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Literatur
Der Fortsetzungsroman in der NRhZ – Folge 28
Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben
Von Wolfgang Bittner

Der Protagonist Erich Wegner arbeitet nach Abschluss der Schule im Tiefbau, aber in ihm reift allmählich der Entschluss, seine Situation zu verändern. Er holt das Abitur nach, beginnt Jura zu studieren und absolviert erfolgreich eine akademische Laufbahn. Eine verheißungsvolle Zukunft scheint vor ihm zu liegen, doch seine Hoffnungen und Erwartungen erfüllen sich nicht; sie werden durchkreuzt von seinen Vorstellungen von einem humanen und selbstbestimmten Leben in einer sozialen Gesellschaft. Er überlegt, fortzugehen, neu anzufangen. Es bleibt die Frage, ob Wegner jemals eine echte Chance hatte.

der aufsteiger wolfgang bittner horlemann-verlag cover
                                                   
Außer bequem als Buch im Horlemann-Verlag können Sie exklusiv in der NRhZ die überarbeitete Neuausgabe von Wolfgang Bittners 1978 erstmals erschienenen Roman „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“ lesen – eine Rezension des Werks finden sie in der NRhZ 139: „Ein Roman über einen ‚Helden’ von unten, aus der Sicht von unten und deshalb wichtig für alle – und sogar mit nicht allzu viel Fantasie lässt sich auch der Roman auf heutige Verhältnisse übertragen.“, schreibt Rezensent und Buchhändler Uli Klinger über „Der Aufsteiger“.



10) München (Fortsetzung)

Er lachte. „Ich bin kein Verbrecher. Das mit der Demonstration war sowieso nur Zufall. Ich bin normalerweise ein ordentlicher und fleißiger Student der Rechtswissenschaften.“ Warum er diesen Quatsch redete, war ihm selber nicht klar. Vielleicht hast du schon eine Macke, dachte er. Aber sie schien beeindruckt. Er nannte ihr seinen Namen und seine Adresse und erfuhr dafür, sozusagen als Gegenleistung, dass sie Marianne hieß, Marianne Bechtel, aus Stuttgart kam und seit Anfang des Semesters an der Pädagogischen Hochschule studierte.

Auf dem Teppichboden waren ein paar Blutstropfen. Er versuchte sie mit seinem Taschentuch wegzureiben, sitzend, aus dem niedrigen Rohrsessel heraus.
„Mit etwas Wasser geht es bestimmt besser“, meinte sie und befeuchtete einen Lappen, den sie ihm gab.

Als er sich bückte, wurde ihm schwindelig und er musste würgen.
„Ich muss mich mal übergeben“, keuchte er, schwankte an ihr vorbei ins Badezimmer. Wieder dieser entsetzte Kinderblick.
Der ihm irgendwie gut tat.

Aus dem Kaffeetrinken wurde nichts. Ihm brummte der Schädel, und er fühlte sich auf einmal hundsmiserabel, physisch wie psychisch. Da schlugen diese Schweine einfach drauflos. Ohne rechts und links zu gucken. Einfach drauf. Diese Bullen. Die könnte man auf alte Damen und schwangere Frauen ansetzen, wie Bluthunde, wenn man ihnen nur erzählte, das seien Kommunisten oder Verbrecher, was bei denen ja sowieso auf dasselbe hinauslief. Kommunisten, Landfriedensbrecher, Verbrecher.


Schon beim Geruch des Kaffees wurde ihm schlecht. Bei jeder Bewegung spürte er jetzt einen stechenden Schmerz im Kopf.
„Ich glaube, Kaffee wäre mein Tod“, stöhnte er. „Das können wir ja ein anderes Mal nachholen. Am liebsten wär mir, wenn ich so bald wie möglich in mein Bett käme.“ „Sie müssen doch aber zu einem Arzt“, widersprach sie ihm.

Eindringlich, fast flehentlich. „Vielleicht muss die Wunde genäht werden.“ Sie steckte das um seinen Kopf geschlungene Handtuch mit einer zweiten Sicherheitsnadel fest, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellte und seinen Kopf zu sich herunterzog.
Ihm wurde bewusst, dass sie gut proportioniert war, dass sie ausgesprochen hübsch war. Aber ihm war zu elend, um daran einen weiteren Gedanken zu verlieren.

„Womöglich haben Sie sogar eine Gehirnerschütterung“, erklärte sie eifrig, „oder es ist Schmutz in die Wunde gekommen.
Das sollte unbedingt abgeklärt werden.“ Wie besorgt sie war, wie lieb. „Ach was“, brummte er wenig überzeugend, „das wird schon nicht so schlimm sein.“ Sie fasste ihn einfach bei der Hand und nötigte ihn auf die Couch, zog ihm die Schuhe aus, holte eine Decke. „Ich gehe jetzt einen Arzt anrufen“, sagte sie bestimmt. „Machen Sie in der Zwischenzeit keine Dummheiten.“ Und schon war sie zur Tür hinaus.

Ihn fröstelte unter der Decke. Das lass ich mir nicht gefallen, dachte er. Nach dem Grundgesetz hat jeder das Recht, seine Meinung frei zu äußern und sich mit anderen zu versammeln. Außer einem kurzfristigen Verkehrsstau verlief alles geordnet, es gab überhaupt keine Zwischenfälle, bis die Polizei eingriff und die Demonstranten zusammenschlug. Man müsste Anzeige erstatten wegen Körperverletzung. Anzeige gegen Unbekannt, Anzeige gegen den Polizeioffizier im Lautsprecherwagen und gegen den Polizeipräsidenten, der so etwas veranlasst oder zumindest zugelassen hatte.

Aber ihm fiel ein, dass er dann wegen Landfriedensbruchs belangt werden würde, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und was es da sonst noch alles gab. Wahrscheinlich würden sie ihn sogar überwachen lassen, wenn sie seine Adresse hätten. Erst vor kurzem war ein SDS-Mitglied wegen angeblich ungebührlichen Benehmens gegenüber einem Professor der Hochschule verwiesen worden. Ein anderer Student sollte relegiert werden, weil er einen aus Berlin stammenden Aufruf als Flugblatt verteilt hatte.

An der Ludwig-Maximilians-Universität, die weit besser Geschwister- Scholl-Universität heißen könnte; nach Hans und Sophie Scholl, Angehörigen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, die 1943 in den Lichthof der Münchener Universität Flugblätter hinunterregnen ließen und von den Nazis hingerichtet wurden.

In dem Berliner Flugblatt hatte gestanden, die Misere der Universität sei die Misere derer, die an ihr studieren müssen. Die Zustände seien unerträglich für die Studenten. Sie müssten sich herumschlagen mit schlechten Arbeitsbedingungen, mit miserablen Vorlesungen, stumpfsinnigen Seminaren und absurden Prüfungsbestimmungen. Wenn sie sich weigerten, sich von professoralen Fachidioten ausbilden zu lassen, gingen sie das Risiko ein, ihr Studium ohne Abschluss beenden zu müssen.

Wir haben doch Redefreiheit und Pressefreiheit, dachte er. Darauf hält man sich doch so viel zugute. Warum ist es dann möglich, dass man Studenten verhaftet, wenn sie ihre Meinung sagen, dass man Flugblätter beschlagnahmt, in denen die Wahrheit steht? Hatte man je davon gehört, dass eine Bildzeitung beschlagnahmt wurde, obwohl fast jeden Tag Unwahrheiten und Hetzparolen drinstanden, besonders gegen „verlotterte Studenten“ und „linke Revoluzzer“? Wenn Tausende demonstrierten, dann mussten sie doch ein Anliegen haben, das nach ihrer Meinung eine Protestaktion rechtfertigte. Warum wurden solche Demonstrationen unter dem Vorwand des Verkehrsinteresses verboten, in abgelegene Vorstadtviertel umgeleitet, die Demonstranten halb tot geprügelt? Das durfte man sich nicht gefallen lassen, dagegen musste etwas unternommen werden. Diese Brutalität war ein Schlag ins Gesicht der Rechtsstaatlichkeit.

Als sich der Schlüssel im Schloss bewegte, fuhr er zusammen, dass es durch seinen ganzen Körper zuckte.
„Der Arzt kommt gleich“, sagte das Mädchen atemlos. Sie schien sich sehr beeilt zu haben.
„Wie sieht es draußen aus?“, fragte er.
„Man glaubt gar nicht, dass da vorhin noch gekämpft wurde“, erwiderte sie.
„Gekämpft ist gut“, sagte er, „zusammengeschlagen haben sie uns.“ Sie blickte ihn groß an. „Ich denke, Sie sind nur durch Zufall in diese Demonstration hineingeraten?“ Er musste einen Moment überlegen. „Na ja“, meinte er schließlich, „eigentlich hatte ich zu einer Strafrechtsübung fahren wollen.

Aber als ich die Plakate und Spruchbänder sah, wurde mir fast schlagartig bewusst, dass es bei dieser Demonstration auch um meine Probleme ging und dass ich im Grunde ein viel zu unpolitisches Leben führe.“ Er versuchte sich die Situation, als er im Auto saß und der Demonstrationszug näher kam, ins Gedächtnis zurückzurufen.

Und da sie schwieg, fuhr er fort: „Unsere Regierung empfängt im Namen des Volkes mit allen Ehren so einen Typen, der seine politischen Gegner zu Tausenden foltern und hinrichten lässt. Da sind doch irgendwo Übereinstimmungen vorhanden, die nicht nur mit wirtschaftlichen Beziehungen erklärt werden können.

Das sieht man ja auch. Zum Beispiel daran, wie mit den Gegnern der Atombewaffnung, der Notstandsgesetze oder des Vietnamkrieges umgegangen wird. Für die Öffentlichkeit äußern können sie sich nur, indem sie demonstrieren; und dann werden sie einfach niedergeknüppelt. Ist denn so etwas Demokratie?“ Als er sich aufrecht setzen wollte, spürte er wieder diesen stechenden Schmerz im Kopf, so dass er sich lieber wieder hinlegte.

„Und nun?“, fragte sie.
„Man muss sich mit Gleichgesinnten solidarisieren“, sagte er nachdenklich. „Allein wird man fertiggemacht.“ „Ich weiß nicht recht“, meinte sie. „Ich finde es besser, wenn man sich da heraushält.“ Ihre Haltung reizte ihn zum Widerspruch. Gerade daran merkte er, dass er nicht umhinkommen würde, Konsequenzen aus dem zu ziehen, was er dachte. „Ich habe mich entschlossen, dem SDS beizutreten“, sagte er.
„SDS?“ „Sozialistischer Deutscher Studentenbund. Die haben gute Leute, zum Beispiel den Dutschke in Berlin. Oder haben Sie schon mal etwas von dem Professor Marcuse gehört?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Wenn man sich aus allem heraushält“, setzte er hinzu, „wird man am Schluss von den politischen Verhältnissen überrollt.“ Es läutete an der Tür und sie ging öffnen. Ein Spruch von Mao fiel ihm noch ein: „Wir sind für die Abschaffung des Krieges, wir wollen den Krieg nicht; aber man kann den Krieg nur durch den Krieg abschaffen; wer das Gewehr nicht will, der muss zum Gewehr greifen.“ Das lasen in China Millionen, und Millionen verstanden es.

Der Arzt nahm ihn mit in seine Praxis, wo er eine gründliche Untersuchung vornahm. Er diagnostizierte eine leichte Gehirnerschütterung und verschrieb Schmerztabletten. Außerdem musste die Platzwunde am Kopf genäht werden. Erich Wegner erzählte ihm, er sei die Treppe hinuntergefallen.

„Na, mir soll‘s egal sein, wie und bei welcher Gelegenheit Sie auf den Kopf gefallen sind“, knurrte der Arzt. Offensichtlich glaubte er die Geschichte nicht, doch das war egal. Es ging letztlich um die Bezahlung der Behandlungskosten durch die Krankenkasse, da erschien eine solche Notlüge durchaus angebracht.

Die steckten schließlich alle unter einer Decke, trotz ärztlicher Schweigepflicht. Wer weiß, was dieser Medizinmann, der immerhin einen Schmiss hatte, sonst gemacht hätte.

Ein Krankentaxi fuhr ihn gegen sechs zur Apotheke und weiter nach Hause. Jetzt hatte er sich noch nicht einmal von seiner barmherzigen Samariterin namens Marianne richtig verabschiedet.
Man sollte die Kaffeestunde mit ihr demnächst einmal nachholen, dachte er, sie vielleicht in ein Café oder Restaurant einladen.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe
Fortsetzung des Romans von Wolfgang Bittner und des Kapitels „München“.
(CH)


© 2008 Horlemann
Alle Rechte vorbehalten
Überarbeitete Neuausgabe – Erstveröffentlichung 1978 Büchergilde Gutenberg, Satz und Umschlaggestaltung Verlag.
Bitte fordern Sie das Verlagsverzeichnis an, unter:
Horlemann Verlag, Postfach 1307, 53583 Bad Honnef,
Telefax 02224 5429, E-Mail: info (at) horlemann-verlag.de
www.horlemann.info


Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Der promovierte Jurist schreibt für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Er erhielt mehrere Literaturpreise, ist Mitglied im PEN und Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane „Der Aufsteiger oder Ein Versuch zu leben“, „Niemandsland“ und „Flucht nach Kanada “, den Erzählband „Das andere Leben“ sowie das Sachbuch „Beruf: Schriftsteller“.


Online-Flyer Nr. 167  vom 08.10.2008



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