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Literatur
Auszüge aus zwei Romanen des Kölner Karls-Preis-Trägers 2010
Kapitalismus oder Das Prinzip des Kettenbriefs
Von Wolfgang Bittner

Die Redaktion der NRhZ wird am Freitag, 6. August 2010, aus Anlass ihres fünfjährigen Bestehens zum zweiten Mal den “Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ an Wolfgang Bittner vergeben. Er ist vor allem durch seine Bücher, Hörfunk-Sendungen sowie Zeitungs- und Zeitschriften-Beiträge bekannt geworden. In den letzten Ausgaben haben wir bereits einige Texte von und über Wolfgang Bittner veröffentlicht. Hier folgen zwei Ausschnitte aus seinen Romanen „Marmelsteins Verwandlung“ und „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“. – Die Redaktion

 
„Marmelsteins Verwandlung“

„Und Amerika? … Ein blühender Kontinent, den seine Eroberer binnen kurzem ruiniert haben. Jetzt sind sie dabei, die restliche Welt zu ruinieren. Ihr habt doch mehr Schulden, als die Russen jemals hatten. Eigentlich seid ihr schon längst bankrott und lebt nur noch von eurer Großmäuligkeit.“ (…)
„Hat Nostradamus schon vor ein paar hundert Jahren prophezeit. Dass um die zweite Jahrtausendwende ungeheure Katastrophen über die Menschheit hereinbrechen werden. Die großen Städte gen Sonnenuntergang werden in Rauch aufgehen und ihre Türme zusammenstürzen.“
Talbott ließ sich auf einen der Sitze fallen. „Hab’ nichts dagegen“, brummte er. „Is’ nicht schade drum. Noch ein paar Reaktorunglücke, auseinandergebrochene Tanker, Atomwaffenversuche, und dieser Erdball ist endgültig am Arsche des Propheten.“
„Requiescat in pace!“ rief Marmelstein gespielt salbungsvoll und schlug mit großer Geste das Kreuzzeichen. „Leider geh’n wir mit drauf (…) Diese Zivilisation“, setzte er dann den vorherigen Gedanken fort, „die keinesfalls mehr die Bezeichnung Kultur verdient, pfeift so oder so auf dem letzten Loch. Schätze, dass sich unser Wirtschaftssystem kurz vor dem Kollaps befin-det.“
„Glaube ich nicht“, widersprach Dubois. „Nein, nein, Leute, euer Pessimismus in Ehren, aber solange sie Reibach machen können, funktioniert’s.“
Marmelstein spuckte aus. „Kennst du nicht das System des Kettenbriefes? Einer schreibt mehrere Briefe an andere, von denen wieder jeder mehrere Briefe an andere schickt und so weiter. Jeder Angeschriebene muss eine geringfügige Geldsumme an die ersten Adressen auf der Liste überweisen. Kann sein, dass die ersten Millionäre werden, wenn alle mitspielen. Aber die letzten, die meisten, beißen die Hunde. Genau so funktioniert unser Wirtschaftssystem. Es bricht garantiert irgendwann zusammen. Wer macht denn noch etwas wirklich Produktives, he? Es muss zusammenbrechen!“
 
„Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“
 
„Wenn es den Menschen hier im Westen besser geht“, meinte Marianne, „dann ist das für mich ein Beweis dafür, dass unsere Gesellschaftsordnung und unser Wirtschaftssystem besser sind. Das ist doch eindeutig.“
„Eben nicht“, widersprach er. „Zum Beispiel lässt sich das Akkumulationsprinzip, also die Anreicherung des Kapitals, einer der tragenden Pfeiler des Kapitalismus, nicht bis in alle Ewigkeit fortführen. Man kann schließlich keine Autos, Fernseher und Kühlschränke herstellen, die nur noch ein halbes Jahr halten, bloß damit die Arbeiter bei uns Arbeit haben und die Aktionäre weiter ihre Tantiemen kriegen. Es wird also über kurz oder lang erheblich mehr Arbeitslose und schwerwiegende Wirtschaftskrisen geben, denn irgendwann macht sich dieser Turbokapitalismus selbst kaputt.“
„Sozialismus, Kapitalismus“, seufzte Marianne, „wenn ich das schon höre!“
Er versuchte ihr das, was er dachte, deutlich zu machen. Der Unternehmer kaufe sich Arbeitskräfte, denen er weniger zahlte, als er für die in Waren umgesetzte geleistete Arbeit erhal-te. Die Differenz stecke er als so genannten Mehrwert für sich und sein Management ein, beziehungsweise investiere einen Teil in das Unternehmen. Je mehr der Unternehmer verdiene, desto mehr investiere er, wozu ihn schon die Konkurrenz und das Profitdenken zwängen. Die Arbeiter erhielten gerade so viel Lohn, wie sie für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft bräuchten und für den durch Werbung angeheizten Konsum von Waren. Sie würden dazu gebracht, immer mehr Güter zu konsumieren, damit die fortwährend steigende Produktion abgesetzt werden könne. Es entstehe ein Kreislauf, in dem viele von wenigen ausgebeutet würden, ein Kreislauf der Idiotie, in dem sich alles um Konsum und Profit drehe, angetrieben durch Egoismus und Habgier. Und die Nutznießer dieses Systems wachten streng darüber, dass sich nichts zu ihrem Nachteil verändere, dass sie ihre Pfründen behielten, dass die dämlichen Arbeitstiere das Maul hielten und ihren Fernseher hätten.
Marianne sagte nichts dazu.
Um die gesellschaftliche Wirklichkeit menschlich gestalten zu können, fuhr er fort, müsse zunächst einmal die Theorie entwickelt werden, die es dann in die Praxis umzusetzen gelte, und zwar gegen den Widerstand von Interessengruppen und Profiteuren. Im sozialistischen Staat gehörten die Produktionsmittel der Allgemeinheit. Es werde nur so viel produziert, wie man tatsächlich brauche.
„Ja, ja, die Verwalter des Mangels“, warf Marianne eher gelangweilt und mit einem, wie ihm schien, hämischen Unterton ein …
Doch er ließ sich nicht beirren, sondern setzte seinen Gedankengang fort: … So gesehen, stelle der Sozialismus keine Utopie dar, sondern eine erstrebenswerte Form des menschlichen Zusammenlebens. Die sozialistische Theorie schaffe Bewusstsein und eröffne die Möglichkeit, die Welt zu verändern; nicht die Menschen von der Geschichte überrollen zu lassen, sondern Geschichte durch die Menschen zu machen, von der Tierheit den Schritt zum Menschsein zu schaffen. Dass aber bis dahin noch ein weiter Weg zurückzulegen sei, sehe man beispielsweise an der aggressiven Wirtschaftspolitik der westlichen Großmächte gegenüber den Ländern der so genannten Dritten Welt. Er hatte sich in eine Art Begeisterung hineingeredet, aber Marianne hörte ihm kaum noch zu. In Gedanken schien sie inzwischen ganz woanders zu sein. Ernüchtert trank er seinen Kaffee aus. (PK)
 
„Marmelsteins Verwandlung“ erschien 1999 bei Klöpfer & Meyer, Tübingen,
„Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ bei der Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, 1978. Neuausgabe: Horlemann Verlag, Bad Honnef 2008


Online-Flyer Nr. 258  vom 14.07.2010

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