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Aktueller Online-Flyer vom 09. Juni 2026  

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Lokales
Wie Pro Köln die Wahrheit in Kerpen zurechtdreht
Die „rechte“ Perspektive
Von Gerrit Wustmann

Die vom NRW-Verfassungsschutz als rechtsradikal eingestufte Gruppierung Pro Köln versuchte, an einem Kerpener Gymnasium ihr als Schülerzeitung deklariertes braunes Heftchen „Objektiv“ zu verteilen – und stieß dabei auf heftige Gegenwehr von Lehrern und Schülern. Danach versuchten die Rechten, das im Grunde unspektakuläre Ereignis mittels hemmungsloser Tatsachenverdrehung für eigene Zwecke auszuschlachten – möglicherweise um den eigenen Bürgermeisterkandidaten für Leverkusen, Jörg Uckermann, besser zu platzieren.

Europaschule Kerpen
Europaschule in Kerpen | Quelle: www.gymnasium-kerpen.eu 

Neue Biederkeit
 
„Alles was die wollen ist Aufmerksamkeit“, sagt Bernd Woidke, Lehrer an der Europaschule Kerpen und zuständig für die schuleigene Website (www.gymnasium-kerpen.eu). „Aus diesem Grund habe ich das Ereignis auf unserer Seite gar nicht erst erwähnt.“ Klar, wenn über 2.000 Schüler mal eben auf die Pro-Köln-Seite klicken, können die wieder behaupten, man würde sich für sie interessieren. Die Frage, ob man über solch einen vergleichsweise kleinen Zwischenfall berichten soll, ist durchaus nicht einfach zu beantworten. Natürlich straft man rechte Gruppierungen wie Pro Köln, wenn man sie ignoriert, während ihre Anhänger in Onlineforen wie „Grüne Pest“ oder „Rocknord“ danach gieren, in der Presse etwas über sich bzw. die vermeintlichen „linken“ respektive „manipulierten staatstreuen“ Übeltäter zu finden.
 
Andererseits zeigt ein Blick in eben jene Foren, wie sich das Selbstbild der Rechten gewandelt hat. Während schon auf der Straße, im Westen Deutschlands, aber zunehmend auch im Osten, Springerstiefel, Bomberjacken und martialisches Halbstarkengehabe gegen eine neue Biederkeit eingetauscht wurde, die von konservativer Biederkeit mitunter schwer zu unterscheiden ist, zielen Pro Köln und Co. mehr und mehr auf Bevölkerungsschichten, die sich als „rechts“ und „antilinks“, nicht aber als „rechtsradikal“ verstehen wollen. An Schulen sind solche Aktionen gerade deshalb besonders perfide, weil insbesondere jüngere Schüler die Rechtsradikalen als solche nicht zu erkennen vermögen und, wie auch in Kerpen geschehen, primitive Hetze wie den „Objektiv“ erstmal unvoreingenommen einstecken. Das Kerpener Gymnasium hat dabei den Vorteil, dass das Aufklärungsengagement sehr hoch ist, und das Ereignis auch auf Wunsch der Schüler im Unterricht thematisiert wurde.

SV-Sitzung
Schülervertretung des Gymnasiums | Foto: www.gymnasium-kerpen.eu

Zwei Versionen einer Geschichte
 
Noch am selben Tag war auf der Website von Pro Köln zu lesen, man habe am Freitagmorgen in Kerpen seine „Schülerzeitung“ verteilen wollen und sei dabei auf aufgeschlossene und interessierte Schüler gestoßen. Kritik sei nur vereinzelt und „sachlich und in angemessener Form“ geäußert worden. Erst beim Einschreiten der Lehrer sei es zu Gewalttätigkeiten gekommen, ein Mitglied von Pro Köln sei „gewürgt“ worden, so dass man die Polizei habe rufen müssen. Der betreffende Lehrer, von Pro Köln seither als „Würger von Kerpen“ tituliert, sei anschließend ins Schulgebäude „geflüchtet“ und vom Kollegium dort „versteckt“ worden. Man habe Strafanzeige gestellt und fordere ein Amtsenthebungsverfahren.
 
Der betroffene Lehrer Alfred Dänner unterrichtet evangelische Religion und Politik, er ist an der Schule sowohl bei den Schülern als auch im Kollegium überaus beliebt, er begleitet Referendare auf dem Weg in ihrem Schulalltag, steht den Schülern bei Problemen zur Seite, und wagt auch mal unkonventionelle Unterrichtswege. Dass er Lyrik im Politikunterricht durchnimmt, ist keine Seltenheit, und auch nicht, dass er moderne Lyrik ebenso einbindet wie den Unterrichtsplan. Fragt man ihn, die Kollegen, die Schüler, die an jenem Tag anwesend waren, so ergibt sich ein anderes Bild der Geschehnisse.
 
Die Mitglieder von Pro Köln, darunter der jugendliche „Herausgeber“ des Blättchens, dessen älterer Bruder, sowie Jörg Uckermann (ehemals für die CDU im Köln-Ehrenfelder Bezirksrathaus) passten die Schüler um kurz vor 8 Uhr am sogenannten Drängelgitter ab, an dem morgens die Schulbusse ankommen. Da direkt dahinter eine Durchfahrtsstraße verläuft, die gerade morgens von Bussen, Privatfahrzeugen und hin und wieder auch Lastwagen befahren wird, kann es hier zu gefährlichen Situationen kommen, etwa wenn Schüler zwischen den Bussen auf die Straße rennen.
Ueckermann Pro Köln
Jörg Uckermann – lange bei der
CDU, jetzt Pro Köln
Quelle: Stadt Köln
Die älteren Schüler hätten die Situation schnell erfasst. „Klar, das waren Nazis, das hat auch sofort jeder gesehen“, sagt ein Zehntklässler. Nach Aussage einer Lehrerin gruppierten sich die Schüler rasch und skandierten „Nazis raus!“-Rufe, andere zerrissen das braune Heftchen und bewarfen die Pro Kölner damit. Allerdings hätten jüngere Jahrgänge der Klassen 5 und 6 vereinzelt auch das Heft eingesteckt, ohne es im ersten Moment weiter zu begutachten – der Inhalt beschränkt sich auf die üblichen Islam- und fremdenfeindlichen Allgemeinplätze. Schon mit der ersten Ausgabe hat sich Pro Köln reichlich lächerlich gemacht, als sich herausstellte, dass die blonde Schönheit unter dem Anzeigen-Slogan „Deutsch ist geil“ eine Tschechin ist, deren Foto zudem unter Missachtung des Urheberrechts von einer Erotik-Seite geklaut worden war.
 
„Sachliche Diskussionen“?
 
 „Sachliche Diskussionen“, wie Pro Köln behauptet, habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Nur wenige Sekunden nach Beginn der Aktion seien bereits mehrere Lehrer, die sich zur Aufsicht an der Haltestelle befanden, eingeschritten, und hätten die Verteiler zum Verlassen des Schulgeländes aufgefordert, zumal dort Unbefugte ohnehin keinen Zutritt haben. Uckermann und Co seien daraufhin aggressiv und laut geworden und hätten die Schüler offensiv bedrängt, unter denen sich auch mehrere Jungen und Mädchen ausländischer Herkunft befanden. Als der Aufforderung der Lehrer keine Reaktion folgte und die Situation für die Schüler aufgrund der angespannten Stimmung gefährlich zu werden drohte, schritt Alfred Dänner ein. „Um die Strafanzeige mache ich mir keine Sorgen“, sagt er. „Ich habe niemanden gewürgt. Ich habe lediglich ein Mitglied von Pro Köln am Kragen gepackt und auf die andere Straßenseite gebracht, das ist alles.“ Die Polizei habe dann einer der besorgten Busfahrer gerufen. Die Behauptung von Pro Köln, man habe selbst die Polizei eingeschaltet, konnte nicht verifiziert werden. Bei Eintreffen der Polizei sei er dann ins Schulgebäude zurückgekehrt. „Warum sollte ich mich verstecken? Ich bin zum Unterricht gegangen, schlicht und einfach.“ Schüler und Kollegen bestätigen auch diese Details. Ihr Lehrer hat Zivilcourage bewiesen.
 
Aggressive Tendenzen
 
Als Pro Köln auf ihrer Internetseite begann, die Tatsachen zu verdrehen, habe er zum Schutz der Kollegen die Lehrergalerie aus dem Netz genommen, sagt Bernd Woidke. Pro Kölns Behauptung, mit der Karriere Alfred Dänners gehe es „abwärts“, entspreche nicht auch nur ansatzweise den Tatsachen.
 
Besonders aggressiv sei an jenem Morgen Jörg Uckermann aufgefallen. Er sei bis auf einen Fahrradhof vorgedrungen und habe jüngere Schüler geradezu genötigt, das Heft anzunehmen, sagen mehrere Zeugen - diskutiert wird das Thema auch im Gästebuch der Schulwebsite, wo sich Schulleiter Ripp für das korrekte Verhalten seiner Schützlinge bedankt.
 
Jörg Uckermann ist für ähnliche Ausfälle bekannt. Der ehemals stellvertretende CDU-Bürgermeister des Kölner Stadtteils Ehrenfeld war nicht zuletzt aufgrund seiner islamophoben Ansichten und seiner undifferenzierten wiederholten Hetze gegen den von der DITIB geplanten Bau einer Großmoschee in Ehrenfeld aus der Partei gedrängt worden und wechselte dann zu Pro Köln. Derzeit läuft gegen ihn eine Strafanzeige wegen Körperverletzung, nachdem er während einer Demonstration von Moscheegegnern offenbar eine türkische Gegendemonstrantin bedrängt und getreten hatte. Erst vor wenigen Tagen fiel er mit einer Klage beim Kölner Verwaltungsgericht auf die Nase, weil er auf Wunsch von Bezirksbürgermeister Josef Wirges von der Polizei aus dem Ehrenfelder Rathaus worden war, nachdem er Sitzungsteilnehmer wüst beschimpft hatte
 
Offensichtlich ist sein selbstentlarvendes Verhalten im politischen Umfeld nicht besser als jenes, welches er an den Tag legt, wenn er Naziblättchen auf dem Schulhof verteilt. Er selbst sieht das freilich anders. Er spreche bloß das aus, was die Mehrheit der Bevölkerung sich nicht auszusprechen traue. (PK)

Online-Flyer Nr. 151  vom 18.06.2008



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