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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Literatur
Kurzgeschichte
Die Beerdigung
Von Katja Kutsch

Manchmal war es wie in diesen Spukfilmen. Seine Gegenwart konnte man spüren, auch wenn er nicht anwesend war. Es reichte ein Foto, um sich unter seinem strengen Blick unwohl zu fühlen, und bisweilen brauchte man nicht mal ein Bild, dann war es nur die Erinnerung, ein Gegenstand oder ein Wort. Wenn der Postbeamte zum Beispiel Grüß Gott sagte, war das ein Fausthieb in Richtung Magen. Ich zuckte jedes Mal tief getroffen zusammen und brachte nicht mehr als ein Nicken zustande. Der arme Mann in seinem blauen Hemd zischte das scharfe S nämlich genau so schlangenhaft wie mein Großvater, und seine Beerdigung war nicht nur für mich auch eine Erleichterung.

Die Wagen, die vor dem Zaun mit der Buchsbaumhecke parkten, waren alle von Opel, eine der vielen Traditionen, die wohl aussterben würden, jetzt da er uns nicht mehr diktieren konnte, welches Auto man zu kaufen hatte. Da war ich mir sicher. Wir fuhren nun aber noch gemeinsam damit vor, mit Astras, Corsas und auch Kadetts, um ihn zu verabschieden, oder vielleicht auch, um sicher zu gehen, dass er tatsächlich gestorben war. Die Sonne wärmte unsere gesenkten Köpfe auf dem Weg zur Kapelle, und als wir auf den Bänken Platz nahmen, zupften wir die klebrigen Kostüme zurecht und fächerten uns Luft zu, bis der Pfarrer nach vorne trat, um gemeinsam mit uns für die Seele des Verstorbenen zu beten. Ein guter Mann sei er gewesen. Zwei Kinder und eine Frau habe er versorgt. Für den Bau des neuen Kirchturms habe er außerdem gesammelt und dem Herrgott viel Freude bereitet. Deshalb nun sei er hinauf in den Himmel berufen worden, bekräftigte der Pfaffe.

Quatsch, dachte ich, der Herrgott war einsichtig und hat die Familie von dem Tyrannen mit dem buschigen Bart, der jede Möglichkeit eines Lächelns versteckt hielt, befreit. Vor allem mich. Wenn mein Großvater und ich uns begrüßten, hatte ich immer das Gefühl, ich öffnete einen Kühlschrank, und wenn er mich wieder und wieder fragte, warum ich denn ein zweites Studium anfing, wo ich doch das erste nicht einmal beendet hatte, wippten die Spitzen seiner Schuhe unruhig auf und ab, so als wäre er ein Soldat, der wusste, dass die Befragung des Feindes ohnehin zu keinem Ergebnis führen würde und meine Erschießung längst beschlossen war. Und überhaupt, warum ich denn als junger Mann in meinem Alter noch keine Familie gegründet hätte. Meine Rechtfertigung, dass die Richtige, und ich dachte dabei an die süße Bedienung aus meiner Stammkneipe, mich eben noch nicht erhört hatte, tat er mit einem verächtlichen Lachen ab. Nicht nur bei mir verursachte er mit diesem Lachen Angst und Magenschmerzen.

Mein Vater schluckte, als der Pfarrer von der Großherzigkeit seines Vaters sprach, und meine Mutter zog eine Grimasse. Ich selbst musste vor lauter Sarkasmus grinsen, meine Großmutter aber wirkte elend. Ihre trüben grauen Augen blickten, als würde sie einen andauernden Frost erwarten, weshalb ich sie stützte, als wir etwas später hinter den Sargträgern hinaus ins gleißende Licht traten. Ein Wetter, um Könige zu zeugen, murmelte mein Onkel fröhlich und untertrieb fast damit. Die Vögel opferten ihre feinen Stimmen über dem Trauermarsch, es blühte auf allen Gräbern und die Luft roch nach unendlichem Grün. Niemand schien den eigentlichen Anlass unseres Spaziergangs noch ernst zu nehmen, meine Großmutter aber folgte dem Pfarrer mit einer Gänsehaut auf den Armen. Hoffentlich schafft sie das, dachte ich, denn im Gegensatz zu meinem Großvater liebte ich meine Großmutter wie verrückt. Ihr Lächeln, ihre gefüllten Keksdosen und ihr Herz, die größte aller Keksdosen, für alle offen, die ein bisschen Trost brauchten. Ich drückte sie fest an mich, als wir die letzten Schritte, sie mit ihrem verkrüppelten Fuß etwas langsamer, taten und hielt vor dem Sarg noch ihre kalte Hand. Wir blickten alle stumm und betreten, so gut wir unsere Freude eben zurück halten konnten, auf unsere Füße, als wir uns plötzlich inmitten eines Unglücks wieder fanden. Einem der Sargträger glitt der Gurt aus den verschwitzten Fingern. Seine Partner, hagere Typen, so richtige Totengräber, taumelten, der Sarg kippte, die Hände flogen hinterher, versuchten, die Riemen zu greifen, aber es war zu spät. Mein Großvater verabschiedete sich mit einem Knall in die Tiefe, mein Onkel grinste, und meine Großmutter brach in Tränen aus, so heftig, als habe man ihre ganze Trauer gerade erst aus dem Schlaf geholt. Sie schaffte sich hinter eine der großen Eichen am Zaun, setzte sich ins Gras und trocknete die Tränen an ihrem Schal, bei dessen Anblick wir uns alle gefragt hatten, warum sie ihn trug. Er leuchtete rot wie Klatschmohn und war aus engmaschig gestrickter Wolle. Bei dieser Hitze auch noch. Ich setzte mich neben sie und fragte, um sie von ihrem Schrecken abzulenken, woher sie denn diesen schönen Schal hätte, und meine Großmutter strich langsam mit ihrer Wange daran entlang, als liebkoste sie das Fell ihres Katers.

Dein Großvater hat ihn mir vor langer Zeit einmal geschenkt, damit ich endlich mit ihm ausgehe, flüsterte sie, zog ihren schwarzen Rock etwas höher und zeigte auf den rechten Schuh, der klobiger war als der linke. Wegen des Klumpfußes. Das hätte ihn aber nie gestört, da wäre er damals der Einzige gewesen, sagte sie, und oft tat er sogar so, als wären die Füße gleich.

Wow, sagte ich und winkte den anderen zu, damit sie uns alleine ließen, während ich erstaunt lauschte, wie mein Großvater meine Großmutter beim Tanzen hochhob, damit sie überhaupt zusammen tanzen konnten. Jeden Abend hätten sie das gemacht, im Schlafzimmer und auch in der Küche. Tanzen, trotz dieses Fußes.

Ich hätte meine Großmutter gerne tanzen gesehen, dachte ich, als ich die Bedienung aus meiner Stammkneipe Wochen später übers Parkett schob. Ich schenkte ihr einen blauen Seidenschal, einfach so zwischen Bier und Korn, und sie ging dafür mit mir aus, weil ich, wie sie lachend sagte, wohl verrückt, aber romantisch und damit eine echte Rarität sei. Ich verbot es mir strikt, dem alten Oberfeldwebel posthum für irgendetwas dankbar zu sein und stellte trotzdem, ich wusste zuerst wirklich nicht warum, ein Bild von ihm auf meinen Schreibtisch. Ein brauner Holzrahmen mit einem Keil dahinter und darin sein finsteres Gesicht, das mir immer noch Magenschmerzen bereitete. Jeden Morgen bestand meine erste Aufgabe darin, dem strengen Blick eine mutige Stirn zu bieten, meine Großmutter aber strahlte, wenn sie mich besuchen kam, und ihr Lächeln allein schien mir die Mühen eines Tages Wert zu sein.


Katja Kutsch
Foto: privat                     
                       
Katja Kutsch, geboren 1976, lebt und arbeitet in Hürth bei Köln. Seit 1987 veröffentlichte sie in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien. Die Autorin erhielt Preise für ihre Literatur, erreichte den 3. Platz beim Holzhäuser Heckethaler 2004 für „Schützenfest“ und den 1. Platz beim DeLiA-Kurzgeschichtenwettbewerb 2006 für ihre Erzählung „Luftschloss“.

Eigene Publikation: „Schützenfest“, Erzählungen
(Verlag Landpresse, 80 Seiten, ISBN: 3-935221-75-4)

Die Kurzgeschichte "Die Beerdigung" erscheint hier als Erstveröffentlichung.

(GW)


Online-Flyer Nr. 220  vom 21.10.2009

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