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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Literatur
Krimi der Woche
Mama
Von Isabella Archan

"Junge, du sollst doch nicht mit fremden Frauen sprechen!"
Die Mutter gibt ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. Wasser schwappt auf und rinnt ihm in sein Ohr.
 
I.  Schwimmen macht Spaß.
 
" Tut mir Leid, Mama!" Er dreht sich um und sieht sie mit schuldbewusstem Gesicht an. Mama steht vor ihm im Nichtschwimmerbecken in ihrem roten Badeanzug mit der ebenfalls roten Badekappe und sieht verärgert zu ihm herunter. Er kennt diesen Gesichtsausdruck. Er hat einen Fehler gemacht und er wird dafür bezahlen müssen. Kein Pudding zum Nachtisch, schaurige Geschichten vor dem Einschlafen, sodass er noch stunden lang wach liegt aus Angst.

Er fühlt sich elend. Er kniet im Becken, das Wasser reicht an sein Kinn. Mama kommt ihm groß und gewaltig vor. Würde er aufstehen, überragt er sie um einen Kopf, doch das traut er sich jetzt nicht. Lieber schluckt er Wasser. Mamas Blick wechselt von Ärger zu Traurigkeit.

Arme Mama. Was ist er nur für ein ungeratener Sohn. Nur Sorgen hat man

Foto: Hans-Dieter Hey
Gott sei Dank gibt es eine Liste mit Wiedergutmachungsmöglichkeiten. Ihr beim Geschirrspülen helfen, ihren Rücken kraulen, in der Nacht in ihr Bett schlüpfen, sie inniglich drücken und in ihren Armen einschlafen. Mama ist eine wunderbare Frau, und oft übermannt ihn seine Dankbarkeit ihr gegenüber so sehr, dass er an den unmöglichsten Plätzen weinen muss. Aber manchmal reitet ihn eben der Teufel. ‚Dich reitet der Teufel’, genau so sagt Mama es dann immer.
 
Genau wie heute Morgen. Er hat sich so gefreut mit Mama ins Schwimmbad zu dürfen. Sie gehen ohnehin selten aus, denn für Mama ist es sehr anstrengend auf ihn aufzupassen, sie muss ihre Augen überall haben und überall lauert Gefahr. Was einem Jungen alles in dieser bösen Welt passieren kann, das hat er schon früh erfahren, als sein Papa fortging, wegen einer bösen Frau, und ihn und Mama alleingelassen hat. Der Teufel hatte damals auch seinen Papa geritten, so war das gewesen. Er selbst hatte Mama geschworen, nie, niemals, von ihr wegzugehen. Seit diesem schwarzen Tag hat er sein Versprechen gehalten, obwohl das Erbe seines Papas manchmal über ihn kommt. Wie heute.

Ohne Nachzudenken ist er zu der netten blonden Dame hin geschwommen und hat ihr zugelächelt. Ein Impuls, stärker als alle Vorsicht. Er hat sie angelächelt und ihr gesagt, dass er sie hübsch findet. Es ist aus seinem Mund herausgerutscht, einfach so. Die Dame hat zurück gelächelt und sich bedankt. Zuerst findet er die Begebenheit gar nicht so schlimm, erst als Mama ihm den Klaps auf den Hinterkopf verpasst, weiß er, einen Riesenfehler begangen zu haben. Jetzt ist es zu spät. Er hat Mama im Stich gelassen.

"Bitte, Mama, es tut mir leid!“
Schon spürt er wie Tränen in seinen Augen brennen. Er will nicht vor all den wildfremden Menschen hier im Bad heulen wie ein Baby. Vor allem nicht vor der schönen blonden Dame. In diesem Augenblick höchster Not, blitzt eine Eingebung in ihm auf, wie er die Situation retten kann.

"Du hast meinen Geburtstag vergessen, Mama!“ Es platzt aus ihm heraus. Er sieht sie auffordernd an. In Wahrheit hat er bis jetzt selbst nicht daran gedacht, denn eigentlich feierten sie beide Geburtstage nicht, denn Mama ist der Ansicht, dann wüsste man, wie schnell die Zeit wirklich vergeht. Doch vor einer Woche hat Mama selbst das Thema angeschnitten und gemeint, diesmal sei es sein schöner runder Geburtstag, da gibt es eine Ausnahme. Sie hat ihm eine Überraschung und einen besonderen Tag versprochen. Er dankt dem lieben Gott für diesen Geistesblitz.

Mama ist irritiert. Sie will doch immer die beste Mama der Welt sein. In ihrem Gesicht spielt sich ein kleiner Kampf ab, zwischen der eben erlittenen Demütigung durch ihren Sohn und ihrem eigenen Fehler. Er spürt, dass er gewonnen hat, dass er diesmal davonkommen wird. Und nie mehr wird ihn ein Teufel reiten. Er greift nach ihrer Hand. Lächelt sie vorsichtig an.
"Lass uns nach Hause gehen, Mama, ich mag ohnehin nicht mehr schwimmen".

Zu seiner unendlichen Erleichterung nickt sie und nimmt seine Hand. Beim Weggehen wirft er aber doch noch einen Blick auf die blonde Dame. Wie hübsch die doch aussieht.

2. Geburtstag ist nur einmal im Jahr.

Nachmittag. Nach dem Schwimmen. Er ist auf seinem Zimmer und hört sie schon die ganze Zeit in der Küche rumoren und vor sich hin trällern. Er weiß, das hat mit seinem schönen runden Geburtstag zu tun. Er ist in glücklicher Erwartung. Mama ruft ihn. Er stürzt die Treppe hinunter, und da steht sie in einem weißen Kleid, wie ein Engel. Auf ihren Armen trägt sie einen Teller mit einer Torte und brennenden Kerzen. Mein Gott, wie schön sie ist und wie er sie liebt. Sie singt ‚Happy Birthday to you’ und legt ihm den Teller in seine Hände. Die Torte ist schwer und so viele Kerzen brennen darauf. Für jedes seiner Lebensjahre eine.

„Du musst sie alle auf einmal ausblasen", flötet Mama, "und dann wünsch dir was!“ Er bläst die Kerzen aus und hat tatsächlich einen geheimen Wunsch. Er lacht schallend auf, seine Welt ist vollkommen. "Alle 50 auf einen Streich, Mama!"

3. Wie schnell sich Wünsche erfüllen..
 
Drei Tage später ist er doch wieder ein böser Junge. Ihn reitet der Teufel.
Mama und er sind im Einkaufzentrum. Mama will noch in die Unterwäscheabteilung und er hasst es, dort zu sein. Die Wäsche erinnert ihn an Leichentücher. Mama erlaubt ihm, auf sie zu warten auf der Bank vor den Toiletten. Er denkt nichts Böses, als SIE auftaucht. Die blonde Dame, die ihm seit seinem Besuch im Schwimmbad nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist.
 
Er glaubt nicht an Zufälle, dankt dem lieben Gott, das sein Geburtstagswunsch so schnell in Erfüllung gegangen ist. Natürlich kann SIE sich nicht mehr an ihn erinnern, aber das macht nichts. SIE schwebt an ihm vorbei und geht in die Damentoilette. Obwohl er weiß, dass er da nicht hinein darf, Mama hat es ihm immer und immer wieder verboten, geht er der blonden Dame hinterher. Und wieder ist es der Zufall oder Gott, der ihn führt. Niemand außer ihr und ihm sind da. SIE dreht sich um und das kleine Lächeln auf ihrem Gesicht gefriert, als SIE ihn sieht. Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen und er ahnt, dass SIE ihn gleich hinaus werfen will. Er aber ist schneller. Einen Kuss will er, nur einen.

Er ist mit zwei Schritten bei ihr und legt ihr die Hände um den Hals. SIE darf auf keinen Fall schreien und Mama alarmieren. Er presst seine Lippen auf die ihren und drückt zu. Drückt zu, so fest er kann. Seine Lippen brennen, ein heißes Gefühl schießt seine Zehenspitzen hoch. Die Füße der Dame zappeln unter ihm, dann wird ihr Körper ganz weich und schlaff. Er lässt erschrocken los, SIE fällt aus seinem Griff wie eine leblose Puppe. Ihr Körper schlägt auf den Fliesenboden der Damentoilette auf. Jetzt steigt Panik in ihm hoch, wenn Mama das erfährt. Er fährt sich schuldbewusst über den Mund und weiß, dass es doch der Teufel gewesen sein muss, der die hübsche Dame hierher gelockt hat. Schnell verlässt er die Damentoilette und setzt sich wieder auf die Bank davor.
 
Da ist auch schon Mama und sein Herz beginnt unkontrolliert zu schlagen. Er springt auf, rennt ihr entgegen. Ihr Blick ist prüfend auf ihn gerichtet, sie kann in seine Seele sehen. Schnell greift er nach ihrer Hand, zieht sie nach draußen.
 
Hand in Hand, wie ein Liebespaar mischen sich die beiden, Mutter und Sohn, in den Strom der Passanten. (HDH)





 

Online-Flyer Nr. 259  vom 21.07.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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