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Aktueller Online-Flyer vom 04. April 2020  

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Kultur und Wissen
Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom
Der Gebrauchsfotograf
Von Hans-Dieter Hey

„Gebrauchsfotograf" meinte Günter Zint, als man ihn nach seinem Beruf fragte. Doch Zint ist mehr als ein Fotograf des aufklärerischen Bildjournalismus. Er ist gleichzeitig ein Mensch, der nie Distanz wahren konnte, weil er immer auch durch das Zeitgeschehen berührt war. Die Nähe zum Erlebten sieht man seinen Fotos deutlich an. Und oft genug war er auch Betroffener, wenn er durch die Polizei verprügelt wurde.
Am Anfang waren Kiez, Rock und Beatles


Günter Zint – 1941 geboren – begann seine Fotoarbeiten
1959 im berühmtesten deutschen Beat-Club der damaligen Zeit, dem Hamburger „Star-Club" auf der Großen Freiheit Nr. 39, in dem u.a. die Beatles berühmt wurden. Fast alle Größen der Musikszene dort bannte er für die Nachwelt auf Zelluloid. Besonders am Herzen lagen ihm damals die Menschen aus dem Hamburger Kiez, deren Leben, Wünsche und Gefühle er in ihren Portraits mit besonderer visueller Kraft ausdrückte. Es entstand eine bedeutende Milieustudie der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse als Gegenboulevard-Presse zur üblichen Bilderwelt.  


Jimmy Hendrix Experience

Später war Günter Zint Redakteur und Bildjournalist, bei der dpa und für „Quick“, „Twen“, den „Stern“ und andere Magazine tätig. Im Jahre 1968 interessierte sich der Verfassungsschutz für ihn. Sein damaliger Arbeitgeber, der „Spiegel", wurde darüber informiert – und setzte Zint kurzerhand auf die Straße: „Gründe für Ihre Entlassung sehen wir nur in Ihrer Person und nicht in der Qualität Ihrer Fotos." Die Ironie der eigenen Geschichte wollte es, dass Zint auf einem Foto von einer Demonstration zu erkennen war, wie er von Polizisten zusammengetreten wurde: Dies hatte der
„Spiegel" – sein Arbeitgeber  – auf dem Titelblatt einer Ausgabe veröffentlicht. Und damit sei – so derselbe „Spiegel" – Günter Zint wohl „spätestens von den Stiefeln der Polizei zum Sozialismus getreten worden".

Das stimmte aus zwei Gründen nicht: Erstens gibt es da keine zwangsweise Verbindung, und zweitens würde das niemand sagen, der Günter Zint kennt. Zint schwamm schon immer gegen den Strom. Er war und ist Moralist, der sich für die Menschen auf der Verliererseite einsetzt. Auf jeden Fall ist er jemand, der nicht gekauft werden kann und sich bis heute treu geblieben ist. Günter Wallraff sagt über Günter Zint, dass er nicht nur einer seiner zuverlässigsten Freunde, sondern auch einer der „letzten Menschen" sei. Kaum jemand könnte den Menschenfreund Zint besser beschreiben als Wallraff, dessen Eröffnungsansprache anlässlich der Ausstellungseröffnung in Bonn als Text zu unserem „Filmclip" zu finden ist.



Demonstration während der Ermordung von Benno Ohnesorg

Kampf gegen den „Schmeißfliegenjournalismus"

In den 1970er und 1980er Jahren war in Günter Zints Fotografien immer deutlicher die Betroffenheit über die politischen Entwicklung in der BRD auszumachen. Überall war er als „Frontkämpfer
Reporter" dabei, sei es bei den martialischen Auseinandersetzungen um die Atomkraftwerke in Brokdorf, Wackersdorf, in Gorleben oder in der Hausbesetzerszene. Oft wurden seine Fotos zwecks Beweissicherung von der Polizei beschlagnahmt. Heute noch bedauert er, dass er damit unfreiwillig zum „Spitzelwerkzeug" wurde. Zint forderte deshalb mit anderen, dass es für Fotografen das gleiche Zeugnisverweigerungsrecht geben müsse wie für die schreibenden Journalisten.

Schon früh war für ihn der Springer-Verlag das Synonym für eine bewusstseinsbeeinflussende Medienindustrie. Überall hieß es: „Enteignet Springer". Dem „Konsumjournalismus" – den Günter Zint „Schmeissfliegenjournalismus" nennt – wollte er immer eine ehrlichere Bilderwelt als Gegenöffentlichkeit entgegensetzen. Im Gegensatz zu den herrschenden Medien gibt Günter Zint offen zu, dass er überhaupt nicht objektiv sein, sondern sich auf die Seite der Betroffenen stellen will.

 

Brokdorf 1981 – wie Heiligendamm 2007?

Seit Jahrzenten sind Günter Zint und Günter Wallraff befreundet. Die Bücher „Der Aufmacher“ und „Ganz unten“ sind mit Fotografien von Zint illustriert. Auch jetzt arbeiten sie wieder zusammen: bei Wallraffs aktuellen Enthüllungen als Undercover-Rechercheur in Callcentern.


G. Wallraff als Türke „Ganz unten" – 2007 wieder „Ganz unten"
als Mitarbeiter im Call-Center

Weitgehend unbekannt ist, dass Günter Zint ein bedeutender Chronist kritischer Fotografie unserer Zeit ist. Seit 1962 hat er sein riesiges sozialdokumentarisches Archiv Panfoto aufgebaut und weit über dreißig dokumentarische Fotobücher veröffentlicht. Hierzu gehören auch zahlreiche Fotografien kritischer Fotografinnen und Fotografen sowie der gesamte Bestand des St. Pauli Museums. Die Fortführung dieses großen Archivs hat sich als finanzielles Fiasko herausgestellt, so dass es zum Verkauf angeboten wurde. Aber niemand fand sich, der dieses Archiv von historischer Bedeutung weiterführen wollte. Doch die Fotos von Günter Zint muss es auch noch nach Günter Zint geben. Seit März diesen Jahres nun läuft erst einmal die Digitalisierungsarbeit, die nur noch bis zum Jahre 2008 finanziell abgesichert ist. (CH)



Gorleben: Anti-AKW-Heldin Marianne Fritzen skeptisch gegenüber
deutschen Sicherheitskräften | Alle Fotos: Günter Zint

(Siehe auch Filmclip: „Wilde Zeiten")



Online-Flyer Nr. 103  vom 11.07.2007

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