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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Ein Spaziergang durch den neuen Stadtteil 'HafenCity'
Das koloniale Herz Hamburgs
Von Jokinen

Auf der Kornhausbrücke, dem Tor zum Hafen, würdigt Hamburg die Symbolgestalten der frühen Welteroberung. Auf der nördlichen Seite stehen hoch oben auf dem Sockel die Sandsteinfiguren Christoph Columbus und Vasco da Gama samt Weltkarte und goldenem Schwert. Die Statuen der Weltsegler Fernando Magellan und James Cook, die den südlichen Brückenkopf umrahmten, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.


Auf der Kornhausbrücke – Vasco da Gama
Fotos: Jokinen
Die Kornhausbrücke wurde 1887 in der Hochzeit der kolonialen Eroberung des afrikanischen Kontinents gebaut. Die hanseatische Kaufmannselite hatte im Vorfeld der Berliner Afrika-Konferenz 1884/1885 mit starker Lobbyarbeit wesentlich zur Gründung der reichsdeutschen Kolonialmacht beigetragen. Die vier Erobererstatuen sind an prominenter Stelle Sinnbilder dieser 'Pionierleistungen' europäischer Expansion, in deren Kielwasser sich Hamburgs Handelsherren sahen.

Gleich über die Brücke zur Elbe hin breitet sich eine von Europas größten innerstädtischen Baustellen aus: die 'HafenCity'. Der Spaziergänger schlendert an den neu gebauten 'Humboldthaus' und 'Vespuccihaus' vorbei, den 'Kaiserkai' entlang zum Café 'KaiserPerle'. Der Stadtraum öffnet sich zu den gerade fertig gestellten Plätzen, die 'Marco-Polo-Terrassen' und 'Magellan-Terrassen' getauft wurden. Auf dem 'Vasco-da-Gama-Platz' suggeriert ein Schriftzug an einer frisch gemauerten Wand, dass der Geehrte schlicht 'ein portugiesischer Seefahrer' war.
 
Vielen entgehen die neokolonialen Zeichen nicht: so protestierten das Eine Welt Netzwerk Hamburg und Kunstschaffende gegen die imperialen Namen im Stadtraum. Bislang allerdings vergeblich.
 
Kürzlich legte Hamburgs Bürgermeister den Grundstein für das Überseequartier. Ole von Beust: „Hier schlägt künftig das Herz der Hafencity." Bis 2011 sollen Wohnungen, Büros, Geschäfte, ein Luxushotel, ein Science Center und ein Kreuzfahrtterminal entstehen.


Der Wohnkomplex 'Marco Polo Tower' in
der 'HafenCity'
Überseequartier? Der Name erzeugt Fernweh. Doch in Hamburg ist 'überseeisch' traditionell auch ein beschönigendes Synonym für 'kolonial'. So wundert es nicht, dass die neuen Gebäude Namen ehemaliger Kolonien und einst besonders gewinnbringender Kolonialwaren tragen sollen. Bauten werden nach den Kaffeesorten 'Java', 'Arabica' und 'Pacamara' benannt. 'Cinnamon' wird eine Ladenpassage, 'Palisander' ein Einkaufszentrum, und im 'Silk' ziehen Büros ein.
 
Wie ein Schiffsrumpf wird das Gebäude 'Linnen' an der Überseeallee raus ragen. Unwillkürlich erinnern Name und Kontext an die Tauschware, die eine zentrale Rolle im transatlantischen Dreieckshandel mit Sklaven spielte. Und wohin sollen die Gedanken gelenkt werden bei Bauten, die exotisierend 'Virginia', 'Ceylon' und 'Sumatra' heißen? Hin zu 'überseeischen Besitzungen', den europäischen Kolonien in Amerika und Asien? Zu Plantagenwirtschaft und Zwangsarbeit, von denen die Handelsherren profitierten?
 
Firmiert die 'HafenCity' jetzt als überdimensionaler Kolonialkrämerladen? Oder könnte es doch noch Einsicht geben, Straßen, Plätze, Denkmäler denjenigen zu widmen, die Opfer des von Hamburg aus maßgeblich betriebenen Kolonialismus wurden? Und denjenigen, die Widerstand leisteten gegen die ausgreifende Macht ?

Eine Liste von Straßennamen und Orten in Hamburg, die in Verbindung mit der kolonialen Stadtgeschichte stehen, die Sklavenhändler, Profiteure des Sklavenhandels und des Kolonialismus würdigen, an global agierende Kaufmänner und ihre Residenzen, an Kolonialoffiziere und Befehlshaber, an Hafenorte, koloniale Handelsniederlassungen und an Kolonialwaren erinnern, finden Sie unter www.afrika-hamburg.de/hafencity (PK)





Vor 10 Jahren eröffnet – einen Steinwurf entfernt von der  'HafenCity'


Weiter in der Innenstadt ein Feinkostladen samt dienstbarem 'Sarotti Mohr’ im Regal...


'Colonialwarenmarkt' auf dem Burchardplatz

Die Autorin ist bildende Künstlerin und Kuratorin - Beteiligende Kunst im öffentlichen Raum zur postkolonialen, transkulturellen Erinnerung und performative Stadtrundgänge.
Ausstellungen und Projekte in Deutschland und international, u.a. in 
Tansania und Ghana. Weitere Infos www.afrika-hamburg.de,
www.wandsbektransformance.de und www.afrika-hamburg.de/parkd.k.html für
einen postkolonialen, vernetzenden Erinnerungsort in Hamburg.


Online-Flyer Nr. 236  vom 10.02.2010

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