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Literatur
Erste Rheinlese in Bonn kein R(h)einfall
Rheingelesen: Literatur im Fluss
Von Michael Recknagel

Mitveranstalter Walter Waier spricht seinen Dank an die Helfer und Sponsoren der Rheinlese aus | Alle Fotos: Katharina Theine
Christian Rottmann, der Intendant des Café Podcast, das sich seit einiger Zeit zu einer interessanten Plattform für Literatur, Musik und Kunst in Bonn entwickelt hat und mit seinen hochqualitativen Videos ebenso von sich reden macht wie durch eine Reihe innovativer Projekte, schickte seinen Mediendramaturgen Daniel Becker auf die Rheinlese, um eine weitere unabhängige Künstlerproduktion durchzuführen.[1] Bernd Vollbach und Norman Liebold kamen ebenfalls durch das Café Podcast zur Rheinlese – mit letzterem produziert es aktuell das Hörsehbuch „Gläserner Sarg“, das auch in der NRhZ in Folge zu sehen ist.

„Voll rheingeslidet": Bernd Vollbach
Gut achtzig Besucher hatten den ungewöhnlichen wie idyllischen Veranstaltungsort am Rheinufer aufgesucht. Fünf Barhocker standen mitten im Wasser – übrigens dank aufwendiger Metall- konstruktionen. (Wer frühzeitig kam, konnte Veranstalter Walter Waier noch im Neoprenanzug schrauben und keuchen sehen.) Bernd Vollbach stieg zuerst – barfuß und mit Gitarre bewaffnet – in den Fluß und begann, mit gekonnten Slide-Klängen auf seiner Resonator-Gitarre der sommerliche Wohlfühlstimmung das i-Tüpfelchen zu geben, während die vier Literaten unter Beifall ihre Lesehocker erklommen. In der gut zweistündigen Veranstaltung schlug der „EifelSlider“ stimmungsvolle musikalische Brücken zwischen Texten und Autoren. Gespannt harrte das Publikum dem Beginn der Lesung – niemand wusste, was ihn erwartete: Zu bunt die Mischung der Autoren, und in dieser Konstellation erstmalig gemeinsam auf der „Bühne“.
Den Anfang der Lesung machte Lucien Deprijck mit seinem „Tagebuch der Nichtigkeiten“, das er in zwei Teilen vortrug: Ein Mann, der ausgesprochen gerne Straßenbahn fährt, berichtet in kleinen Tagebucheinträgen vom alltäglichen Wahnsinn Kölns, vielleicht der Welt. Vielleicht hatte das Publikum anfangs ein wenig Schwierigkeiten, in den Text hineinzukommen, obwohl er eine wunderbare Ideenperle zwanglos an die nächste reiht: Das geheimnisvoll obzöne Stöhnen in der Nachbarwohnung, das sich als Hechelkurs für Schwangere entpuppt, das Geheimnis um den vierten Straßenbahnwagen oder die Frustration angesichts in mehreren Sprachen geführter Dialoge, denen nur schwer zu folgen ist. Und mit jeder neuen skurrilen und gut beobachteten Einzelbeobachtung wächst das Tagebuch der Nichtigkeiten mehr zu einem Ganzen zusammen, und insbesondere in der zweiten Hälfte lachte das Publikum gerne und laut mit.
Lothar Tolksdorf warf in seiner ersten Geschichte „Das Schreib-Café“ kritisch-amüsante Seitenblicke und -hiebe auf die Literaturszene, parodierte ebenso lächerliche wie glaubhafte Charaktere mit hintergründigem Witz und führte die Geschichte in einem Bogen auf sich selbst zurück, indem er sie zu dem Produkt der Schreibgruppe machte. Seine zweite Geschichte, „Dem Sinn ein Leben geben“, ließ die kreisenden Denkbewegungen seines Protagonisten zur Allegorie werden, indem er sie auf einen Drehstuhl setzte und sich unter der Lampe im Kreis drehen ließ. Besonders die Vortragskunst bestach hier – wenn Tolksdorf beschreibt, wie der Erzähler sich dreht, scheint sich in der Tat alles mit zu drehen, nicht nur die Reihenfolge der Worte.

Lucien Deprijck, Lothar Tolksdorf, Nadja Schlüter, Norman Liebold und Bernd Vollbach (von links) sind ganz im Fluß
Mit Abstand die meisten Lacher hatte Nadja Schlüter auf ihrer Seite. Die Poetry-Slam-Meisterin [2] der Unterzwanzigjährigen trug kurze und dichte Texte vor, die mit lyrischem Anspruch Alltagsabsurditäten und -gefühle aufs Korn nahmen. Ob eine Liebeserklärung an die Schweiz als Urlaubsland, die frustrierten Gedanken eines pubertierenden Mädchens auf einer wirklich ätzenden Ferienfreizeit in Prag oder das minutiös Gemeinheiten ausdenkende Hassen einer Liebenden – die Texte spiegeln sich in sich selbst zurück und sind voller amüsanter Wendungen und von geschliffenem Wortwitz. Mit jedem der kaum fünf Minuten langen Texten sprach sich die junge Dichterin mehr ins Herz ihres Publikums.
Eingerahmt durch die anderen Autoren las Norman Liebold. Wer den jungen Schriftsteller und Künstler kennt, konnte sich im Grunde ausrechnen, was kommt, wenn er zwischen drei Literaten sitzt, die an einem Sommerabend heitere und amüsante Alltagsgeschichten bieten. Liebold brachte zwei Auszüge aus seinem aktuellen Siebengebirgskrimi „Gläserner Sarg“. Kam der erste Auszug noch heiter daher und ließ das Auditorium schmunzeln, so schlich sich schon hier das Gefühl ein, daß unter dem absurd-heiteren Geschehen beim Bad im Steinbruch mehr steckte: Zitate aus Orwells „1984“, ein manisch-depressiver Hauptcharakter und der Überwachungsstaat, der plötzlich samt nackten Ökonymphen aus der Idylle mit Buschwindröschen und Badesee kriecht. Als der Autor nach der Pause fortfuhr und seine Stimme über den Rhein donnert, konnte man große Augen im Publikum sehen – es lauschte gebannt, aber auch betroffen, als Liebold seinen Portagonisten völlig abdrehen und auf ein Heldendenkmal scheißen ließ.

Da capo und Abenddämmerung in spiegelglattem Strom
Inzwischen dämmerte es, die Literaten, gleichsam über dem Rhein sitzend, wurden von Scheinwerfern angeleuchtet und boten eine Runde Zugaben dar: Deprijck philosophierte mit „M“ über Sprachverfall und die Begriffe „Slow Motion“ und „Zeitlupe“. Schlüter erzählte von Klara, die gerne Lutz sein will und dann doch Gefallen an der Zweisamkeit findet; und auch Liebold setzte noch einen drauf: Im doppelten Sinne wurde es zum „Attentat“, als er dem Publikum als Insassen eines Mallorca-Fliegers die Gründe ihres baldigen Todes aufgrund einer Kollision mit dem Kölner Kreiswehrersatzamt erläuterte. Lothar Tolksdorf rettete die Situation und rundete mit seinem abschließenden Zweizeiler „Kater und Vater“ die erste Rheinlese in Bonn trefflich ab.
„Eine perfekte Mischung!“ stimmten Besucher überein. „Super – bunter ging es nicht!“, „Ich habe gelacht, ich war geschockt – es war alles dabei. Und die Musik war spitze!“ Eine etwa 20minütige Tanzperformance, die zwischen die zwei Hauptteile der Lesung gesetzt war, weckte divergierende Meinungen. Trotz der allgemeinen Bewunderung für die doppelte Leistung des Ausdruckstanzes auf der einen und der besonderen Schwierigkeit, sich auf dem Kiesstrand zu bewegen auf der anderen Seite, war verschiedentlich zu hören, daß die Darbietung etwas zu lang gewesen sei. Wobei es durchaus auch Stimmen gab, die von der bildhaften Sprache und der choreographischen Leistung der beiden Tänzerinnen schlechtweg begeistert waren.

Mit ausdrucksstarken Bildern und Posen schlossen die Tänzerinnen den ersten Teil der Rheinlese ab | Alle Fotos: Katharina Theine
Mit Spannung darf auf jeden Fall auch die Kölner Rheinlese erwartet werden, die am 23. August um 19 Uhr im Rhein bei Rodenkirchen (Uferstraße/Roonstraße bei Flußkilometer 681,9) stattfindet. Diesmal lesen die Autoren Anke Fuchs, Armin Bings, Florian Cieslik, und auch Lucien Deprijk und Bernd Vollbach werden wieder dabei sein. (CH)
Online-Flyer Nr. 159 vom 13.08.2008
Erste Rheinlese in Bonn kein R(h)einfall
Rheingelesen: Literatur im Fluss
Von Michael Recknagel

Mitveranstalter Walter Waier spricht seinen Dank an die Helfer und Sponsoren der Rheinlese aus | Alle Fotos: Katharina Theine
Christian Rottmann, der Intendant des Café Podcast, das sich seit einiger Zeit zu einer interessanten Plattform für Literatur, Musik und Kunst in Bonn entwickelt hat und mit seinen hochqualitativen Videos ebenso von sich reden macht wie durch eine Reihe innovativer Projekte, schickte seinen Mediendramaturgen Daniel Becker auf die Rheinlese, um eine weitere unabhängige Künstlerproduktion durchzuführen.[1] Bernd Vollbach und Norman Liebold kamen ebenfalls durch das Café Podcast zur Rheinlese – mit letzterem produziert es aktuell das Hörsehbuch „Gläserner Sarg“, das auch in der NRhZ in Folge zu sehen ist.

„Voll rheingeslidet": Bernd Vollbach
Den Anfang der Lesung machte Lucien Deprijck mit seinem „Tagebuch der Nichtigkeiten“, das er in zwei Teilen vortrug: Ein Mann, der ausgesprochen gerne Straßenbahn fährt, berichtet in kleinen Tagebucheinträgen vom alltäglichen Wahnsinn Kölns, vielleicht der Welt. Vielleicht hatte das Publikum anfangs ein wenig Schwierigkeiten, in den Text hineinzukommen, obwohl er eine wunderbare Ideenperle zwanglos an die nächste reiht: Das geheimnisvoll obzöne Stöhnen in der Nachbarwohnung, das sich als Hechelkurs für Schwangere entpuppt, das Geheimnis um den vierten Straßenbahnwagen oder die Frustration angesichts in mehreren Sprachen geführter Dialoge, denen nur schwer zu folgen ist. Und mit jeder neuen skurrilen und gut beobachteten Einzelbeobachtung wächst das Tagebuch der Nichtigkeiten mehr zu einem Ganzen zusammen, und insbesondere in der zweiten Hälfte lachte das Publikum gerne und laut mit.
Lothar Tolksdorf warf in seiner ersten Geschichte „Das Schreib-Café“ kritisch-amüsante Seitenblicke und -hiebe auf die Literaturszene, parodierte ebenso lächerliche wie glaubhafte Charaktere mit hintergründigem Witz und führte die Geschichte in einem Bogen auf sich selbst zurück, indem er sie zu dem Produkt der Schreibgruppe machte. Seine zweite Geschichte, „Dem Sinn ein Leben geben“, ließ die kreisenden Denkbewegungen seines Protagonisten zur Allegorie werden, indem er sie auf einen Drehstuhl setzte und sich unter der Lampe im Kreis drehen ließ. Besonders die Vortragskunst bestach hier – wenn Tolksdorf beschreibt, wie der Erzähler sich dreht, scheint sich in der Tat alles mit zu drehen, nicht nur die Reihenfolge der Worte.

Lucien Deprijck, Lothar Tolksdorf, Nadja Schlüter, Norman Liebold und Bernd Vollbach (von links) sind ganz im Fluß
Mit Abstand die meisten Lacher hatte Nadja Schlüter auf ihrer Seite. Die Poetry-Slam-Meisterin [2] der Unterzwanzigjährigen trug kurze und dichte Texte vor, die mit lyrischem Anspruch Alltagsabsurditäten und -gefühle aufs Korn nahmen. Ob eine Liebeserklärung an die Schweiz als Urlaubsland, die frustrierten Gedanken eines pubertierenden Mädchens auf einer wirklich ätzenden Ferienfreizeit in Prag oder das minutiös Gemeinheiten ausdenkende Hassen einer Liebenden – die Texte spiegeln sich in sich selbst zurück und sind voller amüsanter Wendungen und von geschliffenem Wortwitz. Mit jedem der kaum fünf Minuten langen Texten sprach sich die junge Dichterin mehr ins Herz ihres Publikums.
Eingerahmt durch die anderen Autoren las Norman Liebold. Wer den jungen Schriftsteller und Künstler kennt, konnte sich im Grunde ausrechnen, was kommt, wenn er zwischen drei Literaten sitzt, die an einem Sommerabend heitere und amüsante Alltagsgeschichten bieten. Liebold brachte zwei Auszüge aus seinem aktuellen Siebengebirgskrimi „Gläserner Sarg“. Kam der erste Auszug noch heiter daher und ließ das Auditorium schmunzeln, so schlich sich schon hier das Gefühl ein, daß unter dem absurd-heiteren Geschehen beim Bad im Steinbruch mehr steckte: Zitate aus Orwells „1984“, ein manisch-depressiver Hauptcharakter und der Überwachungsstaat, der plötzlich samt nackten Ökonymphen aus der Idylle mit Buschwindröschen und Badesee kriecht. Als der Autor nach der Pause fortfuhr und seine Stimme über den Rhein donnert, konnte man große Augen im Publikum sehen – es lauschte gebannt, aber auch betroffen, als Liebold seinen Portagonisten völlig abdrehen und auf ein Heldendenkmal scheißen ließ.

Da capo und Abenddämmerung in spiegelglattem Strom
Inzwischen dämmerte es, die Literaten, gleichsam über dem Rhein sitzend, wurden von Scheinwerfern angeleuchtet und boten eine Runde Zugaben dar: Deprijck philosophierte mit „M“ über Sprachverfall und die Begriffe „Slow Motion“ und „Zeitlupe“. Schlüter erzählte von Klara, die gerne Lutz sein will und dann doch Gefallen an der Zweisamkeit findet; und auch Liebold setzte noch einen drauf: Im doppelten Sinne wurde es zum „Attentat“, als er dem Publikum als Insassen eines Mallorca-Fliegers die Gründe ihres baldigen Todes aufgrund einer Kollision mit dem Kölner Kreiswehrersatzamt erläuterte. Lothar Tolksdorf rettete die Situation und rundete mit seinem abschließenden Zweizeiler „Kater und Vater“ die erste Rheinlese in Bonn trefflich ab.
„Eine perfekte Mischung!“ stimmten Besucher überein. „Super – bunter ging es nicht!“, „Ich habe gelacht, ich war geschockt – es war alles dabei. Und die Musik war spitze!“ Eine etwa 20minütige Tanzperformance, die zwischen die zwei Hauptteile der Lesung gesetzt war, weckte divergierende Meinungen. Trotz der allgemeinen Bewunderung für die doppelte Leistung des Ausdruckstanzes auf der einen und der besonderen Schwierigkeit, sich auf dem Kiesstrand zu bewegen auf der anderen Seite, war verschiedentlich zu hören, daß die Darbietung etwas zu lang gewesen sei. Wobei es durchaus auch Stimmen gab, die von der bildhaften Sprache und der choreographischen Leistung der beiden Tänzerinnen schlechtweg begeistert waren.

Mit ausdrucksstarken Bildern und Posen schlossen die Tänzerinnen den ersten Teil der Rheinlese ab | Alle Fotos: Katharina Theine
Mit Spannung darf auf jeden Fall auch die Kölner Rheinlese erwartet werden, die am 23. August um 19 Uhr im Rhein bei Rodenkirchen (Uferstraße/Roonstraße bei Flußkilometer 681,9) stattfindet. Diesmal lesen die Autoren Anke Fuchs, Armin Bings, Florian Cieslik, und auch Lucien Deprijk und Bernd Vollbach werden wieder dabei sein. (CH)
Online-Flyer Nr. 159 vom 13.08.2008














