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Lokales
NS-Weißwäsche auf Bestellung von Alfred Neven DuMont
COLONIA CORRUPTA – Folge 1
Von Werner Rügemer

Der Autor und Kölner Karls-Preis-Träger Werner Rügemer wird in den nächsten Tagen die sechste erweiterte und aktualisierte Auflage seines Buches "COLONIA CORRUPTA" veröffentlichen. Natürlich ist er dabei auch auf die seit dem Jahr 2006 anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen ihm und der NRhZ auf der einen und dem Kölner Monopolverleger Alfred Neven DuMont und dessen Anwälten auf der anderen Seite eingegangen. Weil wir davon ausgehen, dass dies auch unsere LeserInnen interessiert, haben wir Werner Rügemer und den Verlag Westfälisches Dampfboot um Genehmigung für einen Vorabdruck gebeten. – Die Redaktion


Kurt Neven DuMont - für
Sohn Alfred natürlich kein
Arisierungsprofiteur
NRhZ-Archiv
Im März 2006 veröffentlichte der Journalist Ingo Niebel, daß die Familie des Verlegers Dr. Kurt Neven DuMont in den Jahren 1938 bis 1941 in Köln fünf große Grundstücke ehemaliger jüdischer Eigentümer gekauft hat: Luxemburger Str. 301, Breite Str. 82, 86 und 88, Leyboldstr. 19. Das Grundstück Luxemburger Straße wurde von der Versorgungskasse des Verlags gekauft, das Grundstück Leyboldstraße grenzte an das Privatgrundstück der Verlegerfamilie im Villen-vorort Köln-Marienburg, die drei Grundstücke in der Breite Straße in bester Innenstadtlage erweiterten den zentralen Geschäftssitz des Verlags. Niebel stellte auch die schon bekannte Tatsache dar, daß der Verleger 1937 Mitglied der NSDAP geworden war und für die Partei über seine Mitgliedsbeiträge hinaus in die „Hitler-Spende“ eingezahlt hatte. Der Spiegel und der Journalist griffen die Darstellung auf. Albrecht Kieser und Peter Kleinert bezeichneten in der online-Zeitung www.nrhz.de den Verlag als „Arisierungsprofiteur“.

Verleger Alfred Neven DuMont erwirkte in Wahrnehmung der „postmortalen Persönlichkeitsrechte“ seines Vaters Kurt Neven DuMont zahlreiche Einstweilige Verfügungen gegen die Autoren und Medien. Im Streit mit Kieser und Kleinert  argumentiert der Verleger vor allem: Der Verlag dürfe nicht als Arisierungsprofiteur bezeichnet werden, denn er habe für die Grundstücke den damals marktüblichen Preis bezahlt; außerdem habe er vier der fünf Grundstücke gar nicht direkt von den jüdischen Eigentümern erworben, sondern von einem „Abwesenheitspfleger“ bzw. vom Versicherungsunternehmen Gerling.

Der Weißwäscher und sein Auftrag

Für den Verleger war die Auseinandersetzung auch deshalb brisant, weil er gleichzeitig über den Einstieg bei der israelischen Tageszeitung Haaretz verhandelte. „Deutscher Arisierer wird Miteigentümer einer israelischer Zeitung“ – das klang nicht so gut. Zur Beruhigung des Publikums beauftragte der Verleger einen „unabhängigen und renommierten Historiker“, der die Geschichte des Verlags während der NS-Zeit nun objektiv aufarbeiten sollte.


Historiker und Weißwäscher -
Prof. Dr. Manfred Pohl
NRhZ-Archiv
Außerdem will der gegenwärtige Verleger seinen Vater verteidigen, und zwar ungebrochen und wider alle historischen Fakten als NS-Widerständler. Deshalb  vergibt der Sohn seit Jahren im Namen seines Vaters die Dr. Kurt Neven DuMont-Medaille, einen jährlichen Ehrenpreis für vorbildlichen Journalismus.

Der Verleger beauftragte den Unternehmens-historiker Manfred Pohl. Der ist allerdings nur mit großen Verrenkungen als „unab-hängig“ zu bezeichnen. Er leitete von 1972 bis 2001 das Historische Institut der Deutschen Bank, danach führte er die weltweiten Kulturaktivitäten und Stiftungen der Deutschen Bank im Institute for Corporate Culture Affairs (ICCA) zusammen, von 2003 bis zum Februar 2009 war er im Vorstand des „Konvent für Deutschland“ tätig, den er mit dem Unternehmensberater Roland Berger und dem Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel gründete. 2008 initiierte er den „Frankfurter Zukunftsrat“, der von den Bankiersgattinnen Sylvia von Metzler, Kristina Gräfin Pilati und Gerhild Börsig sowie dem ehemaligen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement geleitet wird – Clement ist auch Mitglied im Aufsichtsrat von DuMont Schauberg.

Pohls Elaborat erschien drei Jahre später als Buch. Es wurde in den Medien des Verlages begeistert begrüßt, löste keine Diskussionen aus und blieb ein Ladenhüter. Niemand erwartete eine Überraschung. Schon kurz nach Erscheinen konnte man das Buch für einige Euro antiquarisch erwerben.

Die Auftragsarbeit beginnt bereits mit Verdrängung und mit einer Gefälligkeit gegenüber dem Auftraggeber: Die auslösenden Veröffentlichungen von Ingo Niebel, in www.nrhz.de, FAZ, Spiegel und Journalist werden mit keinem Wort erwähnt. Das Buch vermittelt den Eindruck, als habe der Verlag aus allgemeiner Wahrheitsliebe und ohne äußeren Anstoß die Untersuchung in Auftrag gegeben.

Es war Arisierung, bleibt aber ein „Rätsel“

Dem strittigen Gegenstand – die fünf Grundstückskäufe – werden lediglich 12 der 543 Buchseiten gewidmet. Dabei bestätigt Pohl, was Niebel schon veröffentlicht hatte. Das erste Grundstück mit Mehrfamilienhaus kaufte die Versorgungskasse des Verlags 1938 vom jüdischen Voreigentümer Emil Lippmann. Alle weiteren Käufe erfolgten nach der „Reichskristallnacht“ vom November 1938. 1941 kaufte die Verlegersgattin Gabriele Neven DuMont das Grundstück Leyboldstraße 19 von einem „Abwesenheitspfleger“; der hatte es vom jüdischen Eigentümer Albert Ottenheimer übernommen, der 1937 in die USA emigriert war; Ottenheimers Unternehmen, das Stahlwerk Thale AG, war 1937 durch den mit dem Haus Neven Dumont gut bekannten Kölner Stahlhändler Otto Wolff arisiert worden.

Die für den Verlag wichtigsten Grundstücke waren die in der innerstädtischen Breite Straße 82, 86 und 88. Sie gehörten der jüdischen Familie Brandenstein, die eine Wäschefabrik betrieb. Sie gingen im Zuge der Arisierung durch Zwangsversteigerung zunächst an die Gerling Lebensversicherungs AG, die sie 1941 an DuMont Schauberg verkaufte, wobei als nominelle Käuferin auch hier die Verlegersgattin Gabriele auftrat.

Die Grundstücke Breite Straße 82, 86 und 88 gehörten bis in die Nazizeit der jüdischen Familie Brandenstein. Auf dieser Tafel wird behauptet, dass „an diesem Platz“ von 1847 bis 1998 der Verlag M. DuMont Schauberg seinen „Sitz“ hatte.  


NRhZ-Archiv

Neu gegenüber Niebel sind die Hinweise auf den Zwischenhändler Gerling und einige spärliche Angaben zu Vergleichen mit den jeweiligen Erben der jüdischen Eigentümer Anfang der 50er Jahre.

Handelte es sich also doch um Arisierungen? Pohl bejaht dies. Er vermeidet allerdings den Begriff Arisierungsprofiteur, obwohl er logisch aus der Tatsache der Arisierung folgen würde: Denn ohne den Druck auf jüdische Eigentümer – etwa die hier vorausgegangene Arisierung des Ottenheimer'schen Stahlwerks – wäre Neven DuMont nicht an die Grundstücke gekommen. Der Verlag profitierte also von der Situation.

Pohl schwächt seine Feststellung zudem schrittweise vorsichtig ab. Beim Grundstück Luxemburger Straße handele es sich wohl doch nicht um eine richtige Arisierung, da der Kauf noch vor der Reichskristallnacht erfolgt sei und es „keine Anzeichen“ gebe, daß er „unter Druck“ erfolgt sei; außerdem habe Lippmann den „gesamten verkehrsüblichen Kaufpreis“ erhalten. Das ist also die Analyse des renommierten Historikers: Vor der Reichskristallnacht sei im NS kein Druck auf Juden ausgeübt worden.

Die weiteren Grundstückskäufe bezeichnet Pohl einerseits eindeutig als Arisierungen, darum kommt er nicht herum. Sie sind aber andererseits und gleichzeitig, so legt er nahe, doch auch wieder keine ganz richtigen Arisierungen. Denn „so ganz eindeutig ist die Situation nicht“, stellt er fest. DuMont Schauberg habe ja die Grundstücke nicht direkt von Juden gekauft, sondern indirekt, von Gerling und vom Abwesenheitspfleger.

Pohl findet noch eine zweite Verteidigungslinie. Er fragt mitfühlend, weshalb die Familie DuMont „sich auf diese Grundstückskäufe einließ?“ Einließ! Als habe DuMont eigentlich gar nicht selbst kaufen wollen, sondern als sei man von einem Unbekannten dazu gezwungen oder verführt worden! Und was ist die Antwort auf die mitfühlende Frage? Das „wird wohl ein Rätsel bleiben.“ Ein Rätsel: Das ist das zweite Ergebnis, das uns der unabhängige, renommierte Historiker bietet!

Kölnische Zeitung: Ein Nazi-Blatt

Dabei breitet Pohl in seinem dicken Buch durchaus so manche Fakten aus bzw. wiederholt sie, die eigentlich zur Auflösung des Rätsels beitragen könnten. Aber er verknüpft die Fakten nicht miteinander. Er stellt die Grundstückskäufe als rätselhafte, erratische Einzelaktion dar. Dabei hängen sie zeitlich und ursächlich mit der Expansion des Verlags zusammen, die durch den strammen NS-Kurs von Kölnische Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger, Illustrierte Kölnische Zeitung und der Buchproduktion sowie durch die sich mehrenden Druckaufträge des NS-Regimes möglich wurde.

Das journalistische Flaggschiff Kölnische Zeitung war nach einigen Anlaufschwierigkeiten „in ihrer inhaltlichen Gestaltung... ein nationalsozialistisch geprägtes Blatt“, konstatiert Pohl. Zusammen mit dem Stadt-Anzeiger schnellte die Auflage 1936 von 65.000 auf 180.000 hoch, die Illustrierte brachte es auf 800.000. Die Kölnische Zeitung stieg zur Gruppe der fünf Tageszeitungen auf, die vom NS-Regime das Gütezeichen „Reichszeitung“ erhielten. Sie wurden mit der Genehmigung des Reichspropagandaministeriums ins Ausland geliefert, so nach Belgien, Dänemark, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Schweden und in die Schweiz. Deshalb wurden sie dann auch vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) massenhaft abonniert und in den besetzten Staaten an Soldaten und Bevölkerung als Werbung für Nazi-Deutschland verkauft.

Neben der Kölnischen durften sich nur noch vier weitere Tageszeitungen mit dem lukrativen Privileg der „Reichszeitung“ schmücken: Frankfurter Zeitung, Berliner Börsenzeitung, Deutsche Allgemeine Zeitung, Neues Wiener Tageblatt. Ein Redakteur der Kölnischen, Dr. Peter aus dem Winckel, wechselte zudem als Referent in die Abteilung für Wehrmachtspropaganda des OKW  und war für die Versorgung der Feldtruppe mit Zeitungen und für die vom OKW herausgegebene Zeitschrift Die Wehrmacht zuständig. Pohl erwähnt nur in einem Satz, daß das NS-Regime dem Verlag weitere Staatsaufträge erteilte, so für den Druck der Zeitschrift Arbeitertum, der Luftwaffenzeitschrift Adler und der niederländischen Version des Propagandablatts Signal sowie für Eisenbahn-Fahrpläne.

Zur Expansion gehört die Übernahme der lokalen Konkurrenz, der Kölnischen Volkszeitung. Sie war traditionell die Zeitung der katholischen Zentrumspartei, deren bekanntester Vertreter der vormalige Kölner Oberbürgermeister und Präsident des Preußischen Staatsrates war, Konrad Adenauer. Die Zeitung wurde den Ruch, nicht so ganz zuverlässig im NS-Sinne zu sein, nie ganz los, obwohl sie, wie das Zentrum selbst, keine Anzeichen des Widerstands zeigte. 1941 konnte der Verlag DuMont Schauberg 6.000 Abonnenten übernehmen und fortan mit der Kölnischen Zeitung beliefern. Pohl verharmlost allerdings den Vorgang, wenn er schreibt, die Volkszeitung habe „aus kriegswirtschaftlichen Gründen“ ihr Erscheinen eingestellt. In Wirklichkeit stoppte das NS-Regime einseitig die Papierzuteilung an die Kölnische Volkszeitung und genehmigte DuMont den Aufkauf der Abonnenten – und für die Kölnische Zeitung galten die „kriegswirtschaftlichen Gründe“ gerade nicht.


Pohls Auftraggeber - Alfred Neven DuMont
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Übrigens blendet Pohl, der den Anspruch hat, die gesamte Geschichte des Verlags im NS aufzuarbeiten, vollständig die Buchproduktion aus. Da wäre er auf etwas gestoßen, was seinem Auftraggeber wohl nicht so gefallen hätte. Erwähnt sei hier das Erfolgsbuch „Entscheidung im Westen“, verfaßt vom Chefredaktuer der Kölnischen Zeitung, Dr. Johannes Schäfer. Schäfer ging als „höherer Berichter im Majorsrang“ mit auf den Feldzug, war also nach heutigen Begriffen ein „embedded journalist“. Die Kölnische Zeitung druckte die Siegesmeldungen des OKW ab, Schäfer kommentierte sie aus dem Felde. Sofort nach dem Blitzsieg über Belgien und Frankreich 1940 erschienen dieselben Texte als Buch. Es erfuhr mehrere Auflagen. Im Vorwort wurde gejubelt: „Die Voraussetzungen für eine vollkommene politische Neuordnung Europas und der Welt sind geschaffen.“

Aufgrund dieser Expansion brauchte der Verlag neue Räume für Verwaltung, Redaktion und Druckerei. Und deshalb war es keineswegs so, wie unser einfühlsamer Historiker fragend annimmt, daß der Verlag sich auf die Grundstücks- und Immobilienkäufe rätselhafter Weise „einließ“. Nein, der Verlag suchte und brauchte gerade in diesen Erfolgsjahren das ehemalige jüdische Eigentum und konnte es sich aufgrund seiner Gewinne ohne Probleme leisten – von den Gewinnen spricht unserer Historiker, der sein Handwerkszeug in der Deutschen Bank gelernt hat und sich mit Geld auskennt, übrigens nie.

Alfred Neven DuMont bestätigt auch heute noch ungerührt den kapitalistischen Zynismus, warum sein Vater damals einfach zugreifen mußte: „Das war eine sinnvolle Erweiterung für den Betrieb. Kein Unternehmer läßt sich das durch die Lappen gehen.“ (PK)


Natürlich hat Werner Rügemer in "COLONIA CORRUPTA" mit zahlreichen Anmerkungen auf seine Quellen verwiesen, die wir aber in diesem Vorabdruck weggelassen haben. Das Buch über Globalisierung, Privatisierung und Korruption im Schatten des Kölner Klüngels erscheint im März in sechster überarbeiteter und erweiterter Auflage im Verlag Westfälisches Dampfboot, 214 Seiten, € 19,90, ISBN: 978-3-89691-525-2</






Weitere Informationen über das Verhalten von Alfred Neven DuMont und des DuMont-Verlages zu den Arisierungsvorwürfen in der NRhZ finden Sie unter
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=10475







Online-Flyer Nr. 241  vom 17.03.2010



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