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Inland
Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste (1)
Terrorziel Europa
Von Jürgen Elsässer

Niccolo Machiavelli – italienischer Politiker und Schriftsteller | Quelle: NRhZ-Archiv
„Um die Machtausübung zu bewahren, ist es notwendig, sich zu gewissen Zeiten des Terrors zu bedienen.“ (Niccolo Machiavelli, Dosorsi sopra la prima deca di Titio Livio, 1531)(1)
Im Delirium eines deutschen 9/11
Sauerland, Gemeinde Medebach, Ortsteil Oberschledorn, 4. September 2007: Zwölf Männer der GSG9 sitzen gedrängt in ihren VW T4-Bullis, die mit brummenden Motoren in der Straße am Oggetal warten. Die Polizei hat mit 15 Wagen alles abgesperrt – freie Bahn für die legendäre Spezialtruppe. Die schwarzen Strumpfmasken werden über die Gesichter gezogen. Blickkontakt zum Einsatzleiter. Uhrenvergleich: 14:26 Uhr. Die Männer nicken sich zu. Zugriff
Mit quietschenden Reifen halten die drei VW-Busse vor dem Ferienhaus im Eichenweg 22. Die schwer Bewaffneten stürmen heraus, brechen die Vordertür auf, werfen zwei Verdächtige auf den Boden. Ein weiterer Mann entkommt durchs Badezimmerfenster, springt über eine Hecke in den Nachbargarten. Nach 300 Metern stellt sich ein Beamter in den Weg, doch der Fliehende stürzt sich wie entfesselt auf ihn, entreißt ihm die Dienstwaffe und schießt. Der Polizist wird leicht an der Hand verletzt. Dann endlich kommen zwei GSG9-Kämpfer zu Hilfe und überwältigen den Tollkühnen. Die drei Festgenommenen – Fritz Gelowicz, Adem Yilmaz und Daniel Schneider, zwei zum Islam konvertierte Deutsche und ein Türke – verschwinden hinter Gittern. Und landen auf den Titelseiten aller Zeitungen.

Jürgen Elsässer | Quelle: NRhZ-Archiv
Schon bald versuchen sich die Medien in einem Täterprofil. „Der nette Junge von nebenan – der, der auch ein idealer Schwiegersohn hätte werden können, der ist nun auch ein vereitelter Terrorist: ein Sohn aus so genanntem gutem Hause, Bürgertum, Gymnasium und so weiter und so weiter. Und dann erfährt man, der Nachbar ist ein Bombenbastler, konvertierte zum Islam und hätte am liebsten Hunderte Landsleute in die Luft gesprengt. Sechs Jahre ist es heute her, dass junge Männer in die Türme des World Trade Centers flogen, sechs Jahre, in denen sich die Welt fundamental verändert hat und der Terror auch in manchen Köpfen hierzulande angekommen ist“, so begann im Zweiten Deutschen Fernsehen eine Reportage über den in Oberschledorn festgenommenen Gelowicz. „Massenmord – wie damals am 11. September und am liebsten zum Jahrestag oder kurz danach, das, so glauben die Fahnder, war sein Plan“, so die Botschaft der TV-Journalisten für Millionen deutscher Haushalte.(2)
Wurde also ein deutsches 9/11 in letzter Minute abgewendet? Ähnliche Kassandrarufe hatte es bereits ein Jahr zuvor gegeben, rund um die sogenannten Kofferbomber vom Kölner Hauptbahnhof (vgl. Kapitel 12). Doch seither habe sich die Lage weiter zugespitzt, wie „FAZ“-Leitartikler Berthold Kohler die Situation messerscharf analysierte: „Die Bomben werden größer und ihre Leger offenbar professioneller. Das ist eine Realität, der man sich auch hierzulande stellen muss. Sie ist durch die jüngste Polizeiaktion so augenfällig geworden, dass (Bundesinnenminister) Schäuble darauf verzichten konnte, sein Ceterum censeo zur Online-Durchsuchung anzufügen.“(3) Doch bei genauerer Analyse hat der Anschlagsversuch das Gegenteil gezeigt.
Wasserstoff(peroxyd)bomben
„Terror-Fritz und seine gefährlichen Freunde“, so die Schlagzeile in der „Welt“ am 8. September 2007, stellten sich jedenfalls so tollpatschig an wie nur wenige Nachwuchsterroristen vor ihnen. Obwohl angeblich in einem Ausbildungslager in Nordpakistan militärisch geschult, wollten sie ihre Bomben ausgerechnet aus einer Chemikalie mixen, die dafür höchst ungeeignet ist: Wasserstoffperoxid, ein Ausgangsstoff für die Herstellung jenes bekannten Bleichmittels, das berüchtigten Wasserstoffblondinen zu ihrer Haarpracht verhilft. Die „FAZ“ prägte in der Folge den Ausdruck „Wasserstoffperoxydbomben“, was zwar Nonsens ist, aber durch den Anklang an Wasserstoffbomben höchst gefährlich klingt. „Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes“ habe das Trio bereits vorbereitet, heißt es in Anspielung auf die Anschläge in der spanischen Hauptstadt vom 11. März 2004 mit knapp 200 Toten.
Erwiesen ist lediglich, dass die Gruppe Wasserstoffperoxid gekauft und in einem Haus bei Freudenstadt im Schwarzwald zwischengelagert hat. Dieser Stoff an sich ist jedoch ungefährlich. Das ändert sich erst, wenn die Chemikalie mit Aceton und weiteren Säuren reagiert; dann entsteht Triaceton-Triperoxyd (TATP) oder Apex. Die Mischung ist jedoch zum Bombenbauen höchst unpraktikabel, da sie zu leicht und zu unkontrolliert explodiert. Wie hätten die Täter die Mega-Böller aus ihrer Ferienhaus-Garage herausbringen, geschweige denn zu ihrem angeblichen Bestimmungsort in irgendeiner US-Einrichtung transportieren wollen, ohne dass sie ihnen um die Ohren fliegen?
Mit dem Bombenanschlag in Madrid hat TATP/Apex übrigens nichts zu tun. Dort wurde bekanntlich Dynamit aus asturischen Bergwerken verwendet –, und auch bei den Londoner Attacken vom 7. Juli 2005 ist die Verwendung dieses Stoffes alles andere als erwiesen.. Mehr noch: Bis dato wurde offensichtlich kein einziger der Anschläge in Europa oder Nordamerika mit Hilfe dieser Substanzen begangen. Trotz der kontraproduktiven und – bei der falschen Beimischung – selbstmörderischen Wirkung von Wasserstoffperoxid besorgten sich „Terror-Fritz“ und seine Kumpane sukzessive mehr als 700 Kilo dieser Chemikalie bei einem Hannoveraner Großhändler und karrten die zwölf Fässer in mehreren Fuhren quer durch die Republik zu ihrem Unterschlupf in Südbaden. Von dort wurde eines der Fässer, fast wieder über dieselbe Distanz, ins sauerländische Oberschledorn transportiert – gerade so, als wollten die Tatverdächtigen für die Ermittler eine Fährte legen.
Fritz macht, was er will
Auch ansonsten unterließ insbesondere Gelowicz, der mutmaßliche Anführer des Trios, nichts, um die Aufmerksamkeit auf sich und sein Vorhaben zu lenken. Obwohl gegen ihn bereits im Jahre 2005 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung ermittelt und er kurzfristig festgenommen worden war,(4) tauchte er nicht etwa in den Untergrund ab, er änderte auch nicht sein Erscheinungsbild oder besorgte sich eine neue Identität. Vielmehr fuhr er am Sylvestertag 2006 mit Freunden „mehrfach auffällig“ vor einer US-Kaserne in Hanau hin- und her – so auffällig, dass das Observationskommando des Verfassungsschutzes das Auto anhalten und die Personalien der Insassen aufnehmen ließ.(5) Spätestens am 6. Januar 2007 hätte er merken müssen, dass der Staatsschutz es wieder auf ihn abgesehen hat: Seine Ulmer Wohnung wurde durchsucht. „Dass Fritz G. und seine mutmaßlichen Komplizen sich von der Hausdurchsuchung nicht abschrecken ließen, dass sie im Gegenteil erst danach begannen, kanisterweise Explosivstoffe zu beschaffen, Häuser und Garagen zu mieten, militärische Zünder zu besorgen und in ihren (abgefangenen) E-Mails angeblich sogar die Fahnder zu verhöhnen, wirft ernste Fragen auf“, wunderte sich die „FAZ“.(6)
Anfang Mai 2007 erschien ein alarmierender Bericht in der Zeitschrift „Focus“. Das Magazin berichtete damals schon, dass „der Gruppe zwei deutsche Konvertiten sowie drei Türken mit deutschen Pässen angehören“. Es schrieb über die militärische Ausbildung in Pakistan und erwähnte sogar die angebliche Zugehörigkeit zur bis dahin völlig unbekannten Organisation „Internationale Dschihad Union“ (IJU). „Für die Sicherheitsbehörden war dieser ´Focus´-Bericht eine kleine Katastrophe. Sie erwarteten das unmittelbare Abtauchen der Gruppe....“(7) Doch wieder geschah das Gegenteil: Fritz und Co. machten seelenruhig mit ihren „Anschlagsvorbereitungen“ weiter.
Schließlich wählte das Trio zum Bombenbauen ausgerechnet das idyllische Oberschledorn aus. „Man kennt sich und die Feriengäste in dem Dorf, in dem rund 900 Menschen leben“, schreibt die „FAZ“ über den Flecken. In dieser Umgebung, inmitten der Sommerfrischler und Wanderfreunde, mussten die langhaarigen, bärtigen beziehungsweise glatzköpfigen Finsterlinge auffallen wie die Panzerknacker bei einem Donald Duck-Kindergeburtstag. Warum mieteten sie sich nicht, wie weiland die RAF-Leute, in einem anonymen Hochhaus mit Tiefgarage und Autobahnanschluss ein?
Aufschlussreich ist auch die unmittelbare Vorgeschichte des polizeilichen Zugriffs am 4. September 2007: Am 3. September fuhren die drei tagsüber mit aufgeblendetem Licht auf eine Polizeikontrolle zu und wurden prompt angehalten. Obwohl einer der Streifenpolizisten bei der Kontrolle unvorsichtig laut zu einem Kollegen sagte, dass die PKW-Insassen „auf einer BKA-Liste“ stünden, konnten sie weiterfahren.(8)
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Focus online 05.09.07, 11:49:
Generalbundesanwältin
Massive Bombenanschläge verhindert
Die Sicherheitsbehörden haben nach Angaben von Generalbundesanwältin Monika Harms „massive Bombenanschläge“ von islamistischen Terroristen in Deutschland vereitelt.

Ein Verdächtiger
wird in den Bundesgerichtshof gebracht
Harms sagte am Mittwoch in Karlsruhe, die drei am Dienstag festgenommenen Verdächtigen gehörten einer deutschen Zelle des internationalen Terrornetzwerks Dschihad-Union an. Sie hätten Terroranschläge gegen US-Einrichtungen in Deutschland vorbereitet. Es sei „eine der bislang schwerwiegendsten Anschlagsplanungen“ in Deutschland gewesen.
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Das Trio war sich die ganze Zeit bewusst, dass es genauestens observiert wurde. Sie hatten sich Spottnamen für ihre Bewacher ausgedacht. „Pepsi“ nannten sie die Deutschen, „Coca Cola“ die US-Amerikaner.(9) Das deutlichste Beispiel für das Verhältnis von vermeintlichen Jägern und vermeintlichen Gejagten gab schließlich „Spiegel-Online“ zum Besten, leider ohne Hinweis auf den genauen Zeitpunkt des Geschehens. Eines Tages jedenfalls hätten sich die drei über ihre Observanten geärgert. Daraufhin „stieg einer der Islamisten ... an einer roten Ampel aus und schlitzte die Reifen eines Verfolger-Wagens des Verfassungsschutzes auf“.(10) Ein anderes Mal randalierte Adem Yilmaz so wild vor einer Disco voller US-Soldaten – einem potentiellen Anschlagsziel –, dass eine Polizeistreife eingriff.(11)
Die verbale Brutalität und Großspurigkeit des Trios war ohnegleichen. „Focus“ präsentierte Ende Oktober 2007 Zitatfetzen der drei aus den Mitschnitten der Fahnder, die ihren Weg aus den Ermittlungsakten in die Redaktion des Münchner Nachrichtenmagazins gefunden hatten. „Wir brauchen drei große Ziele“, mahnte Gelowicz laut „Focus“. „Jeder Anschlag 50 Stück ... ein paar Verletzte, das sind 150 Stück … Das wär´ schon gut“, wird Yilmaz zitiert. Seine weiteren O-Töne lesen sich im „Focus“ tatsächlich so, als ob ein Remake des 11. September 2001 geplant gewesen sei: „Die Welt wird brennen. Wenn wir es am 11. kriegen ... genau um diese Uhrzeit ... die flippen, die flippen ... wenn es Inschallah in diesem Monat passiert, September…“.(12) Verteidiger Michael Murat Sertsöz konnte die Abhörprotokolle lesen und bestreitet den vom „Focus“ kolportierten Inhalt nicht. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Drohungen von den jungen Männern vielleicht nicht ernst gemeint waren: „Die drei redeten wie Geistesgestörte – obwohl sie wussten, dass sie abgehört wurden. Warum sollten sie dann so offen sprechen und auch noch in den brutalsten Redewendungen? Ich kann mir nur vorstellen, dass sie bestimmte überdrehte Formulierungen ganz bewusst gebrauchten, um dem Klischee ihrer Verfolger zu entsprechen und diese dadurch noch hektischer zu machen.“(13) (PK)
1 z.n. Regine Igel, Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, München 2006, S. 142.
2 Daniela Bach/Elmar Theveßen/Rolf Peter Weißhaar, Angriffsziel Terrorismus – Bedrohung durch Terrorismus, Frontal 21 (ZDF), 11.9.2007.
3 Bko, Köpfe und Tentakeln, FAZ 6. September 2007.
4 G. P., Legale Zutaten für die Sprengstoffküche, FAZ 6.9. 2007.
5 Simone Kaiser/u. a., „Operation Alberich“, Spiegel 10.9.2007.
6 Peter Carstensen, Von Entwarnung kann keine Rede sein, FAZ 7. 9. 2007.
7 Peter Carstensen, Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes, FAZ 6. 9. 2007.
8 Dorfpolizist zwang Terror-Fahnder zum Zugriff, Spiegel-Online 8. 9.2007.
9 vgl. Annette Ramelsberger, Der deutsche Dschihad. Islamistische Terroristen planen den Anschlag, Berlin 2008, S. 23.
10 phw/dpa/AFP/ddp, Dorfpolizist zwang Terror-Fahnder zum Zugriff Spiegel-Online, 8.9. 2007.
11 Annette Ramelsberger (FN 9), S. 23f.
12 Axel Spilcker, „Drei große Ziele“, Focus 29.10.2007.
13 Hintergrundgespräch des Autors mit Michael Murat Sertsöz 2.11.2007.

Kapitel 15 aus Jürgen Elsässer „Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“, Residenz Verlag, 344 Seiten, 21.90 Euro, inzwischen in der zweiten Auflage
Online-Flyer Nr. 174 vom 26.11.2008
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Inland
Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste (1)
Terrorziel Europa
Von Jürgen Elsässer

Niccolo Machiavelli – italienischer Politiker und Schriftsteller | Quelle: NRhZ-Archiv
„Um die Machtausübung zu bewahren, ist es notwendig, sich zu gewissen Zeiten des Terrors zu bedienen.“ (Niccolo Machiavelli, Dosorsi sopra la prima deca di Titio Livio, 1531)(1)
Im Delirium eines deutschen 9/11
Sauerland, Gemeinde Medebach, Ortsteil Oberschledorn, 4. September 2007: Zwölf Männer der GSG9 sitzen gedrängt in ihren VW T4-Bullis, die mit brummenden Motoren in der Straße am Oggetal warten. Die Polizei hat mit 15 Wagen alles abgesperrt – freie Bahn für die legendäre Spezialtruppe. Die schwarzen Strumpfmasken werden über die Gesichter gezogen. Blickkontakt zum Einsatzleiter. Uhrenvergleich: 14:26 Uhr. Die Männer nicken sich zu. Zugriff
Mit quietschenden Reifen halten die drei VW-Busse vor dem Ferienhaus im Eichenweg 22. Die schwer Bewaffneten stürmen heraus, brechen die Vordertür auf, werfen zwei Verdächtige auf den Boden. Ein weiterer Mann entkommt durchs Badezimmerfenster, springt über eine Hecke in den Nachbargarten. Nach 300 Metern stellt sich ein Beamter in den Weg, doch der Fliehende stürzt sich wie entfesselt auf ihn, entreißt ihm die Dienstwaffe und schießt. Der Polizist wird leicht an der Hand verletzt. Dann endlich kommen zwei GSG9-Kämpfer zu Hilfe und überwältigen den Tollkühnen. Die drei Festgenommenen – Fritz Gelowicz, Adem Yilmaz und Daniel Schneider, zwei zum Islam konvertierte Deutsche und ein Türke – verschwinden hinter Gittern. Und landen auf den Titelseiten aller Zeitungen.

Jürgen Elsässer | Quelle: NRhZ-Archiv
Schon bald versuchen sich die Medien in einem Täterprofil. „Der nette Junge von nebenan – der, der auch ein idealer Schwiegersohn hätte werden können, der ist nun auch ein vereitelter Terrorist: ein Sohn aus so genanntem gutem Hause, Bürgertum, Gymnasium und so weiter und so weiter. Und dann erfährt man, der Nachbar ist ein Bombenbastler, konvertierte zum Islam und hätte am liebsten Hunderte Landsleute in die Luft gesprengt. Sechs Jahre ist es heute her, dass junge Männer in die Türme des World Trade Centers flogen, sechs Jahre, in denen sich die Welt fundamental verändert hat und der Terror auch in manchen Köpfen hierzulande angekommen ist“, so begann im Zweiten Deutschen Fernsehen eine Reportage über den in Oberschledorn festgenommenen Gelowicz. „Massenmord – wie damals am 11. September und am liebsten zum Jahrestag oder kurz danach, das, so glauben die Fahnder, war sein Plan“, so die Botschaft der TV-Journalisten für Millionen deutscher Haushalte.(2)
Wurde also ein deutsches 9/11 in letzter Minute abgewendet? Ähnliche Kassandrarufe hatte es bereits ein Jahr zuvor gegeben, rund um die sogenannten Kofferbomber vom Kölner Hauptbahnhof (vgl. Kapitel 12). Doch seither habe sich die Lage weiter zugespitzt, wie „FAZ“-Leitartikler Berthold Kohler die Situation messerscharf analysierte: „Die Bomben werden größer und ihre Leger offenbar professioneller. Das ist eine Realität, der man sich auch hierzulande stellen muss. Sie ist durch die jüngste Polizeiaktion so augenfällig geworden, dass (Bundesinnenminister) Schäuble darauf verzichten konnte, sein Ceterum censeo zur Online-Durchsuchung anzufügen.“(3) Doch bei genauerer Analyse hat der Anschlagsversuch das Gegenteil gezeigt.
Wasserstoff(peroxyd)bomben
„Terror-Fritz und seine gefährlichen Freunde“, so die Schlagzeile in der „Welt“ am 8. September 2007, stellten sich jedenfalls so tollpatschig an wie nur wenige Nachwuchsterroristen vor ihnen. Obwohl angeblich in einem Ausbildungslager in Nordpakistan militärisch geschult, wollten sie ihre Bomben ausgerechnet aus einer Chemikalie mixen, die dafür höchst ungeeignet ist: Wasserstoffperoxid, ein Ausgangsstoff für die Herstellung jenes bekannten Bleichmittels, das berüchtigten Wasserstoffblondinen zu ihrer Haarpracht verhilft. Die „FAZ“ prägte in der Folge den Ausdruck „Wasserstoffperoxydbomben“, was zwar Nonsens ist, aber durch den Anklang an Wasserstoffbomben höchst gefährlich klingt. „Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes“ habe das Trio bereits vorbereitet, heißt es in Anspielung auf die Anschläge in der spanischen Hauptstadt vom 11. März 2004 mit knapp 200 Toten.
Erwiesen ist lediglich, dass die Gruppe Wasserstoffperoxid gekauft und in einem Haus bei Freudenstadt im Schwarzwald zwischengelagert hat. Dieser Stoff an sich ist jedoch ungefährlich. Das ändert sich erst, wenn die Chemikalie mit Aceton und weiteren Säuren reagiert; dann entsteht Triaceton-Triperoxyd (TATP) oder Apex. Die Mischung ist jedoch zum Bombenbauen höchst unpraktikabel, da sie zu leicht und zu unkontrolliert explodiert. Wie hätten die Täter die Mega-Böller aus ihrer Ferienhaus-Garage herausbringen, geschweige denn zu ihrem angeblichen Bestimmungsort in irgendeiner US-Einrichtung transportieren wollen, ohne dass sie ihnen um die Ohren fliegen?
Mit dem Bombenanschlag in Madrid hat TATP/Apex übrigens nichts zu tun. Dort wurde bekanntlich Dynamit aus asturischen Bergwerken verwendet –, und auch bei den Londoner Attacken vom 7. Juli 2005 ist die Verwendung dieses Stoffes alles andere als erwiesen.. Mehr noch: Bis dato wurde offensichtlich kein einziger der Anschläge in Europa oder Nordamerika mit Hilfe dieser Substanzen begangen. Trotz der kontraproduktiven und – bei der falschen Beimischung – selbstmörderischen Wirkung von Wasserstoffperoxid besorgten sich „Terror-Fritz“ und seine Kumpane sukzessive mehr als 700 Kilo dieser Chemikalie bei einem Hannoveraner Großhändler und karrten die zwölf Fässer in mehreren Fuhren quer durch die Republik zu ihrem Unterschlupf in Südbaden. Von dort wurde eines der Fässer, fast wieder über dieselbe Distanz, ins sauerländische Oberschledorn transportiert – gerade so, als wollten die Tatverdächtigen für die Ermittler eine Fährte legen.
Fritz macht, was er will
Auch ansonsten unterließ insbesondere Gelowicz, der mutmaßliche Anführer des Trios, nichts, um die Aufmerksamkeit auf sich und sein Vorhaben zu lenken. Obwohl gegen ihn bereits im Jahre 2005 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung ermittelt und er kurzfristig festgenommen worden war,(4) tauchte er nicht etwa in den Untergrund ab, er änderte auch nicht sein Erscheinungsbild oder besorgte sich eine neue Identität. Vielmehr fuhr er am Sylvestertag 2006 mit Freunden „mehrfach auffällig“ vor einer US-Kaserne in Hanau hin- und her – so auffällig, dass das Observationskommando des Verfassungsschutzes das Auto anhalten und die Personalien der Insassen aufnehmen ließ.(5) Spätestens am 6. Januar 2007 hätte er merken müssen, dass der Staatsschutz es wieder auf ihn abgesehen hat: Seine Ulmer Wohnung wurde durchsucht. „Dass Fritz G. und seine mutmaßlichen Komplizen sich von der Hausdurchsuchung nicht abschrecken ließen, dass sie im Gegenteil erst danach begannen, kanisterweise Explosivstoffe zu beschaffen, Häuser und Garagen zu mieten, militärische Zünder zu besorgen und in ihren (abgefangenen) E-Mails angeblich sogar die Fahnder zu verhöhnen, wirft ernste Fragen auf“, wunderte sich die „FAZ“.(6)
Anfang Mai 2007 erschien ein alarmierender Bericht in der Zeitschrift „Focus“. Das Magazin berichtete damals schon, dass „der Gruppe zwei deutsche Konvertiten sowie drei Türken mit deutschen Pässen angehören“. Es schrieb über die militärische Ausbildung in Pakistan und erwähnte sogar die angebliche Zugehörigkeit zur bis dahin völlig unbekannten Organisation „Internationale Dschihad Union“ (IJU). „Für die Sicherheitsbehörden war dieser ´Focus´-Bericht eine kleine Katastrophe. Sie erwarteten das unmittelbare Abtauchen der Gruppe....“(7) Doch wieder geschah das Gegenteil: Fritz und Co. machten seelenruhig mit ihren „Anschlagsvorbereitungen“ weiter.
Schließlich wählte das Trio zum Bombenbauen ausgerechnet das idyllische Oberschledorn aus. „Man kennt sich und die Feriengäste in dem Dorf, in dem rund 900 Menschen leben“, schreibt die „FAZ“ über den Flecken. In dieser Umgebung, inmitten der Sommerfrischler und Wanderfreunde, mussten die langhaarigen, bärtigen beziehungsweise glatzköpfigen Finsterlinge auffallen wie die Panzerknacker bei einem Donald Duck-Kindergeburtstag. Warum mieteten sie sich nicht, wie weiland die RAF-Leute, in einem anonymen Hochhaus mit Tiefgarage und Autobahnanschluss ein?
Aufschlussreich ist auch die unmittelbare Vorgeschichte des polizeilichen Zugriffs am 4. September 2007: Am 3. September fuhren die drei tagsüber mit aufgeblendetem Licht auf eine Polizeikontrolle zu und wurden prompt angehalten. Obwohl einer der Streifenpolizisten bei der Kontrolle unvorsichtig laut zu einem Kollegen sagte, dass die PKW-Insassen „auf einer BKA-Liste“ stünden, konnten sie weiterfahren.(8)
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Focus online 05.09.07, 11:49:
Generalbundesanwältin
Massive Bombenanschläge verhindert
Die Sicherheitsbehörden haben nach Angaben von Generalbundesanwältin Monika Harms „massive Bombenanschläge“ von islamistischen Terroristen in Deutschland vereitelt.

Ein Verdächtiger
wird in den Bundesgerichtshof gebracht

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Das Trio war sich die ganze Zeit bewusst, dass es genauestens observiert wurde. Sie hatten sich Spottnamen für ihre Bewacher ausgedacht. „Pepsi“ nannten sie die Deutschen, „Coca Cola“ die US-Amerikaner.(9) Das deutlichste Beispiel für das Verhältnis von vermeintlichen Jägern und vermeintlichen Gejagten gab schließlich „Spiegel-Online“ zum Besten, leider ohne Hinweis auf den genauen Zeitpunkt des Geschehens. Eines Tages jedenfalls hätten sich die drei über ihre Observanten geärgert. Daraufhin „stieg einer der Islamisten ... an einer roten Ampel aus und schlitzte die Reifen eines Verfolger-Wagens des Verfassungsschutzes auf“.(10) Ein anderes Mal randalierte Adem Yilmaz so wild vor einer Disco voller US-Soldaten – einem potentiellen Anschlagsziel –, dass eine Polizeistreife eingriff.(11)
Die verbale Brutalität und Großspurigkeit des Trios war ohnegleichen. „Focus“ präsentierte Ende Oktober 2007 Zitatfetzen der drei aus den Mitschnitten der Fahnder, die ihren Weg aus den Ermittlungsakten in die Redaktion des Münchner Nachrichtenmagazins gefunden hatten. „Wir brauchen drei große Ziele“, mahnte Gelowicz laut „Focus“. „Jeder Anschlag 50 Stück ... ein paar Verletzte, das sind 150 Stück … Das wär´ schon gut“, wird Yilmaz zitiert. Seine weiteren O-Töne lesen sich im „Focus“ tatsächlich so, als ob ein Remake des 11. September 2001 geplant gewesen sei: „Die Welt wird brennen. Wenn wir es am 11. kriegen ... genau um diese Uhrzeit ... die flippen, die flippen ... wenn es Inschallah in diesem Monat passiert, September…“.(12) Verteidiger Michael Murat Sertsöz konnte die Abhörprotokolle lesen und bestreitet den vom „Focus“ kolportierten Inhalt nicht. Allerdings gibt er zu bedenken, dass die Drohungen von den jungen Männern vielleicht nicht ernst gemeint waren: „Die drei redeten wie Geistesgestörte – obwohl sie wussten, dass sie abgehört wurden. Warum sollten sie dann so offen sprechen und auch noch in den brutalsten Redewendungen? Ich kann mir nur vorstellen, dass sie bestimmte überdrehte Formulierungen ganz bewusst gebrauchten, um dem Klischee ihrer Verfolger zu entsprechen und diese dadurch noch hektischer zu machen.“(13) (PK)
1 z.n. Regine Igel, Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, München 2006, S. 142.
2 Daniela Bach/Elmar Theveßen/Rolf Peter Weißhaar, Angriffsziel Terrorismus – Bedrohung durch Terrorismus, Frontal 21 (ZDF), 11.9.2007.
3 Bko, Köpfe und Tentakeln, FAZ 6. September 2007.
4 G. P., Legale Zutaten für die Sprengstoffküche, FAZ 6.9. 2007.
5 Simone Kaiser/u. a., „Operation Alberich“, Spiegel 10.9.2007.
6 Peter Carstensen, Von Entwarnung kann keine Rede sein, FAZ 7. 9. 2007.
7 Peter Carstensen, Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes, FAZ 6. 9. 2007.
8 Dorfpolizist zwang Terror-Fahnder zum Zugriff, Spiegel-Online 8. 9.2007.
9 vgl. Annette Ramelsberger, Der deutsche Dschihad. Islamistische Terroristen planen den Anschlag, Berlin 2008, S. 23.
10 phw/dpa/AFP/ddp, Dorfpolizist zwang Terror-Fahnder zum Zugriff Spiegel-Online, 8.9. 2007.
11 Annette Ramelsberger (FN 9), S. 23f.
12 Axel Spilcker, „Drei große Ziele“, Focus 29.10.2007.
13 Hintergrundgespräch des Autors mit Michael Murat Sertsöz 2.11.2007.

Kapitel 15 aus Jürgen Elsässer „Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“, Residenz Verlag, 344 Seiten, 21.90 Euro, inzwischen in der zweiten Auflage
Online-Flyer Nr. 174 vom 26.11.2008
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