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Aktueller Online-Flyer vom 27. Januar 2023  

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Kultur und Wissen
Der Liedermacher Wenzel im Kölner Stadtgarten – beim Konzert und im Interview
„Glaubt nie, was ich singe!“
Von Ingo Arntz

So lautete das Motto, unter dem Hans-Eckhardt Wenzel mit seiner Band am Montag, den 18.2. im Kölner Stadtgarten aufspielte, und so heißt auch seine aktuelle CD. Wenzel? Werden sich einige fragen, Wer ist Wenzel? Nun, Wenzel ist der ostdeutsche Liedermacher, der seit mehr als zwanzig Jahren auf seine ganz spezielle Art Lyrik mit Musik kombiniert und dafür mit bestechender Regelmäßigkeit den Preis der Deutschen Schallplattenkritik abräumt.
Das sei ihm auch gegönnt, denn seine Kunst zählt ohne Frage zu dem Besten, was dieses Genre hierzulande zu bieten hat. Und warum sollen wir ihm nicht glauben? Es ist genau das Hinterfragende, der immer kritische Blick auf die Dinge und die angeblichen Wahrheiten, der sich wie ein roter Faden durch viele seiner Songs zieht. Wichtige Zutaten dabei: Viel Ironie und wohltuende Naivität. Wer sich auf plakative Botschaften und moralingetränkte Zeigefinger gefreut hat, wurde an diesem Abend enttäuscht. Und wer auf „politisch Korrektes“ abfährt, ebenso.

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Hans-Eckhardt Wenzel beim Konzert in Köln
Alle Fotos: Sascha Loss | www.salossi.de

Denn eigentlich, so Wenzel, könne man sich doch im Zeitalter der Globalisierung Wahlen und eine teure Regierung sparen und stattdessen einfach eine billigere nehmen. In Polen sei doch kürzlich eine frei geworden. Andererseits sei es ja auch schade, auf Wahlen zu verzichten, denn schließlich ist das die einzige Zeit, in der die Politiker an den Laternen hängen. Und außerdem: „Wer reich ist und satt, der ist so gerne ein Demokrat.“ („Globalisierungstango“)

Und sicherlich nicht im Sinne der Gesundheitsministerin ist die besungene lechzende Sehnsucht, sich mal wieder richtig zu besaufen, um sich damit den graden Blick zurückzuholen und einfach „jedes Arschloch, Arschloch zu nennen“ („Sauflied“). Ja!

Hans-Eckhardt Wenzel konzert in köln
Wenzel und Band beim Kölner Konzert am 18. Februar

Der Abend im Stadtgarten lebte durch das Wechselspiel zwischen den gesellschaftlich-politischen Spitzen, der inszenierten „melodramatischen Ansagen am Klavier“, die hintergründig, philosophisch, clownesk die Brücke zwischen den Songs bilden, dem Dialog mit dem Publikum („Gibt’s Fragen?“) und den sehr feinfühligen, poetischen aber niemals kitschigen Momenten:

    „Schon trübt der Blick sich fast weiß und milde
    zaubert den Mond in dein Gesicht
    ich führe heute so viel im Schilde
    es bricht im Glas sich rot das Licht
    mein Blick fängt sich in deinen Beinen und schmeckt dich schon wie        Wind und Meer
    bis sich von selber die Sätze reimen in Melodie und süß und schwer“
    („Betrunkenes Liebeslied“)

Und natürlich lebte der Abend auch von der Musik: Eine Band, die völlig zurecht diese Bezeichnung verdient. Die fünf Musiker ergänzen sich, spielen miteinander, gönnen sich gegenseitig den nötigen Raum, tragen die Songs durch den Abend, je nach Stimmung mal melodiös, mal als Polka – und wenn’s rocken soll, dann wird gerockt. Wenzel selbst wechselt zwischen Klavier, Akkordeon und Konzertgitarre, des weiteren sorgen abwechselnd Posaune und Susaphon für ein stimmungsvolles breitgefärbtes Klangbild.

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Zum Schluss noch eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Schlechte zuerst: Nur etwa siebzig Zuschauer haben am Montagabend in Köln den Weg zum Stadtgarten gefunden. Alle anderen haben ein wirklich besonderes Konzert verpasst. Die gute: Für Letztere besteht noch Hoffnung: Wenzel und Band spielen in der Region noch in Bonn (28.2) und Koblenz (29.2.).

Ob ihr’s nun glaubt oder eben nicht!

Interview mit Hans-Eckhardt Wenzel im Stadtgarten in Köln

Herr Wenzel, warum sollen wir Ihnen nicht glauben?

Man sollte lieber hinterfragen als zu glauben. Der Glaube ist ein Problem in diesem Jahrhundert, weil die Menschen gelegentlich müde sind, die Verhältnisse kritisch zu durchleuchten und zu analysieren und sich lieber in einem fundamentalistischen Glauben niederlassen. Ich habe keine „Message“, die ich den Leuten aufoktroyiere, sondern möchte eher Vorschläge geben, wie man die Welt betrachten kann und vielleicht auch produktiv verwirren, um die festgefahrenen Vorstellungen, die in unseren Köpfen herrschen aufzulösen. Der Glaube ist eine Falle.

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Hans-Eckardt Wenzel im Interview mit Ingo Arntz im Kölner Stadtgarten

Fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall gibt es bei einigen Bands immer noch so etwas wie ein Ost-West-Gefälle, was den Bekanntheits- oder Beliebtheitsgrad angeht. Kann es sein, dass das Verhältnis immer noch sehr durch Klischees belastet ist und das eher zu Ungunsten einiger Ostbands?


Zum Teil: Einerseits ist es so, dass viele Kollegen im Osten den Schritt auf das neue Territorium nicht wirklich gewagt haben. Andererseits hat der Kulturbetrieb in der alten Bundesrepublik eine gewisse Ignoranz gegenüber anderen Dingen. In Deutschland weiß man immer genau was „In“ ist und was nicht „In“ ist, und das macht es oft schwer, Fuß zu fassen. In den USA habe ich z.B. den angenehmen Eindruck gehabt, dass die Leute mehr danach gucken, was du tust, eben nicht so ideologisch. Wir leben in einem ideologischen Staat. Die Leute verlassen sich nicht auf ihre Urteilskraft. Das ist ein Problem hierzulande. Die Medien sind dabei leider auch keine Hilfe. Aber ich habe den Eindruck, dass sich die jüngeren Leute auch nicht mehr auf die Medien verlassen. Die haben andere Quellen, und darin besteht eine Hoffnung. Die Monopolisierung des Kulturbetriebes zerbröckelt, und das ist gut so, das muss wieder normalisiert werden.

Sie sagen „andere Quellen“ und sprechen damit das Internet an, speziell die sogenannten „Web 2.0“ Formate wie Myspace, in dem Sie ja auch vertreten sind. Welche Bedeutung messen Sie diesem Medium für sich als Musiker zu?

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Es wird wohl das Medium sein, in dem Musik in nächster Zeit existieren wird. Die CD wird zu einem Liebhaberprojekt für Leute werden, die es mögen, ein Booklet in der Hand zu halten und die Ausstattung wertschätzen. Aber die Musik wird wieder dahin zurückkehren, wo sie früher mal war. Bevor die technischen Medien und die Schallplatte erfunden waren, war sie Schall und verrauchte danach sofort wieder. Das Internet macht es auf eine gewisse Art auch so: Es entautorisiert und stellt das Besitzrecht in Frage, und das finde ich ganz gut so!

Die Großzügigkeit mit der Musik so umzugehen, ist etwas Wichtiges für die Leute. Eine nicht kommerzielle Kommunikations- und Interessenstruktur herauszuarbeiten, ist eine Geste, zu der mich das Internet herausfordert und die ich gerne annehme und die mich beglückt. Ich wünsche mir insgesamt eine größere Zentrierung auf Internetzeitungen, Internetradios etc. Es entwickelt sich eine persönliche Beziehung zur Musik, wenn sie entkommerzialisiert wird.

Sie beteiligen sich als Künstler an vielen politischen Aktionen, wie zuletzt beim „Lauf gegen die Kälte“ von Heinz Ratz genauso wie bei Veranstaltungen gegen rechts. Hinter uns liegt ein Jahr, in dem es eine Reihe musikalische Großereignisse zu politischen Anlässen gab, wie G8 oder „Live Earth“. Haben wir es da mit einer neuen Politisierung der Popmusik zu tun und wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Das, was da in der oberen Etage passiert, sehe ich als schlichte Kommerzialisierung. Da versuchen Leute andere Motive für die Musik wiederzufinden, das hat teilweise schon etwas Unaufrechtes und Ekeliges. Aber eine gewisse Politisierung setzt ja auch im normalen Leben ein. Die Leute merken schon, dass irgendwas mit dem Klima nicht stimmt, genauso bei dem Verhältnis zwischen reich und arm in der Gesellschaft. Und darauf muss natürlich Musik oder ein Song entsprechend reagieren können.

Zu Ihren Einflüssen zählen Sie unter anderem die amerikanische Songwriter-Ikone Woody Guthrie, der in seinen Songs unter anderem sein kritisches Heimatbewusstsein zum Ausdruck brachte. Welches Verhältnis haben Sie selbst zum Begriff „Heimat“?

Ich bin in der deutschen Sprache verankert. Es ist die Sprache die ich beherrsche und die ich liebe, genauso wie meine kulturellen Traditionen, und ich empfinde mich hier auch als „zu hause“ – ohne das Andere geringer zu schätzen. Es ist das, was mich prägt und wo ich mich am genauesten abbilden kann. Der Heimatbegriff selbst hat nicht unbedingt ein Wert für mich, es sind eher die Freunde und der soziale Kreis, in dem man exsistiert. Das empfinde ich als eine Art familiäres „Aufgehoben Sein“.

Spätestens seit dem 11. September sind auch in Deutschland viele Bürgerrechte dem sogenannten „Kampf gegen den Terror“ zum Opfer gefallen, unter anderem durch immer neue Überwachungsstrategien bis hin zur Überwachung privater Emails. Sehen Sie da Parallelen zum „Vorzeige-Überwachungsstaat DDR“?

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Ich darin eine große Gefahr. Das ist, glaube ich, ein grundsätzliches Problem der späten bürgerlichen Staaten. Sie schaffen ihre bürgerlichen Freiheiten Stück für Stück ab. Sie privatisieren das, was sie früher mal dem Adel abgetrotzt hatten. Sie privatisieren die Eisenbahn, die Post, Plätze – sie nehmen Räume aus dem öffentlichen Recht heraus. Diese Privatisierung ist etwas ganz Verheerendes, weil sie die Gesellschaften von innen auflöst. Bei dem Adel war es die Abstammung und das Blut, was dazu prädestinierte besonders zu sein – heute ist es nur noch die Kohle. Wer das Geld hat, hat das Sagen.

Das hängt mit dem Überwachungsmechanismus letztendlich zusammen, weil ja alle persönlichen Daten abrufbar gemacht werden – ob man sie auswertet oder nicht. Das ist eine militärische Struktur, die Staaten organisieren sich wie Militäreinrichtungen. Sogar die Codierung der Sprache über den Computer in eine Maschinensprache in 0 und 1 ist ein militärisches Phänomen. Unsere Sprache wird codiert und wieder „zurückübersetzt“ und ist damit nur noch ein Restmodell. Das ist auch ein philosophisches Problem in dieser Gesellschaft, denn die Sprachfindung wird militarisiert, und dazu passt dann auch die Überwachung. Da verschwindet der Grund einer Gesellschaft, weil sie nur noch überwacht und nur noch gehorchende Soldaten unter sich hat. Und das ist das Aushöhlen einer Demokratie.

Parallelen zur DDR ergeben sich strukturell schon, auch wenn dort die Ausrichtung der Überwachung eher auf einer inhaltlichen Definition basierte, indem sie versucht hatte den Klassenfeind einzudämmen. Heute ist die Überwachung abstrakt und damit gefährlicher, weil sie in alle Richtungen benutzbar ist, und weil es kaum Regulationsmechanismen gibt.

Herr Wenzel, Sie haben mal gesagt, wir leben in Deutschland in einer „postcoitalen“ Gesellschaft? Sind wir etwa schon gekommen und haben es womöglich gar nicht bemerkt?

Ich habe das mal vor dem Hintergrund angeführt, worin der Unterschied zwischen der DDR und der Bundesrepublik besteht. In der DDR befand man sich quasi immer vor dem Coitus. Man hat immer auf das Eigentliche gewartet. Und in der Bundesrepublik bist du ein Verlierer, wenn du nicht befriedigt bist. Also machen alle das Gesicht, als hätten sie den Höhepunkt schon hinter sich, als wüssten sie alles und seien weise. Ein Zustand, dass man auf nichts wartet und auf nichts aus ist. Ein Zustand nach dem Glück.

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Alle Fotos: Sascha Loss | www.salossi.de

Welche Eigenschaft stört Sie am meisten an Menschen?

Brutalität und Ignoranz.

Welche Eigenschaft schätzen Sie am meisten an Menschen?


Solidarität: Ein Empfinden von Gemeinsinn, und dass man seinen Egoismus überschreiten kann, sich in einem Zusammenhang einfindet und sich für andere verantwortlich fühlt.
(CH)


Weitere Informationen:
www.wenzel-im-netz.de
Aktuelle CD: „Glaubt nie, was ich singe“



Online-Flyer Nr. 135  vom 27.02.2008

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