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Finanzamt Köln-Altstadt will bei Gunter Demnig richtig abkassieren
"Stolpersteine" keine Kunst?
Von Fritz Bilz

Das Finanzamt Köln-Altstadt hat das antifaschistische Projekt "Stolpersteine“ von Gunter Demnig als Herstellung eines Massenprodukts bezeichnet, das nichts mit Kunst zu tun habe und deshalb nicht in den Genuss des niedrigen Umsatzsteuersatzes von sieben Prozent gelangen dürfe. Hierzu eine Stellungnahme des Vereins EL-DE-Haus e.V., Köln. – Die Redaktion


 
Seit 1996 hat Gunter Demnig in über 400 Städten und Gemeinden in Deutschland, aber auch in Österreich, Belgien, Niederlanden, Italien, Ungarn, Polen und der Ukraine mehr als 27.000 Stolpersteine verlegt. Diese vom Künstler in Handarbeit hergestellten Stolpersteine erinnern an durch die Nationalsozialisten verfolgte und ermordete Menschen. Jeder Stein trägt den Namen eines dieser Menschen und repräsentiert dessen Einzelschicksal. Demnig sagt, dass er ihre Namen an den Ort zurückbringt, wo sie zuletzt freiwillig gewohnt, gewirkt, gelehrt oder gelernt haben.Er wurde sogar eingeladen, um in Israel über seine Arbeit zu berichten.
 
Seine Stolpersteine sollen Anstoß erregen. Sie zeigen eindrucksvoll, wie Kunst ein Phänomen sichtbar machen und Menschen bewegen kann, darüber nachzudenken. So schafft Demnig es, dass Menschen innehalten, nachdenken, Gefühle entwickeln. So werden mit seinem Kunstwerk Geschichte, Rückblick, Trauer, Schmerz, Scham, Wut, Mahnung, Nachdenken und Gedenken in Einklang gebracht. Nicht viele Künstler
der Gegenwart haben diese Leistung vollbracht.
 
Die Stolpersteine Demnigs bewirken einerseits, dass ein individuelles Schicksal sichtbar wird, aber zeigen in ihrer massenhaften Verlegung auch die Dimension der Verfolgung breiter Bevölkerungsschichten.
 
Gerade durch diese individuelle Darstellung eines Schicksals hat Demnig eine
Gegenstrategie gegen die von den Nazis durchgeführte Massenverfolgung mit einer Anonymisierung der einzelnen Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen,
nichtangepassten, widerständigen Menschen entwickelt. Demnig holt diese Menschen aus dem von den Nazis angestrebten Vergessen und gibt ihnen einen Ort und ihren Namen zurück.
 
Dies als Massenprodukt zu bezeichnen – wie dies das das Finanzamt Köln-Altstadt getan hat – hieße ja, den Nationalsozialisten in ihrem Ansinnen auf Anonymisierung Recht zu geben.
 
Der Verein EL-DE-Haus und das NS-Dokumentationszentrum Köln fordern das Finanzamt Köln-Altstadt auf, seine Entscheidung zurückzunehmen und Gunter Demnigs verdienstvolle Arbeit– wie die vielen nationalen und internationalen Auszeichnungen Demnigs zeigen – nicht durch ein absurdes Kunstverständnis zu blockieren.
 
Verein EL-DE-Haus e.V., Köln, 22. Februar 2011
Dr. Fritz Bilz, stellvertretender Vorsitzender (V.i.S.d. MDStV)


Online-Flyer Nr. 290  vom 23.02.2011



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