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Aktueller Online-Flyer vom 10. Juni 2026  

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Arbeit und Soziales
Immer neue Risiken entdeckt
...denn sie wissen nicht, was sie tun
Von Stefan Frank

Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau, die keinem Studenten je das Darlehen erlassen würde, belohnt die durch Fehlspekulationen ruinierte IKB-Bank mit Milliarden. Nordrhein-Westfalens Finanzminister Linssen eilt der WestLB zu Hilfe und behauptet, bis zum August vergangenen Jahres habe niemand ahnen können, daß der US-Immobilienmarkt in die Krise stürzen könnte. Wirklich nicht? Beginnen wir also mit dem „Ich-hab-es-euch-doch-gesagt“-Teil. 


Kreditanstalt für Wiederaufbau: Fehlspekulationen belohnt
Quelle: KFW


Aus KONKRET 6/2002:

Zinssenkungen haben leider dieselbe Nebenwirkung wie andere Antidepressiva: Sie machen süchtig. Wenn sich in Phasen niedriger Zinsen hohe Schulden aufgebaut haben, könnte das irgendwann die Konsumfreude beeinträchtigen. Dann müssen die Zinsen weiter gesenkt werden, was zu noch höheren Schulden führt ... Niedrige Zinsen führen dazu, daß Amerikaner anfangen, Häuser zu kaufen ....Blöd wird die Sache, wenn dem Immobilienboom ein Crash folgt ... Wird es bald auch in den USA Fernsehbilder weinender Bankdirektoren geben, wie in den neunziger Jahren in Japan? Ein starker Abschwung am Immobilienmarkt wäre besonders peinlich für die beiden größten Baufinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Sie waren sehr kulant und haben viel mehr verliehen, als sie besitzen, schließlich haben sie ja die Häuser als Sicherheit. Wenn aber Häuser eines Tages out sind, müssen sie den Laden schließen. Da es um ein paar Billionen Dollar geht, die in einem solchen Fall verschwinden können, wird sich schnell große Panik ausbreiten. „N-TV“ muß dann wieder den „FAZ“-Börsenkorrespondenten Heiko Thieme in New York anrufen, damit er den Zuschauern erklärt, daß es noch nie eine so günstige Gelegenheit zum Kauf von Aktien und Immobilien aller Art gegeben hat.
  

Interview der Tageszeitung „Die Welt“, knapp sechs Jahre später:
 

Demnächst 2.000 Beschäftigte weniger
Quelle: Citigroup
Die Krise birgt riesige Chancen....Bei völlig ausgebombten Werten wie der Citigroup oder Hypo Real Estate gestaffelt einsteigen, beim breiten Markt noch abwarten. Der Dax könnte noch rund 1000 Punkte fallen, aber dann sind Aktien definitiv so billig, daß man einsteigen muß.


Warnungen in den Wind geschlagen

Das war einfach. In KONKRET 9/2002 schrieb ich:
 
Immobilienpreise und Anleihen, die Hand in Hand gestiegen sind, werden wohl auch in Eintracht fallen ... Da viele Häuser mit nur 5 Prozent Eigenkapital finanziert sind, führt schon ein leichter Preisrückgang dazu, daß manche Hausbesitzer mehr Schulden haben, als ihr Haus wert ist. Im einen wie im anderen Fall kann die Kreditblase sehr schnell platzen. 
 
Die Vorstände deutscher Großbanken lesen KONKRET möglicherweise nicht regelmäßig. Nun sehen sie, was sie davon haben. Im Februar 2004 zitierte ich aus dem Protokoll einer FED-Sitzung von 1997die Äußerungen von Cathy Minehan, bis 2007 Präsidentin der Bostoner Federal Reserve: 

„Der derzeitige Zustand der Finanzmärkte und das, was sich in den Immobilienmärkten zu entwickeln anfängt, sagt mir, daß die Zinsen in Wirklichkeit nicht zu hoch sind und daß die Geldpolitik zum jetzigen Zeitpunkt zu entgegenkommend ist. Ich glaube, wir laufen Gefahr, daß der Optimismus, den wir derzeit an den Finanzmärkten sehen, auf den Immobilienmarkt überspringt und das Gefühl des Reichtums, das Konsumenten und Wirtschaft jetzt haben, noch steigern wird. An dieser Stelle kommt das Boom/Bust-Szenario ins Spiel. Wir alle wissen, was passiert, wenn an den Finanz- und Immobilienmärkten Blasen entstehen. Wir erlebten das in den späten 80er Jahren in diesem Land; wir sehen es auch in Japan. Die Leute fangen an zu glauben, daß die Preise ihrer Vermögenswerte immer nur steigen können. Banken leihen für jedes Projekt Geld, sei es tragfähig oder nicht ... Ich denke, auf den Boom folgt notwendigerweise die Krise, und die Vergangenheit lehrt: je größer der Boom, desto größer die Krise.“
 
Frau Minehans Warnungen fanden kein Gehör. Im Juni 2005 verglich ich den Immobilienboom mit dem Florida-Boom von 1925/26 (ein Beispiel, das ich unter hundert anderen möglichen deshalb wählte, weil mir die Pointe so gut gefällt: ein Wirbelsturm bereitet der Spekulation ein Ende) und wies nochmals darauf hin, daß jedem Boom unvermeidlich der Crash folgt:
 
Kaufen will kaum noch einer


Unabsehbare Folgen auch bei uns
Quelle: Claudia35 | pixelio
Heute behaupten Investmentbanker und Makler, es gebe keine Übertreibung bei den Immobilienpreisen ... Den irrationalen Boom zeichnet aus, daß die meisten Käufer nicht in der erworbenen Immobilie wohnen wollen (denn sie zu mieten wäre viel günstiger), sie auch nicht vermieten (denn das wäre kein lohnendes Geschäft), sondern kaufen, weil sie sie schon nach kurzer Zeit mit Gewinn veräußern möchten – irgendwann aber bleiben die Käufer aus, und plötzlich wollen alle nur noch eins: verkaufen.  

Aber die Banken kapierten das nicht. Oder doch? Ein Leser meines Buches „What´s new, economy?" meinte, es sei doch naiv zu glauben, die Banken hätten die Risiken nicht begriffen, auf die sich eingelassen haben. Gewiß gab es außer Dummheit noch andere Gründe für ihr Handeln. Etwa die Aktienoptionen, Erfolgshonorare und Gehaltserhöhungen, die sie erhielten, während sie für die jetzigen Verluste nicht haften. Die Bank machte während des Booms eine Milliarde Profit und hat nun fünf Milliarden Verlust? Für die Manager ein gutes Geschäft, sie haben also rational gehandelt.
Dennoch ist es falsch zu glauben, alle Banker wüßten, was sie tun. Man muß sogar fragen, ob die Finanzmärkte überhaupt noch völlig durchschaut werden können. So wie die Naturwissenschaften im 19.und 20. Jahrhundert so umfassend geworden sind, daß es keine Universalgelehrten mehr geben kann, könnten auch die Finanzmärkte so komplex geworden sein, daß niemand mehr alle Details verstehen kann. Zumindest herrscht eine große Intransparenz, vor allem durch die Bündelung von Krediten zu Kreditpools und die Koppelung moderner Finanzinstrumente. Diese Undurchsichtigkeit ist die ideale Bedingung für Irrtum und Betrug, oft geht beides Hand in Hand, wie der Fall des Bankers zeigt, der die Societé Générale kürzlich um 5 Milliarden Euro erleichterte.

Spekulationen nicht überblickt

Die „Financial Times“ zitierte im April 2007 den Besitzer einer privaten Londoner Bank mit den Worten: „Ich bin mir hundertprozentig sicher, daß die meisten Lebensversicherungen, die CDOs (Collateralized Debt Obligations) kaufen, die zugrundeliegenden Risiken nicht verstehen.“ Und tatsächlich fand, wer im Sommer 2007 mit einer Internetsuchmaschine nach „Collateralized Debt Obligations“ suchte, einen ganzen Haufen Stellenangebote. Händeringend wurde nach Mathematikern gesucht, die in der Lage sind, die Funktionsweise der von anderen Mathematikern ersonnenen Finanzprodukte zu kapieren.

Jeder weiß, daß Spekulationen, die man nicht überblickt, per se gefährlich sind, so wie Autofahren bei Nebel oder ein Kopfsprung in ein unbekanntes Gewässer. Doch um eine Gefahr abzuwenden, muß man auch eine Handlungsalternative haben. Gab es die? Für die einzelne Bank wahrscheinlich ja, für alle Banken zusammen sicherlich nicht.
Versetzen wir uns in die Lage eines Managers, der ein großes Kapital zu verwalten hat, beispielsweise im Dienst einer Lebensversicherung. Was soll er tun? Nehmen wir an, er weiß, in was für einer Welt er lebt: Die Aussichten für die Wirtschaft sind düster, kaum einem Schuldner ist mehr zu trauen, überall wird mit Schwundgeld bezahlt, die Zinsen sind extrem niedrig. Wenn er klug ist, folgt er dem Rat, den George Bernard Shaw 1928 gab: „An einem gewissen Punkt müssen Sie wählen zwischen der natürlichen Stabilität des Goldes und der Ehrlichkeit und Intelligenz der Regierung. Bei allem Respekt für diese Herren empfehle ich Ihnen, solange das kapitalistische System besteht, sich für Gold zu entscheiden.“

Die Statuten, an die sich unser Manager zu halten hat, verbieten ihm dies aber. Seine Vorgabe lautet: etwa 89 Prozent Anleihen, 9 Prozent Aktien, zwei Prozent Immobilien. Nun steht er vor etlichen Problemen. Die Rentenmärkte sind weniger liquide als die Aktienmärkte, und die Auswahl wird dadurch geschmälert, daß er nur in Anleihen mit – auf dem Papier - sehr guter Bonität investieren darf. Jedes Jahr wird sein Portfolio dadurch belastet, daß hochverzinste Anleihen aus den achtziger und frühen neunziger Jahren ihr Laufzeitende erreichen und durch neue Anleihen ersetzt werden müssen, deren Rendite abzüglich des Verwaltungsaufwands kaum über den 2,25 Prozent liegt, die die Lebensversicherung ihren Kunden als Garantiezins vergüten muß (bis Anfang 2007 lag dieser Satz sogar noch bei atembetraubenden 2,75 Prozent). Laufen die Aktien- und Immobiliengeschäfte schlecht, muß die Rendite der Anleihen deutlich höher sein, um die Verluste auszugleichen. Verzweifelt gesucht sind also Anleihen, die in unbegrenztem Umfang verfügbar sind, einen höheren Zinscoupon haben als etwa deutsche Staatsanleihen und trotzdem eine hohe, von einer der führenden Ratingagenturen verbriefte Ausfallsicherheit. Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal, das geht nun wirklich nicht. - Tut es doch: mit modernen Finanzinstrumenten wie Asset Backed Securities, Mortgage Backed Securities, Commercial Debt Obligations, Commercial Papers und all den anderen Überraschungseiern. Sie boten deutlich höhere Zinsen, und aufgrund des US-Immobilien- und Konsumentenbooms waren sie alles andere als knapp; allein das Volumen der ABS verdoppelte sich in den USA zwischen Mitte 2004 und Mitte 2007 von 600 Milliarden Dollar auf 1,2 Billionen.


Mit Krediten auf Sand gebaut
Quelle: knipsermann | pixelio


Unabsehbare Risiken angehäuft

Da es auf der Welt nur sehr wenige Schuldner gibt, bei denen man sicher sein kann, daß sie auch in zehn oder zwanzig Jahren noch liquide sein werden, wäre der dritte Punkt, die Ausfallsicherheit, ein großes Problem gewesen. Hier half die, wie die „FAZ“ es einmal nannte, „moderne Finanzalchemie“, die durch Tranchierung ein „bleiernes Portefeuille mit vielen riskanten ,BB´-Krediten in eine ,goldene´ Wertpapiertranche mit AAA-Ausfallsicherheit sowie einige kleinere Tranchen mit höheren und teilweise sehr hohen Risiken“ verwandelt. Doch nicht nur die ausdrücklichen Risikopapiere, sondern auch scheinbar ausfallsichere Papiere haben sich als gefährlich herausgestellt. Der Grund ist, daß die Ratingagenturen die Risiken aufgrund mathematischer Modelle ermitteln, die nicht mehr funktionieren, wenn sich die Prämissen ändern. Das ist letztes Jahr passiert.
Plötzlich waren nicht nur einzelne Schuldner von Insolvenz bedroht, sondern alle Akteure bestimmter Teilbereiche der Finanzmärkte. So etwa die SIVs, die Structured Investment Vehicles.. Sie hatten sich mit Commercial Papers und anderen Papieren kurz- und mittelfristig verschuldet, um mit dem Erlös höher verzinste langlaufende Anleihen zu kaufen. Doch ihre Finanzierung trocknete im vergangenen Sommer aus, als sich die berechtigte Furcht verbreitete, daß der Wert der von den SIVs gehaltenen Papiere im Zuge der allgemeinen Kreditkrise in Gefahr ist. Die Regel, die jede Verbraucherzentrale dem Normalbürger als erstes nennt: „Niemals auf Kredit spekulieren“, wurde nicht nur ignoriert, sie zu mißachten war die Geschäftsidee.
 
Die Kreditversicherer, auch Monoliner genannt, sind ein anderes Beispiel dafür, wie ein großer Bereich des modernen Finanzgebäudes auf Sand gebaut wurde: Im Glauben, daß immer nur ein winziger Teil der im Umlauf befindlichen Kredite ausfallen würde, haben sie Risiken versichert, die ihre Rücklagen um ein Vielfaches übersteigen. Und während sie in den siebziger Jahren nur für als sicher eingeschätzte Anleihen bürgten, gingen sie in jüngerer Zeit dazu über, auch riskante Papiere zu versichern. Immer mehr Risiken wurden angehäuft, ohne daß die Finanzkraft der Versicherer auch nur in annähernd gleichem Maß erhöht worden wäre. 

Der zweitgrößte Monoliner Ambac war der erste, dessen Bonität von der Ratingagentur Fitch im Januar 2008 von der höchsten Stufe AAA auf AA herabgesetzt wurde. Die Ambac-Aktien, die zu diesem Zeitpunkt bereits von 96 auf 20 Dollar gefallen waren, trudelten nun auf sechs. Die Krise betrifft alle Kreditversicherer und damit die gesamte Finanzwelt. Denn die Herabsetzung des Ambac-Ratings trifft natürlich auch die von Ambac versicherten Kredite.
Sollten Ambac und der ebenfalls gefährdete Branchenführer MBIA sogar pleite machen, müßten die größten Banken der Welt weitere 200 Milliarden Dollar in den Wind schreiben, schätzt die Schweizer Großbank UBS. Ambac und MBIA sollen zusammen Kredite in Höhe von 1,2 Billionen Dollar versichert haben.

Immer neue Risiken werden entdeckt

Nun fragen manche, ob die Ratingagenturen, nach deren Urteil sich die Banken, Versicherungen und Investmentfonds richten, die Gefahren früher hätten sehen können. Wie schon bei früheren Krisen überprüften sie ihre Bonitätsnoten erst, als sich hohe Verluste nicht mehr vermeiden ließen. Wie ist das zu erklären? Früher handelten die Ratingagenturen im Dienste der Käufer von Wertpapieren und wurden von ihnen bezahlt. Heute hingegen zahlt das Unternehmen, das das Papier in Umlauf bringt und dafür eine Note braucht (denn Anleihen ohne Rating sind kaum verkäuflich). Hier gibt es offenbar einen Interessenskonflikt. Es ist, als würde ein Professor sein Gehalt von den Studenten erhalten, für jede Note, die er ihnen gibt - und desto mehr verdienen, je mehr Studenten sich von ihm prüfen lassen wollen.
Nachdem die Finanzwelt jahrelang in einem Rausch war, begann mit der „Subprime-Krise“ der Katzenjammer. 

Nun werden immer neue Krisen entdeckt, die in Wirklichkeit aber allesamt Teile einer großen Kreditkrise sind. Es waren die steigenden Immobilienpreise in den USA, die die Weltwirtschaft in den letzten Jahren beflügelt haben. Nachdem jahrelang Billionen Dollar an neuen Krediten in das System flossen, hat sich die Entwicklung nun umgekehrt. Auf die Subprime- und Immobilienkrise werden die Autokredit-, die Kreditkarten- und die Chinakrise folgen. Wirtschaftsstudenten werden noch jahrzehntelang Stoff für Dissertationen haben. Im vergangenen Jahr haben die Amerikaner Robert F. Bruner and Sean D. Carr ein Buch über eine der schwersten Bankenkrisen der Geschichte vorgelegt: The Panic of 1907: Lessons Learned from the Market's Perfect Storm. Sie entdeckten folgende Hauptursachen :
 
Das System der Finanzmärkte: Komplexität macht es schwierig zu wissen, was passiert und schafft Verbindungen, die es der Krise ermöglichen, andere Bereiche anzustecken. Starkes Wachstum: Ökonomische Expansion führt zu wachsender Nachfrage nach Kapital und Liquidität und zu Fehlern und Exzessen, die schließlich korrigiert werden müssen. Unzulängliche Sicherheitspolster: In den letzten Zügen ökonomischer Expansion treiben Schuldner und Kreditgeber den Einsatz von Kredit zu weit und senken so die Sicherheitsmargen des Finanzsystems. Reale ökonomische Schocks: Unerwartete Ereignisse treffen die Wirtschaft und die Finanzmärkte und sorgen dafür, daß sich der Blick der Investoren plötzlich verändert. Übertriebene Gier, Furcht und andere Abweichungen im Verhalten: Neben der Veränderung in der rationalen Beurteilung der wirtschaftlichen Aussichten gibt es einen Umschwung von Optimismus zu Pessimismus, der eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale erzeugt.. Erfolglosigkeit des kollektiven Handelns: Die mit den besten Absichten eingeleiteten Maßnahmen gegen die Krise erweisen sich als unzulänglich. 
Das alles scheint auch hundert Jahre später noch zu gelten. Doch im Unterschied zu damals ist der Kredit viel stärker überdehnt, die Weltwirtschaft hängt völlig ab von der Inflation der Vermögenswerte (Aktien- und Immobilienboom) und vom Zustand des Derivatengebäudes (das inzwischen zu Teilen eingestürzt ist).

Lafontaine immer verwirrter?

Enttäuschend ist, daß die Krise nicht dazu führt, daß die „Experten“, die sich blamiert haben, in sich gehen, beispielsweise in einem Trappistenkloster. Während diejenigen, die Ende der achtziger Jahre das „Modell Japan“ lobten, in den Neunzigern verstummt sind (zumindest, was dieses Thema betrifft), erweisen sich die Fans der Greenspanomics als unbelehrbar. Vor allem Oskar Lafontaine, der von Jahr zu Jahr verwirrter wird, kann naturgemäß nicht die Klappe halten. In einer Presseerklärung fordert der ehemalige Bundesfinanzminister: „Statt die Europäer öffentlich zur stärkeren Beteiligung an Kampfeinsätzen in völkerrechtswidrigen Kriegen zu drängen, sollten die USA besser die Ignoranz der EZB öffentlich verurteilen“ und zu Zinssenkungen auffordern. „Inflationsgefahren“ seien „an den Haaren herbeigezogen“, so Lafontaine.

Dank seiner Bezüge als Bundestagsabgeordneter, ehemaliger Oberbürgermeister, ehemaliger Ministerpräsident und ehemaliger Bundesminister ist Lafontaine so reich, daß ihm die Teuerung nicht auffallen kann. Auch spricht er offenbar selten mit Arbeitslosen, „Geringfügig Beschäftigten“ und Rentnern. Sie wissen von der Tatsache, daß die Lebensmitteldiscounter ihre Preise im vergangenen Jahr um durchschnittlich zehn Prozent angehoben haben, nicht nur deshalb, weil es überall zu lesen war (vielleicht mit Ausnahme der „Saarbrücker Zeitung“), sondern weil sie spüren, daß ihr Geld jeden Monat an Wert verliert. Sollten die Lebensmittelpreise weiterhin mit einer Jahresrate von zehn Prozent steigen, werden sie sich in acht Jahren verdoppelt haben. Glaubt jemand, daß die Löhne, Renten und Hartz-IV-Sätze ebenso stark steigen werden?

Lafontaine macht Propaganda im Sinne der Banken. Ihren grusligen Bilanzen würden Zinssenkungen zugute kommen, ihre Profitmargen würden steigen. Lafontaines seit 25 Jahren gleichlautenden Ratschläge an die Zentralbank basieren auf dem Credo von Hermann Josef Abs: „Was gut ist für die Deutsche Bank, ist auch gut für die Bundesrepublik Deutschland.“
Tatsächlich hat EZB-Präsident Trichet im Februar mit seinem Hinweis auf Gefahren für die Konjunktur bereits Zinssenkungen in Aussicht gestellt. Doch die Banken sind so sehr mit fragwürdigen Derivaten und faulen Krediten überladen, daß sie an eine Ausweitung der Kreditvergabe an produktive Unternehmungen nicht denken, zudem ist das Zinsniveau in Europa ja bereits auf einem historischen Tiefstand. Noch niedrigere Zinsen treiben lediglich die Preise hoch und verschärfen die Krise.


Kassensturz beim Volk
Quelle: bikemen | pixelio


Verlierer sind die Werktätigen 

Der Euro fiel noch während Trichets Pressekonferenz gegenüber der Feinunze Gold auf ein neues Allzeittief von 630 Euro/Oz, ein Verlust von 30 Prozent seit September 2007, als man für eine Unze Gold nur 490 Euro bezahlen brauchte. Das zeigt, daß den Beteuerungen der EZB, die Inflationsgefahren ernst zu nehmen, kein Glauben geschenkt wird. Die schon jetzt mit einem Tempo von über elf Prozent pro Jahr wachsende Geldmenge M3 wird im Lauf des Jahres noch stärker inflationiert werden, mit der Folge drastisch steigender Preise.
 
Wie 1923 gibt es bei der Hyperinflation Gewinner und Verlierer. Davon, daß das Zinsniveau unter der (tatsächlichen) Teuerungsrate liegt, profitieren die Besitzer großer Vermögen. Sie können sich zu extrem niedrigen Zinsen Geld leihen, es in Gold, Platin und Silber tauschen, und ihr Kapital auf diese Weise innerhalb von zehn Jahren vervielfachen. Das Risiko bei einem solchen Geschäft liegt nur darin, daß die Zentralbanken zu einer vernünftigen Geldpolitik zurückkehren könnten, ist also denkbar gering.

Die Verlierer sind diejenigen, die nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben (deren Preis viel langsamer steigt als die Lebenshaltungskosten) und mehr noch diejenigen, die noch nicht einmal das können: Arbeitslose und Rentner. Ihnen schnürt die Hyperinflation den Atem ab. Gegen die Ungleichgewichte der Weltwirtschaft und die Überdehnung des Kredits helfen Zinssenkungen nicht. Es ist verrückt, die Ursache der Krise für ihre Lösung zu halten. (HDH)
 
 

Online-Flyer Nr. 140  vom 02.04.2008

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