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Inland
Terrorziel Europa - Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste (4)
Angeleitet von einem langjährigen Agenten
Von Jürgen Elsässer

Um das verfassungswidrige BKA-Gesetz angesichts der Situation im Bundesrat doch noch durchzusetzen, haben sich Union und SPD auf einen „Kompromiss“ geeinigt. Ob sie damit im Länderrat durchkommen werden, ist noch nicht sicher. Vielleicht müssen sich Innenminister Schäuble und die Geheimdienste mal wieder eines drohenden Terrorattentats bedienen. Auf den Gedanken kommt man jedenfalls, wenn man das Buch „Terrorziel Europa – Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“ des investigativen Journalisten und Autors Jürgen Elsässer liest. Als Beispiel veröffentlichen wir hier den vierten Teil aus dem Kapitel „Im Delirium eines deutschen 9/11“ über die „Wasserstoffperoxydbomber“ aus Oberschledorn im Sauerland. – Die Redaktion


Will unbedingt das BKA-Gesetz durchkriegen – Innenminister Schäuble
Quelle: NRhZ-Archiv
 

Verdächtig wenig wurde darüber gesprochen, von welcher real existierenden Person Rädelsführer Gelowicz tatsächlich angeleitet worden ist – nämlich von Yehia Yousif, dem langjährigen Agenten des baden-württembergischen Verfassungsschutzes (vgl. Kapitel 9), sowie von dessen Sohn Omar. Für den „Focus“ ist klar, dass „Fritz G. die Verfahren der Sprengstoff-Produktion kannte, denn er stand den Yousifs nahe.“ Für diese These gibt es zwei Indizien. Indiz Nummer eins: „Bei einer ... Durchsuchung im Januar 2005 entdeckten Polizeibeamte bei Yehia Yousif auf einer CD-Rom einen 'Kurs zur Herstellung von Sprengstoff' auf Arabisch. Darin wurde die Fertigung von Bomben mit detaillierten Mengenangaben beschrieben. Dazwischen waren Koranzitate notiert.“(40) Indiz Nummer zwei fand sich bei einer Razzia, die am 21. Mai 2003 bei Omar Yousif, dem Sohn Yehias, durchgeführt wurde. Es handelt sich um zum Teil verschlüsselte Aufzeichnungen über das Bauen von Sprengladungen, „etwa für die Herstellung des Flüssigsprengstoffes TATP“ (41). An der Herstellung von TATP sollen Gelowicz und seine Kumpane – siehe oben – in Oberschledorn gewerkelt haben.
 
Die Spur der Dienste
 
Vater und Sohn Yousif haben sich 2004 bzw. 2005 ins Ausland abgesetzt. Doch auch von dort aus sollen sie noch Einfluss haben. Johannes Schmalzl, Direktor des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg, wurde nach den Oberschledorner Festnahmen zur Bedeutung von Yousif für die Ulmer Szene um Fritz G. befragt: „Yousif zieht nach wie vor die Fäden, auch im Hintergrund“, urteilte er (42).
 
Auch im Fall des in Oberschledorn verhafteten Daniel Schneider findet sich die Spur der Geheimdienste. Angeblich sollen seine Eltern im Februar 2007 aus Sorge um ihr Kind an den saarländischen Verfassungsschutz herangetreten sein und daraufhin Beamte ein Gespräch mit dem jungen Mann geführt haben. Dabei soll schnell klar gewesen sein, dass eine Kooperation wohl nicht zustande kommen könne, behauptet der Verfassungsschutz im Nachhinein (43). „Wer sagt denn, dass das stimmt?“, gibt Verteidiger Sertsöz zu bedenken. Die Frage scheint allzu berechtigt, da der junge Saarländer schon vor diesem Termin in Geheimdienstbehandlung war, und zwar beim pakistanischen ISI, einem engen Partner der CIA. So merkte jedenfalls der „Spiegel“ en passant an, dass Schneider „im Herbst vorigen Jahres (also im Jahre 2006, Anm. J. E.) verschwand und wie verschiedene Islamisten aus Deutschland in den Fängen des Geheimdienstes ISI landete.“ (44) Erst im Februar 2007 sei er von Pakistan aus zurück in die Bundesrepublik geschickt worden, und zwar in einem „abgemagerten“ Zustand, wie der „Spiegel“ beobachtete.
 
Allzu gut dürften ihn die Vertreter des ISI demnach nicht behandelt haben. Schon bald meldeten sich dann die hilfsbereiten Kollegen des saarländischen Verfassungsschutzes bei dem 22-jährigen. Die von den Medien kolportierte Version, dass die Beamten auf Einladung der Erziehungsberechtigten aktiv wurden, widerspricht der Alltagserfahrung völlig. Kann man sich vorstellen, dass Eltern, in dem Moment, da ihr Kind nach halbjähriger Abwesenheit halbverhungert aus irgendeinem Absurdistan zurückkehrt, nichts Besseres zu tun haben, als ihm den Verfassungsschutz auf den Hals zu schicken?
 
Taliban? Nicht IJU?
 
Im Frühjahr 2008 meldete sich das IJU-Phantom in den Medien zurück. Am 3. März sprengte sich „der erste Selbstmordattentäter, der aus Deutschland kam“ („Spiegel“) im ostafghanischen Khost in die Luft. Cüney Ciftci, ein Islamist aus dem bayrischen Ansbach, riss dabei zwei US-Soldaten und zwei Einheimische mit in den Tod. Der junge Mann hinterließ eine Botschaft auf Video, die im April 2008 von der sagenhaften IJU über eine türkischsprachige Website verbreitet wurde. Doch seltsam: „Einen Teil der Aufnahmen spielte die Propagandaabteilung der Taliban 'Spiegel Online' bereits Ende März zu“, berichtet das Internetportal stolz (45). Taliban? Nicht IJU? Auf dem ersten Band, dem von der Taliban, fehlt jedenfalls der Bezug zur IJU, wie auch „Spiegel Online“ einräumt. Erst auf der Internet-Veröffentlichung der IJU ist zu sehen, wie Ciftci vor einem schwarzen Banner der Organisation sitzt und religiöse Gesänge anstimmt. „Diese Passage scheint allerdings hineinmontiert worden zu sein“, gibt „Spiegel Online“ zu. Trotzdem schlussfolgern die Medienmacher ganz frivol: „Die Tatsache, dass Ciftci auf dem neuen Video vor einem IJU-Banner zu sehen ist, erhärtet die These, dass die IJU eine reale und aktive Organisation ist.“ Der Bundesanwaltschaft kommt zu pass, dass der todessüchtige Bayer angeblich ein Bekannter des in Oberschledorn festgenommenen Yilmaz war. Die angebliche IJU-Mitgliedschaft des einen stützt auf diese Weise die Plausibilität der Mitgliedschaft des anderen.
 
Ende April 2008 meldete sich dann ein weiterer deutscher Todeskandidat per Video aus Afghanistan. Eric B. aus dem saarländischen Neunkirchen hatte sich darin eine Kalaschnikow und einen Munitionsgürtel umgehängt und lobte die „gute Tat“ von Ciftci, bei der viele Ungläubige „in die Hölle geschickt“ worden seien. In der Folge suchte das Bundeskriminalamt mit Fahndungsplakaten in Kabul nach Eric B. und seinem mutmaßlichen Komplizen Houssain al M. (46).
 
Auch diese beiden jungen Männer sollen direkte Kontakte zu den in Oberschledorn Festgenommenen gehabt haben. Im Herbst 2007, also im zeitlichen Umfeld des Wasserstoffperoxyd-Plots, seien sie aus Deutschland verschwunden. „Zuerst reisten sie nach Ägypten, wo sie eine Koranschule eines aus Deutschland ausgewiesenen Hass-Predigers besuchten.“ (47) Offensichtlich wird also weiter an einem Anschlag gearbeitet, der der mysteriösen IJU und ihren angeblichen Paten in Teheran in die Schuhe geschoben werden kann. (PK)

 
(40) Focus-Online, Terror-Zelle lernte Bombenbau vermutlich in Ulm, 15.9.2007.
(41) Focus -Online, Terror-Zelle /FN 40).
(42) Daniela Bach/u. a. (FN 2).
(43) „Verfassungsschutz hatte Kontakt zu Terrorverdächtigem“, FAZ 21.9.2007; ähnlich in Matthias Bartsch/u. a., „Die verschwundenen Söhne“, Spiegel 17.9.2007.
(44) Matthias Bartsch/u. a. (FN 43).
(45) Matthias Gebauer/Yassin Musharbash, Bayrischer Selbstmordattentäter buhlte um Nachahmer, Spiegel- Online 16.4.2005.
(46) Matthias Gebauer/Yassin Musharbash, Deutscher Islamist meldet sich mit Dschihad-Aufruf – Behörden alarmiert, Spiegel-Online 29.4.2008.
(47) Matthias Gebauer, Top-Taliban kommandieren deutsche Gotteskrieger, Spiegel-Online 5.4.2008.

In der nächsten NRhZ-Ausgabe folgt ein Interview mit Jürgen Elsässer zu seinem Buch.

Terrorziel Europa













Kapitel 15 aus Jürgen Elsässer „Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“, Residenz Verlag, 344 Seiten, 21.90 Euro, inzwischen in der zweiten Auflage



Online-Flyer Nr. 177  vom 17.12.2008



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