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Kultur und Wissen
Protagonisten der 1848er-Revolution im Rheinland – die Annekes, Teil 1
Mathilde Franziska und Fritz Anneke
Von Klaus Schmidt

Mathilde F. Anneke
Mathilde Franziska, geborene Giesler, stammt aus einem Ort bei Sprockhövel. Sie hatte sich nach einer unbeschwerten Kindheit, doch der nachfolgenden, durch Fehlspekulationen des Vaters verursachten Verarmung der Familie, nach kurzer Ehe von ihrem reichen, aber trunksüchtigen Edelmann scheiden lassen. Der 22jährigen Alleinerziehenden hatte der mühsam durchgefochtene Scheidungsprozess die Augen über die politische Wirklichkeit in Preußen geöffnet.

Fritz Anneke in späteren Jahren in den USA
In Münster begann sie publizistisch tätig zu werden, veröffentlichte Almanache mit Gedichten von Nikolaus Lenau und Ferdinand Freiligrath, verfasste Artikel für die „Augsburger“ und die „Kölnische Zeitung“ sowie ein Theaterstück, das in Münster aufgeführt wurde. Weil sie hier an Versammlungen eines Demokratischen Vereins teilnahm, wurde sie in konservativen Kreisen bald als „Kommunisten-Mutter“ beschimpft. Diesem Verein gehörte auch der ehemalige Leutnant Fritz Anneke an. Er hatte es abgelehnt, sich mit einem verlogenen Offizier zu duellieren, hatte derartige Ehrenstreitigkeiten als „kindisch“ und Ausdruck von „Standesdünkel“ bezeichnet und war deshalb, eigentlich aber wegen seiner demokratischen Gesinnung, „unehrenhaft“ aus dem preußischen Heer entlassen worden.
Ein „ästhetisches Kränzchen mit lauter Communisten“
Beide heiraten und lassen sich im Juni 1847 in Köln nieder. Fritz Anneke findet eine Anstellung als Sekretär bei der Feuerversicherungsgesellschaft „Colonia“. Der mit ihnen befreundete Armenarzt und Demokrat Andreas Gottschalk hilft ihnen über ihre finanziellen Anfangsschwierigkeiten hinweg und führt sie in die Gesellschaft „Eintracht“ ein, in der Liberale und Kommunisten gemeinsam agieren.
Im September 1847 schreibt Mathilde Anneke ihrer Mutter und ihren Geschwistern einen Brief, in dem sie sich ähnlich wie Gottschalk über das mit ihm gemeinsam gegründete „Kränzchen“ äußert: „Wir sehen uns täglich, haben zusammen wöchentlich zweimal ein ästhetisches Kränzchen von lauter Communisten.
August Willich als Brigadegeneral im US-
amerikanischen Bürgerkrieg
Ha! Münster bekommt ein Schaudern; hier sind die Kommunisten sehr beliebte Leute.“ Ein Barbier, ein Schuster und ein Poet gehören ebenfalls diesem Zirkel an. Im Dezember kommt der wegen seines Eintretens für Anneke in Ungnade gefallene Kompaniechef August von Willich hinzu, der nach seiner Strafversetzung und nachfolgendem Ausscheiden aus dem Heer nach Köln umgesiedelt ist. Um dem arbeitenden Stand möglichst nahe zu sein, geht er bei einem Bauschreiner in die Lehre. Sein Verzicht auf militärische Privilegien macht laut Fritz Anneke einen „gewaltigen Eindruck auf die Handwerker“.
Die Märzbewegung in Köln
Im Februar 1848 bringt die „Kölnische Zeitung“ die sensationelle Nachricht, nach Barrikadenkämpfen in Paris sei der Thron des französischen Königs Louis Philippe öffentlich verbrannt und Frankreich zur Republik erklärt worden. In Mannheim fordern Demokraten Grundrechte und die „sofortige Herstellung eines deutschen Parlaments“. Gustav Mevissen, Mitgründer der Rheinischen Zeitung und jetzt liberaler Wortführer beim Rheinischen Provinziallandtag, sieht in Köln „alles in höchster Bewegung“.

Der Alter Markt in Köln um 1850 – unter der preußischen Oberfläche
brodelt es...
Der württembergische Demokrat Wilhelm Zimmermann, Verfasser einer Geschichte des Deutschen Bauernkriegs und wenig später Mitglied der Deutschen Nationalversammlung, ist hier Augenzeuge. „Die Republik in Frankreich! Ein Blusenmann unter den Häuptern der Regierung! Gleichheit und Brüderlichkeit! Das war für das Kölner Volk zum Entzücken, und die Marseillaise spielte in allen Caféhäusern mit Gesangbegleitung. Umsonst zischten andere darein und ließen zur Sühne das ‚Heil dir im Siegerkranz’ spielen, aber die Musik wurde ausgepfiffen, sie mußte verstummen. Betroffen, Lots Salzsäule gleich, standen die sonst sichersten und erhabensten Leute, die Kaufleute, Banquiers, die Besitzenden, die Personen der feinen Bildung.“

Industrieller Camphausen
Der Kreis um Gottschalk, Anneke und Willich berät nächste Schritte. Spitzel hören mit. „Lieber Freund! Die Vulkane rauchen stärker und stärker!“ schreibt der Bankier Heinrich Merkens am Morgen des 3. März an den Unternehmer Ludolf Camphausen, der inzwischen Mitglied des Vereinigten Landtags in Berlin ist. Recht hat er: Am Nachmittag erscheint Gottschalk, begleitet von Anneke und einer großen Menschenmenge, vor dem Rathaus. Drinnen trägt er dem ängstlichen Rat sechs „Forderungen des Volkes vor“, die dem Rat „für jetzt noch“ zu weit gehen. Draußen kommt es zu turbulenten Szenen. Militär treibt die Menschen auseinander. [1]
Am folgenden Tag werden auch Gottschalk und Anneke wegen „Anreizung zum Aufruhr“ und „Stiftung einer verbotenen Verbindung“ verhaftet, Briefe und Papiere im Zuge der Hausdurchsuchung beschlagnahmt. Den Gemeinderat plagt die Sorge, in den kommenden Karnevalstagen könne „die Aufregung der Bevölkerung zu fremden und strafbaren Zwecken mißbraucht werden“. Einige Zeitungen schlagen vergeblich vor, den Karneval ausfallen zu lassen und so dem Mainzer Beispiel zu folgen. Dort hatte man freilich die Parole ausgegeben: „Kein Karneval, sondern Preßfreiheit und Nationalbewaffnung!“ In Köln verlaufen die närrischen Tage zur Erleichterung der Behörden friedlich.

Andreas Gottschalk um 1848
Graphik: Christian Heinrici
Manche liberale Vertreter des Großbürgertums sprechen zwar im Blick auf die März-Demonstration von „Rädelsführern“, „Pöbel“ und „Communistencliquen“, machen sich aber Forderungen wie die nach freiem Versammlungsrecht und Pressefreiheit durchaus zu eigen. Aus dem Freundeskreis von Gottschalk, Willich und Anneke gelangt eine anonyme Schrift an die Öffentlichkeit, in der das Verhalten der Obrigkeit als Ausdruck „feiger Brutalität“ gegeißelt wird. Was Männer wie Gottschalk und Anneke gewollt hätten, seien „nicht die Freiheiten und Vorrechte eines Lehn-, Geld- und staatsgelehrten Adels, sondern die Freiheit für Alle“.
Am 21. März werden Gottschalk, Anneke und Willich mangels triftiger Anklagepunkte aus dem Gefängnis entlassen. Mathilde Anneke wird sich noch 1876 im US-amerikanischen Exil bei einem Vortrag vor einer deutschen Gemeinde lebhaft an diesen Tag erinnern. „Auf den Straßen Kölns war inzwischen Leben und Bewegung, wie wenn ein Festtag anbräche. Wie ein Feuer hatte die große Nachricht sich durch die Gassen gedrängt. Das Militär in seinen glänzendsten Vertretern von den Hauptwachen kommend, wich uns aus wie von dem schlechtesten Gewissen in den engen Straßen zur Seite gedrängt. An dem Gefängnis angekommen, salutierten die Wachen, die uns vordem mit Kolben den Weg verschlossen hatten, und öffneten die eisernen Tore mit aller Bereitwilligkeit. Unsere Gefangenen, die in ihrer gänzlichen Unwissenheit über die Vorkommnisse der vergangenen Tage den Schlaf der Gerechten schliefen, mußten in ihren Zelten aufgerüttelt werden, um ohne Verzug den Weg in die Freiheit mit uns antreten zu können.“

Ferdinand Freiligrath um 1851
Gemälde von Johann P.
Hasenclever
Die Überraschung steigert sich noch, als ein kleiner Dampfer auf Annekes am Rhein gelegene Wohnung zusteuert. Aus ihm steigt der durch seine Freiheitsgedichte in ganz Deutschland bekannte Ferdinand Freiligrath. Man hatte ihn noch in England vermutet, doch er bereitet in diesen Tagen seinen künftigen Wohnsitz in Düsseldorf vor, und da lag ein Besuch in Köln nahe. „Vom Balkon aus, der über den Fluten hing, hatte ich ihn eintreten sehen“, so Mathilde Anneke. „Lange Jahre vorher schon hatte ich mit dem Dichter meines Heimatlandes Westfalen in Verbindung und momentanem Briefwechsel gestanden. Er war der regsame Mitarbeiter eines von mir redigierten ‚Westfälischen Jahrbuchs’ gewesen. […] Auf der Altane, von der wir einen imposanten Blick über Strom und Land genossen, neben mir und meinem eben befreiten Gatten, saßen der Dichter und die Freunde mit uns vereint.“ (CH)
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der NRhZ die Fortsetzung des Artikels von Klaus Schmidt über die Geschichte der Eheleute Anneke.
[1] Vgl. dazu Klaus Schmidt, „Andreas Gottschalk“, NRhZ Nr. 170 und 171
Online-Flyer Nr. 181 vom 21.01.2009
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Protagonisten der 1848er-Revolution im Rheinland – die Annekes, Teil 1
Mathilde Franziska und Fritz Anneke
Von Klaus Schmidt

Mathilde F. Anneke

Fritz Anneke in späteren Jahren in den USA
Ein „ästhetisches Kränzchen mit lauter Communisten“
Beide heiraten und lassen sich im Juni 1847 in Köln nieder. Fritz Anneke findet eine Anstellung als Sekretär bei der Feuerversicherungsgesellschaft „Colonia“. Der mit ihnen befreundete Armenarzt und Demokrat Andreas Gottschalk hilft ihnen über ihre finanziellen Anfangsschwierigkeiten hinweg und führt sie in die Gesellschaft „Eintracht“ ein, in der Liberale und Kommunisten gemeinsam agieren.
Im September 1847 schreibt Mathilde Anneke ihrer Mutter und ihren Geschwistern einen Brief, in dem sie sich ähnlich wie Gottschalk über das mit ihm gemeinsam gegründete „Kränzchen“ äußert: „Wir sehen uns täglich, haben zusammen wöchentlich zweimal ein ästhetisches Kränzchen von lauter Communisten.

August Willich als Brigadegeneral im US-
amerikanischen Bürgerkrieg
Die Märzbewegung in Köln
Im Februar 1848 bringt die „Kölnische Zeitung“ die sensationelle Nachricht, nach Barrikadenkämpfen in Paris sei der Thron des französischen Königs Louis Philippe öffentlich verbrannt und Frankreich zur Republik erklärt worden. In Mannheim fordern Demokraten Grundrechte und die „sofortige Herstellung eines deutschen Parlaments“. Gustav Mevissen, Mitgründer der Rheinischen Zeitung und jetzt liberaler Wortführer beim Rheinischen Provinziallandtag, sieht in Köln „alles in höchster Bewegung“.

Der Alter Markt in Köln um 1850 – unter der preußischen Oberfläche
brodelt es...
Der württembergische Demokrat Wilhelm Zimmermann, Verfasser einer Geschichte des Deutschen Bauernkriegs und wenig später Mitglied der Deutschen Nationalversammlung, ist hier Augenzeuge. „Die Republik in Frankreich! Ein Blusenmann unter den Häuptern der Regierung! Gleichheit und Brüderlichkeit! Das war für das Kölner Volk zum Entzücken, und die Marseillaise spielte in allen Caféhäusern mit Gesangbegleitung. Umsonst zischten andere darein und ließen zur Sühne das ‚Heil dir im Siegerkranz’ spielen, aber die Musik wurde ausgepfiffen, sie mußte verstummen. Betroffen, Lots Salzsäule gleich, standen die sonst sichersten und erhabensten Leute, die Kaufleute, Banquiers, die Besitzenden, die Personen der feinen Bildung.“

Industrieller Camphausen
Am folgenden Tag werden auch Gottschalk und Anneke wegen „Anreizung zum Aufruhr“ und „Stiftung einer verbotenen Verbindung“ verhaftet, Briefe und Papiere im Zuge der Hausdurchsuchung beschlagnahmt. Den Gemeinderat plagt die Sorge, in den kommenden Karnevalstagen könne „die Aufregung der Bevölkerung zu fremden und strafbaren Zwecken mißbraucht werden“. Einige Zeitungen schlagen vergeblich vor, den Karneval ausfallen zu lassen und so dem Mainzer Beispiel zu folgen. Dort hatte man freilich die Parole ausgegeben: „Kein Karneval, sondern Preßfreiheit und Nationalbewaffnung!“ In Köln verlaufen die närrischen Tage zur Erleichterung der Behörden friedlich.

Andreas Gottschalk um 1848
Graphik: Christian Heinrici
Am 21. März werden Gottschalk, Anneke und Willich mangels triftiger Anklagepunkte aus dem Gefängnis entlassen. Mathilde Anneke wird sich noch 1876 im US-amerikanischen Exil bei einem Vortrag vor einer deutschen Gemeinde lebhaft an diesen Tag erinnern. „Auf den Straßen Kölns war inzwischen Leben und Bewegung, wie wenn ein Festtag anbräche. Wie ein Feuer hatte die große Nachricht sich durch die Gassen gedrängt. Das Militär in seinen glänzendsten Vertretern von den Hauptwachen kommend, wich uns aus wie von dem schlechtesten Gewissen in den engen Straßen zur Seite gedrängt. An dem Gefängnis angekommen, salutierten die Wachen, die uns vordem mit Kolben den Weg verschlossen hatten, und öffneten die eisernen Tore mit aller Bereitwilligkeit. Unsere Gefangenen, die in ihrer gänzlichen Unwissenheit über die Vorkommnisse der vergangenen Tage den Schlaf der Gerechten schliefen, mußten in ihren Zelten aufgerüttelt werden, um ohne Verzug den Weg in die Freiheit mit uns antreten zu können.“

Ferdinand Freiligrath um 1851
Gemälde von Johann P.
Hasenclever
Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der NRhZ die Fortsetzung des Artikels von Klaus Schmidt über die Geschichte der Eheleute Anneke.
[1] Vgl. dazu Klaus Schmidt, „Andreas Gottschalk“, NRhZ Nr. 170 und 171
Online-Flyer Nr. 181 vom 21.01.2009
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Klaus Schmidt: „Mathilde Franziska und Fritz Anneke – Aus der Pionierzeit von Demokratie- und Frauenbewegung“ Köln 1999, Joachim Schmidt von Schwind Verlag, 






