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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Inland
Auf nach Gorleben! Ein Rückblick:
Die Widerständigen sind eine große Familie
Von Hanna Jaskolski

Anfang November wurde mir von Freunden in Stendal angeboten, zusammen mit ihnen nach Gorleben zu fahren, um dort gegen den neunten Castortransport ins "Zwischenlager" zu protestieren. Erftstadt - Stendal - Gorleben und zurück, das konnte ich in meinen 70 Jahren noch leisten. Am Ende kam ich sogar ganz unversehrt und gesund zurück, und das war gar nicht selbstverständlich.

Was mir und den anderen zu schaffen machte, war zum einen die winterliche Kälte, trotz Sonnenschein am Tag, zum anderen der Einsatz der Polizei. Wie ich hörte, brauchten es nicht mehr so viele Polizisten und Polizistinnen wie in den Vorjahren zu sein, "nur" 10 000. Und das waren - so wurde mir gesagt - mehr oder weniger Freiwillige. Das war zu spüren - an der offensichtlichen Lust zu schreien, zu schubsen, zu treten, am Einsatz von Hunden und Schlagstöcken, an der Androhung von Pfefferspray und am fürchterlich brutalen Umgang mit einzelnen Blockierern. Mein Schock sitzt noch tief.

Drei Siebzigjährige in Gorleben: Ute Schmeling aus Buchholz, Dr. Erika Drees aus Stendal,Hanna Jaskolski aus Erftstadt
Drei Siebzigjährige in Gorleben: Ute Schmeling aus Buchholz,
Dr. Erika Drees aus Stendal, Hanna Jaskolski aus Erftstadt

Foto: privat


Es ist ihr Kampf für ihre Zukunft!

Meine große Bewunderung gilt den jungen Menschen, die sich so entschlossen in diese Gefahr begeben. Es ist ihr Kampf für ihre Zukunft! Es gab junge Mädchen und Jungen auf den Schienen und Eltern mit kleinen Kindern bei einer Sitzblockade in der Nähe des Zwischenlagers auf der Straße. An den verschiedenen Infostellen hörte man empörende Nachrichten, zum Beispiel, dass sämtliche Fahrräder des Fahrradkonvois demoliert wurden. Die hundert Traktoren einer Blockade von Landwirten wurden dieses Mal nicht von der Polizei ruiniert, sondern nur ins Abseits abgedrängt und bewacht. 

Die Widerständigen sind eine große Familie, die miteinander singt, musiziert, lacht und tanzt, die sich liebevoll versorgt und unterstützt. Wärmende Feuer, Essen und heiße Getränke, die berühmte Suppe von "Rampenplan"(dem mobilen holländischen Polit-Koch-Kollektiv) - für alle Bedürfnisse war gesorgt. Für die Sitzblockierer war das im Nu herbeigeschaffte Stroh ein besonderes Erlebnis. Hervorragende Dienste leisteten auch die Seelsorgerinnen. Sie protestierten laut gegen die Gewalt der Polizei und hielten Verbindung mit Rechtsanwälten für die Festgenommenen. Die Mitglieder der beteiligten örtlichen Bürgerinitiativen bekundeten denen, die oft von weither angereist waren, ausdrücklich ihren Dank.

Die Autorin in der Straßenblockade
Die Autorin in der Straßenblockade
Foto: privat


"WiderSetzen" hieß wieder das Motto

Woher nehmen wir alle unsere Kraft zum Widerstand, auch zum Fröhlichsein? Wir sind getrieben von der Einsicht, dass Widerstand notwendig ist ("WiderSetzen" hieß wieder das Motto), von der Hoffnung, dass die Verantwortlichen eines Tages zur Vernunft kommen. Ich bin überzeugt, dass auch das Gefühl, von der Familie und von Freunden getragen zu sein, den Aktiven viel Kraft gibt. Unvergessen ist für mich die sehr wirkungsvolle Einzelaktion eines Jungen. Über Megaphon rezitierte er bühnenreif in ständigen Wiederholungen einen Appell an die Polizei, die uns einkesselte und später wegräumte: "Eure Kinder werden euch einmal dafür hassen. Eure Kinder werden euch einmal dafür hassen. ... Denkt nach! - Eure Kinder werden..."

Trotz aller Bemühungen: Zwölf Castorbehälter mit hochstrahlendem Abfall der AKWs fahren an dir vorbei in das Zwischenlager, das der bestgehasste Bürgermeister von Gorleben gern als Endlager hätte. 56 Behälter sind schon drin. Du stehst da neben der Schiene oder am Straßenrand und heulst oder ballst die Faust, bist einfach sprachlos und ohnmächtig.

Unsere Autorin Hanna Jaskolski wurde vor zwei Monaten im Revisionsverfahren nach einer Verurteilung wegen einer Flugblattaktion vor den Toren des Fliegerhorstes Büchel freigesprochen (siehe NRhZ Nr. 11).

Externe Links:
Wer mehr über Hanna Jaskolski wissen will: www.jaskolski.de


Online-Flyer Nr. 21  vom 07.12.2005



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