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Lokales
Uni Köln wird Medikamentenschmiede des BAYER-Konzerns – Teil II
Studierende: „Hochschul(-ver)rat“
Von Jan Pehrke

Im Frühjahr vereinbarte der Leverkusener BAYER-Konzern mit der Kölner Hochschule eine Kooperation auf dem Gebiet der Pharma-Forschung. Auch andere Universitäten und Forschungseinrichtungen zeigen sich offen für eine Zusammenarbeit mit dem Leverkusener Multi. Dass die Einflussnahme des Konzerns bis hinein in den Hochschulrat Freiheit in Forschung und Lehre beeinträchtigt, erklärte in Teil I dazu der Politikwissenschaftler Professor Christoph Butterwegge. Studierende der Uni Köln sprachen von „Hochschul(-ver)rat“. – Die Redaktion


BAYER-Forschungsvorstand
Wolfgang Plischke | Quelle:
www.mybayerjob.de
Pillen-Riesen fordern Gegenleistungen
 
Der Kölner Herz-Spezialist Erland Erdmann dürfte sich ebenfalls nicht allzu sehr über die BAYER-Präsenz an seiner Universität freuen. Noch im November 2007 hatte er nämlich über die zunehmende Abhängigkeit der Pharma-Forschung von der Industrie geklagt. Seit sich der Staat aus der Finanzierung von Arznei-Studien weitgehend zurückgezogen hat, stehen Erdmann zufolge als Geldgeber nur noch die Pillen-Riesen zur Verfügung. Und die verlangen Gegenleistungen: „Bevor man als Wissenschaftler die Ergebnisse einer solchen klinischen Studie veröffentlichen könne, müsse man den zur Publikation vorgesehenen Bericht in der Regel erst dem Sponsor vorlegen. Marktschädliche Äußerungen könnten dabei dem Rotstift zum Opfer fallen“, zitiert ihn die FAZ.
 
Ob der Arzt dabei von Erfahrungen berichtet, welche die Kölner MedizinerInnen bei den 30 schon länger gemeinsam mit BAYER betriebenen Arzneimittel-Projekten gesammelt haben? Möglich wär‘s, denn der wissenschaftlichen Wahrheit fühlen sich die Medikamenten-Tests des Leverkusener Multis oftmals nicht verpflichtet. So erprobte der Pharma-Riese im Jahr 2000 sein Antibiotikum CIPROXIN an 650 britischen Krankenhaus-PatientInnen, ohne auf andere Expertisen zu verweisen, nach denen CIPROXIN im Zusammenspiel mit anderen Pharmazeutika seine Wirksamkeit verlieren kann. Mindestens einen Patienten brachte eine Infektion auf diese Weise in Lebensgefahr. Der an den Untersuchungen beteiligte Chirurg Stephen Karran hatte vergeblich versucht, dies zu verhindern. „Obwohl ich zu Beginn der Tests auf die Probleme hingewiesen habe, wurde die Studie im ganzen Land unverändert durchgeführt“, so Karran, der BAYER mit dieser Kritik auf der Hauptversammlung von 2001 auch direkt konfrontierte.
 
Enthüllungen im „arzneimittel-telegramm“
 
Wie Arzneimittel-Tests made by BAYER immer das gewünschte Ergebnis erzielen, enthüllte das „arzneimittel-telegramm“ im Jahr 2003 am Beispiel des Diabetikums GLUCOBAY (Wirkstoff: Acarbose). Was zu beweisen war, das war die segensreiche Wirkung des Präparates auf den Blutdruck und das Herz/Kreislaufsystem der Zuckerkranken. Und das gelang dem Leverkusener Multi durch verschiedene Operationen. Zunächst einmal redeten die werkseigenen PharmakologInnen ein gehöriges Wörtchen bei der Konzeption der Studie mit. Dann schlossen die WissenschaftlerInnen 61 TeilnehmerInnen aus, die sich als therapie-resistent zu erweisen drohten. Anschließend betrieb der Konzern bei den Angaben zu den Risiken und Nebenwirkungen der klinischen Erprobung ein Verwirrspiel; sie schwankten je nach Veröffentlichungsort. Mal hatten 15 GLUCOBAY-PatientInnen unter Herz/Kreislaufproblemen zu leiden und 32 Placebo-ProbandInnen, dann wieder 33 bzw. 39. Eine ähnliche Variationsbreite wiesen die Informationen zum Gewichtsverlust der TeilnehmerInnen auf. Und zu schlechter Letzt erschließt sich der Sinn der Übung, den blutdrucksenkenden Effekt des Mittels zu demonstrieren, kaum, weil BAYER sich nicht darauf festlegen mochte, ob nun 46 Prozent der ProbandInnen mit Bluthochdruck in den Test gingen oder 51 Prozent.
 
Das arzneimittel-telegramm zieht deshalb das folgende Fazit: „Ein Nutzen von Acarbose (GLUCOBAY) zur Senkung des Risikos kardiovaskulärer Erkrankungen bei PatientInnen mit erhöhtem Blutzucker ist nicht belegt. Der jetzt publizierte angebliche Nutzen-Nachweis durch die STOP-NIDDM-Studie beruht auf Daten-Manipulation zu Gunsten von Acarbose. Die behauptete Senkung des Hypertonie-Risikos durch Acarbose lässt sich wegen eklatanter Differenzen in den Ausgangsdaten zum Bluthochdruck nicht beurteilen. Die Publikationen der STOP-NIDDM-Studie enthalten eine Fülle weiterer grober Ungereimtheiten, die nicht nur Zweifel an der Seriosität, sondern auch Verdacht auf gezielte Eingriffe aufkommen lassen“.
 
Während der Chef der „Europäischen Arzneimittel-Zulassungsbehörde“, Thomas Lönngren, angesichts dieser von BAYER und anderen Pharma-Unternehmen geübten Praxis fordert: „Wir brauchen mehr unabhängige Studien, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden“, geht die Uniklinik Köln den umgekehrten Weg. Ihr Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. med. Eugen Schömig sieht da keinerlei Probleme. „Durch strenge wissenschaftliche Regularien bei den Studien und intensiven regelmäßigen Austausch bleibt die Unabhängigkeit wissenschaftlicher Forschung gewahrt“, beteuert er.
 
Diktierte Verträge
 
Dabei ist diese Unabhängigkeit der Forschung nicht nur durch die Kreativität der Konzerne bei der Gestaltung von klinischen Arznei-Tests bedroht, denn die Kooperationsabkommen haben es in sich. Sie stiften eher eine Zwangsehe als eine mehr oder weniger „bevorzugte Partnerschaft“. Von „diktierten“ Verträgen sprach die bei der TU Dortmund für Forschungsangelegenheiten zuständige Brigitte Trimpe deshalb auf einer Veranstaltung, welche das „Zentrum für Gewerblichen Rechtsschutz“ der Universität Düsseldorf initiiert hatte, um ihren mit Hilfe von BAYER und anderen Unternehmen erarbeiteten Mustervertrag zur Debatte zu stellen. Auch der Leverkusener Multi kennt da kein Pardon, wie BAYER HEALTH CAREs Patent-Experte Dr. Dieter Linkenheil bei dem Treffen freimütig einräumte. In der Regel lege das Unternehmen einen von ihm entwickelten Vertragsentwurf vor, so Linkenheil. Und so sehen die Vereinbarungen auch aus. Die Universitäten verpflichten sich darin zumeist, auf eine „negative Publikationsfreiheit“ zu verzichten, d. h. über fehlgeschlagene Experimente den Mantel des Schweigens zu hüllen.


BAYER und Uniklinik Köln starten Zusammenarbeit durch Kooperationsabkommen: BAYER-Vorstandsmitglied Dr. Wolfgang Plischke (r.), NRW-Forschungsminister Andreas Pinkwart (M.) und Prof. Dr. Joachim Klosterkötter, Uni Köln. | Quelle: www.aktionaersbrief-q1-08.bayer.de  


Auch vorher schon haben sich die WissenschaftlerInnen Beschränkungen aufzuerlegen. Übten sie früher den freien akademischen Austausch, so gilt heutzutage das, was in den Laboren geschieht, als „Betriebsgeheimnis“. Zudem verlangen die Multis von ihren Partnern, schon im Frühstadium der Zusammenarbeit alle Rechte an den Erfindungen abzutreten. In Düsseldorf traten Linkenheil, Dr. Elmar Bramer-Weger von BAYER MATERIAL SCIENCE sowie alle anderen KonzernvertreterInnen für eine Vorausabtretung der Rechte an den Forschungsergebnissen ein.
 
Die Hochschulen haben das Nachsehen
 
Diese Firmen-Strategie sorgt für den meisten Streit in den Beziehungen zwischen den Firmen und den Universitäten. Erweist sich nämlich ein Projekt am Markt als besonders profitabel, haben die Hochschulen das Nachsehen. Hannes Lehmann von TU Dresden machte darum den Vorschlag zur Güte, in die Kontrakte wenigstens eine „Bestseller-Klausel“ einzubauen, die Erfolgsprämien ermöglicht. Darüber war aber mit den Konzern-Emissären nicht zu reden. Schließlich trügen die Unternehmen doch auch das wirtschaftliche Risiko, entgegnete Dr. Bramer-Weger dem Dresdener Forschungsbeauftragten. Deshalb dürfte die „Bestseller-Klausel“ auch in dem zwischen BAYER und der Universitätsklinik Köln getroffenen Agreement fehlen. Genaueres dazu konnte Stichwort BAYER nicht in Erfahrung bringen. „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir zum Inhalt bestehender Verträge aus rechtlichen Gründen keine Auskunft geben“, antwortete die Uniklinik-Pressesprecherin Sina Vogt auf eine entsprechende Nachfrage.
 
So sieht sie also aus, die „freie und wettbewerbsorientierte Wissensgesellschaft“, die Forschungsministerin Annette Schavan bei der Vorstellung der „Hightech-Strategie für Deutschland“ beschwor. BAYER hätte alles gerne noch ein wenig freier und wettbewerbsorientierter – und ruft nach dem Staat, um seine Pillen-Produktion an Profit-Höchstgrenzen zu treiben. „Wie müssen darstellen, wie die Politik ordnungspolitisch dazu beitragen kann, Wachstums- und Innovationspotenziale dieser Industrie stärker zu fördern. Das erfordert ein Zusammenwirken der Forschungs-, Wirtschafts- und Gesundheitpolitik“, drängt Forschungsvorstand Wolfgang Plischke. (PK)
 
Siehe auch „Aktionstag Kölner Studenten gegen „Hochschulrat" und Kapital-Akademie – Rebellion liegt in der Luft“ in NRhZ 147

Jan Pehrkes Beitrag erscheint im Oktober im „Stichwort Bayer“ der Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. Mehr über weitere „BAYER-Wissenschaftsallianzen“ unter www.CBGnetwork.de. Bestellung eines Probeexemplars unter CBGnetwork@aol.com

Online-Flyer Nr. 167  vom 08.10.2008



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