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Kultur und Wissen
Revolution von 1848-49: Demokrat, Sozialist und Pionier der Arbeiterbewegung:
Andreas Gottschalk, Teil 2
Von Klaus Schmidt

Vielen Zeitgenossen sind die Ereignisse vor 160 Jahren und davor nicht präsent, den meisten fallen Schlagwörter ein: „Hambacher Fest“, Paulskirche, die Badische Revolution... und all dies liegt ja auch furchtbar weit weg – zumal es wohl auch von den wenigsten Geschichtsschreibern der BRD und ihrer Vorgänger beabsichtigt war, eine revolutionäre Kultur zu etablieren. Der Historiker und Theologe Klaus Schmidt beschreibt die Revolutionsjahre von 1848 in Köln und die Geschichte Andreas Gottschalks – die Redaktion.
Der Gründung des Arbeitervereins

Revolutonär Andreas Gottschalk 1848 Bearbeitung: Heinrici
Gottschalk 1848 | graphische                 
Bearbeitung: Christian Heinrici
Bald darauf gründet Gottschalk, inzwischen wieder auf freiem Fuß, den Kölner Arbeiter-Verein, eine Art Urgewerkschaft. Schon gleich in den ersten Wochen seines Bestehens verfasst der Verein eine Fülle von sehr konkreten Gesuchen. Die Minister des Inneren und der Justiz fordert er auf, die Arbeit der Vergolder, Sattler, Schuhmacher, Nagelschmiede und Weber vor der Konkurrenz billiger Häftlingsarbeit zu schützen. Vom Kriegsministerium wird aus ähnlichem Grund verlangt, Militärbäckereien zu verbieten. Außerdem sollen Gewerbe- und Schiedsgerichte eingesetzt werden, die aus Meistern und Arbeitgebern auf der einen und Gesellen und Arbeitern auf der anderen Seite bestehen.

Die zumeist protestantischen Fabrikherren laufen Sturm gegen Gottschalk, der das Bündnis von Thron und Altar, das ganze preußische Gottesgnadentum ablehnt und die Republik fordert. Carl Joest gehört dazu, Besitzer einer Zuckerraffinerie – einer der reichsten Unternehmer der Stadt (und ein berüchtigter Leuteschinder).

Bereits am 1. Mai 1848 hatte Gottschalk sich gegen den Vorwurf verteidigen müssen, er sei Materialist und nehme den Armen „den Trost der Hoffnung auf ein besseres Leben“ im Himmel: „Ich antworte darauf, daß meine ungefähr neunjährige ärztliche Laufbahn in dieser Stadt dafür zeugen wird, daß ich immer bereit gewesen, wie es auch meine Pflicht gebot, jedem den Trost der Religion zu bieten, dem meine Kunst keine zu bieten hatte.“

Jesus sei der Heiland der Arbeiter, „weil er nicht für die Reichen, sondern für das arme Volk stand, lebte und litt; weil er die Geldwechsler aus dem Tempel peitschte, weil er den Schriftgelehrten, Pharisäern und stolzen Priestern entgegentrat, die die Lasten des armen Volkes nur vermehren helfen, die sie selbst nicht einmal mit dem Finger anrühren – weil er endlich den Armen, den Zöllnern und Sündern, den Fischern und Knechten, nicht aber den Reichen, den Müßiggängern und Schwelgern die Gnade und Erlösung bringen wollte“.

Revolutionäre auf den Barikaden im März '48 in Berlin
Etwa zeitgleich: Revolutionäre auf den Barikaden in Berlin im März 1848

Gottschalks religiöse Auffassung, die in manchem mit dem übereinstimmt, was zu dieser Zeit auch die christlich inspirierten Frühsozialisten in Frankreich predigen, wird von vielen seiner Mitstreiter geteilt. So ruft etwa der Fassbinder Christian Joseph Esser in der Generalversammlung des Arbeiter-Vereins unter Beifall, eine zukünftige demokratische Regierung solle „auf den Grundsätzen der Achtung des Nebenmenschen, der Liebe und Religion“ basieren.

Die protestantische Amtskirche sieht das anders. Viele Pfarrer in Rhein-Preußen hetzen gegen den neuen „Democratismus“; der Koblenzer Generalsuperintendent Johann Abraham Küpper fordert seine Pfarrerschaft auf, streng nach Luther zu verkünden, „daß die Obrigkeit von Gott verordnet ist, als Grundpfeiler des staatlichen Organismus, der nicht erschüttert werden kann, ohne daß der Staat schwankt und einzustürzen droht“.

Freispruch für die Angeklagten

Freund und Revolutionär Fritz Anneke Bild spät. Zeiten USA
Freund und Revolutionär Fritz Anneke
Bild in späteren Jahren in den USA
Im Juli 1848 – in Frankfurt tagt die Paulskirche, auch in Berlin ist die Preußische Nationalversammlung zusammengetreten – wird Gottschalk zusammen mit Esser und seinem Freund Fritz Anneke verhaftet, sein Haus durchsucht. „Alles wurde durchstöbert“, schreibt die Vereinszeitung, „und durchschnuppert nach hoch- und landesverräterischen Korrespondenzen.“ Aber was fand man außer harmlosen Papieren? „Makulatur, gut genug, um Wurst und Käse hineinzupacken! Verbotene Schriften führt der Doktor nur in seinem Kopfe mit sich, und um den zu öffnen, müßten die Schlosser noch einmal Lehre stehen.“ Wilde Gerüchte machen nun in Köln die Runde: Gottschalk habe nächtlich Spießgesellen an der Waffe ausgebildet, sei außerdem im Besitz von drei Guillotinen und vier Tonnen Gold.

Ende Oktober 1848 (da haben schon überall in Europa die konservativen Kräfte die Initiative wieder an sich gerissen) beginnt der Prozess. Gottschalk und seine beiden Mitangeklagten werden jetzt beschuldigt, „durch Reden in öffentlichen Versammlungen so wie durch Druckschriften ihre Mitbürger zur gewaltsamen Änderung der Staatsverfassung, zur bewaffneten Auflehnung gegen die Königl. Macht und zur Bewaffnung eines Theiles der Bürger gegen den Andern geradezu angereizt zu haben, ohne daß jedoch diese Anreizungen einen Erfolg gehabt haben“.

Die Todesstrafe droht jetzt nicht mehr – „nur“ Verbannung. Nun müssen die Geschworenen entscheiden. Am 21. Dezember strömen die Zuhörer in Massen herbei. In seiner Verteidigungsrede greift Gottschalk den Ankläger frontal an: „Der Staatsanwaltschaft ist ,Republik’ und ,gewaltsamer Umsturz der Verfassung’ ein und dasselbe. So etwas verzeiht man wohl einem Schulknaben oder einem Leitartikel der Kölnischen Zeitung [1] – aber einem Staatsanwalt?“

Die darauf folgende Rüge des Gerichtspräsidenten weist er zurück: „Sie haben keinerlei Zensur gegen den zu üben, welcher die eigene Freiheit und Ehre verteidigt.“ Aber, fährt er entschlossen fort, „ich werde nicht mehr sprechen... Ich hätte noch vieles zu meiner Ehrenrettung, zu meiner Verteidigung zu sagen. Es lohnt nicht, ein weiteres Wort zu verlieren.“ Doch am 23. Dezember 1848 ist die Überraschung groß: Das Urteil der Geschworenen lautet „Nicht schuldig“! Die drei Angeklagten werden sofort freigelassen.

1852 Der Kölner Kommunistenprozess
Drei Jahre später eine weitere Prozess-Farce in Köln gegen die „Verschwörer“ des Bunds der Kommunisten 1852

Gottschalk reist nach Brüssel und Paris. Obwohl sich auch in Frankreich die politischen Verhältnisse verfinstert haben, kehrt er mit neuer Hoffnung zurück. Er polemisiert gegen Kölns Oberbürgermeister Steinberger, der sich gerade selbst mit einer exorbitanten Pension versorgt hat („Haben Sie denn auch bedacht, daß jeder Pfennig, den Sie einstecken, von des Volkes Schweiß herrührt, von seinem Blute erhoben, mit seiner Gesundheit, seinem Leben bezahlt wird?“) – und wendet sich zugleich gegen Marx, der, für kurze Zeit aus dem Exil zurückgekehrt, vorübergehend dem Arbeiter-Verein präsidierte. Einen „gelehrten Sonnengott“ nennt Gottschalk den Philosophen und schimpft maßlos: „Das Elend des Arbeiters, der Hunger des Armen hat für Sie nur wissenschaftliches, doktrinäres Interesse.“

Gefeiert, vergessen und wieder entdeckt

Einen Moment lang erwägt Gottschalk, zurück nach Bonn an die Universität zu gehen, um sich dort zu habilitieren, praktiziert dann aber doch weiter in Köln. Als die Stadt im Sommer 1849 von einer schweren Cholera-Epidemie heimgesucht wird, die bis zum November 13.000 Tote fordern sollte, versucht er unermüdlich, gerade den besonders betroffenen Armen zu helfen. Am 8. September fällt er in seinem Haus in der Röhrergasse selbst der Seuche zum Opfer.

Unermesslich ist die Trauer. Für die Zeitung des Arbeiter-Vereins ist ein Mann gestorben,
„Der beim schlichten Proletarier den Namen Freund erworben,
Der den armen Kranken heilte durch sein tief ergründet Wissen,
Der die Medizin ihm zahlte, der sich selbst den Schlaf entrissen,
Der der Freiheit leuchtend Banner muthig uns voran getragen,
Den zum Lohne man in Kerker und in Banden hat geschlagen,
Der trotz Unbill und trotz Undank nimmermehr vom Recht gewichen ...“

Und als der Pfaffe sich verweigert, spricht ein Freund am Grab die letzten Worte: „Ob Jude oder Christ oder Heide, vor Ihm, dem Gott Aller, sind wir gleich. Wir haben einen Bruder verloren...“

Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1848 und der „gescheiterten Revolution“ von 1849 wurde Gottschalk sehr bald vergessen – und später vergessen gemacht in einem Deutschland, dem die Einheit bald über die Freiheit ging und das sich im Nationalismus und schließlich im Rassenwahn verlieren sollte. Der spät Getaufte, der Jude Gottschalk wurde da auch von seinen christlichen Glaubensbrüdern und -schwestern verleugnet.

Hohenzoller Friedrich Wilhelm IV. Foto: Superbass, Quelle
Denk-mal: Hohenzoller Friedrich Wilhelm IV.   
(Ausschnitt) Foto: Superbass, Quelle
Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhr er wieder Gerechtigkeit. Heute ist immerhin eine Straße nach ihm benannt [2], sein Grabstein wurde von Gewerkschaftern restauriert, Kölns Protestanten ehrten ihn 2002 aus Anlass des 200-jährigen Bestehens ihrer Gemeinden – und das Stadtmuseum mit einer Ausstellung. Ein Denkmal existiert nicht. Dabei hätte er es wahrlich mehr verdient als jene Hohenzollern, deren Standbilder, starren Blicks und grünlich schimmernd, auch heute noch Kölns Plätze und Brücken beherrschen.


Fußnoten:
[1] Vorgängerpublikation des „Kölner Stadt-Anzeigers“
[2] ...jedoch nicht besonders zentral in Köln gelegen: in Mengenich, die Redaktion.


Lesen Sie in der vorherigen Ausgabe der NRhZ den ersten Teil von Klaus Schmidts Artikel über Andreas Gottschalk! (CH)


klaus schmidt Foto: Andreas Neumann
Foto: Andreas Neumann           
Klaus Schmidt, geb. 1935, ist Theologe, Historiker und Publizist. In den Siebziger Jahren war er evangelischer Studentenpfarrer, Vorsitzender des außerparlamentarischen „Republikanischen Clubs“ und Mitwirkender beim Politischen Nachtgebet in Köln.
Seine Bücher zu 1848/49: „Gerechtigkeit, das Brot des Volkes. Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie.“ Stuttgart 1996;
„Kanzel, Thron und Demokraten. Die Protestanten und die Revolution 1848/49 in der preußischen Rheinprovinz.“ Köln 1998;
„Mathilde und Fritz Anneke. Aus der Pionierzeit von Demokratie und Frauenbewegung: Eine Biographie.“ Köln 1998; Franz Raveaux.
„Karnevalist und Pionier des demokratischen Aufbruchs in Deutschland.“
Köln 2001; „Andreas Gottschalk. Jüdischer Protestant, Armenarzt und Pionier der Arbeiterbewegung.“ Köln 2002.
Jüngste Veröffentlichung: „Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland“, Köln 2007, 2. Aufl. 2007.







Online-Flyer Nr. 171  vom 05.11.2008



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