NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 18. Mai 2013  

zurück  
Druckversion

Globales
Interview über die Hintergründe des Bürgerkriegs in Darfur/Sudan
„Tausche Waffenstillstand gegen Ministerposten"
Von Christian Heinrici

Seit dem Jahre 2003 herrscht in den westlichen Provinzen des Sudan, in der Region Darfur ein Bürgerkrieg. Viele internationale Medien berichteten über „arabische Reiterhorden", die „die schwarzafrikanische Bevölkerung" überfielen. Über die Hintergründe und über die Verantwortung aller Seiten zur Lösung des Konflikts sprach Christian Heinrici mit Dr. Abdelhag El Dodo. – Die Redaktion


Dr. El Dodo – ehemaliger Vorsitzender der Darfur Studenten-Union
Foto: Christian Heinrici

Seit dem Jahre 2003 herrscht in der sudanesischen Provinz Darfur ein Bürgerkrieg. Dr. Abdelhag El Dodo, was können Sie uns über die Hintergründe dieses Konflikts sagen, wie ist er entstanden?

Der Sudan ist das flächenmäßig größte Land Afrikas. Der Konflikt entstand, weil Darfur als westliche Provinz relativ weit vom Zentrum des Landes entfernt liegt und in der Peripherie von vielen Entwicklungen abgeschnitten ist. So wuchsen im Jahre 2003 Bestrebungen vieler Darfuris, auf ihre Rechte aufmerksam zu machen, für mehr Entwicklung und Infrastruktur zu plädieren – insbesondere für Straßenbau und eine bessere Anbindung an die Hauptstadt Khartum, da dort alles zentral geregelt wird. Als man daraufhin kein Gehör fand und als nach 20jährigem Bürgerkrieg der Süden des Sudan quasi einen Autonomiestatus zugesprochen bekam, wuchs dieses Gefühl der Benachteiligung noch mehr. In Darfur gibt es viele Rohstoffe: Erdöl, Kupfer und andere Mineralien – und diese werden von der Zentralregierung ausgebeutet, ohne dass die Region davon profitiert.


Der Sudan, im Westen die Region Darfur – anderthalb mal so groß wie die BRD
Bild: NRhZ-Archiv

Und wie ist momentan der Stand der Dinge?

Der Sudan hat nun endlich einer Stationierung von etwa 15.000 UNO-Soldaten zugestimmt. 9000 Soldaten der Afrikanischen Union sind bereits in Darfur, aber diese Truppe ist sehr schwach und hat große logistische Probleme. Durch die zusätzliche Stationierung kann jetzt leichter kontrolliert werden, was seitens der Regierung und der Rebellen dort vor sich geht. Vor kurzem wurden Sanktionen gegen Firmen verhängt, die eng mit der Regierung zusammenarbeiten. Vielleicht war das ja der ausschlaggebende Faktor, die Forderungen der UNO zu akzeptieren.

Ansonsten betreibt die sudanesische Regierung weiterhin eine Politik des „Teile und herrsche“. Sie beliefert jede Gruppierung und Völkerschaft mit Waffen, damit die Konfliktherde nicht abklingen und damit sie Darfur weiter ausbeuten kann. Und so hat sie einen guten Vorwand, die Entwicklung der Region weiterhin nicht zu fördern. Sie kann sich jederzeit auf das Argument zurückziehen, dass es dort keine Sicherheit gäbe und sie deshalb keine Straßen und keine Schulen bauen könne.


„Krankenstation" in darfurischem Dorf: ohne elektrischen Strom aber mit Ölpipeline | Foto: Abdelhag El Dodo

Genauso die Anführer der Rebellen: Einige kenne ich persönlich, und unter ihnen gibt es welche, die gerne bereit wären, die Kämpfe zu beenden, wenn sie dafür einen Regierungsposten bekämen! Es ist also von beiden Seiten ein reiner Machtkampf.

Wenn solch ein Konflikt lange anhält, sind natürlich die einfachen Menschen die Leidtragenden. Die Rebellenführer sitzen in teuren Hotels in Europa, und was in Darfur wirklich vor sich geht, kümmert sie nur wenig. Sie kümmern sich nicht um die zwei Millionen Menschen, die mittlerweile im Tschad oder an der Grenze in Flüchtlingslagern leben, und genauso wenig um die Witwen oder um die Kinder, die nicht zur Schule gehen können.

Die Rebellengruppen sind durch ihre Postenschacherei auch längst gespalten: Ganz zu Anfang gab es nur zwei, mittlerweile gibt es fünf oder sechs Gruppen. So viele Posten kann die Zentralregierung den Rebellen gar nicht zur Verfügung stellen! Wenn sie sich wirklich um ihre eigenen Leute kümmern wollen, sollten sie mit einer Stimme sprechen und zu der Zentralregierung gehen, um einen Kompromiss auszuhandeln: Wenn die Flüchtlinge dann – in Frieden und in Sicherheit – zurückkehren können, kann ich mir eine Entwicklung vorstellen.

Momentan hört man viel über den Wettlauf fremder Mächte um Rohstoffe in Afrika... Hat der Konflikt in Darfur auch einen solchen Hintergrund?

Das gilt für das ganze Land – der Sudan gehört zu den „Erdöl produzierenden Ländern“. China profitiert sehr vom sudanesischen Öl und hat im UNO-Sicherheitsrat als Vetomacht natürlich Gewicht. Bisher hatten die USA einen „Deal“ mit China: Denn was die Amerikaner im Irak oder in Afghanistan machen, ist ja auch nicht ohne. Und wenn die Chinesen sich dort immer quergestellt hätten, wären die USA dort wohl auf größere Schwierigkeiten gestoßen. So lautete die Absprache vermutlich: „Ihr lasst uns den Sudan, wir holen uns das dortige Öl, und dafür lassen wir euch im Irak in Ruhe operieren..."

Bisher konnte sich die sudanesische Regierung also an China „anlehnen“ – nach neuestem Stand aber haben die EU und die USA Gott sei Dank China dazu gebracht, den Bürgerkrieg in Darfur endlich als „Konflikt“ anzuerkennen. Das ist eigentlich ein Schritt in die richtige Richtung. Die USA selbst sind nicht so sehr am sudanesischen Öl interessiert – im Gegensatz zu Frankreich: Vor kurzem hat der französische Innenminister eine Darfur-Konferenz einberufen: Zu dieser lud er China, Russland, die EU-Staaten und die USA ein, aber weder die sudanesische Regierung noch die Rebellen. Diese Konferenz erinnert mich stark an die Berliner „Kongokonferenz“ von 1884, bei der ganz Afrika einfach unter den Kolonialmächten aufgeteilt wurde. Kein einziger Afrikaner war jetzt in Paris dabei, nicht einmal Südafrikas Präsident Thabo Mbeki! Das ist schon kurios.


Afrika unter den Kolonialmächten aufgeteilt
Zeitgenössische Darstellung der Kongokonferenz, Berlin 1884

Frankreich hat in der Tat Interesse an Darfur, denn es gibt eine Grenze zum Tschad, und Paris versucht nach wie vor die Außenpolitik seiner „ehemaligen“ Kolonien bestimmen. Zum zweiten gibt es auch im Tschad Erdöl, das Frankreich über eine Pipeline nach Kamerun pumpt, um es dann von Mineralölkonsortien vermarkten zu lassen. Und deshalb wünscht man sich Ruhe in Darfur.

Wie wird der Darfur-Konflikt in der medialen Öffentlichkeit dargestellt? Wenn man diesen Berichten Glauben schenken darf, handelt es sich um „arabische Reiternomaden" aus dem Zentrum des Sudans, die „die schwarzafrikanische Bevölkerung" aus dem Westen überfallen.

Vor kurzem habe ich in einer Kindersendung vom WDR eine bildliche Darstellung gesehen: Da kamen arabische Reiter auf Pferden, vermummt, in den entsprechenden Gewändern, die Jagd auf die schwarzafrikanische Bevölkerung  machten. Das ist nicht so! Die Leute in Darfur sehen alle ähnlich aus, sprechen alle arabisch und sind Muslime. Man kann kaum einen Araber von einem „Nicht-Araber“ unterscheiden. Und die Aggressoren kommen nicht aus dem Zentrum des Sudan oder sonst woher, sondern es sind Völkerschaften, die seit Jahrhunderten miteinander in Darfur gelebt haben.

UNICEF und andere Organisationen haben wieder große Spendenkampagnen für ihre Projekte im Sudan begonnen. Bringt es Ihrer Meinung nach etwas, für den Sudan zu spenden?

Der Sudan ist eigentlich ein sehr reiches Land und dazu unterbevölkert! Und das ganze Geld – beispielsweise aus dem Erdöl, das es im Sudan gibt – kann ohne Probleme für alle Sudanesen reichen. Nur muss es gerecht verteilt werden! Es ist so, dass eine bestimmte Elite von diesen Geldern profitiert, die sehr wohl von einer bestimmten Elite aus Europa unterstützt wird. Hätte diese Elite nicht die Unterstützung der westlichen sogenannten Demokratien, wären sie dazu gezwungen, die Gelder gerechter zu verteilen. Und dann bräuchte man auch nicht für den Sudan zu spenden!

Lesen Sie dazu in dieser Ausgabe auch „Menschenrechtskriegspropaganda" (CH)


Dr. Abdelhag El Dodo ist deutscher Staatsbürger sudanesischer Herkunft und lebt seit 1985 in der BRD.

Er war Vorsitzender der „Darfur Studenten-Union“ in Deutschland und arbeitet heute in Köln als Künstler und Dozent für Malerei und Plastik.


Online-Flyer Nr. 102  vom 04.07.2007

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
Buchenwald Tor

Im KZ Buchenwald
Von Peter Kleinert
FOTOGALERIE


Palästina-Konferenz Stuttgart
Von Arbeiterfotografie