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Lokales
Feier in Düsseldorf zur misslungenen Abschiebung der Roma-Familie Idic
Ein Jahr ohne Angst und Schrecken
Von Hubert Ostendorf

Vor einem Jahr, am 14. Mai, hat die Roma-Familie Idic ein zunächst befristetes Bleiberecht erhalten (siehe NRhZ 62, 99). Die Töchter Semra (19 Jahre) und Merima (15) haben mit ihren Hilferufen in fiftyfifty und anderen Medien eine Welle der Unterstützung hervorgerufen. Was kaum jemand für möglich hielt, ist wahr geworden: Vier Kinder und ihre Mutter, bis vor kurzem noch von der Abschiebung in ein Elendsdorf nach Serbien akut bedroht, dürfen bleiben. Wie geht es ihnen heute, nach einem Jahr ohne Angst und Schrecken? 
Erfolg auch für fiftyfifty
 
„Alle Versprechen wurden gehalten“, resümiert Rechtsanwalt Jens Dieckmann, der zusammen mit einem breiten UnterstützerInnenkreises, dem auch die Spitzen der beiden großen Kirchen angehörten, einen der aufsehenerregendsten Fälle in der jüngeren deutschen Asyl-Geschichte gewonnen hat. Familie Idic hatte stets beteuert, ohne staatliche Unterstützung und bestens integriert in Deutschland leben zu können, was sich nun als wahr erweist. Nicht zuletzt durch die Pressekampagne des Düsseldorf Obdachlosen-Galerie fiftyfifty sind die fünf Idics die wohl bekanntesten Flüchtlinge von Deutschland geworden. Ihr Fall beschäftigte die Medien mehr als ein Jahr lang. Überall prangerten die netten Gesichter der Familie, deren Eltern 17 Jahre zuvor dem Kriegselend auf dem Balkan entflohen waren, das Unrecht der Abschiebung in ein für die in Deutschland geborenen Kinder fremdes Land an.

Die ganze Familie fröhlich und gelöst nach der verhinderten Abschiebung.
Die ganze Familie fröhlich und gelöst nach der verhinderten Abschiebung.

„Wir haben zusammen geweint, gelacht, gekämpft und gewonnen“, lobte Semra die Unterstützung bei der Verleihung des Düsseldorfer Friedenspreises an fiftyfifty am 1. September 2007 (siehe NRhZ 112). Denn, so ihre Schlussfolgerung: „Ohne euch wären wir gar nicht mehr hier.“ Doch der Erfolg hat viele Kinder. Fünf Kirchengemeinden, die Familie Idic über ein Jahr lang Kirchenasyl gewährt haben – standhaft, gegen alle politische Anfeindungen. An der Spitze: Stadtdechant Monsignore Rolf Steinhäuser. Viele hundert Menschen haben sich mit ihrer Unterschrift oder Teilnahme an einer Demonstration für die Familie eingesetzt. Viele auch haben täglich nach den Fünfen geschaut, ihnen Mut gemacht, sie eingeladen, haben einfach Beistand geleistet, auch wenn die Tränen und die Angst kaum noch zu ertragen waren. Heute, ein Jahr später, zittert Mutter Resmi manchmal immer noch, wenn es an der Tür klingelt. „Wie oft habe ich mir vorgestellt, dass die Polizei da ist und uns abholt“ erinnert sie sich sichtlich bewegt.
 
Alle Bleiberecht-Auflagen erfüllt

Der kleine Edijan (8 Jahre) bedankt sich bei den UnterstützerInnen auf einer Dankesfeier im Franziskanerkloster.
Edijan bedankt sich bei den
UnterstützerInnen auf einer Feier
im Franziskanerkloster.
Heute, ein Jahr nach dem spektakulären Sieg, hat Familie Idic alle Auflagen des Bleiberechtes mehr als erfüllt. Mutter Resmi (38) ernährt ihre Kinder, indem sie gleich an zwei Stellen arbeitet. Die älteste Tochter Semra hat nach dem Besuch der Höheren Handelsschule eine Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation begonnen. Merima (15), Vesna (13) und Edijan (8) gehen fleißig zur Schule, Vesna ist sogar die Beste in ihrer Klasse und Merima hat sich ihren Traum erfüllt – sie tanzt und singt bei dem berühmten Jugendtheater „Kabawil“. Alle drei Schwestern helfen ehrenamtlich bei fiftyfifty mit: Sie kellnern bei Vernissagen in unserer Benefiz-Galerie, schreiben Briefe an SpenderInnen und manchmal Artikel für unsere Zeitung. „Das ist ein Dankeschön für euch“, sagt Vesna auf ihre eigene, so liebenswürdige Art. Vesna ist es auch, die die Gedichte berühmter AutorInnen für unseren Kalender „Menschen auf der Straße“ mit viel Intelligenz, Umsicht und Herz aussucht. „Warum sollten Menschen, wie wir, die ein Gewinn für die Gesellschaft sind, abgeschoben werden?“ fragt der Teenager selbstbewusst und stolz. Nein, dazu gibt es keinen Grund und seit einem Jahr nicht mal mehr einen juristischen. 
 
Also ist alles gut? Beinahe: Wenn nicht das Schicksal des Vaters wäre. Vlasta Idic (39) wurde im November 2005, einige Tage vor Vesnas Geburtstag, verhaftet und abgeschoben. Seitdem will Vesna ihren Geburtstag nicht mehr feiern. Ihr Vater, der bis zum Entzug seiner Arbeitserlaubnis bei einer Sicherheitsfirma am Flughafen gearbeitet hatte, war in Deutschland bei seinen Kollegen und Freunden sehr beliebt. Seine Musikalität war im Schützenverein und in einer Fanfarenkappelle gefragt – Vlasta spielt virtuos Trompete und Posaune sowie andere Instrumente. Auch seine Führungszeugnisse, die der Arbeitgeber regelmäßig verlangt hatte, waren - wie die der Ehefrau, anders als behördlich vorgehalten - ohne Eintrag.


Vesna (links) und Semra im Kreise ihrer UnterstützerInnen.
Vesna (links) und Semra im Kreise ihrer UnterstützerInnen.
Fotos: BU


„Wir vermissen unseren Papa so sehr“, sagt Merima, die sonst immer fröhlich ist, mit trauriger Stimme. Tränen laufen ihr über das hübsche Gesicht. Regelmäßig telefoniert die Familie mit dem Vater, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Lieben wieder in die Arme zu schließen. Vor allem für den kleinen Edijan, der bei „Schwarz-Weiß“ Fußball spielt, ist es schwer. Er war erst fünf, als sie ihm den Vater genommen hatten. Neulich hat er mich gefragt, ob ich mir ein Spiel anschaue, bei dem er mitkickt. Und Merima hat mich zu einer Theatervorführung eingeladen, bei der sie die Hauptrolle spielt. „Irgendwann werden wir unseren Papa wieder bei uns haben“, sagt sie trotzig. Und ihn selbst tröstet sie mit dieser Hoffnung jeden Tag, wenn sie über Web-Cam miteinander reden.
 
Hintergrund: Das Drama um Familie Idic
 
Die Roma-Familie sollte in ein Elendsdorf nach Serbien abgeschoben werden. Als die älteste Tochter Semra (19 Jahre) bei fiftyfifty ein Praktikum absolviert hatte, wurde unsere Zeitung Teil des UnterstützerInnenkreises, dem auch die Spitzen der beiden großen Kirchen angehörten. Wir haben eine beispiellose Medienkampagne organisiert und sogar Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in die Pflicht genommen. Rechtsanwalt Jens Dieckmann hat alle juristischen Möglichkeiten brillant genutzt. Dennoch schien der Kampf aussichtslos. Die Ausländerbehörde behauptete wahrheitswidrig, Familie Idic sei kriminell, weshalb das Verfahren vor dem Verwaltungsgericht verloren ging und selbst die Härtefallkommission nur ein Bleiberecht für Semra vorgeschlagen hatte. Nun stand die Abschiebung unmittelbar bevor – eine tränenreiche Zeit für die Familie und ihre FreundInnen.
 
Weil aber mit einem „sauberen“ Führungszeugnis nachgewiesen werden konnte, dass Familie Idic nichts anzulasten war, hat das Oberverwaltungsgericht in Münster letztlich den Weg für das Bleiberecht geebnet. Hinzu kam, dass sich das Land NRW in der historischen Innenministerkonferenz vom 17. November 2006 vermutlich auf Druck von Landesvater Rüttgers zu einer auch für andere Flüchtlinge günstigen Regelung durchringen konnte, wonach Betroffene, die sich integrieren, arbeiten und nicht kriminell sind, bleiben können. Der Innenministerbeschluss ist längst nicht im vollen Umfang befriedigend, hat aber für Familie Idic und viele andere das Ende eines jahrelangen Leidensweges eingeleitet. (PK)

Weitere Informationen beim Autor unter: info@fiftyfifty-galerie.de
 

Online-Flyer Nr. 148  vom 28.05.2008

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