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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Literatur
Kurzkrimi der Woche
Shake Hands
Von Isabella Archan

Der See war wie ein Spiegel. In der windstillen Luft des späten Abends bewegte sich keine noch so kleine Welle auf dem Wasser.
 
Karl tauchte die Ruder vorsichtig und mit Bedacht in das Wasser ein und das kleine Boot glitt wie auf Eis auf der Wasseroberfläche. Eine heilige Stunde, dachte er. Eine heilige Stunde, wie mir vergönnt wird mit ihr.
 
Fast in der Mitte des Sees stellte Karl das Rudern ein. Er wagte kaum zu atmen, um diesen göttlichen Augenblick der absoluten Stille nicht zu stören. Selbst sein eigener Herzschlag schien in seiner Brust zu dröhnen, so leise war es um ihn herum.
Einen Augenblick der Stille zu erleben, heißt einen Augenblick unsterblich zu sein.

Wie wahr, wie wahr, dachte Karl.
 
Ein Fischreiher flog auf. Das Geräusch seiner Flügel erschreckte die Stille und als hätte der See auf dieses Kommando gewartet, setzte leichter Wind ein und das Wasser kräuselte sich.

Karl beugte sich vor und strich der jungen Frau vorsichtig über das lange Haar. Er erinnerte sich: Sie hatte es sich aufgesteckt bei ihrem ersten Treffen und in diesen ersten Stunden des Bewunderung und der aufkeimenden Liebe hatte er sich immer wieder gefragt, wie schön es wohl wäre, ihr dieses Haar zu lösen und es in Wellen über ihr Gesicht gleiten zu sehen.
Du bist schöner noch als dieser See.

Er wollte diese Worte ihr ins Ohr flüstern, doch das Risiko, dass sie von seinem Flüstern erwachen würde und zu früh sah, was er für sie vorbereitet hatte, war zu groß. Es musste der perfekte Augenblick sein, in der perfekten Mitte dieses perfekten Sees. Ein heiliger Moment.
Karl zog die Fesseln um die Hände und Füße der jungen Frau enger. Sie stöhnte kurz auf ohne Aufzuwachen, die Betäubung wirkte noch.

Er griff nach dem Ruder. Noch ein paar tiefe Stöße, dann würde er da sein. In der Mitte des Sees. Im Zentrum der Heiligkeit.

********************************

„Darf ich Ihnen die Hand schütteln? Ein klassisches ‚Shake Hands’?“
fragt Karl leise und mit einem Lachen in der Stimme. Die junge Kommissarin blickt ihn an. Noch vermeidet er den direkten Augenkontakt so gut es geht. Vielleicht kann sie in die tiefe seiner Seele schauen und seinen Schatz entdecken, den er dort verborgen hat.
„Natürlich, gerne, Kollege!“

Eine junge frische Stimme ohne Argwohn ihm gegenüber. Keine Gefahr, sein Körper entspannt sich. Karl streift sich die Gummihandschuhe ab, die er immer trägt, wenn er zu einem neuen Tatort, zu einer neuen Leiche gerufen wird. Wie diese tote junge Frau, die man aus dem See gefischt hat. Er streckt seine Handfläche der jungen Kommissarin entgegen und fasst ihre weiche, zarte Hand.

Jetzt blickt er auf. Seine dunkelblauen Augen treffen auf ihren sanften braunen Blick. Sie hat ihr Haar hochgesteckt. Karl lächelt.
 
„Ich freue mich aufrichtig, Sie kennen zu lernen!“
Er umfasst ihre Finger fester und gibt noch einen kleinen Druck am Ende dazu, das kommt immer gut an.

„Ich ebenfalls!“
Sie lächelt zurück.
Ihre Lächeln ist wunderbar, wie wunderbar wäre es, wenn er ihr das Haar lösen könnte. Dann wird sie ernst.
 
 „Wir kriegen den Mistkerl, was meinen Sie?“
 „Ganz sicher!!! Mit drei Ausrufezeichen!“
Karl zwinkert kurz.

„Die neue Kommissarin und der alte Pathologe! Wir werden das perfekte Team sein!“

Karl wagt sich ein Stück weiter hinaus.
„Wir werden uns sicher bald viel besser kennenlernen, das spüre ich!“
Karl löst den Händedruck. Er setzt ein sympathisches Grinsen auf. Ihr Lächeln kommt zurück. Karls Herz macht einen Sprung. Ein heiliger Moment. (HDH)

Online-Flyer Nr. 258  vom 14.07.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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