NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2019  

zurück  
Druckversion

Lokales
Dichterin und Hitler-Verehrerin Agnes Miegel verschwindet vom Straßenschild
Erfolg der Antifa Erftstadt
Von Peter Kleinert

Seit Mittwoch vergangener Woche weiß man in Erftstadt, dass eine nach der nationalsozialistischen Dichterin und Hitlerverehrerin Agnes Miegel benannte Straße im Stadtteil Friesheim umbenannt wird. Dies beschloss nach monatelanger Überzeugungsarbeit der “Antifaschistischen Aktion Erftstadt“ der Hauptausschuß des Stadtrates in einer öffentlichen Sitzung im “Alten Gasthaus“, zu der die Antifa und Anwohner eingeladen worden waren. Dass die Straße nun nach dem im KZ Auschwitz ermordeten Friesheimer Juden Salomon Franken benannt wird, wie die Antifa fordert, steht allerdings noch nicht fest, weil einige Bürger dagegen protestiert hatten.


Salomon und Else Franken
Quelle: Antifa Erftstadt
 
Der Historiker Dr. Dieter Heinzig aus Erftstadt hatte der Antifa - gestützt auf das Gedenkbuch des Bundesarchivs - nähere Informationen über das Schicksal der Familie Franken beschafft. Danach wurde der am 16. März 1890 in Friesheim geborene Salomon Franken - er war der letzte Vorbeter der Friesheimer Synagoge - am 15. Juni 1942 zusammen mit seiner Frau Else, ihrem kleinen Sohn Jakob und anderen Juden aus der Region zunächst vom “Sammellager“ auf dem Gelände der heutigen Köln-Messe von der Deutschen Reichsbahn in das Ghetto Theresienstadt transportiert. Von dort wurden sie am 6. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht und dort - wahrscheinlich noch im Oktober 1944 - vergast. Zu in Israel lebenden Nachkommen der Familie - zwei der drei gemeinsamen Kinder von Salomon Franken mit seiner Frau Else konnten ins heutige Israel fliehen - hat die Antifa inzwischen Kontakt aufgenommen. Und diese, so ein Sprecher der Antifa, „sympathisieren mit unserer Forderung“ nach der Umbenennung der Straße.
 

Gedenken an Salomon, Else und Jakob
Franken vor der Hauptausschußsitzung
Quelle: Antifa Erftstadt
In einem Offenen Brief an den Stadtrat begründete die Antifa ihre Forderung nach der Umbennung wie folgt: „Salomon Franken steht hier symbolisch für die vielen namenlosen - auch Erftstädter - Opfer, die von der deutschen Gesellschaft stigmatisiert, entrechtet, ausgeschlossen und letztlich ermordet wurden. Wir denken, dass dieser Opfer gedacht, ihre persönlichen Leiden und Lebensgeschichten im Gedächtnis behalten werden sollten. Darum fordern wir, die Antifa Erftstadt, die Agnes-Miegel-Straße in Erftstadt-Friesheimin Salomon-Franken-Straße umzubenennen!“
 
Agnes Miegel, geboren 1879 in Königsberg, gestorben 1964 in Bad Salzuflen, machte zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester in Berlin, arbeitete von 1902 bis 1904 in einem englischen Mädcheninternat bis sie 1907 nach Königsberg zurückkehrte. Dort begann sie mit dem Schreiben von Gedichten, was ihr später den Namen “Mutter Ostpreußens“ einbrachte, und hielt schon als Zwanzigjährige ihre erste Dichterlesung im Königsberger “Artushof“. Börries Freiherr von Münchhausen förderte bereits ihre ersten Balladen und Lieder in seinem neuromantischen Kreis. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte sie zahlreiche Erzählungen, Märchen und Gedichte. Die Gesamtausgabe ihrer Werke umfasst sieben Bände.
 
Laut Recherchen der Antifa Erftstadt verfasste sie im Nationalsozialismus zahlreiche nazistische Gedichte (z.B. „An Deutschlands Jugend“, „An den Führer“ und „Dem Führer“). Außerdem war sie Mitglied der NSDAP, der NS-Frauenschaft und wurde von der Hitlerjugend auf Grund ihrer NS-Lyriken verehrt. [1] Noch während der Naziherrschaft erhielt sie den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. 1944, in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, wurde sie von Hitler in die „Gottbegnadetenliste“ der sechs damals wichtigsten deutschen Schriftsteller aufgenommen.


Quelle: Antifa Erftstadt
In der Nachkriegszeit hat sie auch im NS-nahen Umfeld veröffentlicht, so z.B “Exklusivbeiträge“ in der Monatszeitschrift “Nation und Europa“, die Ende 2009 zugunsten der Zeitschrift “Zuerst“ im gleichen Verlag eingestellt wurde, weil sie nach Meinung des Verfassungsschutzes eins „der wichtigsten meinungsbildenden Medien für die rechtsextremistische Szene“ darstellte. [2] Sie war 1951 vom ehemaligen SS-Sturmbannführer und “Chef der Bandenbekämpfung“ im Führerhauptquartier, Arthur Ehrhardt und dem Schriftsteller und ehemaligen SA-Obersturmführer Herbert Böhme gegründet worden. [3] Der Verfassungsschutz NRW nannte die Zeitschrift ein „wichtiges rechtsextremistisches Theorie- und Strategieorgan in der Bundesrepublik Deutschland“. [4] Das „Collegium Humanum“, ein auf Grund von Antisemitismus inzwischen verbotener Verein, veranstaltete noch im 21. Jahrhundert ein Wochenendseminar in Vlotho [5] mit dem Thema: „Ostpreußens Beitrag zur Kultur Europas – Schwerpunkt Agnes Miegel und Ordensstaat“. Auch über ihren Tod hinaus ist sie damit für Rechtsradikale und Neonazis offenbar ein Anziehungspunkt geblieben. [6]
Auf der Internetseite der Agnes-Miegel-Gesellschaft wird eine CD angeboten, auf der Gisela Limmer von Massow zusammen mit dem Wiener Neofaschisten Walter Marinovic Gedichte von Miegel rezitiert. [7] Marinovic war bereits mehrfach Referent auf Veranstaltungen der NPD. [8]
 
1949 entnazifiziert
 
Die in der britischen Besatzungszone lebende Agnes Miegel wurde zwar entnazifiziert; doch hatten die Briten ab dem Frühjahr 1946 Deutsche offiziell an der Durchführung der Entnazifizierung beteiligt und die Verantwortung dafür bereits Ende 1947 weitgehend in deutsche Hände gelegt. [9] Ihr Entnazifizierungsurteil stammt aus dem Jahr 1949. Von den Alliierten war Miegel bis 1949 mit einem Veröffentlichungsverbot belegt worden. [10] In der Bundesrepublik hingegen kam sie zu hohem Ansehen. Ehrenbürgerschaften wurden ihr verliehen, Schulen und Straßen nach ihr benannt. Im Geiste blieb sie offenbar jedoch (s.o) bei den undemokratischen bis neonazistischen Rechten. In den letzten Jahren wurden bereits einige Schulen und Straßen, die nach Miegel benannt worden waren, umbenannt, z.B. in den Städten Bielefeld, Erlangen, Wilhelmshaven, Neuenkirchen, Willich und Düsseldorf. Darauf reagiert nun nach Jahrzehnten - aufgrund der öffentlichen Aufklärung durch die Antifa - auch die Stadt Erftstadt. Allerdings verschließen sich die Verantwortlichen der Agnes-Miegel-Gesellschaft noch immer diesen Tatsachen.


Antifa-Demo am 5. Oktober
Quelle: Antifa Erftstadt
 
„Für die Stadt Erftstadt“, so die Antifa in einer ihrer Veröffentlichungen, „kann es nur eine moralisch tragbare Entscheidung geben: die Straße nach einem Opfer des Nationalsozialismus zu benennen. Wir haben deswegen Salomon Franken als neuen Namensgeber vorgeschlagen… Denn es geht darum, zu zeigen, dass nicht NS-Täter geehrt, sondern NS-Opfern gedacht wird. Es geht darum, zu zeigen, dass kein Schlussstrich unter die deutsche Geschichte gezogen wird!“
 
Die Hauptausschuß-Sitzung

Nicht alle der knapp 40 Anwohner und Zuschauer, die am 27.10. an der Hauptausschußsitzung im “Alten Gasthaus“ von Friesheim - außer den Antifas - teilnahmen, die vor dem Eingang Portraits der ermordeten Familie Franken und Kerzen aufgestellt hatten, waren dieser Meinung. Ein Anwohner lehnte die Umbenennung in Salomon-Franken-Straße mit den Worten ab: „Warum muss es schon wieder ein Jude sein?“ Eine Anwohnerin: „Ich würde auch 'ne Adolf-Hitler-Straße nehmen.“ Von manchen Sprechern wurde die Umbenennung der Erftstädter Bertold Brecht-Straße als Konsequenz gefordert, nicht „auf dem linken Auge blind“ zu sein. Und die Antifa wurde als von professionellen Drahtziehern kontrollierter „gefährlicher Verein“ bezeichnet.
 
Bürgermeister Dr. Franz-Georg Rips (SPD) und einige Ausschußmitglieder widersprachen. Der BM sagte, er sei der Antifa dankbar, da sie der Stadt die Augen geöffnet habe. Nach diesem Satz verließ eine Anwohnerin demonstrativ empört die Sitzung, und als er erklärte, dass die Umbenennung wichtiger sei als die bedauerlichen Kosten für die Anwohner kommentierte eine: „Ich könnt' kotzen!“. Ein SPD-Mitglied entgegnete, die Antifagruppe habe nicht gehandelt, um die Anwohner zu ärgern. Am Ende stimmten nur Hans-Otto Nowak (FDP) und Dr. Wolf-Rüdiger Zoll (CDU) gegen eine Umbenennung. Ergebnis: 13:2 und 1:0 für die Antifa. Ob die Straße nun nach Salomon Franken benannt wird, wurde noch nicht entschieden. Die Anwohner können nun Vorschläge machen.
Antifa-Pressesprecherin Luca Plette erklärte anschließend: „Nach viel Öffentlichkeitsarbeit und einer langen Debatte gelang es uns, eine Umbenennung der Straße, die sich zudem in unmittelbarer Nähe zu einem Judenfriedhof befindet, zu erwirken. Die sogenannten “Vertriebenen“ haben bei der Sitzung wiederholt unter Beweis gestellt, welch Geistes Kind sie sind. Wir wehren uns vehement gegen die Entkontextualisierung der “Vertreibung“ und gegen Ehrungen von NS-AnhängerInnen. An diesem scheinbar banalem Beispiel eines Straßennamens wurde deutlich, dass mit dem Nationalsozialismus auch 2010 noch nicht von der Wurzel her gebrochen wurde und es keinen “Schlussstrich“ unter den Nationalsozialismus geben darf. Wir werden uns auch weiterhin gegen nazistische Tendenzen in der Gesellschaft zur Wehr setzen und uns für eine würdige Art des Gedenkens an NS-Opfer einsetzen!“ – Die NRhZ wird darüber berichten, welchen Namen die Agnes Miegel-Straße künftig tragen wird. (PK)
 
Quellen:
 [1] Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 409.
[2] http://www.ivz-online.de/lokales/kreis_steinfurt/neuenkirchen/1274022_Agnes_Miegel_die_Hitler_Verehrerin.html
[3] Anton Maegerle, Globalisierung aus Sicht der extremen Rechten, Braunschweig 2005, S. 57
[4] http://www.im.nrw.de/sch/348.htm
[5] http://nrw.vvn-bda.de/bilder/Lagerzeitung.pdf
[6] http://www.salzekurier.de/Berichte_09/090201_Agnes_Miegel.html
[7] http://www.preussenversand.de/Ostpreussen/CDs/-Hoerspiele/Verlorene-Heimat-CD::3162.html
[8] www.gruene.at/uploads/media/Marinovic.pdf
[9] http://www.wdr.de/themen/politik/deutschland/wiederaufbau/entnazifizierung/index.jhtml
[10] http://www.nrw.vvn-bda.de/texte/0372_schule.htm
 
Weitere Informationen zu Salomon Franken finden sich in dem Buch „Heimat an der Erft“ von Heidi und Cornelius Bormann
 
Informationen über die Aktivitäten der Antifa zum Thema
http://antifaaktionerftstadt.blogsport.de/agnes-miegel/


Online-Flyer Nr. 274  vom 03.11.2010

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Johanna Arndt: Gefängsnisbriefe
Von Arbeiterfotografie
FOTOGALERIE


#Candles4Assange
Von Ingrid Koschmieder