NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

Fenster schließen

Inland
Bertelsmann-Stiftung fordert Veränderungen in Venezuela
Vorbild: Chile nach Pinochet
Von Hans Georg

„Die Grundlagen des Kapitalismus erzittern. Das ist ein untragbares System für die Völker der Welt“, erklärte der venezolanische Präsident Hugo Chavez auf einer internationalen wirtschaftspolitischen Konferenz in Caracas. Chavez unterstützte ausdrücklich Ecuadors Wirtschaftsminister Pedro Páez, der auf der Konferenz die Gründung eines Alternativen Währungsfonds als Gegenpol zum diskreditierten Internationalen Währungsfonds IWF angeregt hatte. Wenn man davon spreche, die für die Krise Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, müsse man auch US-Präsident George W. Bush und IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn den Prozess machen. Das meldete die NRhZ am 10.Oktober.


Zu viele folgen inzwischen
seinem Beispiel – Hugo Chávez
Quelle: www.wikipedia.org
Die Bertelsmann-Stiftung ist ganz anderer Meinung. Sie fordert eine „harte Anpassung" der Wirtschafts- und Sozialpolitik Venezuelas und verlangt dafür  „externe Unterstützung" durch die USA und die Europäische Union. Die  „dezidiert antimarktwirtschaftliche" Politik des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez bedrohe nicht nur dieStabilität" Lateinamerikas, erklärt der einflussreiche Thinktank und Mehrheitseigner des Bertelsmann-Medienkonzerns; sie schüre auch in anderen Armutsregionen der Welt die Versuchung", gleichgerichteteradikale" Maßnahmen zu ergreifen.
 
Die Aussagen entstammen dem soeben in aktualisierter Fassung publiziertenBertelsmann Transformation Index" (BTI), der die Staaten außerhalb der westlichen Wohlstandszentren hinsichtlich ihrer Bereitschaft beurteilt, eine Transformation" gemäß deren Vorgaben durchzusetzen. Das Dokument wird unter anderem von der deutschen Regierung zur Bewertung ihrer Außenpolitik genutzt. Die Bertelsmann-Stiftung fordert darin eineGegenstrategie" gegen Maßnahmen des gewählten venezolanischen Staatspräsidenten und seiner südamerikanischen Bündnispartner.
 
Wegweiser für die Bundesregierung
 
Der BTI, der nach 2003 und 2006 kürzlich zum dritten Mal in Folge der Öffentlichkeit präsentiert worden ist, beurteilt denEntwicklungsstand" von insgesamt 125 Staaten Lateinamerikas, Afrikas, Asiens und Osteuropasauf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft".[1] Laut Angaben der Stiftung wird der BTI sowohl von internationalen Finanzinstitutionen wie der Weltbank als auch von der Bundesregierung bei der Evaluierung ihrer Entwicklungszusammenarbeit" eingesetzt. Den in dem Dokument enthaltenen Angriffen gegen die Regierung Venezuelas und den daraus resultierenden politischen Forderungen kommt vor diesem Hintergrund erhebliche Bedeutung zu.


Politikberatung – Stiftungsvorstand Prof. Werner Weidenfeld und Angela Merkel | Quelle: Bertelsmann Stiftung
 
In ihrem BTI wirft die Bertelsmann-Stiftung dem venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez, den sie alspopulistischen Diktator" verunglimpft, vor, einesozialistische Revolution" durchzuführen. Diese manifestiere sich, so heißt es, in derNationalisierung" von Unternehmen in strategischen Sektoren" (Telekommunikation, Versorgungsinfrastruktur, Stahlproduktion) sowie darin, dass Chávez' Regierung dasRecht auf Privateigentum" auszuhebeln suche, etwa durch die Verteilung brachliegender Ackerflächen an landlose Bauern. Laut Bertelsmanns BTI demonstriert die Regierung Venezuelas mit diesen Maßnahmen nicht nur einemangelnde Bindung" an die „Idee" der Marktwirtschaft, sondern sogar eineoffen feindliche" Einstellung ihr gegenüber.
 
Versuchung für die Bevölkerung
 
Besonders gefährlich erscheint Bertelsmann offenbar, dass weitere lateinamerikanische Staaten wie Bolivien oderlaut BTIauch Argentinien dem Beispiel Venezuelas folgen. Angesichts extremer Armut und des Ausschlusses breiter Bevölkerungsschichten aus dem öffentlichen Leben sei dieVersuchung" geradezuverständlich", ebenfalls eineradikale" Politik zu unterstützen, heißt es im BTI. Zusätzlich nutze Venezuela seinen Erdölreichtum gezielt alspolitische Waffe", um für denSozialismus" in Lateinamerika und darüber hinaus Reklame zu machen", schreiben die Autoren. Als Beleg nennen sie verbilligte venezolanische Öllieferungen an Cuba, Nicaragua oder die Armenviertel Bostons, New Yorks und Londons, aber auch Caracas' Kooperation mit der verstaatlichten bolivianischen Ölindustrie.
 
Effektive Gegenstrategie notwendig
 
Da Venezuelas Präsident Chávez seineVision des Sozialismus" nicht nur im eigenen Land, sondern in ganz Lateinamerika und sogarauf der gesamten Welt" realisieren wolle, sei die Entwicklung einereffektiven Gegenstrategie" notwendig, fordert die Bertelsmann-Stiftung. Zwar habe sich dabei die venezolanische Opposition bislang alsunfähig" erwiesen, heißt es über die zerstrittenen Fraktionen der ehemaligen prowestlichen Führungskreise. USA und EU könnten jedoch den Ländern Lateinamerikas insbesondere auf dem Gebiet der Handelspolitik soentschlossen" gegenübertreten, dass Caracas seinen Einfluss verliere. Wie die BTI-Autoren weiter schreiben, benötige Venezuela selbst eineharte Anpassung" seiner Wirtschafts- und Sozialpolitikeine Forderung, die nach gegenwärtiger Lage einen Umsturz (Regimewechsel") verlangt.
 
Das Prinzip der demokratischen Willensbildung, das die Bertelsmann-Stiftung ansonsten gerne als einen Indikator fürgute Regierungsführung" (Good Governance") benennt, wird in diesem Zusammenhang negativ beurteilt. Wie es im BTI heißt, habe die Ausübung vonPartizipationsrechte(n)" seitens der Bevölkerungin den Andenländern zu massiven Mobilisierungen (ge)führt" und sodie Anfälligkeit für populistische Strömungen erhöht". Wowie etwa in Bolivienneue soziale Bewegungen" dieRegierungspositionen" innehätten, wendeten diese sichin teils radikaler Weise" gegen marktwirtschaftliche Reformen". Damit trügen sie zurDestabilisierung" des gesamten Kontinents bei, behauptet die Bertelsmann-Stiftung.
 
Beispiel: Chiles Wirtschaftssystem
 
Als Vorbild für Lateinamerika gilt der Bertelsmann-Stiftung nach wie vor Chile. Dort hatte General Augusto Pinochet 1973 den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende ermorden lassen und dem Landgestützt auf brutale Terrorherrschaftein neoliberales Wirtschaftsregime oktroyiertunter dem Beifall deutscher Konzerne. Pinochets Strukturreformen haben Chile in eines der Länder mit dem stärksten Wohlstandsgefälle weltweit transformiert [2]; sie prägen das von der Bertelsmann-Stiftung hoch gelobte chilenische Wirtschaftssystem bis heute. (PK)
 
[1] Sämtliche Zitate entstammen den folgenden beiden Publikationen: Bertelsmann-Stiftung (Hg.): Bertelsmann Transformation Index 2008. Politische Gestaltung im internationalen Vergleich, Gütersloh 2008. BTI 2008: Venezuela Country Report (Anlage zur Buchpublikation auf CD-ROM). S. auch Menschenopfer unverzichtbar
[2] s. dazu Warnungen

Eine Rezension des Bertelsmann Transformation Index 2008 finden Sie unter www.german-foreign-policy.com


Online-Flyer Nr. 168  vom 15.10.2008



Startseite           nach oben