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Lokales
Rede zum Ostermarsch 2010 am Kölner Hiroshima-Nagasaki-Park
„Mit Blick nach vorn!“
Von Klaus Schmidt

Tausende Friedensaktivisten haben am Wochenende mit den traditionellen Ostermärschen auch für einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan demonstriert. Auf Veranstaltungen in mehr als 30 Städten versammelten sich zum 50. Jahrestag der Ostermärsche viele tausend Menschen. In Köln starteten am Sonntag nach der Veranstaltung im Hiroshima-Nagasaki-Park die „Motorradfahrer/innen ohne Grenzen“ ihre FRIEDENSFAHRT 2010. Hier die Rede des ehemaligen Studentenpfarrers Klaus Schmidt, der seit 50 Jahren dabei ist. – Die Redaktion

Klaus Schmidt und Gine Willrich | Foto: Klaus Müller

Liebe Friedens-Freundinnen und Freunde – liebe Motorradfahrerinnen und -fahrer ohne Grenzen. Im Park, der hier vor uns liegt, kann man bei schönem Wetter viele Sonnenhungrige sehen. Was man nicht sieht: das sind darunter Kölns Trümmer aus dem 2. Weltkrieg. Der „Mont Klamott“ – so der Volksmund – ist dabei nur einer von Kölns elf Trümmerbergen.

Die verblassende Erinnerung daran wurde durch einen Japaner wieder belebt: Kazuo Soda. Kazuo Soda, Überlebender des Atombombenangriffs auf Nagasaki, kam auf seinen Friedenspilgerreisen seit 1991 fast jährlich nach Köln an die Klagemauer für Frieden  und schenkte den Kölnern im Jahr 2000 die Ausstellung „Die Atombombe und der Mensch“, zusammengestellt vom japanischen Verband der Atombombenopfer. Zur Betreuung dieser Ausstellung bildete sich im Kölner Friedensforum der Arbeitskreis Hiroshima-Nagasaki.

2001 erhielt Kazuo Soda den Aachener Friedenspreis. Dabei sprach er von der Hölle von Nagasaki, vom Tod seiner Schwägerin, deren Körper wahrscheinlich durch 2000 Grad heiße Hitzewellen verdampfte, und er sprach von einem Bruder und von seinen Eltern, die noch Jahre nach der Bombardierung an den Folgen der atomaren Strahlung starben.

„Von den überlebenden Atombombenopfern“ so Kazuo Soda in seiner Aachener Rede,  „sind weniger als 300.000 geblieben. Die meisten von ihnen leiden unter Strahlungsschäden oder leben in der Angst davor, dass Spätfolgen eines Tages ausbrechen.“

Zurück zum Park, den wir hier vor uns sehen: Er hat einen Namen bekommen, zu dem die Begegnung mit Kazuo Soda angeregt hat. Auf Initiative des Kölner Friedensforums heißt er infolge eines Bürgerantrags seit 2004 Hiroshima-Nagasaki-Park.

Im August 2004 lud der gleichnamige Arbeitskreis  zu einem großen Fest der Namensgebung mit zahlreichen Gästen ein. Die Straßenschilder an den Zugängen des Parks erhielten einen Ergänzungstext: „Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. 8. 1945 waren das menschenverachtende Finale des 2. Weltkriegs.“


Motorrad-Friedensfahrt 2010 | Foto: Klaus Müller

Im August 2007 wurde das Mahnmal „Atomwaffen abschaffen“ dort oben auf dem Hügel enthüllt. Auf diesem Gedenkstein befindet sich das in Bronze gestaltete Kranichabzeichen der japanischen Atombombenopfer. Kazuo Soda konnte das Mahnmal aus Gesundheitsgründen leider erst ein Jahr später aufsuchen.
 
In Zusammenarbeit mit dem Kölner Grünflächenamt wurden dort auch drei Bäume gepflanzt: ein Gingko-Baum für die Stadt Hiroshima, eine japanische Kirsche für die Stadt Nagasaki und eine Schwarzpappel für die Stadt Köln.

In Hiroshima sind Gingko-Bäume zu einem Symbol für den Wiederaufbau der Stadt geworden, denn die verkohlten Überreste der durch die Atombombe zerstörten Bäume schlugen Jahrzehnte später wieder aus und es entwickelten sich hieraus neue starke Bäume, die heute das Bild des dortigen Friedensparks und –Museums prägen.

In Frühjahrstagen erstrahlte wie vielerorts in Japan auch die Stadt Nagasaki durch die Blüte zahlreicher Kirschbäume, die nach der Zerstörung durch die Atombombe heute wieder das Frühlingsbild der Stadt prägen.

Ein Geschenk Kanadas von ca. 100.000 Schwarzpappelsetzlingen an die Stadt Köln ermöglichte übrigens nach dem Krieg die Wiederaufforstung vieler Kölner Parks und Grünflächen. Als „Kölner Zypressen“ wurden sie so ein Symbol für den Wiederaufbau Kölns.

Stichwort Stadt Köln. Neben den Friedensgruppen ist auch die Stadt Köln in Sachen Frieden aktiv gewesen.  Denn neben den unsäglichen, kriminellen und katastrophalen Ereignissen im Zusammenhang mit dem U-Bahnbau gibt es eben auch Erfreuliches. Schon 1984 hatte sich Köln per Ratsbeschluss zur „atomwaffenfreien Zone“ erklärt.


Teilnehmer der Friedensfahrt 2010 auf der Domplatte | Foto: Klaus Müller

Ein Jahr später schloss die Stadt sich den „Mayors for Peace“ an. Das Netzwerk war 1982 vom Bürgermeister von Hiroshima gegründet worden und umfasst inzwischen rund 3.400 Mitgliedsstädte in 134 Ländern. Es will weltweit die Solidarität von Städten und ihren Bürgern und Bürgerinnen mit den Opfern der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum Ausdruck zu bringen. Und es will – mit Blick nach vorn! – der Nichtweiterverbreitung und weltweiten Abschaffung von Atomwaffen Gehör verschaffen. Mitglieder sind neben 340 deutschen Kommunen auch die Kölner Partnerstädte Barcelona, Cork, Peking, Rotterdam, Turin und Wolgograd.

40 Jahre nach dem 1970 geschlossenen Atomwaffensperrvertrag wurde in diesem Jahr die Kampagne „Für eine Zukunft ohne Atomwaffen!“ gestartet. Die „Mayors for Peace“ haben sie zusammen mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen auf den Weg gebracht. Anlass ist die im Mai stattfindende Überprüfungskonferenz des Nichtweiterverbreitungsvertrags von Atomwaffen.

Der Kölner Arbeitskreis Hiroshima-Nagasaki im Kölner Friedensforum hat mit Freude zur Kenntnis genommen, dass Oberbürgermeister Jürgen Roters die Kampagne unterstützt und die folgenden Forderungen an die Bundesregierung und die NATO unterschrieben hat:

- Abzug der letzten Atomwaffen aus Deutschland,
- Stopp aller Modernisierungspläne für Atomwaffen,
- „Nein“ zu Atomwaffen in der neuen Nato-Strategie,
- Verzicht auf den Ersteinsatz von Atomwaffen und
- Sicherheitsgarantien der Atommächte gegenüber allen
  Nicht-Atomwaffenstaaten.

Liebe Friedensfreundinnen und -freunde!

Neben den Bürgermeistern sind aus gutem Grund auch Nichtregierungsorganisationen mit im Bündnis. Ohne den weltweiten Druck von unten gibt es keine entscheidenden Fortschritte. Dazu gehören auch kleine und kleinste Friedens-Organisationen und -gruppen. Bleiben wir also weiterhin wachsam und aktiv – und spätestens beim nächsten Ostermarsch wieder unterwegs – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Mopped!

Ich denke an die, die jetzt den Atomstandort Büchel umrunden und wünsche ihnen, euch und uns allen hier noch eine gute Fortsetzung des heutigen Ostermarschtages! (PK)

Klaus Schmidt, geb. 1935, ist Theologe, Historiker und Publizist. Seit 50 Jahren beim Ostermarsch dabei. In den Siebziger Jahren war er evangelischer Studentenpfarrer, Vorsitzender des außerparlamentarischen „Republikanischen Clubs“ und Mitwirkender beim Politischen Nachtgebet in Köln.
Seine Bücher zu 1848/49: „Gerechtigkeit, das Brot des Volkes. Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie.“ Stuttgart 1996;
„Kanzel, Thron und Demokraten. Die Protestanten und die Revolution 1848/49 in der preußischen Rheinprovinz.“ Köln 1998;
„Mathilde und Fritz Anneke. Aus der Pionierzeit von Demokratie und Frauenbewegung: Eine Biographie.“ Köln 1998; Franz Raveaux.
„Karnevalist und Pionier des demokratischen Aufbruchs in Deutschland.“ Köln 2001; „Andreas Gottschalk. Jüdischer Protestant, Armenarzt und Pionier der Arbeiterbewegung.“ Köln 2002.
„Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland“, Köln 2007

Online-Flyer Nr. 244  vom 07.04.2010

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