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Literatur
Rezension von Norman Liebolds „Gläserner Sarg“ – Hörsehbuch, Folge 1
Verrückter Bauer gegen verrückten Staat
Von Michael Recknagel

Regionalkrimis gibt es eine ganze Menge, aus fast jeder Stadt, aus jeder Gegend – politische Regionalkrimis findet man dagegen seltener – vor allem, wenn sie sehr aktuellen Bezug haben wie der jüngst erschiene Siebengebirgskrimi „Gläserner Sarg“ von Norman Liebold. In dieser und den kommenden Ausgaben wird der Autor den Roman für die Leser der NRhZ als „Hörsehbuch“ lesen; hier die erste Folge und von Michael Recknagel eine Rezension des Werks – die Redaktion.

Zum Inhalt: Der Roman erzählt die Geschichte des manisch-depressiven Bauern Rowedder aus dem Siebengebirge, der durch die wiederholte Konfrontation mit den Blüten der Überwachung einen totalitären Staat wiederkehren sieht und eine Odyssee zum UNO-Sitz im Langen Eugen in Bonn antritt, um – wie er selbst meint – sein Vaterland zu retten. Alles beginnt damit, dass der Protagonist in einem Steinbruch badet, natürlich verbotenerweise, und dabei von einer „Steinbruch-Politesse“ in Person eines mit gelber Warnjacke, Pappausweis und Kamera ausgestattetem Stadtmitarbeiter gerät.

Langer Eugen Bonn
Langer Eugen in Bonn | Foto: Thomas Robbin

Dieser fotografiert Bauer W., lässt das Foto durch die Biometrie-Datenbank rattern und schon ist der Verbotsbader identifiziert und bekommt seinen Bußgeldbescheid. Der Leser folgt dem entrüsteten Rowedder in Polizeiwachen, Banken, exquisite Schneidergeschäfte, schaut ihm zu, wie er auf Heldendenkmäler kackt und es mit unbeschreiblich selbstsicherem Auftreten schafft, in den Langen Eugen zu gelangen – wo sein Alptraum seinen Höhepunkt erreicht und er mitanschauen muß, was selbst er in seinem Wahn nicht für möglich gehalten hätte.

dichbrand norman liebold
Vorgängerroman                 
„Dichterbrand"
Mit „Gläserner Sarg“ legt Norman Liebold seinen dritten Kriminalroman vor und den zweiten, der im Siebengebirge spielt. Wobei „Krimi“ die Sache nicht so recht zu treffen scheint: Zwar erfüllen alle drei Bücher durchaus die notwendigen Kriterien des mittlerweile schon sehr aufgeweichten Genres, spielen aber genau mit diesen Grenzwertigkeiten, so daß sie schon fast zur Krimi-Kritik werden. Der letzte Krimi, „Dichterbrand” – ironisiert dies soweit, daß ein Schriftsteller sein Pseudonym ermordet, um auf der Regionalkrimi-Welle reitend endlich Bekanntheit zu erlangen.

So könnte man es auch eine Doppelte Spiegelung nennen, daß Wohnwagen-Schriftsteller Liebold im Roman einen Wohnwagen-Schriftsteller verbrennt. „Mir geht es um die Menschen“, so Liebold, „nicht um diese Welt voller Pulverdampf und Explosionen, wie sie gerne in Krimis überzeichnet werden.“ Allerdings – von Explosionen kann sich der Schriftsteller nicht frei sprechen: Ob nun ein Wohnwagen hochgeht oder er Schäuble den Langen Eugen mittels Flugzeug torpedieren läßt.

Defentiv mit Abstand am weitesten vom Krimi entfernt dürfte von den dreien jedoch der aktuelle „Siebengebirgskrimi“ sein. Meine Frage nach den Leichen beantwortet der Autor mit „Die Leichen sind hier mehr ideeler Natur: Informationelle Selbstbestimmung und Gesunder Menschenverstand heißen Sie. Verbrechen in einer Kriminalnovelle muß nicht Mord sein. Und es ist nicht vorgeschrieben, daß es von der bösen Einzelperson begangen sein muß, die am Ende zugunsten des Guten verliert. Mein Mörder hat und heißt System.“

Liebolds Protagonist ist ein eigenwilliger Held: Ein manisch-depressiver Bauer mit einer Vorliebe für große Traktoren im Kampf mit dem allgewaltigen Überwachungsstaat hier und seinem eigenen Wahn dort. Eine doppelte Geschichte, die den Leser auf mehr als eine Gradwanderung führt. Was ist erschreckende Wirklichkeit, wo fängt Wahnsinn und Verschwörungstheorie an? Oder ist es ein und dasselbe?

Aus dem Cover von „Gläserner Sarg“
„Stasi 2.0" ist längst Realität –
aus dem Cover zum Roman                        
Liebold beschreibt lebendige, glaubwürdige Charaktere, er bleibt nicht in enger Staatskritik und Polemiken stecken, sondern spiegelt auch sie noch einmal ironisch gebrochen – er polemisiert Polemik und ironisiert Ironie – und ist dabei erfrischend humorvoll. An den unerwartetsten Stellen kippt die doch sehr ernste Handlung in schreiend komische Wendungen um. Dabei ist, was Liebold thematisiert, alles andere als lustig. Er zeichnet deutlich und leider zu realistisch, daß der vielzitierte Überwachungsstaat nicht droht, sondern schon längst da ist.

Wenn sich sein Bauer auf den Traktor schwingt, um im Glauben vor der UNO in Bonn sprechen zu wollen, damit den Überwachungswahn aufhalten zu können, dann wirkt diese Naivität wohl rührend aber stellt noch deutlicher die Hilflosigkeit des einzelnen Bürgers heraus. Wenn schließlich das Flugzeug in das UNO-Hauptquartier rast, breitet sich beim Leser Fassungslosigkeit aus – ungeachtet der – wie der Autor es formuliert – „Sicherheitslücke”, daß sich der Bauer jetzt tatsächlich ganz in seiner Wahnidee befindet und sich (vielleicht) alles nur in seinem Kopf abspielt.

Norman Liebold bei einer Lesung im Café Podcast in Bonn
Der Autor bei einer Lesung im Café
Podcast in Bonn | Quelle: Café Podcast          
Liebold benutzt einen farbigen Stil, der von rethorischen Schnörkeln und nahezu romantischer Bildlichkeit auf der einen Seite bis zu fast burlesken Passagen reicht und der tatsächlich an etlichen Stellen bis zum lauten Auflachen erheitert. Kritisch zu beäugen ist vielleicht, daß der Roman augenscheinlich sehr eindeutig daherkommt und auf den ersten Blick polemisch erscheint. Angesichts der psychologisch fein beobachteten Person des Bauern und der zum Teil hinterhältig gebrochenen Ironie muß allerdings gesagt sein, daß Polemik hier als Stilmittel aufgefasst werden kann – wir schauen immerhin durch die Augen des verrückten Bauern auf eine Welt, die noch weit durchgeknallter ist als er sie sich halluzinieren könnte.

Aber weit ab von der Frage des Genres – und es ist faktisch ein Markenzeichen Liebolds, daß sein Oevre sich mit Sätzen und Seiten gegen jede Einordnung sträubt, sei es nun ein schlüpfrig-blutrünztiger Vampirroman oder die minutiös beschreibende Altenheim-Novelle – ist „Gläserner Sarg” schlechtweg spannend und unterhaltsam. Trotz psychisch krankem Haupthelden und dem Horrorszenario des Staates, der sich gegen die eigenen Bürger wendet, ist die Geschichte von einem freilich zuweilen zynischen Humor getragen, und es gelingt kaum, das Buch aus der Hand zu legen. Allerdings ist es bei 120 Seiten auch nicht so schwer, sie in einem Zug durchzulesen.

„Gläserner Sarg" als Hörsehbuch: realisiert von Café Podcast,
Illustration im Video und Buchcover Katharina Theine

Liebold spricht den Roman aktuell in einem Projekt „Hörsehbuch“. „Mein Roman ist in erster Linie Systemkritik“, sagt er dazu, „ich möchte, daß jeder die Möglichkeit hat, ihn sich anzusehen.“ Anzusehen ist das richtige Wort: Im „Hörsehbuch“ liest Ihnen der Autor sein Buch kapitelweise vor, und sie können dabei auch zuschauen. Die NRhZ zeigt das Hörsehbuch vom „Gläsernen Sarg“ seit dieser Woche in 14-tägigem Rhythmus. (CH)

"gläserner sarg" norman Liebold Cover
                                                             







Das Buch:
Liebold, Norman:
„Gläserner Sarg“
Ein Siebengebirgskrimi.
Königswinter 2008.
120 Seiten, 10 Euro
ISBN-13: 978-3-937330-27-3

Weiteres zum Autor: normanliebold.de


„Gläserner Sarg" als Hörsehbuch ist mit freundlicher Genehmigung von Café Podcast zu sehen.

Online-Flyer Nr. 157  vom 30.07.2008



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