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Inland
Zum Staatsdenken des kommunistischen Dichters Peter Hacks
Hacks oder die Mitte
Von Heidi Urbahn de Jauregui

Peter Hacks | Quelle: NRhZ-Archiv
Diesem Beitrag hätte ich auch den Titel geben können: „Hacks oder das Schnabeltier“. Kurz vor seinem Tod berichtet Friedrich Engels einem Bekannten, wie er sich davon habe überzeugen müssen, daß es eierlegende Säugetiere gebe; er nannte als Beispiel das Schnabeltier. Er spricht über diese Entdeckung anläßlich der Feststellung, daß „die Einheit von Begriff und Erscheinung“ sich darstelle als „unendlicher Prozeß“, will sagen, auch eine geschichtliche Benennung trete nur in Annäherung in die Erscheinung, und er kommt zu dem Schluß, die reine Ausprägung z.B. einer feudalen Gesellschaft habe es allenfalls im kurzlebigen Königreich Jerusalem des 11. Jahrhunderts gegeben. Peter Hacks kommt zu dem gleichen Schluß, wenn er sagt, daß die reinen Zustände der Adelsherrschaft, der Bürgerherrschaft oder der des Proletariats bisher kaum eingetreten seien, daß wir es hingegen allzumeist mit Übergangsepochen wie Absolutismus, Bonapartismus oder Sozialismus zu tun hatten, in denen mehrere gleichzeitig existierende Kräfte von der jeweiligen Regierung in der Balance gehalten werden. Balance war ein Lieblingswort der französischen Klassiker, und es nimmt nicht wunder, daß Hacks im französischen Absolutismus das reinste Beispiel dieser „unreinen“ Gesellschaftsform eines Macht-Patts ausmachte. Auch da ging Engels dem Dichter voran, indem er vom Absolutismus als einer Periode spricht, „wo die königliche Macht das Bürgertum gegen den Adel benutzte, um den einen Stand durch den andern in Schach zu halten“.
Hacks überträgt Engels späte Verfeinerungen der marxistischen Geschichtsanalyse auf seine neue Zeit. Dabei ist er keineswegs der erste, der die Gesellschaftsform des Absolutismus mit dem Sozialismus vergleicht. Bereits Tocqueville hatte eine solche Gleichsetzung vorgenommen. Hacks' Parallelsetzung von Absolutismus und Sozialismus erforderte aber einen neuen Klassenbegriff. Die marxistischen Klassiker benutzten diesen Begriff nur für eine vorrevolutionäre Zeit. Eine auf dem Ausgleich zweier Kräfte beruhende Regierungsform, deren Voraussetzung die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist, kann mit dem herkömmlichen Klassenbegriff nicht viel anfangen. Hacks war aber realistisch genug, um zu erkennen, daß auch in einer sozialistischen Gesellschaft verschiedene Kräfte gegeneinander arbeiten. Und die nennt er eben Klassen – ein etwas ungenau gebrauchter Begriff, denn er bezeichnet auch die herkömmliche Klasse, das Proletariat, weiterhin als solche. (Engels setzt dessen Aufhebung mit der fernen Aufhebung des Staates gleich, also für eine nachsozialistische, kommunistische Zeit.)
Politischer Anspruch
Ich brauche hier nicht zu wiederholen, was anderweitig schon dargelegt und noch kürzlich von Felix Bartels (1) auf den Punkt gebracht wurde. Nur so viel: Es ist jenes Betonen eines Ausgleichs von Kräften im Sozialismus, das im Zentrum von Hacks' Werk steht, und es ist eben dies antidogmatische Denken, verkörpert in einer außergewöhnlichen Ästhetik, was neuerdings einige Hacksfreunde dazu verführt, im Dichter einen Mann ihrer Mitte sehen zu dürfen, ihn, was sie zu seinen Lebzeiten niemals gewagt hätten, für eine bürgerliche Rezeption gewissermaßen zu entpolitisieren oder besser, mit einem Hacksschen Ausdruck, sein Werk „imperialismuskompatibel“ zu machen. Leute, denen es schwer fällt, Dichtung zu entschlüsseln, verdanken nicht zuletzt André Thiele die Herausgabe der politischen Schriften des Dichters, die im Klartext sagen, wo der Dichter auch nach der »Wende« stand. Dort lesen wir die an Hans Heinz Holz orientierte editorische Notiz: „Es gibt keine Arbeiten dieses Mannes, die nicht politisch sind.“ Hacks selbst teilt uns dort mit, wie der Westen lange Zeit vergeblich bemüht gewesen sei, ihn zu sich herüberzuziehen. Es kann nicht darum gehen, Hacks' Werk aus seiner selbstgewählten Mitte an einen ihm fremden bürgerlich liberalen Ort oder in eine verquer linke Amüsierecke zu verbringen, vielmehr geht es um das Verstehen von dessen Schönheit und Gehalt, die ja beide aufs engste einander bedingen. (Dazu hat Jens Mehrle (2) kürzlich Gehöriges gesagt.)
Man könnte bereits in seiner schon in der BRD präsenten Vorliebe für „gekrümmte Formen der Wahrheit, singende Delphine und absolute Monarchen“ Vorformen seines späteren Sozialismusbildes ausmachen. Früh gab es das Drei-Kräfte-Spiel, früh das Beieinander von Ideologie und Lebensgenuß, früh die starke Hand, die das regiert.

Hacks-Büste von Manfred Salow
Quelle: Peter Hacks-Seite
Mit fünfundzwanzig Jahren schrieb Hacks sein „Columbus“-Stück, in dem bereits die Ingredienzen seiner Staatsidee vorkommen: die Dogmatiker der eingerichteten Gesellschaft, verkörpert durch den Hofadel, der Vertreter der weltpraktischen Neuerungen, will sagen, der Finanzfachmann und der Hof, an dem das zusammenkommt. Als störendes Element tritt das Genie auf. Nach seiner Übersiedlung in die DDR hat Hacks diese Kräfte in den verschiedensten Verkleidungen in seinen Dramen vorgeführt. Bisweilen gab er ihnen sogar so symbolhaft abstrakte Masken wie die des Engels und des Teufels und des darüber waltenden Gottvaters. Früh finden wir bereits die Eigenheit, daß zwar vor der Verselbständigung einer der beiden Seiten gewarnt wird, daß aber das deutlichere Mißfallen des Dichters dem doktrinären Parteiapparat gehört, bzw. dessen Masken, also den Vertretern des Adels oder der Geistlichkeit. Das geht so weit, daß er im „Numa“-Drama aus zwei Vertretern des Politbüros dümmliche Clowns und aus dem Engel in der „Adam-und-Eva“-Komödie einen bornierten Ja-Sager gemacht hat.
Sozialismus war für den Dichter das Gegenteil einer einmal erreichten dogmatischen Wahrheit, er sah in ihm vielmehr ein ständiges Denken in Widersprüchen, ein Sich-Bewegen auf eine höhere Stufe der Erkenntnis hin. Wie sehr er sich da mit den marxistischen Klassikern im Einklang befand, zeigt z.B. folgendes Zitat von Engels: „Aber die ganze Auffassungsweise von Marx ist nicht eine Doktrin, sondern eine Methode. Sie gibt keine fertigen Dogmen, sondern Anhaltspunkte zu weiterer Untersuchung…“ Nicht umsonst berief sich Hacks dabei auf Hegel, der Marx die Methode geliefert hatte. Dies Andenken gegen die Erscheinung war es, was Hacks' Formulierungen oft den Anschein des Paradoxen gab. Doch zu minderem Preis war der Aufstieg zu vertiefter Erkenntnis und entsprechendem Handeln nicht zu haben. Der Sozialismus war ja nichts Fertiges. Jede Form von Beharren und Stagnation mußte gefährlich und schließlich tödlich sein. Im „Numa“-Drama heißt es: „Wenn wir für knappe Weile noch verhindern,/Daß was geschieht, geschieht, was uns nicht lieb wär.“ Hacks pflegte die Klassiker des Marxismus weiterzudenken, weit über die Revolution hinaus, so wie sie es verlangt hatten. Folgerichtig nannte er die grundlegenden Gedanken zu seiner Ästhetik: „Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie“.
Sozialistische Klassik
Spätestens da war ein Sich-Absetzen von Brecht manifest, spätestens da war der Sprung von einer marxistischen Aufklärung zu einer sozialistischen Klassik vollbracht. Es war Ende 1959, als er zum ersten Mal sein klassisches Programm formulierte. Er begann mit der Feststellung, wir befänden uns „in der Periode des Übergangs von der revolutionären Tradition auf die klassische Tradition“. Für jene aber, die nun meinten, er sei damit im Begriff, sich auf eine beruhigte, etablierte Seite zu schlagen, sagte er im gleichen Essay, seine einzigen Antriebe seien „die Liebe zur Wahrheit und zur Revolution“. Ferner beharrte er an gleicher Stelle darauf, daß das große Theater „immer Klassenkämpfe“ behandle, ja, es sei „aus Klassenkämpfen entstanden“. Er schreibe „in einer Zeit erdenweiter Klassenkämpfe“, in denen er „Partei nehmen“ müsse. „Auch meine nächsten Stücke werden Partei nehmen.“ In seinem nächsten Stück, dem Gegenwartsdrama „Die Sorgen und die Macht“, gibt es bereits die beiden Seiten, oder „Klassen“: die für eine bessere Produktivität eintretenden Fachkräfte und die bremsenden Vertreter der Partei. Es fehlt jedoch die Königsebene.
In seinem fast gleichzeitig entstandenen Erzählessay „Ekbal, oder: Eine Theaterreise nach Babylon“ gibt er zum ersten Mal genauere Angaben zur Übergangsgesellschaft im Sozialismus. Auf die Frage „Wodurch blüht Babylon?“ – alias die DDR – heißt die Antwort, es blühe dadurch, daß es einen König habe, welcher die Gilde der Kupferschmiede fördere. Ferner gebe es die Zunft der Lanzenreiter, denen bis vor kurzem die Macht allein gehört habe. Wer sind diese beiden seltsamen Gruppen? Die Lanzenreiter, heißt es da, verteidigten den babylonischen Staat gegen die menschenfressenden Kilikier im Westen. Ich hatte in meinem Hacks-Buch (3) irrtümlich hierfür das Proletariat eingesetzt, ohne zu bedenken, daß es ja die Macht der Partei übertragen hatte. (Schließlich geht heute nicht mehr, mit der Direktherrschaft des Urkommunismus zu leben.) Wir haben also die Parteifunktionäre darin zu sehen und in den Kupferschmieden, die den Staat „schön und bewohnenswert“ machen, die Fachkräfte und Spezialisten aller Art. Der König sei für beide Zünfte, werde also von beiden gehaßt. Doch unterstütze ihn jede Seite gegen die andere. So sei er seiner Herrschaft sicher.
Wir haben hier also deutlich das absolutistische System: den Adel, der einst für die Verteidigung der Bevölkerung zuständig war, dann das Bürgertum, das die Produktion vorantrieb, und über beiden das sie in Schach haltende absolute Königtum. Auf die DDR übertragen sah er bekanntlich in Ulbrichts kluger NÖS-Politik das Austarieren zweier Kräfte, will sagen der Parteikader, die das gesellschaftliche Eigentum zu verteidigen hatten und der Wirtschaftselite. Dazu lesen wir schon beim späten Engels, es gebe im Sozialismus „eine Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte, der ökonomischen Bewegung auf der einen Seite und der nach möglichster Selbständigkeit strebenden und, weil einmal eingesetzten, auch mit einer Eigenbewegung begabten neuen politischen Macht“ auf der anderen Seite. Ulbricht habe immer versucht, „die allgemeinen Interessen der Menschen und ihren Egoismus“ zu verbinden. Dazu lieferte Hacks die Dramatik. Sein sozialistischer Held handelt aus Egoismus und aus Einsicht.
Gleichheit und Reichtum
Vor allem aus diesem Grund bekämpfte Hacks alle linkssektiererischen Kräfte. Trotzkismus basierte in seinen Augen auf Weltfremdheit und neigte dahin, in sein Gegenteil umzuschlagen. Adepten eines Armutskommunismus rechneten ja nicht mit den Menschen. Eine sozialistische friedliche Gesellschaft sei, laut Hacks, nur bei zwei Voraussetzungen möglich: „bei vergesellschaftetem Eigentum und überquellendem Erzeugnisreichtum“. Nur im Sozialismus könne es „die Aufhebung des Widerspruchs von Produktivität und Genuß“ geben. Wenn er seinen Numa sagen läßt: „Der Durst nach Vorrecht kann nicht anders getötet werden, als ersäuft im Überfluß“, so denkt man da wohl eher schon an eine fernere Zeit des Kommunismus. Sein Kölner Freund André Müller sagt zu ihm in dem Zusammenhang, bei Überfluß im Kommunismus werden folglich „die einseitigen Haltungen wie Enthaltsamkeit und Sucht nach Reichtum“ überwunden werden, „Kommunismus, das ist die Mitte, und in der Mitte, die ja beide unterschiedlichen Teile enthält, wohnt auch allein das sich weiterbewegende Prinzip“. Wer da meint, Reichtum widerspräche einer marxistischen Gesellschaftslehre, der lese die marxistischen Klassiker, z.B. Engels, der sagt, Marx habe es „für ein Verbrechen“ angesehen, „den Arbeitern etwas Geringeres als das Allerbeste zu bieten“.
Allerdings könne es eine reiche sozialistische Gesellschaft nur geben, so Hacks, wenn die stumpfsinnige Gleichmacherei zwischen qualifizierter und unqualifizierter Arbeit abgeschafft werde. Gebe der sozialistische Staat für die qualifizierte Arbeit keine angemessene Vergütung, so leiste er sich eine Menge „unbefreiter Produktivkraft“. Besondere Leistung wird eben durch besondere Belohnung ermutigt. Auch zu einer schadenstiftenden Gleichmacherei hat sich der späte Engels geäußert: Der wirkliche Inhalt der proletarischen Gleichheitsforderung sei die Abschaffung der Klassen (will sagen Klassen einer kapitalistischen Gesellschaft, wo die besitzende Klasse die untere Klasse ausbeutet). Und er fährt fort: „Jede Gleichheitsforderung, die darüber hinausgeht, verläuft notwendig ins Absurde.“ Seinen Numa läßt der Dichter sagen: „Wir erstreben Gleichheit und Reichtum, aber wie soll sich Reichtum mit Gleichheit abfinden, und wie soll Gleichheit nicht gegen Reichtum kämpfen?“ Die Lösung sei nur die Erzeugung einer unermeßlichen Menge von Gütern. Nur wenn man alles haben könne, stürbe die Habsucht ab. Allerdings hält Hacks es für notwendig, daß in einem solchen Zukunftsstaat „jedermanns Fähigkeiten“ herausgefunden und gefördert würden, anders als Marx und Engels, die der Meinung waren, daß Spezialistentum abgeschafft werden solle, so daß jeder dann zu schier jeder Tätigkeit fähig sei.
Auch innerhalb der Partei habe eine kluge Regierung alle Flügelkämpfe zu neutralisieren. Er sei mit den Revisionisten ebenso verfeindet wie mit den Dogmatikern, sagte er 1978. Die einen strebten nach „Weite und Vielfalt“, die anderen nach „Enge und Einfalt“, so Hacks sarkastisch. In mehreren Dramen behandelt er diese Problematik der Rechts- wie Linksabweichung innerhalb der Partei. Die Gefahr besteht immer, daß sich beide Extreme verbünden gegen den Herrscher. In der „Adam-und-Eva“-Komödie ist es der Ja-Sager-Engel, der Dogmatiker, der den Satanael, seinen Widersacher, nichtsahnend huckepack aus der Wüste ins Paradies zu Adam und Eva trägt. (Doch sollte man darin wohl auch die Verbindung zwischen Adel und Bürgertum gegen den König sehen. Mit dieser Fronde hatte bekanntlich die Französische Revolution begonnen.) Hacks lobt jeden Staatsmann, dem es, wie Lenin, Stalin oder Ulbricht gelang, Flügelkämpfe zu neutralisieren. Eine Staatsspitze, die sich mit einer Seite verbindet, ist verloren, so wie Louis XVI. verloren war, als er sich mit dem Adel verbündete. Der Unterschied ist allerdings, daß die beiden Flügel einer Partei nun wirklich nicht als Klassen zu bezeichnen sind. Man sollte sich wohl hüten vor jeder allzu schematischen Gleichsetzung von historischen Erscheinungen. So pflegten es z.B. die marxistischen Dogmatiker zu sein, welche einem strengen Egalitarismus huldigten, während zum Wesen ihres Pendants in Hacks' Werk, nämlich des Adels, das Elitebewußtsein mit seinen Konsequenzen gehörte. Doch haben auch Marx und Engels immer wieder Parallelstrukturen in der Geschichte aufgesucht, um die Gegenwart zu erklären.
Wenn nun der Dichter seinen Numa sagen läßt: „... wenn es auch länger als fünfzig Jahre her ist, aber wir Kommunisten haben tatsächlich einmal für die Vernunft gekämpft“, so liegt darin eine scharfe Kritik der sozialistischen Gegenwart. Sie steht Lenins Mahnung an seine Genossen in nichts nach, sie würden die Partei bald zugrunde richten, wenn sie „nur die gehorsamen Dummköpfe“ in ihr ließen. War Lenin ein schlechter Marxist? So kämpfte auch Hacks gegen alles an, was den Sozialismus in seinem Land schwächen mußte. Er wollte ja nicht die Partei und das Politbüro abschaffen, er wollte deren Fehler abschaffen. Daß jene in erster Linie die sozialistischen Produktionsverhältnisse zu garantieren hatten, war für ihn die Voraussetzung. Wenn da neulich zu lesen war, der Senator Buddenbrook hätte sich in Hacks' DDR wohl gefühlt, so ist dazu zu sagen: Er wäre in Hacks' DDR erst einmal enteignet worden. (Warum aber sein Erfinder nicht enteignet worden wäre, das braucht hier wohl nicht erläutert zu werden.)
1976 war die erste Version seiner „Numa“-Komödie entstanden. Dazu sagte er, sein Ziel sei der mittlere, nicht der durch Einseitigkeit beschränkte Held gewesen. (Er machte ihn bekanntlich in der zweiten Fassung zum Alleinherrscher.) Für seine postrevolutionäre Dramatik kommt also der Herrscher in Frage, dessen Wahrheiten nicht auf der Mitte von zwei Unwahrheiten wohnen. Die Mitte des Sowohl-als-auch oder des Einerseits-Andererseits habe nichts mit Kommunismus zu tun. Dessen Wahrheit wohne „in der Mitte der Wahrheit“. Marx sagte dazu (à propos Proudhon): „So quält sich diese Vernunft in stets neuen Widersprüchen ab, bis sie am Ende dieser Widersprüche anlangt und merkt, daß alle Thesen und Synthesen nichts anderes sind als sich widersprechende Hypothesen.“ Dagegen setzt der Philosoph die „Zeugungsarbei“ des wahren Kampfes von Ja und Nein.
Es bedürfe nun einer Kraft, die die gegensätzlichen Möglichkeiten in der Gesellschaft in Betracht ziehe. Es kam ja nicht nur darauf an, z.B. den Dogmatismus der Verwaltung abzubauen. Es sei das „Bremsen“ ja 2keine unnütze Beschäftigung, wenn ein Fahrzeug sich in der Richtung des Straßengrabens“ bewege, so Hacks. Von Hegels Wort, daß das Wahre nur das Ganze sei, hat der Dichter niemals abgelassen.
Gipfelpunktästhetik
Hacks war, was leider viele Verantwortliche in der DDR aufgehört hatten zu sein, ein dialektischer Denker. „Die Dialektik“, so lesen wir bei Engels, sei „weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entstehungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“. Diese Gesetze der ständigen Bewegung, des Austarierens der widerstreitenden Kräfte, liegen der Ästhetik des Dichters zugrunde. Das Drama sei „die Gattung für das Gleichgewicht“. Auf der relativen Rechtsgleichheit zweier Parteien, so Hacks, beruhe die exemplarische Schönheit der alten Tragödie. Sein Ziel in einer zukunftsträchtigen Zeit war es, diese Schönheit auch in der Komödie zu erreichen. Dazu hatte der Dichter, wie der Herrscher im Staat, den hohen Standpunkt einzunehmen, der „die Draufsicht auf die Widersprüche“ erlaubt. Das war die Vorbedingung für jene „Gipfelpunktästhetik“, wie sie bereits Lukács proklamiert hatte. Die war aber in seinem Staat immer schwieriger herzustellen, bei einer Politik, die in Einseitigkeit verkam. Hatte Hacks lange Zeit Sorge gehabt, daß man wieder zu der allzu einfachen Ästhetik eines sozialistischen Realismus' zurückkehren wolle, so mußte er in den letzten Jahren der DDR Zeuge sein, wie sich auch in seinem Land mehr und mehr eine am Westen orientierte Niedergangskunst etablierte. Seine Kunst lag nicht auf der Mitte zwischen diesen beiden Extremen, sondern sie hielt sich weit über dieser Mitte. Doch nachdem auch das kulturelle Umfeld in Einseitigkeit verkommen war, wurde es schier unmöglich, noch eine Kunst mit klassischem Anspruch herzustellen. Mit seinem sozialistischen Land kam ihm vollends die Grundbedingung für seine Ästhetik abhanden.
Es gab eine weitere Frage, in der sich Hacks mit Ulbricht einig wußte: in der Zeit- oder Tempofrage. Ulbricht war der einzige Politiker nach Stalin, der wagte, den Sozialismus als eine langandauernde Übergangsphase bis zum Kommunismus zu bezeichnen. Die Diktatur des Proletariats hielt Hacks für einen Ausnahmezustand. (Übrigens warf er seiner Regierung vor, gegen die Konterrevolution nicht den Ausnahmezustand geltend gemacht zu haben. Schließlich sei das Proletariat bewaffnet gewesen.) Schon in seinem Jugenddrama („Columbus…“) hatte er eine Übergangsphase von einer Gesellschaftsstufe in die andere in den Mittelpunkt gestellt. Noch in der „Jona“-Tragödie aus der späten DDR legt er Wert darauf, daß man erkenne, wie er aus dem Propheten, dem „idealen Entwurf für Ungeduld“, ein Beispiel für höchste Geduld geschaffen habe. Er schrieb damit auch gegen die Voraussage der marxistischen Klassiker an, der Moment des allgemeinen Zusammenbruchs des Kapitalismus und die Heraufkunft des Kommunismus treffe schon in baldiger Zukunft ein. Sie leiteten das ab aus den rapiden Fortschritten der Produktivkräfte, die zu den Produktionsverhältnissen in Widerspruch geraten würden, ohne jedoch zu erwägen, daß die Macht der gewohnten Produktionsverhältnisse länger als gewünscht mit den neuen Produktivkräften wachsen würde. Wenn der Dichter nun kritisiert, Marx' Hoffnungen in bezug auf die Geschwindigkeit der Geschichte seien „Selbsttäuschungen“ gewesen, und die Frage „wann?“ sei die Frage, die man Marx besser nicht stelle, so muß man nach der »Wende« hinzufügen, man stelle sie auch Hacks besser nicht. Er rechnete in Kürze mit einem erneuten Sieg des Sozialismus über den imperialistischen Westen. Man sollte, denke ich, die Zeitfrage überhaupt nicht stellen, sollte da weder bei Marx, noch bei Hacks, noch bei Georg Fülberth anklopfen. Sie ist ebenso unfruchtbar wie die Frage nach dem Grund unseres Lebens. Wir leben – machen wir das Beste daraus und gebrauchen unsere Zeit nach Kräften zu unserem Nutzen und zu dem unserer Nachkommen. Die Zeitfrage beantwortet sich handelnd, und in diesem Sinn hat Peter Hacks sie gültig beantwortet.
(1) Felix Bartels, »›Miteinandersichabfinden‹. Zur strukturellen Ähnlichkeit von Absolutismus und Sozialismus bei Peter Hacks«, junge Welt, 21.6.2008
(2) Jens Mehrle, »Der insgeheime Hacks. Zu Aufsätzen von Michael Mandelartz und Ingo Way«, in: Argos, Heft 3/2008, S. 241–266
(3) Heidi Urbahn de Jauregui, Zwischen den Stühlen. Der Dichter Peter Hacks, Eulenspiegel, Berlin 2006 (PK)

Online-Flyer Nr. 176 vom 10.12.2008
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Zum Staatsdenken des kommunistischen Dichters Peter Hacks
Hacks oder die Mitte
Von Heidi Urbahn de Jauregui

Peter Hacks | Quelle: NRhZ-Archiv
Hacks überträgt Engels späte Verfeinerungen der marxistischen Geschichtsanalyse auf seine neue Zeit. Dabei ist er keineswegs der erste, der die Gesellschaftsform des Absolutismus mit dem Sozialismus vergleicht. Bereits Tocqueville hatte eine solche Gleichsetzung vorgenommen. Hacks' Parallelsetzung von Absolutismus und Sozialismus erforderte aber einen neuen Klassenbegriff. Die marxistischen Klassiker benutzten diesen Begriff nur für eine vorrevolutionäre Zeit. Eine auf dem Ausgleich zweier Kräfte beruhende Regierungsform, deren Voraussetzung die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist, kann mit dem herkömmlichen Klassenbegriff nicht viel anfangen. Hacks war aber realistisch genug, um zu erkennen, daß auch in einer sozialistischen Gesellschaft verschiedene Kräfte gegeneinander arbeiten. Und die nennt er eben Klassen – ein etwas ungenau gebrauchter Begriff, denn er bezeichnet auch die herkömmliche Klasse, das Proletariat, weiterhin als solche. (Engels setzt dessen Aufhebung mit der fernen Aufhebung des Staates gleich, also für eine nachsozialistische, kommunistische Zeit.)
Politischer Anspruch
Ich brauche hier nicht zu wiederholen, was anderweitig schon dargelegt und noch kürzlich von Felix Bartels (1) auf den Punkt gebracht wurde. Nur so viel: Es ist jenes Betonen eines Ausgleichs von Kräften im Sozialismus, das im Zentrum von Hacks' Werk steht, und es ist eben dies antidogmatische Denken, verkörpert in einer außergewöhnlichen Ästhetik, was neuerdings einige Hacksfreunde dazu verführt, im Dichter einen Mann ihrer Mitte sehen zu dürfen, ihn, was sie zu seinen Lebzeiten niemals gewagt hätten, für eine bürgerliche Rezeption gewissermaßen zu entpolitisieren oder besser, mit einem Hacksschen Ausdruck, sein Werk „imperialismuskompatibel“ zu machen. Leute, denen es schwer fällt, Dichtung zu entschlüsseln, verdanken nicht zuletzt André Thiele die Herausgabe der politischen Schriften des Dichters, die im Klartext sagen, wo der Dichter auch nach der »Wende« stand. Dort lesen wir die an Hans Heinz Holz orientierte editorische Notiz: „Es gibt keine Arbeiten dieses Mannes, die nicht politisch sind.“ Hacks selbst teilt uns dort mit, wie der Westen lange Zeit vergeblich bemüht gewesen sei, ihn zu sich herüberzuziehen. Es kann nicht darum gehen, Hacks' Werk aus seiner selbstgewählten Mitte an einen ihm fremden bürgerlich liberalen Ort oder in eine verquer linke Amüsierecke zu verbringen, vielmehr geht es um das Verstehen von dessen Schönheit und Gehalt, die ja beide aufs engste einander bedingen. (Dazu hat Jens Mehrle (2) kürzlich Gehöriges gesagt.)
Man könnte bereits in seiner schon in der BRD präsenten Vorliebe für „gekrümmte Formen der Wahrheit, singende Delphine und absolute Monarchen“ Vorformen seines späteren Sozialismusbildes ausmachen. Früh gab es das Drei-Kräfte-Spiel, früh das Beieinander von Ideologie und Lebensgenuß, früh die starke Hand, die das regiert.

Hacks-Büste von Manfred Salow
Quelle: Peter Hacks-Seite
Sozialismus war für den Dichter das Gegenteil einer einmal erreichten dogmatischen Wahrheit, er sah in ihm vielmehr ein ständiges Denken in Widersprüchen, ein Sich-Bewegen auf eine höhere Stufe der Erkenntnis hin. Wie sehr er sich da mit den marxistischen Klassikern im Einklang befand, zeigt z.B. folgendes Zitat von Engels: „Aber die ganze Auffassungsweise von Marx ist nicht eine Doktrin, sondern eine Methode. Sie gibt keine fertigen Dogmen, sondern Anhaltspunkte zu weiterer Untersuchung…“ Nicht umsonst berief sich Hacks dabei auf Hegel, der Marx die Methode geliefert hatte. Dies Andenken gegen die Erscheinung war es, was Hacks' Formulierungen oft den Anschein des Paradoxen gab. Doch zu minderem Preis war der Aufstieg zu vertiefter Erkenntnis und entsprechendem Handeln nicht zu haben. Der Sozialismus war ja nichts Fertiges. Jede Form von Beharren und Stagnation mußte gefährlich und schließlich tödlich sein. Im „Numa“-Drama heißt es: „Wenn wir für knappe Weile noch verhindern,/Daß was geschieht, geschieht, was uns nicht lieb wär.“ Hacks pflegte die Klassiker des Marxismus weiterzudenken, weit über die Revolution hinaus, so wie sie es verlangt hatten. Folgerichtig nannte er die grundlegenden Gedanken zu seiner Ästhetik: „Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie“.
Sozialistische Klassik
Spätestens da war ein Sich-Absetzen von Brecht manifest, spätestens da war der Sprung von einer marxistischen Aufklärung zu einer sozialistischen Klassik vollbracht. Es war Ende 1959, als er zum ersten Mal sein klassisches Programm formulierte. Er begann mit der Feststellung, wir befänden uns „in der Periode des Übergangs von der revolutionären Tradition auf die klassische Tradition“. Für jene aber, die nun meinten, er sei damit im Begriff, sich auf eine beruhigte, etablierte Seite zu schlagen, sagte er im gleichen Essay, seine einzigen Antriebe seien „die Liebe zur Wahrheit und zur Revolution“. Ferner beharrte er an gleicher Stelle darauf, daß das große Theater „immer Klassenkämpfe“ behandle, ja, es sei „aus Klassenkämpfen entstanden“. Er schreibe „in einer Zeit erdenweiter Klassenkämpfe“, in denen er „Partei nehmen“ müsse. „Auch meine nächsten Stücke werden Partei nehmen.“ In seinem nächsten Stück, dem Gegenwartsdrama „Die Sorgen und die Macht“, gibt es bereits die beiden Seiten, oder „Klassen“: die für eine bessere Produktivität eintretenden Fachkräfte und die bremsenden Vertreter der Partei. Es fehlt jedoch die Königsebene.
In seinem fast gleichzeitig entstandenen Erzählessay „Ekbal, oder: Eine Theaterreise nach Babylon“ gibt er zum ersten Mal genauere Angaben zur Übergangsgesellschaft im Sozialismus. Auf die Frage „Wodurch blüht Babylon?“ – alias die DDR – heißt die Antwort, es blühe dadurch, daß es einen König habe, welcher die Gilde der Kupferschmiede fördere. Ferner gebe es die Zunft der Lanzenreiter, denen bis vor kurzem die Macht allein gehört habe. Wer sind diese beiden seltsamen Gruppen? Die Lanzenreiter, heißt es da, verteidigten den babylonischen Staat gegen die menschenfressenden Kilikier im Westen. Ich hatte in meinem Hacks-Buch (3) irrtümlich hierfür das Proletariat eingesetzt, ohne zu bedenken, daß es ja die Macht der Partei übertragen hatte. (Schließlich geht heute nicht mehr, mit der Direktherrschaft des Urkommunismus zu leben.) Wir haben also die Parteifunktionäre darin zu sehen und in den Kupferschmieden, die den Staat „schön und bewohnenswert“ machen, die Fachkräfte und Spezialisten aller Art. Der König sei für beide Zünfte, werde also von beiden gehaßt. Doch unterstütze ihn jede Seite gegen die andere. So sei er seiner Herrschaft sicher.
Wir haben hier also deutlich das absolutistische System: den Adel, der einst für die Verteidigung der Bevölkerung zuständig war, dann das Bürgertum, das die Produktion vorantrieb, und über beiden das sie in Schach haltende absolute Königtum. Auf die DDR übertragen sah er bekanntlich in Ulbrichts kluger NÖS-Politik das Austarieren zweier Kräfte, will sagen der Parteikader, die das gesellschaftliche Eigentum zu verteidigen hatten und der Wirtschaftselite. Dazu lesen wir schon beim späten Engels, es gebe im Sozialismus „eine Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte, der ökonomischen Bewegung auf der einen Seite und der nach möglichster Selbständigkeit strebenden und, weil einmal eingesetzten, auch mit einer Eigenbewegung begabten neuen politischen Macht“ auf der anderen Seite. Ulbricht habe immer versucht, „die allgemeinen Interessen der Menschen und ihren Egoismus“ zu verbinden. Dazu lieferte Hacks die Dramatik. Sein sozialistischer Held handelt aus Egoismus und aus Einsicht.
Gleichheit und Reichtum
Vor allem aus diesem Grund bekämpfte Hacks alle linkssektiererischen Kräfte. Trotzkismus basierte in seinen Augen auf Weltfremdheit und neigte dahin, in sein Gegenteil umzuschlagen. Adepten eines Armutskommunismus rechneten ja nicht mit den Menschen. Eine sozialistische friedliche Gesellschaft sei, laut Hacks, nur bei zwei Voraussetzungen möglich: „bei vergesellschaftetem Eigentum und überquellendem Erzeugnisreichtum“. Nur im Sozialismus könne es „die Aufhebung des Widerspruchs von Produktivität und Genuß“ geben. Wenn er seinen Numa sagen läßt: „Der Durst nach Vorrecht kann nicht anders getötet werden, als ersäuft im Überfluß“, so denkt man da wohl eher schon an eine fernere Zeit des Kommunismus. Sein Kölner Freund André Müller sagt zu ihm in dem Zusammenhang, bei Überfluß im Kommunismus werden folglich „die einseitigen Haltungen wie Enthaltsamkeit und Sucht nach Reichtum“ überwunden werden, „Kommunismus, das ist die Mitte, und in der Mitte, die ja beide unterschiedlichen Teile enthält, wohnt auch allein das sich weiterbewegende Prinzip“. Wer da meint, Reichtum widerspräche einer marxistischen Gesellschaftslehre, der lese die marxistischen Klassiker, z.B. Engels, der sagt, Marx habe es „für ein Verbrechen“ angesehen, „den Arbeitern etwas Geringeres als das Allerbeste zu bieten“.
Allerdings könne es eine reiche sozialistische Gesellschaft nur geben, so Hacks, wenn die stumpfsinnige Gleichmacherei zwischen qualifizierter und unqualifizierter Arbeit abgeschafft werde. Gebe der sozialistische Staat für die qualifizierte Arbeit keine angemessene Vergütung, so leiste er sich eine Menge „unbefreiter Produktivkraft“. Besondere Leistung wird eben durch besondere Belohnung ermutigt. Auch zu einer schadenstiftenden Gleichmacherei hat sich der späte Engels geäußert: Der wirkliche Inhalt der proletarischen Gleichheitsforderung sei die Abschaffung der Klassen (will sagen Klassen einer kapitalistischen Gesellschaft, wo die besitzende Klasse die untere Klasse ausbeutet). Und er fährt fort: „Jede Gleichheitsforderung, die darüber hinausgeht, verläuft notwendig ins Absurde.“ Seinen Numa läßt der Dichter sagen: „Wir erstreben Gleichheit und Reichtum, aber wie soll sich Reichtum mit Gleichheit abfinden, und wie soll Gleichheit nicht gegen Reichtum kämpfen?“ Die Lösung sei nur die Erzeugung einer unermeßlichen Menge von Gütern. Nur wenn man alles haben könne, stürbe die Habsucht ab. Allerdings hält Hacks es für notwendig, daß in einem solchen Zukunftsstaat „jedermanns Fähigkeiten“ herausgefunden und gefördert würden, anders als Marx und Engels, die der Meinung waren, daß Spezialistentum abgeschafft werden solle, so daß jeder dann zu schier jeder Tätigkeit fähig sei.
Auch innerhalb der Partei habe eine kluge Regierung alle Flügelkämpfe zu neutralisieren. Er sei mit den Revisionisten ebenso verfeindet wie mit den Dogmatikern, sagte er 1978. Die einen strebten nach „Weite und Vielfalt“, die anderen nach „Enge und Einfalt“, so Hacks sarkastisch. In mehreren Dramen behandelt er diese Problematik der Rechts- wie Linksabweichung innerhalb der Partei. Die Gefahr besteht immer, daß sich beide Extreme verbünden gegen den Herrscher. In der „Adam-und-Eva“-Komödie ist es der Ja-Sager-Engel, der Dogmatiker, der den Satanael, seinen Widersacher, nichtsahnend huckepack aus der Wüste ins Paradies zu Adam und Eva trägt. (Doch sollte man darin wohl auch die Verbindung zwischen Adel und Bürgertum gegen den König sehen. Mit dieser Fronde hatte bekanntlich die Französische Revolution begonnen.) Hacks lobt jeden Staatsmann, dem es, wie Lenin, Stalin oder Ulbricht gelang, Flügelkämpfe zu neutralisieren. Eine Staatsspitze, die sich mit einer Seite verbindet, ist verloren, so wie Louis XVI. verloren war, als er sich mit dem Adel verbündete. Der Unterschied ist allerdings, daß die beiden Flügel einer Partei nun wirklich nicht als Klassen zu bezeichnen sind. Man sollte sich wohl hüten vor jeder allzu schematischen Gleichsetzung von historischen Erscheinungen. So pflegten es z.B. die marxistischen Dogmatiker zu sein, welche einem strengen Egalitarismus huldigten, während zum Wesen ihres Pendants in Hacks' Werk, nämlich des Adels, das Elitebewußtsein mit seinen Konsequenzen gehörte. Doch haben auch Marx und Engels immer wieder Parallelstrukturen in der Geschichte aufgesucht, um die Gegenwart zu erklären.
Wenn nun der Dichter seinen Numa sagen läßt: „... wenn es auch länger als fünfzig Jahre her ist, aber wir Kommunisten haben tatsächlich einmal für die Vernunft gekämpft“, so liegt darin eine scharfe Kritik der sozialistischen Gegenwart. Sie steht Lenins Mahnung an seine Genossen in nichts nach, sie würden die Partei bald zugrunde richten, wenn sie „nur die gehorsamen Dummköpfe“ in ihr ließen. War Lenin ein schlechter Marxist? So kämpfte auch Hacks gegen alles an, was den Sozialismus in seinem Land schwächen mußte. Er wollte ja nicht die Partei und das Politbüro abschaffen, er wollte deren Fehler abschaffen. Daß jene in erster Linie die sozialistischen Produktionsverhältnisse zu garantieren hatten, war für ihn die Voraussetzung. Wenn da neulich zu lesen war, der Senator Buddenbrook hätte sich in Hacks' DDR wohl gefühlt, so ist dazu zu sagen: Er wäre in Hacks' DDR erst einmal enteignet worden. (Warum aber sein Erfinder nicht enteignet worden wäre, das braucht hier wohl nicht erläutert zu werden.)
1976 war die erste Version seiner „Numa“-Komödie entstanden. Dazu sagte er, sein Ziel sei der mittlere, nicht der durch Einseitigkeit beschränkte Held gewesen. (Er machte ihn bekanntlich in der zweiten Fassung zum Alleinherrscher.) Für seine postrevolutionäre Dramatik kommt also der Herrscher in Frage, dessen Wahrheiten nicht auf der Mitte von zwei Unwahrheiten wohnen. Die Mitte des Sowohl-als-auch oder des Einerseits-Andererseits habe nichts mit Kommunismus zu tun. Dessen Wahrheit wohne „in der Mitte der Wahrheit“. Marx sagte dazu (à propos Proudhon): „So quält sich diese Vernunft in stets neuen Widersprüchen ab, bis sie am Ende dieser Widersprüche anlangt und merkt, daß alle Thesen und Synthesen nichts anderes sind als sich widersprechende Hypothesen.“ Dagegen setzt der Philosoph die „Zeugungsarbei“ des wahren Kampfes von Ja und Nein.
Es bedürfe nun einer Kraft, die die gegensätzlichen Möglichkeiten in der Gesellschaft in Betracht ziehe. Es kam ja nicht nur darauf an, z.B. den Dogmatismus der Verwaltung abzubauen. Es sei das „Bremsen“ ja 2keine unnütze Beschäftigung, wenn ein Fahrzeug sich in der Richtung des Straßengrabens“ bewege, so Hacks. Von Hegels Wort, daß das Wahre nur das Ganze sei, hat der Dichter niemals abgelassen.
Gipfelpunktästhetik
Hacks war, was leider viele Verantwortliche in der DDR aufgehört hatten zu sein, ein dialektischer Denker. „Die Dialektik“, so lesen wir bei Engels, sei „weiter nichts als die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entstehungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“. Diese Gesetze der ständigen Bewegung, des Austarierens der widerstreitenden Kräfte, liegen der Ästhetik des Dichters zugrunde. Das Drama sei „die Gattung für das Gleichgewicht“. Auf der relativen Rechtsgleichheit zweier Parteien, so Hacks, beruhe die exemplarische Schönheit der alten Tragödie. Sein Ziel in einer zukunftsträchtigen Zeit war es, diese Schönheit auch in der Komödie zu erreichen. Dazu hatte der Dichter, wie der Herrscher im Staat, den hohen Standpunkt einzunehmen, der „die Draufsicht auf die Widersprüche“ erlaubt. Das war die Vorbedingung für jene „Gipfelpunktästhetik“, wie sie bereits Lukács proklamiert hatte. Die war aber in seinem Staat immer schwieriger herzustellen, bei einer Politik, die in Einseitigkeit verkam. Hatte Hacks lange Zeit Sorge gehabt, daß man wieder zu der allzu einfachen Ästhetik eines sozialistischen Realismus' zurückkehren wolle, so mußte er in den letzten Jahren der DDR Zeuge sein, wie sich auch in seinem Land mehr und mehr eine am Westen orientierte Niedergangskunst etablierte. Seine Kunst lag nicht auf der Mitte zwischen diesen beiden Extremen, sondern sie hielt sich weit über dieser Mitte. Doch nachdem auch das kulturelle Umfeld in Einseitigkeit verkommen war, wurde es schier unmöglich, noch eine Kunst mit klassischem Anspruch herzustellen. Mit seinem sozialistischen Land kam ihm vollends die Grundbedingung für seine Ästhetik abhanden.
Es gab eine weitere Frage, in der sich Hacks mit Ulbricht einig wußte: in der Zeit- oder Tempofrage. Ulbricht war der einzige Politiker nach Stalin, der wagte, den Sozialismus als eine langandauernde Übergangsphase bis zum Kommunismus zu bezeichnen. Die Diktatur des Proletariats hielt Hacks für einen Ausnahmezustand. (Übrigens warf er seiner Regierung vor, gegen die Konterrevolution nicht den Ausnahmezustand geltend gemacht zu haben. Schließlich sei das Proletariat bewaffnet gewesen.) Schon in seinem Jugenddrama („Columbus…“) hatte er eine Übergangsphase von einer Gesellschaftsstufe in die andere in den Mittelpunkt gestellt. Noch in der „Jona“-Tragödie aus der späten DDR legt er Wert darauf, daß man erkenne, wie er aus dem Propheten, dem „idealen Entwurf für Ungeduld“, ein Beispiel für höchste Geduld geschaffen habe. Er schrieb damit auch gegen die Voraussage der marxistischen Klassiker an, der Moment des allgemeinen Zusammenbruchs des Kapitalismus und die Heraufkunft des Kommunismus treffe schon in baldiger Zukunft ein. Sie leiteten das ab aus den rapiden Fortschritten der Produktivkräfte, die zu den Produktionsverhältnissen in Widerspruch geraten würden, ohne jedoch zu erwägen, daß die Macht der gewohnten Produktionsverhältnisse länger als gewünscht mit den neuen Produktivkräften wachsen würde. Wenn der Dichter nun kritisiert, Marx' Hoffnungen in bezug auf die Geschwindigkeit der Geschichte seien „Selbsttäuschungen“ gewesen, und die Frage „wann?“ sei die Frage, die man Marx besser nicht stelle, so muß man nach der »Wende« hinzufügen, man stelle sie auch Hacks besser nicht. Er rechnete in Kürze mit einem erneuten Sieg des Sozialismus über den imperialistischen Westen. Man sollte, denke ich, die Zeitfrage überhaupt nicht stellen, sollte da weder bei Marx, noch bei Hacks, noch bei Georg Fülberth anklopfen. Sie ist ebenso unfruchtbar wie die Frage nach dem Grund unseres Lebens. Wir leben – machen wir das Beste daraus und gebrauchen unsere Zeit nach Kräften zu unserem Nutzen und zu dem unserer Nachkommen. Die Zeitfrage beantwortet sich handelnd, und in diesem Sinn hat Peter Hacks sie gültig beantwortet.
(1) Felix Bartels, »›Miteinandersichabfinden‹. Zur strukturellen Ähnlichkeit von Absolutismus und Sozialismus bei Peter Hacks«, junge Welt, 21.6.2008
(2) Jens Mehrle, »Der insgeheime Hacks. Zu Aufsätzen von Michael Mandelartz und Ingo Way«, in: Argos, Heft 3/2008, S. 241–266
(3) Heidi Urbahn de Jauregui, Zwischen den Stühlen. Der Dichter Peter Hacks, Eulenspiegel, Berlin 2006 (PK)

Online-Flyer Nr. 176 vom 10.12.2008
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