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Aktueller Online-Flyer vom 25. Juli 2016  

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Inland
Wollte Helmut Schmidt wirklich den Einsatz atomarer Landminen verhindern?
„Politik der Verantwortung“
Von Peter Kleinert

Seit einigen Jahren wird Helmut Schmidt nicht müde, darauf hinzuweisen, dass er als Verteidigungsminister atomare Landminen entlang der Grenze zur DDR verhindert habe. Das kann man gelegentlich auch in der Wochenzeitung Die Zeit lesen, wo er seit 1983 Mitherausgeber ist. Und nun hat er ein Vorwort zu dem Buch “Politik der Verantwortung - Das Beispiel Helmut Schmidt“ geschrieben, dessen Autor ihn natürlich auch entsprechend feiert.

Karikatur von Norbert Arbeiter
Karikatur: Norbert Arbeiter

Im "Zeitmagazin Leben" vom 28. November 2007 behauptete der am 23. Dezember 90 Jahre alt  gewordene und von den Medien entsprechend gefeierte “Alt-Kanzler“ beispielsweise unter dem Titel „NATO plante atomare Landminen in Deutschland“: „Als ich 1969 Verteidigungsminister wurde, stieß ich auf Pläne der NATO und der deutschen Militärs, entlang der Zonengrenze auf westdeutscher Seite Hunderte atomarer Landminen zu vergraben.“ Gemeinsam mit seinem damaligen US-Kollegen Melvin Laird habe er „diesen todgefährlichen Unfug" jedoch beseitigen können. „Die damaligen Pläne waren weit gediehen", so Schmidt, doch er „habe gesagt, wenn irgendein kommunistischer Kommandeur in der Verfolgung irgendwelcher flüchtiger Leute über die Grenze rüberkommt, und eine atomare Mine geht hoch, dann heben alle deutschen Soldaten die Hände hoch, dann ist Schluß der Verteidigung."

Am "todgefährlichen Unfug" beteiligt

„Mit diesem "todgefährlichen Unfug" habe ich mich 1973 als junger Pionierhauptmann beschäftigen müssen“, schrieb Wolfgang Effenberger, inzwischen Major der Reserve und Mitgründer eines Friedenskreises, am 7.Dezember 2007 an Helmut Schmidt und die Zeit-Redaktion. „In der Funktion als Mobilmachungssachbearbeiter eines Korps-Pionierbataillons musste ich den General-Defense-Plan umsetzen, während für meine Zweitverwendung als Wirkungsberater die Dienstanweisung u.a. das Erkunden und Vorbereiten von Atomic Demolition Muniton (ADM)-Sperrpunkten vorsah.“ Anfang der achtziger Jahre sei der  Einsatz von ADM sogar „weiter gesteigert“ worden. Die Pioniertruppe habe dafür „modernste Bohrtechnik erhalten, um verrohrbare Bohrungen mit einem Durchmesser von 55 cm bis auf 50 m Tiefe herzustellten. In dieses Bohrloch konnte die passende ADM abgesenkt werden“. Bei der Explosion der Atomminen wären dann „über 200.000 Kubikmeter Erdreich“ in die Luft geschleudert worden „und nach einer Minute als verstrahlter Niederschlag auf Mensch und Tier geregnet. Das potentielle Schlachtfeld Deutschland war jedenfalls bestens präpariert für diese Art des Waffengangs mit dem Feind aus Osten“.

Wolfgang Effenberger
Wolfgang Effenberger | Foto: privat

Da er gerade an einer Publikation über den Kalten Krieg arbeite, würde er sich natürlich „besonders über weitere Informationen bezüglich “atomarer Landminen“ und deren Unterscheidung zur “ADM“ freuen, so Effenberger in seinem Leserbrief. Der wurde weder abgedruckt noch beantwortet, weil sein ehemaliger Verteidigungsminister den Unterschied wohl auch nicht kannte und deshalb 2001 in einem SPIEGEL-Interview erzählt hatte, dass 1970 „die amerikanisch geführte Nato“ diesseits des Eisernen Vorhangs einen atomaren Landminengürtel verlegen wollte. Gegen diese Pläne hätte er als Verteidigungsminister natürlich protestiert und sie letztlich auch verhindern können. [1]

“Raketenlücke“ in Europa „erkannt“

In seinem Buch „Ausser Dienst“ [2] ging Schmidt noch weiter und behauptete auf Seite 30: „Die Löcher waren schon gebohrt“, obwohl, so Effenberger, die Bundeswehr entsprechend schweres Bohrgerät erst Anfang der 70er Jahre erhielt und dann in der Lage war, „zu Zeiten des Kanzlers Helmut Schmidt die notwendigen Löcher für die Atomminen zu bohren“. [3] Gleichzeitig habe Schmidt die “Raketenlücke“ in Europa „erkannt“ und gegen den Protest namhafter NATO-Generäle [4] durchgesetzt, dass als Folge des Doppelbeschlusses in der Bundesrepublik Pershing-IIA-Raketen aufgestellt wurden. Effenberger: „Nun konnten von deutschem Boden aus Atomraketen Moskau bedrohen.“

Als Effenberger nun im Vorwort des Buches “Politik der Verantwortung“ von Detlef Bald, wo Helmut Schmidt sich erneut für seinen angeblichen Entschluss in Sachen atomare Landminen von 1969 rühmt, auch den Hinweis entdeckte, dass jeder atomare Krieg „große Teile des deutschen Volkes ausgelöscht“ hätte [5], konnte er nicht widersprechen: „Im Gegensatz zu den vorherigen Aussagen muss dieser Feststellung unwidersprochen zugestimmt werden“. Aber, so Effenberg: „Die von Helmut Schmidt auf den Weg gebrachten nationalen Einsatzbeschränkungen [6] für den Einsatz der ADM - nur ein Bruchteil des Atomwaffenarsenals - hätten das Ausmaß der Katastrophe in keinster Weise gemindert. [7] Und so entbehrt Detlef Balds Behauptung, das Dokument “Deutsche Einsatzbeschränkungen für ADM“ hätte „die Atomminen aus Deutschland beseitigt und den Militärs die Macht entzogen“ [8] jeglicher Grundlage und kann nur als gefährlicher Unsinn abgetan werden.“

Konzept der “flexiblen Erwiderung“

Ende der 60-er Jahre habe die NATO ihr bisheriges Konzept der Strategie der “massiven Vergeltung“ hin zur  Strategie der “Flexiblen Erwiderung“ [9] geändert. Entsprechend wurden die Ausbildungs- und Führungsvorschriften der neuen Strategie angepasst. Nun stand in der Führungsvorschrift der Bundeswehr: „Atomsprengkörper sind die stärksten Kampfmittel und zugleich das wichtigste Element der Abschreckung. Ihre Wirkungen richten sich gegen Mensch und Material. Die Abstufung der Sprengkörper von kleinsten zu größten Detonationswerten ermöglicht es, sie - nach Freigabe durch die politische Führung - der Lage angepasst anzuwenden.“ [10] Für diese Art der Kriegführung standen, so Effenberg, auf dem Gebiet der damaligen Bundesrepublik annähernd 2.000 Atomsprengkörper bereit. Von Jagdbombern ins Ziel geflogen, von Raketen als Gefechtskopf  zwischen 30 und 150 Kilometer ins Ziel getragen oder als Nuklear-Munition der Artillerie über 15 Kilometern verschossen und letztendlich als Atomminen von den Pionieren unter die Erde gebracht. Die Ziele legte alljährlich die nukleare Planungsgruppe der NATO im Handbuch “Nuclear Yield Requirements“ fest.[11]

NATO-Operationsplan

Nach dem NATO-Operationsplan [12] von 1981 sollten nach Effenbergs Kenntnis die Angriffsgruppierungen der Streitkräfte des Warschauer Vertrages so nahe wie möglich der Staatsgrenze BRD/DDR zum Stehen gebracht und die eingebrochenen Kräfte durch die Führung von Gegenangriffen bzw. den Einsatz von Kernwaffen zerschlagen werden, wobei dem Einsatz von Atomminen als eskalierendem Element beträchtliche Bedeutung beigemessen wurde.[13] Ebenfalls große Bedeutung wurde der geplanten Evakuierung der BRD-Bevölkerung aus den festgelegten Räumen beigemessen. So sollte nach dem Operationsplan im Handlungsstreifen des V. US-Korps die Evakuierung der Bevölkerung durch eine enge Koordinierung zwischen dem US-Korps und dem Wehrbereichskommando IV planmäßig verwirklicht werden. [14]

1985 listete das US Army Field Manual 5-102 [15] als mögliche Einsatzorte Tunnel, Autobahnen und große Brücken, Dämme, Kanäle, Flugplätze, Häfen, Industrieanlagen, Verschiebebahnhöfe, Kraftwerke und schmale Täler auf. „Doch nicht nur zum Stoppen des Vormarsches feindlicher Verbände, sondern auch zum Angriff sind Mini-Nukes eine feine Sache, schwärmten“, so Effenberg, „die Autoren des Field Manuals 5-102. Mit ihrer Hilfe hätte man die Flanken einer angreifenden Formation schützen  und Hindernisse hinter dem Feind schaffen können, um ihn an der Flucht zu hindern. Man kann die erste von der zweiten Angriffswelle des Feindes trennen, wenn man zwischen beiden ein paar Mini-Nukes zündet. Folgt man diesem Handbuch, dann sind kleine taktische Nuklearwaffen eine durchaus sinnvolle Option in der modernen Kriegsführung. Zudem war man überzeugt, die Folgeschäden dieser rundherum positiven Waffe, atomarer Niederschlag (Fallout), freigesetzte Strahlung und Kollateralschäden kontrollieren und minimieren zu können. Das potentielle Schlachtfeld Deutschland war jedenfalls bestens präpariert für diese Art des Waffengangs mit dem Feind aus Osten.“

Antwort der Zeit-Redaktion

Anfang November 2008 schickte Wolfgang Effenberg der Zeit-Redaktion noch einmal seinen Brief aus 2007 und   erhielt diesmal Ende November vom persönlichen Referenten sogar eine Antwort. In der wurde ihm mitgeteilt, dass sein Brief trotz intensiver Suche nicht gefunden werden konnte. Herr Schmidt würde nämlich jeden Brief beantworten. Doch nun brauche der Brief ja nicht mehr beantwortet werden, weil er sich das Buch von Detlef Bald kaufen könne. Dort würde das Thema nämlich ausführlich behandelt.

Einladung zur Buchbesprechung

Also besuchte er eine Veranstaltung im Senatssaal der Ludwig-Maximilians-Universität, wohin die  Friedrich-Ebert-Stiftung und das Bayernforum zu einem Gespräch mit Hans-Jochen Vogel und dem Autor Detlef Bald zur Buchbesprechung:eingeladen hatten, und stellte Bald eine Frage zu den ADM-Bohrzügen seiner damaligen Pioniertruppe, die in dem Buch natürlich nicht erwähnt werden. Effenberg: „Da gab er zu, dass Helmut Schmidt die Beschaffung dieser Fahrzeuge mit dem installierten Bohrgerät veranlasst hatte. Aber angeblich nur in der Hoffnung, die Bohrungen würden im Verteidigungsfall so lange dauern, dass eine wirksame Beladung mit Atomsprengkörpern von der Situation überholt wäre. Auch wollte Schmidt laut Bald mit der Beschaffung des Kriegsgeräts angeblich verhindern, dass Zivilfirmen diese Bohrungen durchführen konnten. Auch das war nur Wunschdenken. Auf der NATO-Schule in Oberammergau wurde sogar noch 1983 gelehrt, dass für die Bohrungen auch Fremdfirmen beauftragt werden konnten. Selbst Co-Referent Dr. Hans-Jochen Vogel ließ sich nicht immer von Bald überzeugen - "Wenn Sie das so sagen?“ - und bremste Bald da aus, wo er in die polemische Trickkiste zu greifen versuchte.“ Der ist übrigens wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

Vorwahlkampf der SPD?

Mit seinem Buch über die “Politik der Verantwortung“ am Beispiel von Helmut Schmidt, vermutet Wolfgang Effenberg, solle wohl im Vorwahlkampf „indirekt auf die verantwortungsvolle Politik der SPD hingewiesen werden“. Vielleicht war es gleichzeitig ein Geburtstagsgeschenk für den ehemaligen Verteidigungsminister, denn der Autor war immerhin jahrelang Mitarbeiter im Zentrum Innere Führung, an der Führungsakademie sowie am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr und hatte bis 1997 auch an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg einen Lehrauftrag. (PK)


[1]  SPIEGEL-Gespräch mit Altkanzler Helmut Schmidt in: DER SPIEGEL 24/2001 vom 11.06.2001 in der Serie Teil 6 Deutsche Mythen: »Die Schizophrenie des Ganzen«.
[2]  Schmidt, Helmut: Ausser Dienst. 2008, S. 30
[3]  AnwFE 700/18 Vorläufige Grundsätze für die Führung der Truppengattungen des Heeres, Kap. 13. Die Pioniertruppen, 3/1984
[4]  Zwölf ehemaliger Generale und Admirale aus NATO-Ländern hatten sich 1981 zur Gruppe „Generale für Frieden und Abrüstung“ zusammengeschlossen, um vor den  Gefahren des nuklearen Wettrüstens zu warnen und von der Notwendigkeit zur Rüstungsbegrenzung zu überzeugen. Mit verschiedenen Memoranden traten sie an die Öffentlichkeit.
[5]  Bald, Detlef: Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt. Berlin 2008, S. 11
[6]  »The 4 Germans No’s« der deutschen Einsatzbeschränkung für ADM vom 23. Oktober 1973 waren weitestgehend irrelevant: Die Forderung nach keinem durchgehenden ADM-Sperrgürtel war gegenstandslos, da im Verteidigungsplan ohnehin nur ADM-Sperrpunkte festzulegen waren. Auf das Anlegen der Bohrschächte im Frieden konnte verzichtet werden. Mit der untersten Alarmstufe »Military Vigilance« konnte begonnen werden. Bis zur Auslösung (R-Hour) lagen noch die Alarm-Stufen State Orange, State Scarlet bzw. Simple-, Reinforced-, General- Alert, S-Hour. Die Bevölkerung sollte vor den Kampfhandlungen evakuiert werden, damit entfiel der geforderte Schutz. Ansonsten galt das allgemeine Freigabeverfahren.
[7]  BA MA BH 1/2604 a Fü H III 1 Az. 03-01-10-10, TgbNr. 9250/73 geh. Vom 19. Dezember 1973, Betreff: Nationale Einsatzbeschränkungen für ADM, Bezug DPC/D (70) 60 »Besondere politische Richtlinien für den möglichen Einsatz von ADM«, Anlage 2. Faksimile-Abdruck in Bald 2008, S. 251f.
[8]  Sachse, Katrin: „Todgefährlicher Unsinn“, in FOCUS 47/2008
[9]  Mit dem Übergang von der »massiven Vergeltung« zur Strategie der »Flexiblen Erwiderung« (1965-1989).
Am 8. Dezember 1969 wurde entsprechend der früheren Systematik die Endfassung des Dokuments MC 48/3 »Maßnahmen zur Umsetzung des Strategischen Konzepts zur Verteidigung des Bündnisgebietes« herausgegeben. MC 48/3 ersetzte MC 48/2 aus dem Jahr 1957. Mit MC 14/3 und 48/3 war die wichtigste konzeptionelle Grundlage für die Strategie der »flexible response« geschaffen worden, einer Strategie, deren Geltungsdauer bis 1991 reichte.
[10]  Bundesminister der Verteidigung, Führungsstab des Heeres — III 6 vom 28.9. 1973: Führung im Gefecht (TF/G) HDv 100/1 00 VS- NfD, Nr. 305.
[11]  Über die Zielliste im Handbuch für amerikanische Bomberpiloten "Nuclear Yield Requirements": siehe Stern 6/1970 (27.1.-2.2.1970) Seite 170/171: Bomben auf Kiel (The secret target list for american bomber pilots: "Nuclear Yield Requirements"); siehe auch USAFE, Deputy Chief of Staff (for) Intelligence, Nuclear Yield Requirements, Vol I., abgedruckt in: Günter Neuberger / Michael Opperskalski, CIA in Westeuropa, Bornheim, 1982, S. 104-115, hier S. 115
[12]  So im Operationsplan 33001 (GDP) V. Armeekorps/USA vom 1. Januar 1981
[13]  Der Einsatz chemischer Kampfstoffe ist als Vergeltungsmaßnahme bei einem Ersteinsatz von chemischen Kampfstoffen durch die Streitkräfte des Warschauer Vertrages vorgesehen.
[14]  Für den Fall, daß den BRD-Behörden die Kontrolle über die Bevölkerungsbewegen verloren geht, wurden die Kommandeure ermächtigt, die direkte militärische Kontrolle über diese Bewegungen zu
übernehmen.
[15]  Field Manual No. 5-102 COUNTERMOBILITY Headquarters Department of the Army Washington, DC, 14 March 1985






Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, wurde mit 18 Jahren Zeitsoldat, studierte Bauingenieurwesen und erhielt als junger Pionieroffizier Einblick in das von den USA vorbereitete atomare Gefechtsfeldin Europa. Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr studierte er in München Politikwissenschaft und Höheres Lehramt. Er ist Autor der Bücher “Pax Americana“ und “Pfeiler der US-Macht“ und lebt als freier Autor in München.


Online-Flyer Nr. 181  vom 21.01.2009

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