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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Literatur
Krimi der Woche
High Noon
Von Isabella Archan

Die Schwingtür der kleinen Bar flog mit einer Wucht auf, als wäre draußen ein Hurrikan entfacht worden. Es war kurz vor zwölf Uhr Mittags und eigentlich hatte die Bar noch geschlossen. Der gestrige Abend war ohnehin erst um vier Uhr früh beendet worden, eine Junggesellenrunde hatte eine anständige Feier veranstaltet. Nur Erich saß schon an seinem Stammtisch nahe der Bar.
Die Schwingtür der kleinen Bar flog mit einer Wucht auf, als wäre draußen ein Hurrikan entfacht worden. Es war kurz vor zwölf Uhr Mittags und eigentlich hatte die Bar noch geschlossen. Der gestrige Abend war ohnehin erst um vier Uhr früh beendet worden, eine Junggesellenrunde hatte eine anständige Feier veranstaltet. Nur Erich saß schon an seinem Stammtisch nahe der Bar.
 
Der Geruch nach Rauch und Bier und Whisky lag immer noch in der Luft. Jacky liebte das. Er polierte Gläser, leerte Aschenbecher und atmete den

Foto: H.-D. Hey
Geruch von verlebten Leben und verblasster Schönheit ein. Baby lehnte sexy am Tresen und war gerade in eine süßliche Unterhaltung mit Erich vertieft. Sie schäkerte gerne mit dem alten Kerl. Seit die beiden die kleine Bar von ihm übernommen hatten, war er Stammgast im eigenen Haus.
Erich, der übergewichtige, aber gemütliche Österreicher, schon weit über das Pensionsalter hinaus, wollte eigentlich wieder zurück nach Wien. Doch noch hatte er keine Anstalten gemacht, wirklich umzuziehen, vor allem, seit Baby an der Bar war und ihm immer wieder hübsch dekolletiert seine freien Drinks servierte.Zeigt mir Titten und ich zeige euch, welches Teil an mir noch jung ist!“ sagte er gerne, wenn der Alkohol ihn fröhlich stimmte und ihn sein Alter vergessen ließ. Dann lachte er über seinen eigenen Witz am meisten, und sein dicker Bauch sprang wie ein Prellball auf und ab.

Jacky liebte den dicken alten Erich, sowie er diese jetzt seine Bar, die neben einer kleinen Kirche lag, liebte. Jeden Tag um zwölf erinnerte ihn das Glockengeläute an seine heilige Liebe zu Baby und an seine Flucht aus seinem alten, gewalttätigen Leben. Er fragte sich oft, wie ihm früher nur das Wort ‚lieben’ so schwer über die Lippen gekommen war. Heutzutage konnte er jeden Staubfusel und jeden Tropfen schaumiges Bier, das aus dem großen Fass neben der Theke gezapft wurde, lieben. Er liebte den Tresen und die sieben runden Holztische, die schummrige Beleuchtung und die Musikbox an der Wand, die noch Platten aus den guten alten Zeiten spielte. Er liebte die alte Schwingtür, ein echtes Unikum wie Erich.
 
Und jene Schwingtür nun, die aufflog wie im Sturm, rettete den dreien auch das Leben, denn sie schwang zwar mit Wucht auf, was aber zur Folge hatte, dass sie auch schnell wieder zu schwang und die erste Salve aus dem Maschinenpistole komplett auffing. Die Männer des ‚Kneifers’ waren blöde genug, um die Wirkung einer Schwingtür nicht zu durchschauen. Jacky und Baby warfen sich instinktiv nach unten, hinter den Tresen. Selbst Erich schaffte es, sich vom Sessel zu rollen und von dort aus die drei Meter auf die Bar zu und zu Jacky und Baby nach hinten zu robben. Dort angekommen klebte gelber Schweiß auf seiner faltigen Stirn und sein dickes Gesicht hatte eine gefährliche rote Tönung angenommen.A Schaß, a Schaß, was isn des für a Schaß!“ keuchte er in seinem tiefsten Heimatdialekt.
 
In dieser Minute, die als Zeitpuffer durch die Schwingtüraktion der dummen Handlanger des Kneifers entstanden war, hatte Jacky schon sein Gewehr und Baby ihre elegante Smith und Wesson in der Hand. Jackys erste und einzige Neugestaltung an der Bar war das Anbringen von zwei Haken hinter dem Tresen unter der Theke gewesen. Dort hingen seitdem zwei Gewehre, mit schnellen Nachlader.

Nur für den Fall. Eben für den Fall, der heute Mittag eingetroffen war. Baby hatte ihre Smith & Wesson immer in ihrer Handtasche und ihre Handtasche immer griffbereit. Zwischen dem Make-up, das sie immer benutzte, um ihre Narbe zu überdecken, und ihren Taschentüchern, war die Waffe wie ihr Talisman. Sie wusste, wenn der ‚Kneifer’ sie alleine gefunden hätte, hätte sie sich eine Kugel in den Kopf gejagt. Besser tot, denn was dieser Wahnsinnige mit ihr anstellen würde, nachdem sie ihn betrogen, verlassen und verraten hatte, wollte sie sich nicht einmal in ihren tiefsten Albträumen ausmalen.
 
Jacky sprang hoch und feuerte in Richtung Tür und landete einen Treffer. Der erste Mann, der gegen die Schwingtür getreten und dann sofort geballert hatte, machte einen Schritt in die Bar hinein, als die Tür nach seiner ersten Salve wieder aufschwang. Jackys Kugel traf den Typen mitten ins Gesicht und formte einen Klumpen aus Blut und Fleisch, aus dem tatsächlich ein Rauchkringel aufstieg.
 
Der Rest der Truppe des Kneifers war nicht so dämlich. Zwei Mann hielten die Tür mit den Läufen ihrer Waffen offen, der Rest begann wie wild in Richtung Tresen zu schießen. Jacky zog seinen Kopf blitzschnell wieder ein. Über ihnen pfiffen die Kugeln wie im Schützengraben. „Einer weniger!“ Seine Stimme klang ernst, aber seine Augen lachten. Baby konnte den Glanz in ihnen sehen und dachte kurz, dass es ihm doch gefehlt hatte, das Töten, nach ihrer beider Flucht. Mehrere Schüsse schlugen in das große Bierfass ein und mit einem Zischen sprudelte das Bier auf den Boden und verwandelte die kleine Bar in einen Biersee. Bierduft breitete sich aus und vermischte sich mit dem scharfen Geruch nach verschossenem Pulver.
 
Na geh, net das gute Bier!“ Erich hockte wie ein dicker Käfer direkt neben Baby. Sein rotes Gesicht war jetzt mit weißen Punkten übersät und Baby machte sich kurz Sorgen wegen seines Blutdrucks. Sie beugte sich über ihn. „Hier alter Mann!“ Baby drückt ihm ihren Revolver in die Hand. Mit der anderen nahm sie das zweite Gewehr. Jacky blinzelte ihr zu und sie musste nicht fragen, ob auch diese Waffe einsatzbereit war. Eine kurze Pause auf der anderen Seite entstand. „Auf drei, Baby!“ schrie Jacky, was bedeutete, dass sie beide gleichzeitig und sofort hochkamen.

Baby und Jacky antworteten den Männern auf ihre Art. Während Baby einen Schuss nach dem anderen abfeuerte und einfach wahllos in Richtung der Angreifer schoss, zielte Jacky genauer. Einem der Männer erblühte eine Rose aus Blut auf der Brust und einem anderen zerriss die Kugel die Kehle. Die Bauernopfer fielen. Wie viele hatte der Kneifer wohl vorbeigeschickt, um sich seine Baby und die Diamanten wieder zurück zu holen?
Es blieb keine Zeit zu denken. Jacky sah drei Männer wie wilde Stiere in die Bar stürmen und sich seitlich auf den Boden werfen. Er hörte wie erneut die Kugeln an seinem Ohren vorbei pfiffen. Er wagte sich kaum vorzustellen, was passieren würde, wenn Baby getroffen würde.
 
Runter!“ schrie er so laut er konnte. Aus den Augenwinkeln sah er ihre schlanken Gestalt nach unten gleiten, hinter die Theke abtauchen. Baby lehnte atemlos am hinteren Gläserschrank. Jacky öffnete die unterste Schublade und holte eine lange Schachtel heraus, die er umkippte. Die Patronen rollten über den Boden. Mit einem kurzen anerkennenden Blick quittierte Baby seine geplanten Vorsichtsmaßnahmen, dann begann sie nachzuladen.Die Tische nahe der Schwingtür wurden krachend umgeworfen. Nachdem die Überrumpelungstaktik nicht gezogen hatte, wollten sich die Angreifer verschanzen.Erich ist weg!“ Babys Stimme kratzte. Tatsächlich, der Platz neben Baby war leer. Erich musste sich während des letzten Feuergefechts um den Tresen herum gerobbt haben.Verdammt!“ war das einzige, was Jacky einfiel. Hatte die Angst Erich den Verstand geraubt? Die Männer des Kneifers würden ihn abknallen wie eine Schießbudenfigur. Am Eingang trat eine Feuerpause ein. Kein Schuss fiel mehr.
 
Jacky und Baby sahen sich an. „Baby!“ Die Stimme des Kneifers klang weichlich wie immer. Baby zuckte neben Jacky zusammen.„Baby, Liebes, ich hatte dir doch gesagt, dass wir uns wiedersehen.“‚Der Kneifer’ kniff seine Lippen gerne spitz nach vorne, was ihn beim Sprechen ein leichtes Lispeln verlieh. Er selbst hielt das für distinguiert. Gnade Gott, dem, der darüber gelacht hätte. Der Big Boss war also höchst persönlich gekommen. Der Kneifer, einer der großen Bosse im Kokainhandel und Diamantenschmuggel, hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen ehemaligen zweiten Mann und seine Exgeliebte, die sich zusammen und mit einer Lieferung Diamanten aus dem Staub gemacht hatten, abzuholen. Oder hinzurichten. Keiner hintergeht den Big Boss und atmet dann lange weiter.
 
Baby war kreidebleich im Gesicht. Die lange Narbe, die sich über ihre Schläfe bis zum Kinn herunterzog, leuchtete in der Blässe. Ein Geschenk vom ‚Kneifer’ , als sie einmal zu spät vom Einkaufen zurück gekommen war und er schon mit ihr vögeln wollte. Er hatte sie trotz der Verletzung noch von hinten genommen und dann blutend liegen lassen. Jacky hatte sich um sie gekümmert. So hatte alles angefangen. So waren sie sich näher gekommen und eine Liebe war zwischen Gehorsam und Schmerz, Verbrechen und Gewalt erblüht. Baby und Jacky gegen den Rest der Welt unter der Herrschaft des Kneifers.
 
Was hätten sie anderes tun sollen als die Diamantenlieferung einfach nehmen und abhauen? Den Kneifer mit einer anonymen Anzeige aus dem Verkehr ziehen und raus aus der Hölle, das war ihr magerer Plan. Einmal um die Welt fliehen und in dieser kleinen Bar am Ende des Universums Schutz und Heim suchen. Aber natürlich hatte er sie finden müssen, das hatten beide gewusst, von Anfang an.
 
Baby, Liebes, wir machen es ganz einfach für euch beide!“ Die Stimme des Kneifers zischte wie das ausgelaufene Bier. „Du kommst hinter diesen lächerlichen Tresen hervor und wir schießen nicht mehr. Und du, mein alter Freund Jacky, wirst mir meine Glitzersteinchen zurückgeben und aus alter Verbundenheit werde ich dich schnell mit einem Kopfschuss töten. Das kommt mir sehr, sagen wir mal, fair vor. Und du Baby, du weiß ja, wo dein Platz ist! Auf den Knien, dein Mund in der richtigen Höhe!“ Die Männer des Kneifers fingen dreckig zu lachen an. Der Kneifer stieß einen hohen Seufzer aus, und alle schwiegen sofort.
Jacky blickte zu Baby, sah eine Leere in ihrem Blick. Würde es hier enden? Draußen setzte das Geläute der Mittagsglocken der kleinen Kirche ein. High Noon. Ein Duell bis zum Tod.
 
Du blödes, du deppertes Arschloch, schleich dich aus meiner Bar…!“ Ein Schuss fiel. So unerwartet, so unglaublich. Für Sekunden atmete keiner. Jacky reagierte als erster. Er sprang hinter dem Tresen in die Höhe, sah Erich hinter der Musikbox knien, die Smith & Wesson von Baby mit beiden Händen umklammert. Sein dicker Bauch hing über seine Hose, sein Haar stand wirr nach oben. Erichs Gesicht war purpurrot, er stierte in Richtung Tür. Jacky wendete seinen Blick. An der Schwingtür war der Big Boss. Jacky sah das schwarze Loch in der Brustmitte des ‚Kneifers’. Er sah die Männer des ‚Kneifers’, ein halbes Dutzend noch, wie gelähmt und paralysiert stehen und zurück auf den dicken alten Mannes starren.
 
Dann gab Jacky Feuer. Wie im Rausch schoss Kugel um Kugel aus seinem Gewehr und jeder Schuss war ein Treffer. Wie Tontauben fielen die Männer des ‚Kneifers’. Neben Jacky erhob sich auch Baby, die aber nur den Kneifer fixierte. Aus der Schusswunde in seiner Brust begann rotes helles Blut zu rinnen und ungläubig senkte er den Kopf. Er hob beide Hände in ihre Richtung hoch, als wollte er sie fragen, wie das denn passieren konnte, der große und mächtige Boss, der Kneifer, niedergestreckt von einem alten Wiener Pensionär mit Übergewicht?! Dann gaben die Beine des ‚Kneifers’ nach und er sank nach unten. Er folgte seinen Männern in den Tod und seine Augen wurden glasig, bevor er auf den Boden aufschlug und in einer stinkenden Pfütze aus Bier landete.
 
Die drei schauten sich an. Jacky war der erste, der einfach laut zu lachen anfing. Baby stimmte mit einem hysterischen Kichern mit ein, Erichs Hand begann zu zittern und er ließ den Revolver fallen. Baby umrundete den Tresen und war an der Seite Erichs, als dieser das Gleichgewicht verlor. Sie half ihm sich auf einen Sessel zu setzen. „So a Arschloch hab ich echt noch nicht gesehen!“ Erich wischte sich den Schweiß von der Stirn, seine Stimme zitterte. Jacky lachte immer noch während er zu Baby und Erich aufschloss. Die Glocken waren verstummt. Stattdessen hörten sie Sirenen näherkommen. Sie würden die Bar und die Kirchenglocken vermissen. Andererseits gab es sicher noch andere kleine Bars für eine Handvoll Diamanten am Ende der Welt zu kaufen. Baby fasste Jackys Hände. Erich schaute die beiden an. „Und ihr habts echte Diamanten gstohlen? – Wahnsinn!“ Und wie von Geisterhand begann die alte Musikbox ein Lied zu spielen.
 
Und sie tanzten einen Tango,
Jacky Brown und Baby Miller.
Und die Kripo kann nichts finden,
was daran verdächtig wär’.
Und der Herr da mit dem Kneifer,
dem der Schuss im Dunklen galt.
Könnt’ vielleicht noch etwas sagen,
doch der Herr, der sagt nichts mehr!... (HDH)



Online-Flyer Nr. 263  vom 18.08.2010

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