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Kultur und Wissen
Rezension: Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen
“Die Mitleidsindustrie“
Von Dr. Sabine Schiffer

Linda Polman fordert ihre Leserschaft von Anfang an besonders heraus - unter anderem mit einer Frage, die auch auf dem Buchcover steht. Es lohnt sich, diese hier zu wiederholen, weil sie das Grundproblem der gesamten folgenden Abhandlung deutlich macht: "Nehmen wir einmal an, es ist 1943. Sie sind Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation. Das Telefon klingelt. Es sind die Nazis. Sie dürfen Hilfsgüter in ein Konzentrationslager bringen, aber die Lagerverwaltung darf bestimmen, wie viel davon ans eigene Personal und wie viel an die Gefangenen geht. Was tun Sie?"
 

Linda Polman
Quelle: Campus,
Anhand des Dilemmas beginnt die Autorin mit der Nachzeichnung des Streits zwischen dem Begründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant, und Florence Nightingale, die als britische Kranken-schwester nach fünfjährigem Einsatz als Kriegsversehrtenpflegerin in der Türkei zu dem Schluss kam, dass sie mit ihrer Arbeit das Leiden der Menschen verlängert habe. Dieses Grunddilemma der Frage des “Cui bono?“ humanitärer Arbeit wird in den aktuellen Kriseninterventionen noch verschärft durch die Etablierung eines freien Marktes einer sich verselbständigenden Hilfsindustrie, die auf Grund des Konkur- renz- und eigenen Existenzdrucks die wenigen ethischen Grundsätze gänzlich über Bord wirft. Die niederländische Autorin, die als Journalistin die "beholfenen" Gebiete bereist, ist skeptisch geworden und lädt zu einem Perspektivwechsel ein.                                        
 
Wenn es auch notwendig ist, die Polman'sche Interpretation der genannten regionalen wie internationalen Konflikte - im Gegensatz zu den Naturkatastrophen - genau nachzurecherchieren, so ermöglicht sie erhellende Einblicke in die Auswir-kungen einer tatsächlichen "Mitleids-industrie". Der Titel des Buches mag zusätzlich irritieren wegen seiner Analogie zu Norman Finkelsteins Buch "Die Holocaustindustrie". Das faktenreiche Aufzeigen der jeweiligen Problemver-schärfungen vor Ort des Hilfseinsatzes berührt. So etwa die teils menschen-verachtende Instrumentalisierung amputierter Kinder, die Zerstörung von lokalen Infrastrukturen bzw. die Unterstützung einer Kriegs- und Manipulationslogik, wo unsere Medien als Vehikel zum Transport emotionaler Botschaften fest eingeplant sind.
 
Nach knapp 200 Seiten kurzweiliger, aber nachdenklich stimmender und teils erschütternder Lektüre folgt eine Art Wörterbuch der Hilfsindustrie. In Anlehnung an George Orwells New Speak (1) wird hier unter der Überschrift „Aid Speak“ der ganze Zynismus des Systems deutlich. Unter A wie Afrika etwa heißt es auf Seite 199: "[...] in den meisten Berichten wird Afrika als ein einziges Land dargestellt, heiß und staubig, mit unendlichen Ebenen voller Naturreservate und Flüchtlingslager. In den Reportagen ist der Kontinent entweder überbevölkert, sodass die Menschen nicht genug Nahrungsmittel anbauen können und verhungern, oder er ist durch Aids und Krieg entvölkert. In Berichten erscheinen die Afrikaner selten in Anzug und Krawatte. Sie tragen entweder Kalaschnikows oder sind halbnackt mit sich abzeichnenden Rippen. Oder es ist Nelson Mandela." Und unter W wie "Weiße Elefanten" erfahren wir: "Große, kostspielige infrastrukturelle Entwicklungshilfeprojekte, die wirtschaftlich nicht rentabel sind. (aber lukrativ für den Beauftragten, z.B. Straßenbau). (242f)
 
Nach der Lektüre eines solchen Buches kann man etwa einen Besuch von Angelina Jolie in den Hochwassergebieten Pakistans, der nur wenige Stunden und etliche Pressefotos dauern muss, kaum mehr anders als einen - vielleicht durchaus gut gemeinten - PR-Coup deuten, der sehr wahrscheinlich nicht von Pakistanis, sondern von ausländischen Hilfsorganisationen organisiert wurde, die wiederum am meisten von der Spendenbereitschaft wohlstandsverwöhnter Menschen profitieren. Das Buch verstört, wie andere Rezensenten vor mir schrieben. Im Kontext dessen, was Jean Ziegler über die unvermindert fortgesetzte Ausbeutung der sog. Dritten Welt schreibt, kann es als eine weitere wichtige Quelle für all diejenigen dienen, die erkannt haben, dass das ungerechte Weltwirtschaftssystem implodieren muss. (PK)
 
Polman, Linda 2010: Die Mitleidsindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Frankfurt u.a.: Campus Verlag. 265 Seiten, ISBN: 978-3-593-39233-2, € 19,90 

(1) Neusprech - siehe auch eine Liste aktueller Sprachverwendung auf unserer Website
http://www.medienverantwortung.de/unsere-themen/informationsportale/neusprech-manipulation-durch-sprache/


Online-Flyer Nr. 272  vom 20.10.2010



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