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Krieg und Frieden
Büchel: Großdemonstration gegen die vorerst letzten Atomwaffen in Deutschland
„Symbol für gewalttätigen Terror“
Von Christian Heinrici

Demozug über die Felder rund um den Fliegerhorst Büchel
Foto: Wolfgang Geissler
Mit Zügen, Bussen und privaten PKW waren sie aus zahlreichen deutschen Städten angereist – darunter viele aus Köln, doch auch aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Korea, Tschechien, der Türkei und den USA kamen Friedensaktivisten zur Kundgebung am Fliegerhorst im Landkreis Cochem-Zell. Auch manche Prominente waren vertreten, wie die Sängerin Nina Hagen oder Horst-Eberhard Richter, Mitbegründer der IPPNW (kurz „Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“), einer nach wie vor noch sehr lebendigen Ikone der Friedensbewegung der 80er Jahre.

Horst Eberhard Richter
Quelle: IPPNW
„Ich bilde mir nicht ein, dass diese Atomwaffen demnächst verschwinden, wenn wir heute hier demonstrieren!“, erklärte Richter im Interview, „Aber, wir müssen Druck auf unsere Politik machen und auf einen Verteidigungsminister Jung, der sich jetzt schon darüber Gedanken macht, was denn im Jahre 2020 wird, wenn wir keine Tornados mehr zur Verfügung haben, um diese Atombomben zu transportieren...“ Richter kritisierte die „verteidigungspolitische“ Haltung des Ziehsohns von Roland Koch, weiterhin auf den Tornadobombern zu bestehen, obwohl sie längst zur Ausmusterung vorgesehen gewesen seien. Das geschehe nur, um sich von Büchel aus eine atomare Option zu bewahren: „Das ist eine Botschaft, die die Leute erst einmal verarbeiten müssen!“, sagte der bekannte Psychoanalytiker.
Zögerlich reservierte Berichterstattung
Wenn sie denn davon erfahren würden, könnte man hinzufügen. Die Bundesregierung schweigt sich nach wie vor über die Existenz und den „Verwendungszweck“ der Waffen aus, von denen jede einzelne eine vielfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe hat. Und auch ein Großteil der bundesdeutschen Presse laviert lieber zwischen Konjunktiven und Zitaten: Beispielhaft die Tagesschau, sie berichtete man habe in Büchel gegen „vermutete Atomwaffen“ demonstriert, denn, so das Flaggschiff der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung, dort lagerten „nach Darstellung der Veranstalter“ noch zwanzig Atombomben. Dabei dürften auch diese Kollegen nach minimaler Recherche Zugriff auf einen allgemein bekannten Bericht der US-Airforce haben, in dem sich die „Munitionsinspekteure“ über die unsichere Lagerung der Waffen auf dem Bundeswehrfliegerhorst mokieren.
So bleibt zu hoffen, dass diese zögerliche und reservierte Berichterstattung nicht eines Tages zu spät kommt: Während in den letzten Jahren eher noch kleine Gruppen Friedensbewegter, die sich eher in früheren Dekaden politisiert hatten, vor dem Fliegerhorst einfanden, war eine wachsende Anzahl jüngerer Teilnehmer dem Aufruf „vor der eigenen Türe zu kehren“ gefolgt. Und dementsprechend fielen die allesamt gewaltlosen Proteste, auch durch die Präsenz von Clownsarmee und den Trommlern von „Rhythms of Resistance“, noch etwas fantasievoller und zivil-ungehorsamer als sonst aus.

Some Rhythm helps for Resistance | Foto: Christian Heinrici
Mutig auf den Punkt gebracht
28 Teilnehmern war es nach Polizeiangaben gelungen, über den Zaun auf das Gelände des Fliegerhorsts zu gelangen – trotz schärfster Bewachung und vorheriger Ankündigung der Aktion, was letztendlich nur die Kritik an der nachlässigen Bewachung bestätigen konnte. Unter ihnen war wohl auch Angie Zelter, eine der bekanntesten Britischen Friedensaktivistinnen und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, die ihre vorbereitete Ansprache auf der Kundgebung deshalb nicht mehr selbst verlesen konnte. So sprang Regina Hagen vom „International Network of Engineers and Scientists Against Proliferation“ (INESAP) für sie ein und trug Zelters Rede vor:

Regina Hagen in Vertretung Angie Zelters
Foto: Christian Heinrici
„Angesichts des zunehmenden Klimachaos’ auf unserem zerbrechlichen Planeten, müssen wir der Einhaltung der globalen Zusammenarbeit gegen Armut und für einen nachhaltigen Lebensstil wieder Priorität einräumen. Wir können es uns nicht länger leisten, unsere begrenzten globalen Ressourcen für Atomwaffen und Kriege auszugeben. Wir müssen alle Menschen gleichermaßen respektieren und unsere Ressourcen gerecht verteilen. Die Atomwaffen hier in Büchel sind die Antithese all dessen, was wir brauchen, um die aktuellen Krisen in Bereich Umwelt und Menschenrechte anzugehen. Diese Atomwaffen sind ein mächtiges Symbol für gewalttätigen Terror und den Missbrauch von Macht.
Solange Europa die Kraft nicht aufbringt, die Stationierung von Atomwaffen auf europäischem Boden zu verweigern, nagt dieses Krebsgeschwür weiter am Kern unserer Gesellschaft. Wir können unsere globalen Problemen nicht lösen, wenn wir gleichzeitig Militärmaschinerien wie die NATO unterstützen, sowie eine Politik zu verfolgen, die mit Zerstörung droht, repressive Regime rund um die Welt unterstützt und mit dem Verkauf von Waffen und Folterinstrumenten Geld verdient...“
Hier Angie Zelters Rede im Ausschnitt hören:
Audiodatei starten

„Wir brauchen eine weltweite Friedens-
bewegung!“ – Jan Tamas in Büchel
Foto: Wolfgang Geissler
Jan Tamaš, Sprecher der Initiative Ne Základnám („Nein zu den Militärbasen“), einem Bündnis aus 60 verschiedenen Organisationen gegen das geplante und noch nicht vom Parlament ratifizierte US-amerikanische Raketenschild in der Tschechischen Republik, wies bei seiner Rede darauf hin, dass die Probleme von Atomwaffen, fremden Militärbasen auf europäischem Boden und die geplante Raketenabwehr der USA in Osteuropa eng miteinander verbunden seien: „Wir sehen darin eine sehr große Gefahr, und in den letzten beiden Jahren haben wir unzählige Demonstrationen, eine Petition für ein Referendum mit über 130.000 Unterschriften und einige internationale Konferenzen organisiert, und wir werden so lange weiter machen, bis dieses Projekt gestoppt wird!“ sagte Tamaš und weiter: „Ich bin hier, um euch meine volle Unterstützung im Kampf für ein atomwaffenfreies Deutschland, für ein atomwaffenfreies Europa und für eine atomwaffenfreie Welt zu versichern. Wir brauchen eine weltweite Friedensbewegung, und deshalb bin ich heute hier!“
Ferner lud der tschechische Aktivist zu einem Workshop über fremde Militärbasen vom 17. bis zum 19 Oktober im Rahmen des Europäischen Humanistischen Forums in Mailand und zu einem Weltfriedensmarsch ein, der im Jahre 2009 in Neuseeland startet und durch alle Kontinente und Klimazonen ziehend Friedensaktivisten in 90 Ländern (darunter auch in Deutschland) miteinander verbindet.
Sich einmischen und mitmischen
INESAP-Koordinatorin Regina Hagen hatte auf zwei weitere Termine hingewiesen, bei denen die Hilfe vieler Friedensaktivisten vonnöten seien: am 1. und 2. Dezember auch den Delegierten des CDU-Parteitags in Stuttgart klarzumachen, dass es an der Zeit sei, „Vor der eigenen Türe zu kehren“ und ihren Standpunkt in Atompolitik und nuklearer Teilhabe zu revidieren. Ebenso wies Hagen auf den 60. Geburtstag der NATO hin, der im Jahre 2009 in Straßburg und auf der gegenüberliegenden Rheinseite in Kehl „gefeiert“ werde. Dort sei es wichtig, sich einzumischen, da die NATO über ein neues strategisches Konzept nachdenke, aber worin nach wie vor der Ersteinsatz von Atomwaffen vorgesehen sei.

Prominente Aktivisten bereiten den „Kehraus" schon einmal vor
Foto: Christian Heinrici
Sicher werden die Proteste in Büchel Minister Jung noch nicht nachhaltig beeindruckt haben, so dass er beispielsweise das „christdemokratische verteidigungspolitische“ Dogma der Nuklearen Teilhabe in Frage stellt. Doch aus Büchel wird ein wichtiges Signal hervorgehen, das, wenn es weitergetragen wird, zum Entstehen einer neuen und globalen Friedensbewegung beitragen kann. (CH)
Krieg und Frieden
Büchel: Großdemonstration gegen die vorerst letzten Atomwaffen in Deutschland
„Symbol für gewalttätigen Terror“
Von Christian Heinrici

Demozug über die Felder rund um den Fliegerhorst Büchel
Foto: Wolfgang Geissler
Mit Zügen, Bussen und privaten PKW waren sie aus zahlreichen deutschen Städten angereist – darunter viele aus Köln, doch auch aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Korea, Tschechien, der Türkei und den USA kamen Friedensaktivisten zur Kundgebung am Fliegerhorst im Landkreis Cochem-Zell. Auch manche Prominente waren vertreten, wie die Sängerin Nina Hagen oder Horst-Eberhard Richter, Mitbegründer der IPPNW (kurz „Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“), einer nach wie vor noch sehr lebendigen Ikone der Friedensbewegung der 80er Jahre.

Horst Eberhard Richter
Quelle: IPPNW
Zögerlich reservierte Berichterstattung
Wenn sie denn davon erfahren würden, könnte man hinzufügen. Die Bundesregierung schweigt sich nach wie vor über die Existenz und den „Verwendungszweck“ der Waffen aus, von denen jede einzelne eine vielfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe hat. Und auch ein Großteil der bundesdeutschen Presse laviert lieber zwischen Konjunktiven und Zitaten: Beispielhaft die Tagesschau, sie berichtete man habe in Büchel gegen „vermutete Atomwaffen“ demonstriert, denn, so das Flaggschiff der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung, dort lagerten „nach Darstellung der Veranstalter“ noch zwanzig Atombomben. Dabei dürften auch diese Kollegen nach minimaler Recherche Zugriff auf einen allgemein bekannten Bericht der US-Airforce haben, in dem sich die „Munitionsinspekteure“ über die unsichere Lagerung der Waffen auf dem Bundeswehrfliegerhorst mokieren.
So bleibt zu hoffen, dass diese zögerliche und reservierte Berichterstattung nicht eines Tages zu spät kommt: Während in den letzten Jahren eher noch kleine Gruppen Friedensbewegter, die sich eher in früheren Dekaden politisiert hatten, vor dem Fliegerhorst einfanden, war eine wachsende Anzahl jüngerer Teilnehmer dem Aufruf „vor der eigenen Türe zu kehren“ gefolgt. Und dementsprechend fielen die allesamt gewaltlosen Proteste, auch durch die Präsenz von Clownsarmee und den Trommlern von „Rhythms of Resistance“, noch etwas fantasievoller und zivil-ungehorsamer als sonst aus.

Some Rhythm helps for Resistance | Foto: Christian Heinrici
Mutig auf den Punkt gebracht
28 Teilnehmern war es nach Polizeiangaben gelungen, über den Zaun auf das Gelände des Fliegerhorsts zu gelangen – trotz schärfster Bewachung und vorheriger Ankündigung der Aktion, was letztendlich nur die Kritik an der nachlässigen Bewachung bestätigen konnte. Unter ihnen war wohl auch Angie Zelter, eine der bekanntesten Britischen Friedensaktivistinnen und Trägerin des Alternativen Nobelpreises, die ihre vorbereitete Ansprache auf der Kundgebung deshalb nicht mehr selbst verlesen konnte. So sprang Regina Hagen vom „International Network of Engineers and Scientists Against Proliferation“ (INESAP) für sie ein und trug Zelters Rede vor:

Regina Hagen in Vertretung Angie Zelters
Foto: Christian Heinrici
Solange Europa die Kraft nicht aufbringt, die Stationierung von Atomwaffen auf europäischem Boden zu verweigern, nagt dieses Krebsgeschwür weiter am Kern unserer Gesellschaft. Wir können unsere globalen Problemen nicht lösen, wenn wir gleichzeitig Militärmaschinerien wie die NATO unterstützen, sowie eine Politik zu verfolgen, die mit Zerstörung droht, repressive Regime rund um die Welt unterstützt und mit dem Verkauf von Waffen und Folterinstrumenten Geld verdient...“
Hier Angie Zelters Rede im Ausschnitt hören:
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„Wir brauchen eine weltweite Friedens-
bewegung!“ – Jan Tamas in Büchel
Foto: Wolfgang Geissler
Ferner lud der tschechische Aktivist zu einem Workshop über fremde Militärbasen vom 17. bis zum 19 Oktober im Rahmen des Europäischen Humanistischen Forums in Mailand und zu einem Weltfriedensmarsch ein, der im Jahre 2009 in Neuseeland startet und durch alle Kontinente und Klimazonen ziehend Friedensaktivisten in 90 Ländern (darunter auch in Deutschland) miteinander verbindet.
Sich einmischen und mitmischen
INESAP-Koordinatorin Regina Hagen hatte auf zwei weitere Termine hingewiesen, bei denen die Hilfe vieler Friedensaktivisten vonnöten seien: am 1. und 2. Dezember auch den Delegierten des CDU-Parteitags in Stuttgart klarzumachen, dass es an der Zeit sei, „Vor der eigenen Türe zu kehren“ und ihren Standpunkt in Atompolitik und nuklearer Teilhabe zu revidieren. Ebenso wies Hagen auf den 60. Geburtstag der NATO hin, der im Jahre 2009 in Straßburg und auf der gegenüberliegenden Rheinseite in Kehl „gefeiert“ werde. Dort sei es wichtig, sich einzumischen, da die NATO über ein neues strategisches Konzept nachdenke, aber worin nach wie vor der Ersteinsatz von Atomwaffen vorgesehen sei.

Prominente Aktivisten bereiten den „Kehraus" schon einmal vor
Foto: Christian Heinrici
Sicher werden die Proteste in Büchel Minister Jung noch nicht nachhaltig beeindruckt haben, so dass er beispielsweise das „christdemokratische verteidigungspolitische“ Dogma der Nuklearen Teilhabe in Frage stellt. Doch aus Büchel wird ein wichtiges Signal hervorgehen, das, wenn es weitergetragen wird, zum Entstehen einer neuen und globalen Friedensbewegung beitragen kann. (CH)
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