NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 07. Juli 2020  

Fenster schließen

Lokales
Kölner Whistleblower-Netzwerk lädt zur Gründung einer Selbsthilfegruppe ein
Zivilcourage am Arbeitsplatz?
Von Peter Kleinert

„Mißstände und gemeinschädliches Verhalten am Arbeitsplatz sind leider keine Seltenheit“, heißt es in einem Kölner Gründungsaufruf des Whistleblower-Netzwerks. “Whistleblower“ heißen in Großbritannien und in den USA Menschen, die Zivilcourage zeigen und auf Mißstände am Arbeitsplatz hinweisen. Unter dem Titel „Zivilcourage am Arbeitsplatz?“ laden jetzt die Selbsthilfe-Kontaktstelle Köln des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und das Whistleblower-Netzwerk für Dienstag den 26. Januar 19 Uhr, zum Gründungstreffen einer Selbsthilfegruppe am Marsilstein 4-6 ein.
Guido Strack, seit 2006 Vorsitzender des Whistleblower-Netzwerks e.V., berät Menschen, die auf der Arbeit Fragwürdiges und Unrechtes entdeckt haben und nicht wissen, wie sie mit diesem Wissen umgehen sollen. Beobachter von fragwürdigem Verhalten in Betrieben, so erklärt er, wüßten oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. „Sie wollen Kollegen nicht verraten, sich mit Vorgesetzen, die z.B. mit unsauberen Methoden Gewinne schönen, nicht anlegen, haben Angst vor Repressalien oder meinen, es würde sich auch nach einem Hinweis ohnehin nichts ändern.“
 
Watergate-Affäre
 
Während in Deutschland Arbeitnehmer, die rechtswidriges Handeln von Arbeitgebern oder Vorgesetzten aufdecken, mit Mobbing oder gar mit einer fristloser Kündigung rechnen müßten, seien Whistleblower in Großbritannien, den USA und anderen Ländern vor Kündigungen und Repressalien gesetzlich geschützt. In der öffentlichen Wahrnehmung genießen nach seiner Kenntnis Whistleblower, denen man die Aufdeckung vieler Affären verdanke – bis hin zur Watergate-Affäre, durch deren Aufklärung am 9. August 1974 der Rücktritt Präsident Nixons von seinem Amt erreicht wurde – „im Ausland oft ein viel größeres Ansehen als jene, die in Deutschland immer noch als Nestbeschmutzer oder Denunzianten verunglimpft werden“.
 

Guido Strack - Vorsitzender des 
Whistleblower-Netzwerk e.V.
Quelle: www.whistleblower-netz.de
Seine Feststellung und die seiner Whistleblower-Vorstandskollegen, Professor Dr. Johannes Ludwig und Werner Borcharding, im Kölner Gründungsaufruf lautet deshalb: „Zivilcourage am Arbeitsplatz zeigen, Kritik richtig äußern und auf Mißstände so hinweisen, dass diese und nicht die eigene Karriere ein Ende finden, ist risikoreich und erfordert Mut. Aber auch Wegsehen ist, spätestens wenn sich Mißstände wiederholen und verschärfen, oder sich das eigene Gewissen rührt, für Beobachter keineswegs unproblematisch. Erschwerend kommt hinzu, dass Menschen die vor der schwierigen Entscheidung stehen, was sie tun sollen, oder jene, die nach ihrem Whistleblowing Repressalien erleiden, bisher oft keine Ansprechpartner oder gar Unterstützer haben. Zumindest letzteres soll sich in Köln durch die Gründung einer Selbsthilfegruppe jetzt ändern.“ Die Teilnahme an dem Gründungstreffen der Selbsthilfegruppe ist ausschließlich Betroffenen vorbehalten.
 
Wahrung der Anonymität
 
In einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung und unter Wahrung der Anonymität werde in dieser Selbsthilfegruppe die Möglichkeit bestehen, „los zu werden, was auf der Seele brennt, vor Zuhörern, die dies auf Grund eigener Erfahrungen nachvollziehen können“. Außerdem würden die Teilnehmer einander, indem sie über sich und ihre eigenen Erfahrungen sprechen werden, „einen Kreativitäts- und Ideenpool, aus dem ohne Bevormundung Lösungsansätze für die geeignete Vorgehensweise gewonnen werden können. Es geht um Unterstützung und Solidarität, damit jeder die Möglichkeit hat, seine ‚Batterien’ wieder auftanken zu können, die durch den Konfliktherd Arbeitsplatz zerschlissen werden.
 
Das Whistleblower-Netzwerk ist ein 2006 gegründeter, bundesweit tätiger, gemeinnütziger Verein mit Sitz in Köln, der sich für Whistleblower und solche Menschen einsetzt, die es werden wollen. Politisch fordert der Verein die Schaffung von speziellen Regelungen zum Schutz von Whistleblowern in Staat und Wirtschaft und hat hierzu einige konkrete Vorschläge entwickelt, die 2008 im Rahmen einer Anhörung auch im Bundestag vorgestellt, von der jetzigen Regierungskoalition aber abgelehnt wurden. Whistleblower-Netzwerk e.V. berät außerdem Arbeitgeber und Betriebsräte, die Whistleblowing als Frühwarnsystem fördern und gemeinsam mit ihren Mitarbeitern verantwortliche Risikovorsorge betreiben wollen. Über seine Webseite www.whistleblowernet.de bietet der Verein vielfältige Informationen rund um das Thema Whistleblowing, vor allem aber Beratung, Vernetzung und Hilfestellung für Betroffene.
 
Eigene Erfahrungen
 
Sein Thema kennt Strack nicht nur von der juristischen Warte, sondern auch aus eigenem Erleben. Er war nach dem Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Trier als Jurist zunächst beim Bundeswirtschaftsministerium in Bonn tätig. Von 1995 bis 2005 war er Beamter bei der EU-Kommission in Luxemburg. Dort machte er das Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF) auf Unregelmäßigkeiten in seiner Dienststelle aufmerksam. OLAF leitete auch eine Untersuchung ein, stellte diese aber nach 1 1/2 Jahren ohne Ergebnis ein. Der Europäische Ombudsmann stellte hierbei ein Fehlverhalten von OLAF fest. Guido Strack erhob daraufhin Klage bei Europäischen Gericht 1. Instanz, um die Unrechtmäßigkeit dieser Einstellung feststellen zu lassen. Trotz der im Beamtenstatut vorgesehen Whistleblowerschutzbestimmung haben das EuG und der Europäische Gerichtshof ihm aber das Recht auf Überprüfung der Einstellungsentscheidung abgesprochen.
 
In der Folge seines Whistleblowings ist Guido Strack mittlerweile aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Er hat weitere Klagen vor den Gerichten der Europäischen Gemeinschaften angestrengt, in denen z.B. auch die Rechtswidrigkeit seiner Beurteilung und seiner Nichtbeförderung festgestellt wurden. Zahlreiche weitere Klagen sind derzeit noch anhängig.

Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst hat Guido Strack im Weiterbildungsstudiengang Wirtschaftsjurist an der Universität Köln den Magister des Wirtschaftsrechts erworben und beim Friedensbildungswerk Köln eine Ausbildung zum Mediator abgeschlossen. Er setzt sich im Whistleblower-Netzwerk für effektiven Whistleblowerschutz ein. (PK)
 
Kontakt: info@whistleblower-netz.de, Homepage: www.whistleblower-netzwerk.de  

Online-Flyer Nr. 233  vom 20.01.2010



Startseite           nach oben