehen die Bantustans aus 13% der Apartheid Südafrikas, unheimlich vergleichbar mit den lächerlichen, ständig kleiner werdenden Landstücken, die Israel den Palästinensern noch überlässt, wo viele der besetzten Gebiete von den illegalen Siedlungsblocks und dem Sicherheitsnetzsystem mit ihren bizarren Straßen „nur für Juden“ besetzt sind. Die Auswirkung davon ist, dass aus den 22% des Westbankgebietes von vor 1967 tatsächlich nur noch 12% des historischen Palästinas von vor 1948 über geblieben sind.
 
Als der frühere stellvertretende Außenminister Aziz Pahad und ich 2004 Yasser Arafat in seinem ( von Israel) demolierten Hauptquartier in Ramallah besuchten - und zwar als Teil einer Nach-Apartheid-Südafrika-Delegation -, wies er rund um sich und sagte: „Sehen Sie dies ist nichts anderes als ein Bantustan!“ Nein, antworteten wir, und wiesen darauf hin, dass kein Bantustan, nicht einmal unsere Townships von Flugzeugen bombardiert und von Panzern und Raketen pulverisiert worden sind. Arafat machte große Augen, als wir ihn darauf hinwiesen, dass Pretoria sogar viel Geld in die Bantustans pumpte, beeindruckende Verwaltungsgebäude bauen ließ und sogar Bantustan-Luftlinien erlaubte, um die Micky Mouse-Hauptstädte zu erreichen, um die Welt zu beeindrucken, dass es ihnen damit ernst sei, eine sog. „getrennte Entwicklung“ zu schaffen. Die Bantustans waren nicht einmal eingezäunt.
 
Strafloser Staatsterror Israels
 
Was Verwoerd auch bewunderte, war die Straflosigkeit, mit der Israel Staatsterror ausübte, ohne dass seine westlichen Verbündeten, besonders die USA, es daran hinderten. Was Verwoerd und seine Anhänger in Israel bewunderten und in der SA-Region nachzueifern versuchten, war die Weise, wie die westlichen Staaten einem imperialistischen Israel erlaubten, dass sein hemmungsloses Militär straflos sein Gebiet erweitert und den aufkommenden arabischen Nationalismus in seiner Nachbarschaft zurückhält. Aber es war nicht nur die rassistische Doktrin Israels , die die Apartheidsführer erregte, sondern auch die Anwendung des biblischen Narrativs als ideologisches Rational, um ihre Vision, Ziele und Methoden zu rechtfertigen. Die frühen holländischen Pioniere, die "Afrikaaner" hatten auch die Bibel und Kanonen als Kolonialisten benützt, um ihre exklusive Festungsbastion im südafrikanischen Hinterland heraus zu schneiden. Wie die biblischen Israeliten behaupteten sie, „Gottes auserwähltes Volk“ zu sein mit einer Mission: die "Wilden" zu zähmen und zu zivilisieren; man ignorierte die Produktivität und den Fleiß der Menschen, die seit Jahrhunderten den Boden bearbeitet und Handel getrieben hatten (tatsächlich viel länger als die 1000 Jahre, von denen Verwoeld gesprochen hat). Man behauptete sogar, dass allein sie es waren, die das Land dazu brachten, dass „Milch und Honig fließen“. Sie beriefen sich auf einen „Bund“ mit Gott, der ihnen die Feinde in die Hände geben und ihr Tun segnen sollte. Bis zur Ankunft der südafrikanischen Demokratie lehrten die rassistischen Geschichtsbücher allgemein, dass der weiße Mann in Südafrika mehr oder weniger als die sog. „Bantustämme“ aus dem Norden kamen, wo sie über den Limpopofluss wanderten. Deshalb waren „die Weißen Pioniersiedler in einem leeren Land; Dies ist wie ein Echo des zionistischen Mantra von einem „Land ohne Volk für ein Volk ohne Land.“
 
Solch eine koloniale, rassistische Mentalität, die den Genozid der einheimischen Bevölkerungen Amerikas, Australiens, in Afrika von Namibia bis zum Kongo und anderswo rationalisierte, wurde sehr deutlich auch in Palästina wiederholt. Was so schamlos an dieser modernen kolonialen Heuchelei ist, ist, dass dem zionistischen Israel vom Westen erlaubt wurde, solch ein Ziel sogar im 21. Jahrhundert weiter anzustreben.
 

Israel-Besucher, Verbündeter
und Nazi-Sympathisant wie
Verwoerd - Balthazar John
Vorster
Es ist keineswegs schwierig, schon von weitem Israel als einen Apartheidstaat zu erkennen, wie Verwoerd es tat. Verwoerds Nachfolger Balthazar John Vorster besuchte Israel nach dem 1973er Oktoberkrieg, als Ägypten in einem seltenen Sieg den Suezkanal zurück gewann und später bei einem Friedensabkommen von Israel auch den Sinai. Danach waren Israel und Südafrika als militärische Verbündete wie Zwillinge: Pretoria half, Israel militärisch direkt nach dem 1973er Rückschlag aufzurüsten, und Israel unterstützte die Apartheid auf der Höhe der Sanktionen mit Waffen und Technologie. Ersatzteile für die Marine und die Umwandlung von Überschall-Kampfflugzeugen, Mithilfe beim Bau von sechs Atombomben und einer blühenden Waffenindustrie – das alles floss von Israel zur Apartheid Südafrika.
 
Für die Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika stellten Israel und der Apartheidstaat Südafrika eine rassistische, koloniale Achse dar. Es wurde festgestellt, dass Leute wie Verwoerd und Vorster Nazi-Sympathisanten waren. Vorster wurde tatsächlich während des 2. Weltkrieges interniert, weil er Nazi-Deutschland unterstützte, und trotzdem wird er weiter in Israel gefeiert.
 
Die Apartheid Südafrikas sogar übertroffen
 
Es ist aufschlussreich, hinzuzufügen, dass Israel mit seiner Haltung und seinen Unterdrückungsmaßnahmen zunehmend der Apartheid Südafrikas während deren Höhepunkten ähnelt, sie sogar übertrifft: seine Brutalität bei den Hauszerstörungen, der Beseitigung von (Beduinen-) Gemeinden, mit gezielten Tötungen, Massakern, Gefängnis und Folter für seine Opponenten, mit Bombardierungen von Städten und Dörfern, und der Aggression gegen benachbarte Staaten. Zweifellos können Südafrikaner die pathologische Ursache identifizieren, die den Hass von Israels politisch-militärischer Elite und Öffentlichkeit im Allgemeinen nährt und die eine immer extremere rassistische Haltung ihrer gewählten Vertreter verursacht.
 
Wer die Kolonialgeschichte kennt, für den ist es nicht schwierig, die Art und Weise zu verstehen, in der absichtlich Rassenhass kultiviert wird, der als Rechtfertigung für die brutalsten und unmenschlichsten Aktionen gegen wehrlose Zivilisten dient. Er bestätigt Israels militärische Exzesse gegen Frauen, Kinder und Alte in der Gaza-Operation "Cast Lead" ("Gegossenes Blei"). Von solch ungehemmtem Rassismus werden genozidale Kriege und Holocausts ausgelöst.
 
Es kann ohne Übertreibung behauptet werden, dass jeder Südafrikaner - ob in den Freiheitskampf verwickelt oder motiviert von grundsätzlicher menschlicher Anständigkeit -, der die besetzten Palästinensischen Gebiete besucht, heute aufs tiefste schockiert ist, wenn er die Situation dort erlebt. Ich bin sicher, dass sie mit Erzbischof Tutus vielen Beobachtungen übereinstimmen, dass das, was in Israel passiert, einschließlich der kollektiven Strafe, im Apartheidstaat Südafrika niemals geschehen ist. (The Guardian, 28.5.09)
 
Die BDS-Kampagne
 
Es gibt tatsächlich viele Ähnlichkeiten zwischen dem Apartheidsystem Israels und Südafrika. Doch diese Ähnlichkeiten geben auch Grund zum Optimismus und zu Hoffnung. Ich erinnere an die Boykott-, Divestment- und Sanktionen-Kampagne (BDS) die 1959 in London begonnen wurde. Sie wuchs sprunghaft während 30 Jahren an und half mit, die Apartheid zu stürzen. Dies hat die aktuelle weltweite BDS-Kampagne gegen Israel inspiriert und angespornt. Der Aufruf - im Juli 2005 initiiert, also erst vor sechs Jahren - ist mit noch größerer Geschwindigkeit angelaufen. Genau wie der Kampf der Anti-Apartheidbewegung gegen das rassistische Südafrika kann sie zu einer dramatischen Veränderung führen und zum Frieden beitragen, der sich auf Freiheit und Gerechtigkeit für alle im Heiligen Land gründet.
 

Nelson Mandela
NRhZ-Archiv
Ich begann diesen Artikel mit einem Zitat von Dr. Verwoerd. Um ihn abzuschließen eignet sich nichts besser als ein Zitat von Nelson Mandela, der am 4.12.1997 zu Yasser Arafat folgendes sagte: „Die UN hat sich stark gegen die Apartheid gestellt, und über Jahre hinweg wurde ein internationaler Konsens geschaffen, der mithalf, dieses ungeheuerliche System zu beenden. Aber wir wissen nur zu gut, dass unsere Freiheit unvollständig ist ohne die Freiheit für die Palästinenser.“
 
Nur als eine vereinigte, nationale Bewegung eines entschlossenen Volkes, bestärkt durch internationale Solidarität, gewann der von Nelson Mandela angeführte Kampf die Freiheit. Und so wird dies auch in Bezug auf das Zweigespann von Südafrikas und Israels Apartheidstaaten erreicht werden. (PK)
 
Ronnie Kasrils war - als Jude - im Freiheitskampf Südafrikas engagiert und ist ein ehemaliger Kabinettsminister der südafrikanischen Nach-Apartheid-Regierung. Er hat diesen Text unter http://www.middleeastmonitor.org.uk/articles/guest-writers/2545-apartheid-in-duplicate veröffentlicht.
 
Übersetzung von Ellen Rohlfs


Online-Flyer Nr. 310  vom 13.07.2011

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