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Kommentar
Steine, brennende Autos, Wasserwerfer, Schlagstockeinsätze in Rostock
Wem nützte es?
Von Chr. LeMaan
80 Prozent der Weltwirtschaftsmacht
Ohne jede demokratische Legitimation und Kontrolle und unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagte vom 7. bis zum 9. Juni in Heiligendamm der Gipfel der Staatschefs der sieben großen Industrienationen USA, Frankreich, Japan, Großbritannien, Italien, Kanada und Deutschland. Am Katzentisch ohne Teilnahmerecht an den Beschlüssen war Russland dabei. Gemeinsam repräsentierten und vertraten sie die Interessen des großen Kapitals: 80 Prozent der Weltwirtschaftsmacht liegen im nationalen Bereich dieser „Gruppe der 8“, der G8.

Berechtigte Forderung
Foto: Gabriele Senft
Viele Millionen Euro wurden in den Ausschluss der Öffentlichkeit, in die Verhinderung, Unterdrückung, Störung und Kriminalisierung demokratischer Proteste gegen diesen Gipfel gesteckt. Es wird eine Summe von 120 Millionen Euro genannt; die exakte Zahl allerdings wird vertuscht und liegt mit Sicherheit deutlich höher. Finanziert werden mussten der Einsatz von 16.000 Polizisten und 2.000 Bundeswehrsoldaten, ein militärischer Abwehrschirm zu Wasser, zu Lande und in der Luft und der berüchtigte 12 Kilometer lange Zaun mit den Betonsperren. Und, was nirgends berichtet wird, aber was für das Verständnis der Ereignisse sehr wichtig ist: Finanziert werden musste auch der Einsatz hunderter Polizeispitzel, Zivilbeamter und Provokateure, denn auch sie gehören zum üblichen Arsenal des repressiven Staatsapparates.
Gemeinsam gegen die Diktatur des Kapitals
Bereits seit dem Wochenende vor dem Beginn des Gipfels, seit dem 1. Juni, demonstrierten im Großraum Rostock/Heiligendamm Zehntausende gegen die Diktatur des Kapitals. In einem außergewöhnlich breiten Bündnis fanden sich Christen, Globalisierungskritiker, Gewerkschafter, Grüne, Kommunisten, Linksradikale und viele andere zusammen. Nicht nur aus Deutschland stammten die GipfelkritikerInnen, sondern aus aller Welt. Auffallend war der jugendliche Charakter der Proteste, wenngleich auch ältere Jahrgänge gut präsent waren.

Polizist fotografiert Fotograf
Foto: Gabriele Senft
Die Polizei, die Offiziellen und ihre Medien logen wie üblich: Am Samstag, 2. Juni, waren es nicht 25.000 Demonstranten, sondern zwei Demonstrationszüge mit jeweils 40- bis 50.000 Menschen, die durch Rostock zogen. Und auch an all den anderen täglichen Demonstrationen zwischen dem 1. und 9. Juni, den Aktionen und Blockaden beteiligten sich viele tausend Menschen. Gegen Gentechnik demonstrierten 8.000 TeilnehmerInnen, gegen die Nazi-Pogrome in Lichtenhagen 2.000, gegen staatlichen Rassismus und Willkür gegen Flüchtlinge 10.000 Menschen. An den Behinderungen und Blockaden der Zufahrtswege nach Heiligendamm nahmen 15.000 und mehr Menschen teil, und auch die Veranstaltungen des Gegengipfels waren durchweg gut besucht.
Die „Schlacht“ nützte einzig den G8
Doch direkt zu Beginn der Eklat: Eine „Schlacht“. - "Chaoten wollt Ihr Tote?" titelte die BILD-Zeitung. Ganz Deutschland wurde überschwemmt mit Bildern vermummter Demonstranten, die Steine warfen, Autos anzündeten und Barrikaden bauten. Abgesehen davon, dass die Steinwürfe am 2. Juni im Gesamtgeschehen der Demonstration(en) eine Randerscheinung waren, steht die Frage: Wem nützten diese Steine, wem nützte diese so genannte Schlacht?

Demonstrant am Boden – Victory statt Unterwerfung
Foto: Gabriele Senft
Die Antwort ist eindeutig, eindeutiger geht es nicht: Die „Schlacht“ nützte einzig den G8, der Polizei, den Herrschenden. Diese "Schlacht" hat sie aus allerhöchster Not gerettet. Diese „Schlacht“ hat nämlich schlagartig die Lage wieder zu ihren Gunsten gewendet: Wurden bis zum 2. Juni die Schlagzeilen in Presse, Funk und Fernsehen immer G8-kritischer und demonstrantenfreundlicher – mit den Steinwürfen war die Meinungsführerschaft in den Medien für die Herrschenden zurückerobert. Jetzt beherrschten nicht mehr die Kritik an den G8 und die Gegenvorschläge zur Politik der Herrschenden die Meldungen, sondern die „Gewalt des schwarzen Blocks“, „Mord und Totschlag“ und die Diskussion über die Ausweitung der repressiven Sicherheitskonzepte.
Sämtliche Repressionen im Vorfeld – Geruchsproben, Razzien, Sperrung der Grenzen etc. – alles war plötzlich legitimiert. Der breiten öffentlichen Kritik an diesen staatsterroristischen Aktionen war der Boden entzogen. Der enorme Aufwand für die Heerscharen von Militär, Polizei, privaten Sicherheits- und Repressionskräften, für den Zaun, für die Sperrzonen usw. – alles war schlagartig legitimiert, die immer mehr und heftiger um sich greifende Kritik war delegitimiert. Der grundgesetzwidrige Einsatz der Bundeswehr in Heiligendamm stand nicht mehr zur Debatte.
Breites Bündnis in Gefahr gebracht
Das aus Sicht der Herrschenden gefährlich breite Bündnis von Christen bis Linksradikalen mit großer politischer Stoßkraft war in größte Gefahr gebracht, die Spaltung gesät. Alle, die sich reserviert abseits hielten, wie Teile der Gewerkschaften, sahen sich plötzlich bestätigt.

Demonstrantin vom anderen schwarzen Block
Foto: Christian Heinrici
Die umfangreichen und ausgefeilten Argumente der G8-KritikerInnen – sie waren vom Tisch. Der Rechtfertigungsdruck war schlagartig gewichen. Die geplanten Verschärfungen des Repressionsapparats und noch weiter gehende Repressionsfantasien bis hin zum kompletten Demonstrationsverbot und dem Einsatz von Schusswaffen gegen Demonstranten – all das fand einen enormen Schub und wurde fast widerspruchslos breit in die Öffentlichkeit getragen.
Wenn die „Schlacht“ in Rostock am 2. Juni also für niemanden anderen als die Herrschenden derart umfassenden und durchschlagenden Nutzen brachte, drängt sich die Vermutung auf, dass sie von eben diesen gezielt herbeigeführt worden war. Und wenn der Staat bereits im Vorfeld zu rechtswidrigen Maßnahmen wie Geruchsproben und Terror-Razzien gegriffen hat, um Widerstand und Kritik zu kriminalisieren, dann ist es nur wahrscheinlich, dass auch Provokateure gezielt eingesetzt, dass Provokationen gezielt herbeigeführt wurden, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.
Steinewerfer im Gespräch mit Polizisten
Und tatsächlich: Mittlerweile werden – sogar in den Medien – immer mehr Hinweise dafür geliefert, dass die „Schlacht“ in Rostock eine gezielte Polizeiprovokation war: Im Neuen Deutschland konnte man lesen, dass „zwei ältere Damen aus Essen“ just die „vermummten schwarz gekleideten“ Menschen, die die ersten Steine warfen, tags zuvor bei einer „polizeilichen Lagebesprechung“ in einem feinen Innenstadtlokal gesehen hätten. Andere Zeugen haben eben diese Steinewerfer zu einem späteren Zeitpunkt im freundschaftlichen Gespräch mit Polizisten gesehen.

Get up, stand up auf Stelzen
Foto: Christian Heinrici
Fotografen und viele Augenzeugen haben berichtet, dass die Kleidung der ersten Steinewerfer nagelneu war, dass sich darunter olivgrüner Körperschutz befand. Dutzende von Zeugen bestätigten, dass die ersten Steinewerfer definitiv nicht aus dem Inneren des "schwarzen Blocks" kamen, dass es vielmehr massive Rufe und Versuche gab, um die aufflammende Eskalation der Steinwürfe zu stoppen ("Lasst euch nicht verarschen, die gehören nicht zu uns!").
Da sich die Polizei tatsächlich über die ganze Demoroute hinweg im Hintergrund hielt, war es schon ein seltsamer Zufall, dass am Ende der Demo-Route zwei kaum gesicherte Polizeifahrzeuge standen – das roch stark nach einem ausgeworfenen Köder. Und wie es der Zufall wollte, waren die Polizisten, die den einen der beiden Polizeiwagen umstanden, aus der bundesweit berüchtigten Schlägertruppe aus Berlin. Dazu passte auch, dass die Zahl der Demonstranten von Anfang an in Vorbereitung der Provokation auf 25.000 heruntergelogen und in Kontrast zu einer Drohkulisse von „fünf- bis achttausend Chaoten“ des „schwarzen Blocks“ gestellt wurde.
Hellseherisches ZDF
Medien wie das ZDF hatten hellseherisch ihre Übertragungswagen nicht - wie eigentlich zu erwarten - in der Nähe der vom Konfliktfeld etwa 150 Meter entfernten Bühne aufgestellt, sondern exakt dort, wo die „Schlacht“ dann startete. Kritischen Journalisten dagegen war gar keine Zulassung erteilt worden oder sie wurde ihnen nachträglich entzogen. Die Steinwürfe von etwa 150 bis 200 Menschen in der Nähe der beiden Polizeifahrzeuge wurden auch nicht von der Polizei gestoppt, sondern von Demonstranten, die sich zwischen die Fronten begaben und die überraschten Steinewerfer "entwaffneten".

Rostocker Hafen – bald ganz überschwemmt?
Foto: Christian Heinrici
Stattdessen griff die Polizei nach dem Abflauen der ca. 30-minütigen Keilerei weit entfernt vom Geschehen mit Wasserwerfern und tausenden Beamten die Kundgebung von etwa 50.000 TeilnehmerInnen in der Nähe der Bühne an und entfachte eine Orgie der Gewalt mit Tränengas und wahlloser Prügelei gegen friedliche Demonstranten mit erhobenen Händen inclusive Rollstuhlfahrern.
Anschließend nahm man die Steinwürfe zum Anlass, die ursprünglich für Rostock „zuständige“ gemäßigte bayerische Polizeileitung zu entmachten und an deren Stelle die als brutal und die rücksichtslos bekannte Berliner Polizei in die Polizeileitung zu hieven - ein einzigartiger Vorgang in der Polizeigeschichte Deutschlands.
Trotz all dieser Provokationen gelang es den Drahtziehern nicht, den offenkundig geplanten und ersehnten "Bürgerkrieg" anzuzetteln. Die Kundgebung ging weiter, die Konzerte begannen, Zehntausende "tanzten die Polizeikräfte vom Platz" wie es immer wieder in den Medien am Rande der allgemeinen "Chaos"-Berichterstattung hieß. Die Veranstaltung ging spätnachts friedlich zu Ende.
Viele Lügen inzwischen geplatzt
Viele Lügen der Polizei sind inzwischen wie Seifenblasen zerplatzt: Es gab zu keiner Zeit eine „verwüstete Innenstadt in Rostock“. Steinwürfe und Brände beschränkten sich auf ein kleines Areal am Rande der riesigen Demonstration abseits der City. Es gab auch keine hunderte von "schwer verletzten Polizisten". Die Krankenhäuser Rostocks widersprachen diesen Angaben und meldeten lediglich zwei im Krankenhaus für wenige Stunden bzw. eine Nacht stationär behandelte Polizisten, und die Polizei musste den Wahrheitsgehalt dieser Korrektur mittlerweile einräumen. Es gab auch keine Stimmung der Bevölkerung gegen die Demonstranten – selbst am Rande der „Krawalle“ äußerten Rostocker Verständnis und Solidarität.
Am Mittwoch, 6. Juni wurde schließlich einer der „schwarzen Gewalttäter“ der für die Polizei als Provokateur arbeitete, öffentlich enttarnt. Er musste von der Polizei vor dem berechtigten Zorn tausender friedlicher Blockierer gerettet werden. Zu sehen war dies live spätnachts bei RTL. Und am selben Tag bestätigte das Bundesverfassungsgericht durch sein Urteil in dem von den Demonstranten angestrengten Verfahren für Demonstrationsfreiheit den polizeistaatlichen und die Verfassung gefährdenden Charakter der Maßnahmen in Rostock und Heiligendamm juristisch in aller Deutlichkeit. Die Aushebelung des Rechtsstaats soll weiter vorangetrieben werden.
Die Veranstaltungen der folgenden Tage bewiesen auf der anderen Seite aber auch, dass die Proteste gegen die G8 weiter gehen, Bündnisse verbreitert werden, bis hin zum evangelischen Kirchentag in Köln, anstatt dass man sich im Widerstand spalten lässt. Immer mehr Menschen scheinen zu begreifen, dass G8 den Ruin des Planeten, Zerstörung der Demokratie, Krieg, soziales Elend und Faschisierung der Gesellschaft – kurz Diktatur des Kapitals bedeutet.
Hier mehr Fotos aus Rostock und Heiligendamm
Online-Flyer Nr. 99 vom 13.06.2007
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Steine, brennende Autos, Wasserwerfer, Schlagstockeinsätze in Rostock
Wem nützte es?
Von Chr. LeMaan
80 Prozent der Weltwirtschaftsmacht
Ohne jede demokratische Legitimation und Kontrolle und unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagte vom 7. bis zum 9. Juni in Heiligendamm der Gipfel der Staatschefs der sieben großen Industrienationen USA, Frankreich, Japan, Großbritannien, Italien, Kanada und Deutschland. Am Katzentisch ohne Teilnahmerecht an den Beschlüssen war Russland dabei. Gemeinsam repräsentierten und vertraten sie die Interessen des großen Kapitals: 80 Prozent der Weltwirtschaftsmacht liegen im nationalen Bereich dieser „Gruppe der 8“, der G8.

Berechtigte Forderung
Foto: Gabriele Senft
Viele Millionen Euro wurden in den Ausschluss der Öffentlichkeit, in die Verhinderung, Unterdrückung, Störung und Kriminalisierung demokratischer Proteste gegen diesen Gipfel gesteckt. Es wird eine Summe von 120 Millionen Euro genannt; die exakte Zahl allerdings wird vertuscht und liegt mit Sicherheit deutlich höher. Finanziert werden mussten der Einsatz von 16.000 Polizisten und 2.000 Bundeswehrsoldaten, ein militärischer Abwehrschirm zu Wasser, zu Lande und in der Luft und der berüchtigte 12 Kilometer lange Zaun mit den Betonsperren. Und, was nirgends berichtet wird, aber was für das Verständnis der Ereignisse sehr wichtig ist: Finanziert werden musste auch der Einsatz hunderter Polizeispitzel, Zivilbeamter und Provokateure, denn auch sie gehören zum üblichen Arsenal des repressiven Staatsapparates.
Gemeinsam gegen die Diktatur des Kapitals
Bereits seit dem Wochenende vor dem Beginn des Gipfels, seit dem 1. Juni, demonstrierten im Großraum Rostock/Heiligendamm Zehntausende gegen die Diktatur des Kapitals. In einem außergewöhnlich breiten Bündnis fanden sich Christen, Globalisierungskritiker, Gewerkschafter, Grüne, Kommunisten, Linksradikale und viele andere zusammen. Nicht nur aus Deutschland stammten die GipfelkritikerInnen, sondern aus aller Welt. Auffallend war der jugendliche Charakter der Proteste, wenngleich auch ältere Jahrgänge gut präsent waren.

Polizist fotografiert Fotograf
Foto: Gabriele Senft
Die Polizei, die Offiziellen und ihre Medien logen wie üblich: Am Samstag, 2. Juni, waren es nicht 25.000 Demonstranten, sondern zwei Demonstrationszüge mit jeweils 40- bis 50.000 Menschen, die durch Rostock zogen. Und auch an all den anderen täglichen Demonstrationen zwischen dem 1. und 9. Juni, den Aktionen und Blockaden beteiligten sich viele tausend Menschen. Gegen Gentechnik demonstrierten 8.000 TeilnehmerInnen, gegen die Nazi-Pogrome in Lichtenhagen 2.000, gegen staatlichen Rassismus und Willkür gegen Flüchtlinge 10.000 Menschen. An den Behinderungen und Blockaden der Zufahrtswege nach Heiligendamm nahmen 15.000 und mehr Menschen teil, und auch die Veranstaltungen des Gegengipfels waren durchweg gut besucht.
Die „Schlacht“ nützte einzig den G8
Doch direkt zu Beginn der Eklat: Eine „Schlacht“. - "Chaoten wollt Ihr Tote?" titelte die BILD-Zeitung. Ganz Deutschland wurde überschwemmt mit Bildern vermummter Demonstranten, die Steine warfen, Autos anzündeten und Barrikaden bauten. Abgesehen davon, dass die Steinwürfe am 2. Juni im Gesamtgeschehen der Demonstration(en) eine Randerscheinung waren, steht die Frage: Wem nützten diese Steine, wem nützte diese so genannte Schlacht?

Demonstrant am Boden – Victory statt Unterwerfung
Foto: Gabriele Senft
Die Antwort ist eindeutig, eindeutiger geht es nicht: Die „Schlacht“ nützte einzig den G8, der Polizei, den Herrschenden. Diese "Schlacht" hat sie aus allerhöchster Not gerettet. Diese „Schlacht“ hat nämlich schlagartig die Lage wieder zu ihren Gunsten gewendet: Wurden bis zum 2. Juni die Schlagzeilen in Presse, Funk und Fernsehen immer G8-kritischer und demonstrantenfreundlicher – mit den Steinwürfen war die Meinungsführerschaft in den Medien für die Herrschenden zurückerobert. Jetzt beherrschten nicht mehr die Kritik an den G8 und die Gegenvorschläge zur Politik der Herrschenden die Meldungen, sondern die „Gewalt des schwarzen Blocks“, „Mord und Totschlag“ und die Diskussion über die Ausweitung der repressiven Sicherheitskonzepte.
Sämtliche Repressionen im Vorfeld – Geruchsproben, Razzien, Sperrung der Grenzen etc. – alles war plötzlich legitimiert. Der breiten öffentlichen Kritik an diesen staatsterroristischen Aktionen war der Boden entzogen. Der enorme Aufwand für die Heerscharen von Militär, Polizei, privaten Sicherheits- und Repressionskräften, für den Zaun, für die Sperrzonen usw. – alles war schlagartig legitimiert, die immer mehr und heftiger um sich greifende Kritik war delegitimiert. Der grundgesetzwidrige Einsatz der Bundeswehr in Heiligendamm stand nicht mehr zur Debatte.
Breites Bündnis in Gefahr gebracht
Das aus Sicht der Herrschenden gefährlich breite Bündnis von Christen bis Linksradikalen mit großer politischer Stoßkraft war in größte Gefahr gebracht, die Spaltung gesät. Alle, die sich reserviert abseits hielten, wie Teile der Gewerkschaften, sahen sich plötzlich bestätigt.

Demonstrantin vom anderen schwarzen Block
Foto: Christian Heinrici
Die umfangreichen und ausgefeilten Argumente der G8-KritikerInnen – sie waren vom Tisch. Der Rechtfertigungsdruck war schlagartig gewichen. Die geplanten Verschärfungen des Repressionsapparats und noch weiter gehende Repressionsfantasien bis hin zum kompletten Demonstrationsverbot und dem Einsatz von Schusswaffen gegen Demonstranten – all das fand einen enormen Schub und wurde fast widerspruchslos breit in die Öffentlichkeit getragen.
Wenn die „Schlacht“ in Rostock am 2. Juni also für niemanden anderen als die Herrschenden derart umfassenden und durchschlagenden Nutzen brachte, drängt sich die Vermutung auf, dass sie von eben diesen gezielt herbeigeführt worden war. Und wenn der Staat bereits im Vorfeld zu rechtswidrigen Maßnahmen wie Geruchsproben und Terror-Razzien gegriffen hat, um Widerstand und Kritik zu kriminalisieren, dann ist es nur wahrscheinlich, dass auch Provokateure gezielt eingesetzt, dass Provokationen gezielt herbeigeführt wurden, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.
Steinewerfer im Gespräch mit Polizisten
Und tatsächlich: Mittlerweile werden – sogar in den Medien – immer mehr Hinweise dafür geliefert, dass die „Schlacht“ in Rostock eine gezielte Polizeiprovokation war: Im Neuen Deutschland konnte man lesen, dass „zwei ältere Damen aus Essen“ just die „vermummten schwarz gekleideten“ Menschen, die die ersten Steine warfen, tags zuvor bei einer „polizeilichen Lagebesprechung“ in einem feinen Innenstadtlokal gesehen hätten. Andere Zeugen haben eben diese Steinewerfer zu einem späteren Zeitpunkt im freundschaftlichen Gespräch mit Polizisten gesehen.

Get up, stand up auf Stelzen
Foto: Christian Heinrici
Fotografen und viele Augenzeugen haben berichtet, dass die Kleidung der ersten Steinewerfer nagelneu war, dass sich darunter olivgrüner Körperschutz befand. Dutzende von Zeugen bestätigten, dass die ersten Steinewerfer definitiv nicht aus dem Inneren des "schwarzen Blocks" kamen, dass es vielmehr massive Rufe und Versuche gab, um die aufflammende Eskalation der Steinwürfe zu stoppen ("Lasst euch nicht verarschen, die gehören nicht zu uns!").
Da sich die Polizei tatsächlich über die ganze Demoroute hinweg im Hintergrund hielt, war es schon ein seltsamer Zufall, dass am Ende der Demo-Route zwei kaum gesicherte Polizeifahrzeuge standen – das roch stark nach einem ausgeworfenen Köder. Und wie es der Zufall wollte, waren die Polizisten, die den einen der beiden Polizeiwagen umstanden, aus der bundesweit berüchtigten Schlägertruppe aus Berlin. Dazu passte auch, dass die Zahl der Demonstranten von Anfang an in Vorbereitung der Provokation auf 25.000 heruntergelogen und in Kontrast zu einer Drohkulisse von „fünf- bis achttausend Chaoten“ des „schwarzen Blocks“ gestellt wurde.
Hellseherisches ZDF
Medien wie das ZDF hatten hellseherisch ihre Übertragungswagen nicht - wie eigentlich zu erwarten - in der Nähe der vom Konfliktfeld etwa 150 Meter entfernten Bühne aufgestellt, sondern exakt dort, wo die „Schlacht“ dann startete. Kritischen Journalisten dagegen war gar keine Zulassung erteilt worden oder sie wurde ihnen nachträglich entzogen. Die Steinwürfe von etwa 150 bis 200 Menschen in der Nähe der beiden Polizeifahrzeuge wurden auch nicht von der Polizei gestoppt, sondern von Demonstranten, die sich zwischen die Fronten begaben und die überraschten Steinewerfer "entwaffneten".

Rostocker Hafen – bald ganz überschwemmt?
Foto: Christian Heinrici
Stattdessen griff die Polizei nach dem Abflauen der ca. 30-minütigen Keilerei weit entfernt vom Geschehen mit Wasserwerfern und tausenden Beamten die Kundgebung von etwa 50.000 TeilnehmerInnen in der Nähe der Bühne an und entfachte eine Orgie der Gewalt mit Tränengas und wahlloser Prügelei gegen friedliche Demonstranten mit erhobenen Händen inclusive Rollstuhlfahrern.
Anschließend nahm man die Steinwürfe zum Anlass, die ursprünglich für Rostock „zuständige“ gemäßigte bayerische Polizeileitung zu entmachten und an deren Stelle die als brutal und die rücksichtslos bekannte Berliner Polizei in die Polizeileitung zu hieven - ein einzigartiger Vorgang in der Polizeigeschichte Deutschlands.
Trotz all dieser Provokationen gelang es den Drahtziehern nicht, den offenkundig geplanten und ersehnten "Bürgerkrieg" anzuzetteln. Die Kundgebung ging weiter, die Konzerte begannen, Zehntausende "tanzten die Polizeikräfte vom Platz" wie es immer wieder in den Medien am Rande der allgemeinen "Chaos"-Berichterstattung hieß. Die Veranstaltung ging spätnachts friedlich zu Ende.
Viele Lügen inzwischen geplatzt
Viele Lügen der Polizei sind inzwischen wie Seifenblasen zerplatzt: Es gab zu keiner Zeit eine „verwüstete Innenstadt in Rostock“. Steinwürfe und Brände beschränkten sich auf ein kleines Areal am Rande der riesigen Demonstration abseits der City. Es gab auch keine hunderte von "schwer verletzten Polizisten". Die Krankenhäuser Rostocks widersprachen diesen Angaben und meldeten lediglich zwei im Krankenhaus für wenige Stunden bzw. eine Nacht stationär behandelte Polizisten, und die Polizei musste den Wahrheitsgehalt dieser Korrektur mittlerweile einräumen. Es gab auch keine Stimmung der Bevölkerung gegen die Demonstranten – selbst am Rande der „Krawalle“ äußerten Rostocker Verständnis und Solidarität.
Am Mittwoch, 6. Juni wurde schließlich einer der „schwarzen Gewalttäter“ der für die Polizei als Provokateur arbeitete, öffentlich enttarnt. Er musste von der Polizei vor dem berechtigten Zorn tausender friedlicher Blockierer gerettet werden. Zu sehen war dies live spätnachts bei RTL. Und am selben Tag bestätigte das Bundesverfassungsgericht durch sein Urteil in dem von den Demonstranten angestrengten Verfahren für Demonstrationsfreiheit den polizeistaatlichen und die Verfassung gefährdenden Charakter der Maßnahmen in Rostock und Heiligendamm juristisch in aller Deutlichkeit. Die Aushebelung des Rechtsstaats soll weiter vorangetrieben werden.
Die Veranstaltungen der folgenden Tage bewiesen auf der anderen Seite aber auch, dass die Proteste gegen die G8 weiter gehen, Bündnisse verbreitert werden, bis hin zum evangelischen Kirchentag in Köln, anstatt dass man sich im Widerstand spalten lässt. Immer mehr Menschen scheinen zu begreifen, dass G8 den Ruin des Planeten, Zerstörung der Demokratie, Krieg, soziales Elend und Faschisierung der Gesellschaft – kurz Diktatur des Kapitals bedeutet.
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