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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Medien
Die neue Angst der USA vor einem Anti-Amerikanismus alter Prägung
Obama, Bertelsmann und Goebbels
Von Professor Rudolph Bauer

Hierzulande weitgehend unbemerkt, findet in den USA eine Diskussion statt, die – in beinahe schon gereizter Weise – vor dem Aufleben eines deutschen Anti-Amerikanismus warnt, dessen geschichtliche Wurzeln auf den Nazi-Propagandaminister Josef Goebbels zurückdatiert werden.

Reinhard Mohn – gründete die Bertelsmann
-Stiftung und erhielt das Große 
Bundesverdienstkreuz
Quelle: Bertelsmannstiftung
Ins Visier der Warner aus den Vereinigten Staaten gerät dabei auch der deutsche Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann AG sowie die von Firmenchef Reinhard Mohn ins Leben gerufene Stiftung und deren transatlantischer Ableger mit Sitz in New York: die Bertelsmann Foundation. Letztere hat sogleich nach der siegreichen Wahl Barack Obamas und bereits vor dessen Vereidigung ein „Trans-Atlantic Briefing Book“ (siehe www.bertelsmannstiftung.de) mit politischen Ratschlägen – das PONS-Wörterbuch übersetzt „briefing“ mit „Anweisungen“, „Instruktionen“ – für den neuen US-Präsidenten veröffentlicht und in Washington offiziell vorgestellt.
 
Hervorragender Wegweiser
 
Das Briefing-Buch hat bei etlichen Publizisten in den USA den Eindruck erweckt, Europa und insbesondere Deutschland versuchten in unangemessener – wörtlich: arroganter – Weise, ihrem neuen Präsidenten Instruktionen zu geben und Einfluss auszuüben auf die neue US-Administration unter Barack Obama. In einer Pressemitteilung vom 14. November 2008 verlautbarte aus dem Hause Bertelsmann, das „Trans-Atlantic Briefing“ sei ein hervorragender Wegweiser für den neuen Chef im Weißen Haus: „Wenn Barack Obama im Januar sein Amt übernimmt, hat er eine klare Vorstellung von dem, was die Europäer von ihm erwarten und welche außenpolitischen Akzente die Partner jenseits des Atlantiks setzen.“ Das Briefing-Book fasse „Politikempfehlungen für den neuen US-Präsidenten und sein Team aus europäischer Sicht zusammen“. Es entwerfe „eine pragmatische und operative Agenda für die wichtigsten Themen der ersten Monate des Jahres 2009“ und könne von der neuen Administration als Informations- und Beratungsquelle genutzt werden.
 
Gefeierte Autoren von Random House
 
Mit dem "Trans-Atlantic Briefing Book", so die Pressemitteilungen aus Gütersloh und Washington, „möchte die Bertelsmann Stiftung einen Beitrag für einen konstruktiven Neustart der transatlantischen Beziehungen leisten“. Um dies zu unterstreichen, waren zur Veröffentlichung des Briefing-Buches Vertreter der Washingtoner "Strategic Community" eingeladen und erschienen. Einzelne Positionen des Briefing-Buches wurden kommentiert vom Botschafter der Europäischen Kommission in den USA, John Bruton, vom Abgeordneten des Staates Missouri im Repräsentantenhaus, Russ Carnahan, und von Tom Pickering, einem ehemaligen Unterstaatssekretär für Political Affairs.
 
Die Gefahr, dass sich der neu gewählte US-amerikanische Präsident zu sehr auf die Anweisungen aus Gütersloh stützen könnte, sehen Publizisten in den Vereinigten Staaten nicht zuletzt darin begründet, dass sowohl Obama als auch Bill Clinton, der Gatte von US-Außenministerin Hillary Clinton, zu den in den Bertelsmann-Medien gefeierten Autoren der Unternehmenstochter Random House gehören (siehe http://pajamasmedia.com/blog/what-bertelsmann-wants-from-obama/). Bill Clinton habe für seine Autobiographie „My Life“ (deutsch: „Mein Leben“) mehr als 10 Millionen Dollar von Random House/Bertelsmann, seinem „deutschen Zahlmeister“ (John Rosenthal), erhalten.
 
Zur „Obamamanie“ beigetragen
 
Bestens verkauft hätten sich auch die unter Obamas Namen bei Random House erschienenen Bücher (deutsch: „Ein amerikanischer Traum“ und „Hoffnung wagen“), für die der Verlag riesige Werbesummen investiert hat. Die Bertelsmann AG, deren Verlagszweig Random House freilich auch politisch anders ausgerichtete US-Autoren wie den republikanischen Kandidaten John McCain publizierte, habe in Europa und besonders in Deutschland nicht unerheblich – und zwar massenpropagandistisch – zum Entstehen der „Obamamanie“ beigetragen.
 
Aus Sicht der Obama-Kritiker in den USA wird in diesem Zusammenhang einerseits an die Nazi-Vergangenheit von Bertelsmann erinnert. Andererseits wird aktuell auf die zu Bertelsmann gehörende Verlagsgruppe Gruner + Jahr verwiesen sowie auf die Rolle der TV-Medien der Bertelsmann-Tochter RTL Group. Vor allem die bei G + J erscheinende Illustrierte „Stern“, aber auch das Wochenmagazin „Der Spiegel“ sind in das Correctness-Visier US-amerikanischer Publizisten geraten. Sie warnen vor einem neuen deutschen Anti-Amerikanismus, der sich nicht zuletzt in den zur aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise veröffentlichten Titelgeschichten dieser Blätter äußere.
 
Neuer deutscher Anti-Amerikanismus
 
Als anti-amerikanisch angeprangert werden beispielsweise zwei „Stern“-Titelseiten aus jüngster Zeit (siehe http://medienkritik.typepad.com/blog/2004/10/stern_antiameri.html). Die eine Titelseite weckt den Eindruck, dass allein die Bosse der US-Wall-Street die Finanzkrise verschuldet hätten. Die Überschrift lautet: „Gier und Größenwahn. Wie die Wall-Street-Bosse Milliarden verzockten und unser (sic!) Finanzsystem an den Abgrund führten“. Die andere Titelseite trägt die Schlagzeile „Methode Wild-West“ und zeigt einen gespornten, mit Sternenbannersymbolen geschmückten Cowboy-Stiefel, der das aus Arbeitern zusammengesetzte Firmenlogo der deutschen GM-Tochter Opel am Boden zertritt. Der US-Kommentar zitiert dazu Josef Goebbels aus dem Jahre 1934: “Today one can say without exaggeration that Germany is a model of propaganda for the entire world. We have made up for past failures and developed the art of mass influence to a degree that puts the efforts of other nations into the shadows.”
 
Einige der Beobachter aus den USA gehen so weit, auch aus der Titelgestaltung des Wochenmagazins „Der Spiegel“ anti-amerikanische Tendenzen herauszulesen. Die „Spiegel“-Ausgabe 40/2008 suggeriere den Lesern, „Der Preis der Überheblichkeit“ (ergänze: der USA) müsse hierzulande teuer bezahlt werden. Ebenfalls den Vereinigten Staaten angelastet werde „Der Jahrhundertfehler“, mit dessen für Deutschland und Europa ökonomisch nachteiligen Folgen sich die „Spiegel“-Ausgabe 11/2009 befasst. 

 
Nazi-Vergangenheit
 
Auf der anderen Seite, gleichsam kompensatorisch zum negativen Amerika-Image, titelte „Der Spiegel“ in „obamamanischer“ Euphorie: „Obamas bester Mann“ (2/2009), gemeint war die Frau des Präsidenten, und „Der Weltpräsident“ (46/2008), gemeint war Obama höchstpersönlich. Kaum auszudenken, welches das Schicksal des „Weltpräsidenten“ sein wird, wenn auf ihn der Verdacht fällt, die politischen Ratschlägen der Stiftung eines deutschen, mit Nazi-Vergangenheit belasteten Konzernherrn zu befolgen, der einem Unternehmen vorsteht, dessen Töchter sich als „anti-amerikanisch“ outen. (PK)
 
Rudolph Bauer (geboren 1939 in Amberg/Oberpfalz) war bis 2002 Professor für Sozialpädagogik/Sozialarbeitswissenschaft an der Universität Bremen. Er ist wissenschaftlicher und literarischer Autor, Essayist, Publizist und Bildender Künstler. 
Kontakt: www.rudolph-bauer.de, rudolphbauer@aol.com 

Online-Flyer Nr. 191  vom 01.04.2009

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