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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Filmclips
Judy Lybkes “eigen + art“
Von Peter Kleinert



Judy Lybke

Eigentlich gab es die Galerie "eigen + art" in Leipzig zu DDR-Zeiten gar nicht. Es durfte sie nämlich nicht geben. Trotzdem stellte Judy Lybke, der diesen illegalen Ausstellungsort Jahre vor der "Wende" zuerst in einem leerstehenden Wohnhaus, dann in einer leerstehenden Hinterhof-Werkstatt eingerichtet hatte, in ihren Räumen aus: Künstler und KünstlerInnen, die wie er "nicht im Verband" waren - er nicht im Galeristen-Verband, sie nicht im Künstlerverband der DDR. Denn erst, wenn man/frau "im Verband" Mitglied war, war man offiziell Künstler oder Galerist.
Auf diese merkwürdigen Gegebenheiten stießen wir anläßlich einer Einladung zur Dokumentar- und Kurzfilm-Woche nach Leipzig nach dem Verbot unseres Magazinbeitrags "Der würgende Tod" über geheime V-Kampfstoff-Patente der BAYER AG bei MONITOR nach einer Intervention der BAYER AG bei der Leitung des WDR – rechtzeitig vor dessen Sendung im Jahr 1983.
Übrigens durften wir das im Leipzig der “sogenannten DDR“ illegal aufgenommene dokumentarische Videomaterial über die illegale "eigen + art" und ihre illegalen KünstlerInnen in einem dem WDR angebotenen Film dann dort auch nicht veröffentlichen. Die Redakteurin befürchtete nämlich angeblich Nachteile für ihre Sendereihe, die "DDR-Innenansichten" hieß (oder so ähnlich). Vielleicht befürchtete sie aber auch - lange vor der "Wende" -, daß die Zuschauer in der BRD einem Dokumentarfilm über die "eigen + art" entnehmen könnten, daß manches in der DDR gar nicht so sehr viel schlimmer war als manches in der BRD, wenn man/frau nur ein bißchen Mut haben würde, Grenzen zu überschreiten, wie Judy Lybke dort.
Durch die "eigen + art" lernten wir jedenfalls eine ganze Reihe selbstbewusste und staatskritische Künstler, Kabarettisten und Filmemacher kennen, die dann - teilweise noch vor der "Wende" - in der Kölner KAOS Galerie ausstellten, die zwar nicht im WDR aber in KANAL 4-Sendungen auftreten durften - und die man auf diese Weise dann auch in der DDR sah, wo sie nicht im Fernsehen, sondern nur in Verantaltungen auftreten durften. Dazu gehörten Karin Wieckhorst, Jana Milev, Gabriele Kachold, Cornelia Klauß, Edith Tar, Wolfgang Krause Zwieback, Jörg Herold, Erwin Stache und andere.

Inzwischen - 27 Jahre nach unserem ersten Zusammentreffen als Filmemacher mit ihm - ist Judy Lybke, der damals noch vor seinen Ausstellungseröffnungen selbst die Kohlen aus dem Keller holen mußte (siehe Bild), ein weltweit bekannter Galerist, und viele der Künstler, die damals mit ihm zusammen gegen den Stachel löckten, sind inzwischen weit über die Grenzen der ehemaligen DDR hinaus bekannt geworden. Einer von ihnen, Neo Rauch, von Judy Lybke Mitte der 80er Jahre in Leipzig “entdeckt“, hat nun - zu seinem 50.Geburtstag - am Montag in Leipzig und in der Münchner Pinakothek der Moderne zwei sogar in der Tagesschau, im Morgenmagazin und in "Kontraste" vorgestellte Ausstellungen eröffnet, die bis zum 15. August dauern.

Die Preise der von ihm dort ausgestellten Werke - inzwischen dank dem weltweit erfolgreichen Galeristen Judy Lybke überwiegend im Besitz von reichen Kunstsammlern und Kunstsammlungen weltweit - bewegen sich bis in den Bereich von hohen sechsstelligen Euro-Summen. Wie sein Publikum haben sich natürlich auch die Bilder von Neo Rauch und einigen seiner jungen KollegInnen der 80er Jahre aus dem Umfeld der “eigen + art“ verändert. Der Kunstkritiker Günter Dünkel schrieb anläßlich einer Ausstellung von Künstlerporträts der Leipziger Fotografin Karin Wieckhorst in der Kölner KAOS Galerie im September 1989 auf der Kulturseite der UZ: „Gerade diese jungen Künstler bringen mit ihren in heftigem Duktus gemalten Bildern das Lebensgefühl ihrer Generation zum Ausdruck, die sich nicht um erstarrte Konventionen kümmert, sondern sich immer wieder über das, was andere als "guten Geschmack" bezeichnen, hinwegsetzt. Diesen Künstlern, denen vor allem die von Gerd Harry Lybke (in der Szene besser unter dem Namen "Judy" bekannt) geleitete Werkstattgalerie "eigen + art" ein Forum der Begegnung, Kommunikation und Interaktion bietet, gebührt unser Respekt.“ So der Kunstkritiker damals. Die “Wende“ hat auch hier einiges verändert. (PK)
Autoren: Marianne Tralau und Peter Kleinert, Auftraggeber: KAOS Film- und Video-Team Köln, Produktionsjahr: 1987, Länge: 32 min., Kamera: Peter Kleinert, Ton: Marianne Tralau, Schnitt: Marianne Tralau
Preis-Info und Bestellungen: http://www.kaos-archiv.de/, info@KAOS-archiv.de, KAOS Kunst- und Video-Archiv e.V., Gladbacher Str. 33, 50672 Köln, Tel.: 0221 - 9521297


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Online-Flyer Nr. 246  vom 23. Oktober 2017



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