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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XXIV
"Niemandsland"
Von Wolfgang Bittner
Der Tatbestand ist authentisch und schnell erfaßt, Ort der Handlung ein abgelegenes Intellektuellendorf im Taunus. Eines Tages legen sich die Kinder in Bettlaken gehüllt, wie sie in jener Gegend von den Einheimischen hier und da noch als Leichentücher verwendet werden, auf die Kreuzung der vorbeiführenden Bundesstraße. Autofahrer, Landwirte, Dorfbewohner wundern sich, auch einige Eltern und einige Lehrer. »Was geht in solchen kleinen Köpfen bloß vor!«
Die Kinder protestieren - und wer staunt nicht dar-über? - gegen Kriegsrüstung und atomare Bedrohung. Auf mitgeführten Schildern steht kurz und bündig: »Keine Raketen! - Keine Atomwaffen! - Abrüstung!«
Dann kommt es wie es kommen muß, hier in unseren Breiten. Der Bürgermeister erstattet, telefonisch unterstützt von einigen Dorfhonoratioren, Anzeige bei der Polizei, die unverzüglich einschreitet. Sie schleppt also, wie es hierzulande immer üblicher zu werden scheint, eine Wagenladung voll Demonstranten - in diesem Fall Kinder - zu Verhör und erkennungsdienstlicher Behand-lung. Abdrücke von Daumen und Zeigefinger, Fotos von vorn und von der Seite. So weit, so schlimm.
Aber was macht nun ein mit diesem Fall befaßter ge-wissenhafter deutscher Staatsanwalt? Er erhebt natürlich Anklage, er klagt an wegen Gefährdung des öffentlichen Verkehrs, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt (je-mand hat gestrampelt) und - wegen unbefugten Tragens von Uniformen beziehungsweise uniformähnlicher Kleidungsstücke; damit sind die Bettlaken gemeint. Deutsch-land, ein Wintermärchen.
Dennoch erscheint diese Anklage dem Amtsrichter in der jetzt folgenden Verhandlung etwas abwegig, juristisch gesehen. Er verurteilt daher die Kinder, soweit sie schon vierzehn und strafmündig sind, wegen Nötigung. »Wer einen anderen rechtswidrig mit Gewalt ... zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung ... mit Freiheits-strafe bis zu drei Jahren« - § 240 StGB, das heißt Strafge-setzbuch.
Wir kommen nicht zur Ruhe, niemals. Noch während ich die Notiz über diesen Vorfall in der Rundschau lese und mich gegen den zynischen Gedanken zu wehren versuche, daß diese Sorte Juristen jeden Satiriker brotlos mache, kommt mein Sohn hereingestürzt, er schreit: »Papa, Papa, die Kriegsleute kommen!« Ich schaue vor die Tür und sehe hinter dem Parkplatz auf der Straße eine Kolonne Soldaten marschieren, einer hinter dem anderen, in grünbraun gefleckten Kampfanzügen, auf dem Rücken den Tornister, am Koppel das Bajonett, das Schnellfeuergewehr umgehängt. »Ganz schön viele«, sagt mein Sohn, der sich an meiner Hose festhält, und fragt: »Können die Schießgewehre auch losgehen?« Ich sage »ja«, und mein Sohn entschließt sich zu der Feststellung: »Dann dürfen sie damit nicht in den Krieg gehen, denn: sonst könnten sie vielleicht jemanden totschießen.« Das alles leuchtet mir immer mehr ein. Das, was uns die Kinder vorspre-chen und vormachen, was wir schon lange hätten sagen und tun müssen. Was wir demnächst - das ist meine feste Überzeugung - sagen und tun werden.
Ich sitze wieder im Arbeitszimmer und schreibe in meine Kladde. Die Gedanken zusammennehmen, über-prüfen, fliegen lassen. Vieles, was war, hat sich in der Phantasie verändert, verselbständigt, ist in Vergessenheit geraten oder verdrängt worden. Wie war das genau? Erin-nerungen, die Fragen aufkommen lassen. Fragen, die Ant-worten herbeiführen. Was war wichtig, was hatte Wirkungen oder auch keine, wo liegen die Ursachen, wie geht es weiter? Unsicherheit, Angst, Verzweiflung, auch Trauer. Das Bedürfnis, zu begreifen. »Du mußt den Menschen nicht zürnen, du ärgerst dich immerfort über sie, bist hart und anmaßend geworden! ... Denk stets daran: Nicht Gott richtet die Menschen - das ist des Teufels Lust! Nun, leb wohl ...« Das Bedürfnis, mir Klarheit zu verschaffen, zu Schlüssen zu kommen, meine Rückstände abzutragen. Alles wird eins: LEBEN. Und darauf kommt es an.
Aber die Bilanz der äußeren Umstände liest sich wie eine Horrormeldung. 2,3 Millionen Mark für Rüstungsausgaben jede Minute, 15 Tonnen Sprengstoff pro Kopf, über vierzig Prozent der höchstqualifizierten Wissenschaftler und Techniker in der Rüstungsforschung, jedes Jahr 17 Millionen verhungerte Kinder. »Penetrating heads« durchschlagen zwölf Meter Massivbeton, sämtliche Führungsbunker und wichtigen Militärstellungen des Gegners können wenige Minuten nach dem Start ausradiert sein. Wer kann damit leben, hier wie dort? Wie lange noch? Und alle Kriege beginnen mit Lügen. Von chirurgischen Einzelschlägen ist die Rede, »Sieg ist möglich« lesen wir, die Vorwarnzeiten werden immer kürzer, das Risiko wird immer größer. Jetzt soll sogar der Irak schon Atombomben haben.
Das Bedürfnis, zu begreifen. »Und warum haben die Franzosen mit uns Krieg geführt?« - »Nun, der Krieg ist Sache des Zaren, das werden wir nie verstehen!« Im Augenblick herrscht Tauwetter, wenigstens in Mitteleuropa. Die Grenzen sind durchlässiger geworden oder haben sich sogar geöffnet. Aber womöglich wird es bald wieder Frost geben. Dabei bedarf es mittlerweile gar keines Krieges mehr, um die Menschheit zu vernichten. Wir wissen es spätestens seit dem Reaktorunglück in Tschernobyl.
Und eines Tages lesen wir in der Zeitung, hören es überall: Aus der DDR sind innerhalb weniger Tage Tau-sende von Flüchtlingen herübergekommen, jeden Tag werden es mehr. Dann ist die Rede von Demonstrationen in Leipzig, Dresden, Rostock, Berlin, die DDR-Regierung ist zum Rücktritt gezwungen worden. Später heißt es, die Grenze sei offen - wir vermögen es kaum zu glauben. Am Brandenburger Tor finden Kundgebungen statt, die Menschen feiern, Deutschland soll wiedervereinigt werden. Es folgen Verhandlungen der Bundesregierung mit den vier Besatzungsmächten, freie Wahlen in der DDR, der Zusammenschluß, gesamtdeutsche Wahlen. Feuer-werke werden abgebrannt, die Kinder erhalten schulfrei, im Radio ertönt die Nationalhymne. Beiläufig erfahren wir von steigender Arbeitslosigkeit, von westdeutschen Firmengründungen und neuen Absatzmärkten in der ehemaligen DDR. Aber Helga klagt, daß sie kaum noch die erneut erhöhte Wohnungsmiete aufzubringen ver-mag, und unsere Zinszahlungen für das Haus sind inzwi-schen auf fast das Doppelte gestiegen.
Die Tage werden wieder kürzer, die Unruhe ist zurückgekehrt, auch die Müdigkeit in Kopf und Gliedern, Bilder ziehen vorbei: Eine Straße, eine Mauer, ein Haus. Die Gitterläufe und Trommeln von Maschinenpistolen. Ein Barackenlager am Stadtrand. Eine Mutter, die einen Brief aus Gleiwitz in der Hand hält und weint. Ein Vater, der bei der Verteidigung eines Straßenabschnitts seine Ge-sundheit eingebüßt hat. Ein König, der über das Schlacht-feld reitet. Der Professor sagt: »Ich kenne diesen Herrn persönlich und schätze ihn sehr.« Ein Richter, dessen Andenken uns kein gesegnetes bleiben wird. Ein anderer Vater, der immer noch seinen Sohn enterben will. Ein Sohn, der seinen Vater schon lange enterbt hat. Die Kin-der auf ihren Fahrrädern hinter dem Garten. Ein Generalmanager, der fragt: »Darf ich Sie zum Essen einladen?« Ein Kriminalkommissar, der den Finger auf die Lippen legt. Ein Panzer, der mit achtzig Stundenkilometern an mir vorbeijagt, daß der Dreck hoch aufspritzt und ich mir unwillkürlich über die Augen wische. Die alte Frau unter dem Kirschbaum. Eine freundliche Provinzstadt im Hochland von Mexiko. Eine geladene Pistole, entsichert. Aber die vorgestreckten Hände bettelnder Frauen und Kinder. Ein Ratsherr, der ruft: »Wer im KZ war, brauchte wenigstens nicht an die Front!« Eine Abteilung Soldaten in Kampfanzügen.
Jetzt heißt es, die ehemaligen DDR-Politiker und die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes sollen bestraft, die Betriebe dort privatisiert oder geschlossen werden. Makler wittern Gewinne, Denunzianten haben Konjunktur. Die Jagd auf Sündenböcke, der Haß auf Ausländer und Asylanten. Sonntagsreden der Politiker. Arbeiter aus Thüringen und Sachsen werden in Bayern zu Billiglöhnen beschäftigt. Ein Stück Geschichte wird verworfen, ein Staat aufgelöst. Die Ankläger stehen immer auf der richtigen Seite; sie finden sich auch in der eigenen Familie.
Der Vater ist alt, er kommt gelegentlich zu Besuch und sagt: »Es tut mir leid, daß ich dich früher so oft geschlagen habe - aber die Erziehungsmethoden waren damals ande-re als heute.« Er sagt: »Hitler führte Deutschland in eine furchtbare Katastrophe - aber er hatte auch seine guten Seiten, das darf man nicht vergessen.« Er sagt: »Ich weiß, daß ich manchmal zu pedantisch und zu egoistisch bin - aber Ordnungssinn und ein gesunder Egoismus sind hier und da durchaus nötig.« Er spricht von der Wieder-vereinigung und davon, daß der Sozialismus nun endgül-tig der Vergangenheit angehöre. Er freut sich. Ich mag ihm nicht darauf antworten; ich nehme seine Ansichten zur Kenntnis, schweige dazu.
Ein Autor schreibt: »Ich stelle mich mir in meiner Kindheit als einen Bienenstock vor, in den einfache, unbedeutende Leute den Honig ihrer Erfahrungen, ihrer Gedanken über das Leben wie Bienen zusammentrugen und freigebig meine Seele bereicherten, jeder so gut er konnte. Oft genug war dieser Honig bitter und unrein, aber Wis-sen blieb trotz allem Honig.« Dann schlage ich eine ande-re Seite auf und lese: »Wie eine Mutter am Grabe ihres Sohnes / Stöhnt eine Schnepfe trostlos im Sumpf ...« Der Autor ruft: »Ihr tut mir alle leid! Ach ihr!« Dann wieder Ruhe, horchen in die Stille.
Ich versuche, zu einem Ergebnis zu kommen und sitze schreibend, zögernd. Der Nebel nimmt zu und die Kälte, auch die Schwermut. Packe mich ein, klappere dennoch. Halte mir den Mund zu, die Augen sprechen weiter, die Hand schreibt. Die Haut ist dünn. Fangschüsse sind zu hören, provoziert - so heißt es - durch um sich greifende Tollwut. Verlautbarungen, Nachrichten immer aufs neue, bis zum Erbrechen.
Aber dann wird´s wieder Tag, oder es kommen Tage und Wochen, da blühen die Felder mitten im Winter, es gibt Pfannkuchen mit Apfelmusliedern oder gedünstete Pfifferlinge in Lorbeerzweigsoße. Die Kinder zwitschern, die kleinen und die schon größeren, und wir erzählen uns etwas, warm zwischen dem Grün und dem Eis. Das Herz schlägt, das hören wir deutlich. Wenn wir uns am Abend schlafen legen, spüren wir zuweilen die beglückende Hoffnung, daß alles besser werde, noch wärmer, noch freundlicher, andauernder. Jedenfalls steht es unentschieden, sagen wir uns in einem letzten Moment der Klarheit, schon auf der Schwelle zum Schlaf.

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München
Der Autor
Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. www.wolfgangbittner.de
Online-Flyer Nr. 72 vom 28.11.2006
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Der Fortsetzungsroman in der NRhZ - Folge XXIV
"Niemandsland"
Von Wolfgang Bittner
Der Tatbestand ist authentisch und schnell erfaßt, Ort der Handlung ein abgelegenes Intellektuellendorf im Taunus. Eines Tages legen sich die Kinder in Bettlaken gehüllt, wie sie in jener Gegend von den Einheimischen hier und da noch als Leichentücher verwendet werden, auf die Kreuzung der vorbeiführenden Bundesstraße. Autofahrer, Landwirte, Dorfbewohner wundern sich, auch einige Eltern und einige Lehrer. »Was geht in solchen kleinen Köpfen bloß vor!«
Die Kinder protestieren - und wer staunt nicht dar-über? - gegen Kriegsrüstung und atomare Bedrohung. Auf mitgeführten Schildern steht kurz und bündig: »Keine Raketen! - Keine Atomwaffen! - Abrüstung!«
Dann kommt es wie es kommen muß, hier in unseren Breiten. Der Bürgermeister erstattet, telefonisch unterstützt von einigen Dorfhonoratioren, Anzeige bei der Polizei, die unverzüglich einschreitet. Sie schleppt also, wie es hierzulande immer üblicher zu werden scheint, eine Wagenladung voll Demonstranten - in diesem Fall Kinder - zu Verhör und erkennungsdienstlicher Behand-lung. Abdrücke von Daumen und Zeigefinger, Fotos von vorn und von der Seite. So weit, so schlimm.
Aber was macht nun ein mit diesem Fall befaßter ge-wissenhafter deutscher Staatsanwalt? Er erhebt natürlich Anklage, er klagt an wegen Gefährdung des öffentlichen Verkehrs, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt (je-mand hat gestrampelt) und - wegen unbefugten Tragens von Uniformen beziehungsweise uniformähnlicher Kleidungsstücke; damit sind die Bettlaken gemeint. Deutsch-land, ein Wintermärchen.
Dennoch erscheint diese Anklage dem Amtsrichter in der jetzt folgenden Verhandlung etwas abwegig, juristisch gesehen. Er verurteilt daher die Kinder, soweit sie schon vierzehn und strafmündig sind, wegen Nötigung. »Wer einen anderen rechtswidrig mit Gewalt ... zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung ... mit Freiheits-strafe bis zu drei Jahren« - § 240 StGB, das heißt Strafge-setzbuch.
Wir kommen nicht zur Ruhe, niemals. Noch während ich die Notiz über diesen Vorfall in der Rundschau lese und mich gegen den zynischen Gedanken zu wehren versuche, daß diese Sorte Juristen jeden Satiriker brotlos mache, kommt mein Sohn hereingestürzt, er schreit: »Papa, Papa, die Kriegsleute kommen!« Ich schaue vor die Tür und sehe hinter dem Parkplatz auf der Straße eine Kolonne Soldaten marschieren, einer hinter dem anderen, in grünbraun gefleckten Kampfanzügen, auf dem Rücken den Tornister, am Koppel das Bajonett, das Schnellfeuergewehr umgehängt. »Ganz schön viele«, sagt mein Sohn, der sich an meiner Hose festhält, und fragt: »Können die Schießgewehre auch losgehen?« Ich sage »ja«, und mein Sohn entschließt sich zu der Feststellung: »Dann dürfen sie damit nicht in den Krieg gehen, denn: sonst könnten sie vielleicht jemanden totschießen.« Das alles leuchtet mir immer mehr ein. Das, was uns die Kinder vorspre-chen und vormachen, was wir schon lange hätten sagen und tun müssen. Was wir demnächst - das ist meine feste Überzeugung - sagen und tun werden.
Ich sitze wieder im Arbeitszimmer und schreibe in meine Kladde. Die Gedanken zusammennehmen, über-prüfen, fliegen lassen. Vieles, was war, hat sich in der Phantasie verändert, verselbständigt, ist in Vergessenheit geraten oder verdrängt worden. Wie war das genau? Erin-nerungen, die Fragen aufkommen lassen. Fragen, die Ant-worten herbeiführen. Was war wichtig, was hatte Wirkungen oder auch keine, wo liegen die Ursachen, wie geht es weiter? Unsicherheit, Angst, Verzweiflung, auch Trauer. Das Bedürfnis, zu begreifen. »Du mußt den Menschen nicht zürnen, du ärgerst dich immerfort über sie, bist hart und anmaßend geworden! ... Denk stets daran: Nicht Gott richtet die Menschen - das ist des Teufels Lust! Nun, leb wohl ...« Das Bedürfnis, mir Klarheit zu verschaffen, zu Schlüssen zu kommen, meine Rückstände abzutragen. Alles wird eins: LEBEN. Und darauf kommt es an.
Aber die Bilanz der äußeren Umstände liest sich wie eine Horrormeldung. 2,3 Millionen Mark für Rüstungsausgaben jede Minute, 15 Tonnen Sprengstoff pro Kopf, über vierzig Prozent der höchstqualifizierten Wissenschaftler und Techniker in der Rüstungsforschung, jedes Jahr 17 Millionen verhungerte Kinder. »Penetrating heads« durchschlagen zwölf Meter Massivbeton, sämtliche Führungsbunker und wichtigen Militärstellungen des Gegners können wenige Minuten nach dem Start ausradiert sein. Wer kann damit leben, hier wie dort? Wie lange noch? Und alle Kriege beginnen mit Lügen. Von chirurgischen Einzelschlägen ist die Rede, »Sieg ist möglich« lesen wir, die Vorwarnzeiten werden immer kürzer, das Risiko wird immer größer. Jetzt soll sogar der Irak schon Atombomben haben.
Das Bedürfnis, zu begreifen. »Und warum haben die Franzosen mit uns Krieg geführt?« - »Nun, der Krieg ist Sache des Zaren, das werden wir nie verstehen!« Im Augenblick herrscht Tauwetter, wenigstens in Mitteleuropa. Die Grenzen sind durchlässiger geworden oder haben sich sogar geöffnet. Aber womöglich wird es bald wieder Frost geben. Dabei bedarf es mittlerweile gar keines Krieges mehr, um die Menschheit zu vernichten. Wir wissen es spätestens seit dem Reaktorunglück in Tschernobyl.
Und eines Tages lesen wir in der Zeitung, hören es überall: Aus der DDR sind innerhalb weniger Tage Tau-sende von Flüchtlingen herübergekommen, jeden Tag werden es mehr. Dann ist die Rede von Demonstrationen in Leipzig, Dresden, Rostock, Berlin, die DDR-Regierung ist zum Rücktritt gezwungen worden. Später heißt es, die Grenze sei offen - wir vermögen es kaum zu glauben. Am Brandenburger Tor finden Kundgebungen statt, die Menschen feiern, Deutschland soll wiedervereinigt werden. Es folgen Verhandlungen der Bundesregierung mit den vier Besatzungsmächten, freie Wahlen in der DDR, der Zusammenschluß, gesamtdeutsche Wahlen. Feuer-werke werden abgebrannt, die Kinder erhalten schulfrei, im Radio ertönt die Nationalhymne. Beiläufig erfahren wir von steigender Arbeitslosigkeit, von westdeutschen Firmengründungen und neuen Absatzmärkten in der ehemaligen DDR. Aber Helga klagt, daß sie kaum noch die erneut erhöhte Wohnungsmiete aufzubringen ver-mag, und unsere Zinszahlungen für das Haus sind inzwi-schen auf fast das Doppelte gestiegen.
Die Tage werden wieder kürzer, die Unruhe ist zurückgekehrt, auch die Müdigkeit in Kopf und Gliedern, Bilder ziehen vorbei: Eine Straße, eine Mauer, ein Haus. Die Gitterläufe und Trommeln von Maschinenpistolen. Ein Barackenlager am Stadtrand. Eine Mutter, die einen Brief aus Gleiwitz in der Hand hält und weint. Ein Vater, der bei der Verteidigung eines Straßenabschnitts seine Ge-sundheit eingebüßt hat. Ein König, der über das Schlacht-feld reitet. Der Professor sagt: »Ich kenne diesen Herrn persönlich und schätze ihn sehr.« Ein Richter, dessen Andenken uns kein gesegnetes bleiben wird. Ein anderer Vater, der immer noch seinen Sohn enterben will. Ein Sohn, der seinen Vater schon lange enterbt hat. Die Kin-der auf ihren Fahrrädern hinter dem Garten. Ein Generalmanager, der fragt: »Darf ich Sie zum Essen einladen?« Ein Kriminalkommissar, der den Finger auf die Lippen legt. Ein Panzer, der mit achtzig Stundenkilometern an mir vorbeijagt, daß der Dreck hoch aufspritzt und ich mir unwillkürlich über die Augen wische. Die alte Frau unter dem Kirschbaum. Eine freundliche Provinzstadt im Hochland von Mexiko. Eine geladene Pistole, entsichert. Aber die vorgestreckten Hände bettelnder Frauen und Kinder. Ein Ratsherr, der ruft: »Wer im KZ war, brauchte wenigstens nicht an die Front!« Eine Abteilung Soldaten in Kampfanzügen.
Jetzt heißt es, die ehemaligen DDR-Politiker und die Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes sollen bestraft, die Betriebe dort privatisiert oder geschlossen werden. Makler wittern Gewinne, Denunzianten haben Konjunktur. Die Jagd auf Sündenböcke, der Haß auf Ausländer und Asylanten. Sonntagsreden der Politiker. Arbeiter aus Thüringen und Sachsen werden in Bayern zu Billiglöhnen beschäftigt. Ein Stück Geschichte wird verworfen, ein Staat aufgelöst. Die Ankläger stehen immer auf der richtigen Seite; sie finden sich auch in der eigenen Familie.
Der Vater ist alt, er kommt gelegentlich zu Besuch und sagt: »Es tut mir leid, daß ich dich früher so oft geschlagen habe - aber die Erziehungsmethoden waren damals ande-re als heute.« Er sagt: »Hitler führte Deutschland in eine furchtbare Katastrophe - aber er hatte auch seine guten Seiten, das darf man nicht vergessen.« Er sagt: »Ich weiß, daß ich manchmal zu pedantisch und zu egoistisch bin - aber Ordnungssinn und ein gesunder Egoismus sind hier und da durchaus nötig.« Er spricht von der Wieder-vereinigung und davon, daß der Sozialismus nun endgül-tig der Vergangenheit angehöre. Er freut sich. Ich mag ihm nicht darauf antworten; ich nehme seine Ansichten zur Kenntnis, schweige dazu.
Ein Autor schreibt: »Ich stelle mich mir in meiner Kindheit als einen Bienenstock vor, in den einfache, unbedeutende Leute den Honig ihrer Erfahrungen, ihrer Gedanken über das Leben wie Bienen zusammentrugen und freigebig meine Seele bereicherten, jeder so gut er konnte. Oft genug war dieser Honig bitter und unrein, aber Wis-sen blieb trotz allem Honig.« Dann schlage ich eine ande-re Seite auf und lese: »Wie eine Mutter am Grabe ihres Sohnes / Stöhnt eine Schnepfe trostlos im Sumpf ...« Der Autor ruft: »Ihr tut mir alle leid! Ach ihr!« Dann wieder Ruhe, horchen in die Stille.
Ich versuche, zu einem Ergebnis zu kommen und sitze schreibend, zögernd. Der Nebel nimmt zu und die Kälte, auch die Schwermut. Packe mich ein, klappere dennoch. Halte mir den Mund zu, die Augen sprechen weiter, die Hand schreibt. Die Haut ist dünn. Fangschüsse sind zu hören, provoziert - so heißt es - durch um sich greifende Tollwut. Verlautbarungen, Nachrichten immer aufs neue, bis zum Erbrechen.
Aber dann wird´s wieder Tag, oder es kommen Tage und Wochen, da blühen die Felder mitten im Winter, es gibt Pfannkuchen mit Apfelmusliedern oder gedünstete Pfifferlinge in Lorbeerzweigsoße. Die Kinder zwitschern, die kleinen und die schon größeren, und wir erzählen uns etwas, warm zwischen dem Grün und dem Eis. Das Herz schlägt, das hören wir deutlich. Wenn wir uns am Abend schlafen legen, spüren wir zuweilen die beglückende Hoffnung, daß alles besser werde, noch wärmer, noch freundlicher, andauernder. Jedenfalls steht es unentschieden, sagen wir uns in einem letzten Moment der Klarheit, schon auf der Schwelle zum Schlaf.

Dieses Buch erschien erstmals 1992 im Forum Verlag Leipzig, im September 2000 neu aufgelegt im Allitera Verlag, München
Der Autor
Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, lebt als Schriftsteller in Köln. Er studierte Jura, Soziologie und Philosophie und promovierte 1972 zum Dr. jur. Bis 1974 ging er verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. als Fürsorgeangestellter, Verwaltungsbeamter und Rechtsanwalt. Ausgedehnte Reisen führten ihn nach Vorderasien, Mexiko und Kanada. Er hat mehr als 50 Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder geschrieben, darunter die Romane »Marmelsteins Verwandlung«, »Die Fährte des Grauen Bären«, »Die Lachsfischer vom Yukon« und »Narrengold« sowie das Sachbuch »Beruf: Schriftsteller«. www.wolfgangbittner.deOnline-Flyer Nr. 72 vom 28.11.2006
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