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Globales
Eine „Zeit der Aufklärung“ für die türkische Presse beim Kurdenproblem?
TR / PKK
Von Cüneyt Özdemir

Jahrelang ist der Krieg der Republik Türkei (TR) gegen die PKK nicht nur in den rauen Bergen und den schroffen Felsen geführt worden, sondern er ist parallel dazu auch psychologisch mit Hilfe der Medien geführt worden. Ich vermute, dass der erste Dienst, den der Friedensprozess leistet, der ist, dass über viele Themen, deren wir uns bewusst waren, die wir aber nie zur Sprache bringen konnten, offen gesprochen wird. Beziehen wir die dutzendfachen Gespräche mit Führungskräften der PKK noch mit ein, dann kann sogar gesagt werden, dass die türkische Presse eine „Zeit der Aufklärung“ erlebt.
 

Kurdenführer Abdullah Öcalan – seit 1999 im
Gefängnis
NRhZ-Archiv
Abgesehen davon, dass Tabus gebrochen werden, werden Themen, über die wir bis gestern nicht mal wagten nachzudenken, in den Mainstream-Medien als alltägliche Realitäten gezeigt. Dass all dieses - sehen wir von Inhalt, Wahrheit oder Lüge mal ab - überhaupt zum ersten Mal in den Medien des Mainstreams wiedergege- ben wird, ist für sich gesehen schon eine "Kommunikationsrevolution“.
 
Das Wort "Kurden“ verboten
 
Jahrelang ist der Krieg der Türkei gegen die PKK nicht nur in den rauen Bergen und den schroffen Felsen geführt worden, sondern er ist parallel dazu auch psychologisch mit Hilfe der Medien geführt worden. In den 1990er Jahren war es beispielsweise von der TR verboten worden, das Wort "Kurden“ überhaupt zu benutzen. Die Definition der damaligen Minister und Ministerpräsidenten, „die Türken, die im Schnee laufen und Geräusche wie „kart-kurt“ machen, nenne man Kurden“, ist ein Erzeugnis davon und lässt einen Menschen aus Scham erröten.
 
Als sie gemerkt haben, dass ihnen dieses niemand abnimmt, ist das Kurdenproblem zum Südostproblem geworden. Auf Befehl des Generalstabs („Befehle sind unter allen Umständen auszuführen“) wurde aus den Nachrichtensendungen das Wort "Kurden“ verbannt und anstelle dessen das Wort "Südosten“ hinein montiert.
 
Jahrelang konnte noch nicht einmal PeKeKe (die korrekte Aussprache für PKK) richtig gesprochen werden. Übereinstimmend legte sich der Mainstream auf die Definition „PeKaKa Terrororganisation“ fest und zog das so durch.
 
Öcalan zum Armenier erklärt
 
Auch Abdullah Öcalan wurde im Rahmen dieser Antipropaganda durch nahezu jedes Stadium gezogen. Am Anfang wurde Öcalan – als sei es eine Schande – zum Armenier erklärt. Für die TR bedeutete Armenier jederzeit ein „Ich mag es kaum aussprechen“. (Leider erkennen wir, dass sich in der Sprache des Staates in Bezug auf Vorurteile noch immer nichts geändert hat.)
 

Cüneyt Özdemir ist Journalist und Kolumnist
bei der linksliberalen türkischen Zeitung Radikal
Im Anschluss ist Öcalans Namen das Beiwort „Babymörder“ vorangestellt worden. Einige Zeit später wurde der Begriff aktualisiert und zu „Kopf der Separatisten“ geändert. Nebenbei gesagt, die PKKler und Öcalan haben während dieser Zeit angeblich ständig entweder die Religion oder die Volkszugehörigkeit gewechselt. Mal wurden sie zu Syriern erklärt, mal zu Armeniern, dann wieder zu Irakern. Nach Ansicht der TR waren unter ihnen nur sehr wenige aus der Türkei. Und sowohl Öcalan als auch die PKK wurden entweder zu Gottlosen, Atheisten, Christen oder Zarathustra-Anhängern erklärt und offiziell von einer Religion in die andere transferiert. Mit ihrer offiziellen Propagandasprache hat die TR alles Mögliche versucht, um die PKK zu bezwingen und auszugrenzen. Diese offizielle Propaganda-sprache der Medien hat auf den Kriegsschauplätzen zu unvergesslichen Bildern geführt. In den 1990ern wurden bei Getöteten oder in Gefangenschaft genommenen PKKlern Beschneidungskontrollen durchgeführt, die Ohren der getöteten PKKler abgeschnitten. Es ist in diesem schmutzigen Krieg alles Mögliche passiert, das eigentlich kein Mensch einem Menschen antun kann, das mir nicht über die Lippen kommt und ihr nicht ertragen könnt.
 
Einen PKKler PKKler nennen!
 
In dieser Domäne aktive Propagandisten (wie Ertürk Yöndem) sendeten zur Institutionalisierung der offizielle Sprache des Staates wöchentliche Programme; die Mainstream-Medien nahm diese Tipps zur Sprache auf, die unter Führung großer Zeitungen in den Gebrauch gebracht wurden.
 
Diese Gehirnwäsche dauerte jahrelang. Nur ganz wenige Medienleute haben sich dieser offiziellen Propagandasprache widersetzt. Ich will als Medienmann ein Beispiel aus der Praxis vorstellen: In den 1990ern, der Zeit der grausamsten Phase, war das einzig Neutrale in der Sendung "32. Tag", was wir tun konnten, die PKKler PKKler nennen. Und sogar das hat uns, einschließlich Birand, dem Programmchef und Moderator dieser Sendung, nicht wenige Probleme bereitet.
 
Die heutigen, eigentlichen Schwierigkeiten bestehen nicht darin, dass der Frieden nicht sofort kommt, sondern dass sich die Sprache des Friedens nicht sofort entwickelt. Es ist ein Trugschluss darauf zu warten, dass sie auf einmal da ist. Es wird einige Zeit dauern, bis die offizielle, propagandistische Sprache der TR bereinigt ist. Das ist keine leichte Aufgabe. Generationen sind mit dieser propagandistischen Sprache der TR aufgewachsen. Und dies ist auch die Ursache dafür, dass diese Generationen die in den letzten Wochen von den Mainstream-Medien gehörten Dinge nicht verdauen können. Wir fahren durch einen Zeittunnel, der abkommt vom jahrelangen Schema F.
 
Die ersten Guerillas
 
Falls ihr es gemerkt habt, die Hauptmedien haben damit begonnen, die PKKler zum ersten Mal „Guerilla“ zu nennen. Es wurde zugegeben, dass die Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) nicht eine „sogenannte“, sondern eine wirkliche Organisierung ist und wer ihr Vorsitzender und Verantwortlicher ist. Die Frage, ob die in der Größe eines Binnenmeers gebauten Dämme im Südosten eine militärische Strategie seien, konnte in den Hauptmedien zum ersten Mal so klar und deutlich zur Sprache gebracht werden.
 
Wir hören zum ersten Mal aus dem Mund der PKKler, dass es, im Gegensatz zu den Nationalisten, die es angeblich „in drei Tagen einnehmen“ können, mehr als drei Monate dauern würde, allein um nach Kandil zu gehen. Aus viele Aussagen der PKKler, einschließlich über Uludere, erfahren wir, dass die US-Drohnen Predator wirklich aus nächster Nähe die PKK in Kandil beobachten und dass die Beschwerden, „die USA würden uns keine Auskünfte geben“, ein Komplott sei.
 
Änderungen in den Medien des Mainstream
 
Früher wurden diejenigen, die Kandil aufsuchten, sowohl von der TR, der Justiz als auch von den Medien regelrecht in der Luft zerrissen. Und jetzt gilt dies fast auch für diejenigen, die nicht dahin gehen. Dass die nationalistische Presse darüber witzelte, die PKKler hätten Bananen gegessen, zeigt den Hintergrund ihres Unterbewusstseins. So wie die Menschen in Istanbul Bananen essen, so können auch die PKKler in Kandil Bananen essen. Angesichts so vieler Vorurteile, wie soll man sich da nicht mehr wundern! (PK)
 
 
Cüneyt Özdemir ist türkischer Journalist und Kolumnist bei der linksliberalen Tageszeitung Radikal in der Türkei. Diesen Artikel hat er bei http://www.civaka-azad.org veröffentlicht. Seinen Beitrag haben wir von diesem Kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e.V. in Frankfurt übersetzt erhalten.  


Online-Flyer Nr. 405  vom 08.05.2013



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