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Arbeit und Soziales
Eine Ausstellung gegen die Verletzung der Menschenwürde
„Hartz IV sind wir“
Von Brigitte Vallenthin
Denn wie sollten sie den Menschen erklären – wenn sie es zugäben –, dass kein Kraut gegen Hartz IV gewachsen ist, und dass es bereits viele getroffen hat und weiter treffen wird – egal, ob er oder sie akademische Weihen, Facharbeiter-Briefe oder andere schöne Urkunden in der Tasche hat – wo sie doch gerade jetzt ihre Form von Bildung als Heilkraut auf den politischen Markt gebracht haben?
Zwölf sehr persönliche Erfahrungen
Die Ausstellung kommt still aber umso eindrucksvoller daher: Kein Protest, keine Anklage, keine Almosenforderung – ganz einfach nur zwölf sehr persönliche, beispielhafte Schicksale und Erfahrungen von Menschen unter dem Stigma Hartz IV. Menschen aller Schichten, aller Bildungsformen und aller Einkommensklassen. Idee und Texte des als Wanderausstellung konzipierten Projekts wurden von der Hartz4-Plattform entwickelt. Die einfühlsame Gestaltung stammt von der Kölner Künstlerin Monika Heimann, die in der nordrhein-westfälischen Arbeitslosenszene und beim Agitart-Projekt seit Jahren schon zahlreichen Aktionen Gestalt gegeben hat.

Monika Heimann, agitart – Kunst und Satire
Foto und Startfoto: gesichter zei(ch/g)en
Diese Ausstellung ist ein Appell im Namen von Millionen Betroffenen, einmal genau hin zu schauen, wer tatsächlich die angebliche „Unterschicht“ ist, der Kurt Beck – Chef der jüngst in Hamburg neu erwachten so genannten Gerechtigkeitspartei – vorwirft, dass „andere früh um sieben aufstehen und acht Stunden für sie arbeiten müssen“.
Aus der Mottenkiste
Hat seine Partei – die unter dem aktuellen Druck von Links zu aller Überraschung auch noch den Begriff „Demokratischer Sozialismus“ aus der Mottenkiste kramte und sich neuerdings mit so viel ehrenwerter Solidarität selbst beweihräuchert – einmal genau betrachtet, was es eigentlich mit den von ihm und Guido Westerwelle einstimmig hochgejubelten Millionen neuen Arbeitsplätzen auf sich hat? Hat diese weit über das Rentenalter hinaus in die Jahre gekommene Partei einmal hinter die schönfärbenden Statistik-Kulissen geschaut, wie viele davon tatsächlich echte – wie es so schön heißt sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze – sind und wie viele davon die wie Pilze aus der Erde schießenden so genannten 1 €-Jobs sind – also nach dem Grundgesetz verbotene Zwangsarbeit?
Und hat der Vorsitzende dieser uralten Partei, die nicht rot werden kann, weil sie es ja angeblich schon ist, immer noch das Wort sozial in ihrem Namen zu tragen, eigentlich mal diejenigen gefragt, denen er Faulheit vorwirft, weil sie nicht morgens um Sieben aufstehen und zur Arbeit gehen, ob sie dies nicht auch viel lieber täten, wenn sie nur dürften? Oder hat er vielleicht das einstimmig ihm laut entgegen schallende „Ja“ gefürchtet? Denn mit Tipps zum Waschen und Rasieren ist es ja nicht so einfach getan.
Idee und Werk der SPD
Und kein SPD-Politiker sollte glauben, dass auch nur ein Einziger der Millionen Betroffenen vergessen wird, dass Hartz IV Idee und Werk der SPD ist – auch wenn man sich jetzt in der Partei bemüht, den unverfänglicheren, weniger anrüchigen Namen Agenda 2010 zu gebrauchen. Jeder in der Politik weiß es und versucht trotzdem dem Wahlvolk den Durchblick zu vernebeln. Aber KünsterlInnen wie Monika Heimann trauen sich zu sagen, was gesellschaftliche Realität und Zukunft ist. Und sie steht erfreulicherweise nicht allein da:
Der Intendant des Berliner Hebbel-Theaters Matthias Lilienthal: „Mir gehen viele Politiker und die Gewerkschaften gleichermaßen auf den Wecker. Weil sie immer noch davon ausgehen, dass es eine Arbeitswelt gibt, in der ich einen einzigen Job habe und mit dem ich mein Geld verdienen und meine Rente sichern soll. Sie reden von einer Gesellschaft, die es schon lange nicht mehr gibt. Die Rente mit 67, wie soll ich denn mit 67 in Rente gehen, wenn ich gar keine Jobs habe, die mir eine Rente mit 67 erlauben. Selbst für
mich als hoch bezahlten Kulturmanager gibt es ja keine langfristigen Verträge. Die Wirklichkeit mit drei, vier Jobs, mit wechselnden Jobs, mit Brüchen im Leben, mit Lust auf was anderes, diese Wirklichkeit hat die Politik und haben auch die Gewerkschaften überhaupt noch nicht begriffen." („Berlin Mitte“, 15. Februar 2007)
Eine Methode zur Ausgrenzung
Und Dieter Hildebrand bringt es auf den Punkt: „Hartz IV ist eine Methode zur
Ausgrenzung. Die Menschen haben Angst, dass sie keinen Arbeitsplatz mehr kriegen. Deshalb machen sie das Maul nicht auf. Wenn sie wüssten, dass sie überhaupt keinen Arbeitsplatz mehr kriegen werden, würden sie vielleicht doch das Maul auf machen.“ („ttt“, 15. April 2007)
Zornig machen der in der Regel unverschuldete Schicksalstreffer Hartz IV, die damit verbundenen Entwürdigungen in den Behörden und die Diskriminierungen in den Medien auch deshalb, weil gerade Hartz IV-Betroffene es sind, die Monat für Monat rund die Hälfte ihres Einkommens – also etwa 173,50 € mit ihren Einkäufen gleich wieder an den Staatssäckel zurückgeben müssen. Denn etwa 50 Prozent beträgt die Staatsquote, die Unternehmer inzwischen in Form von Mehrwertsteuer, Unternehmenssteuer und Lohnnebenkosten auf die Endverbraucherpreise aufschlagen müssen.
Weshalb also, fragen sich AusstellungsbesucherInnen, dürfen Menschen, die ihr gesamtes Monatseinkommen von 347 € notgedrungen in den Konsum stecken und damit 50 Prozent davon an die Staatskasse zurückgeben müssen, ungestraft als „Schmarotzer“ bezeichnet werden? Andere hingegen, die dem Staat nur einen verschwindend geringen Prozentsatz ihres Einkommens zurückgeben, weil sie mehr verdienen, genießen dagegen hohes Ansehen! Wäre da nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen gerechter – und ein Steuersystem, bei dem die, die mehr verdienen und sich mehr leisten können, auch solidarisch mehr in die Kasse der Gemeinschaft geben? (HDH)
Mehr zur Ausstellung unter: www.hartz4-plattform.de
Eine Auswahl von „Hartz IV sind wir":
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Online-Flyer Nr. 120 vom 07.11.2007
Eine Ausstellung gegen die Verletzung der Menschenwürde
„Hartz IV sind wir“
Von Brigitte Vallenthin
Denn wie sollten sie den Menschen erklären – wenn sie es zugäben –, dass kein Kraut gegen Hartz IV gewachsen ist, und dass es bereits viele getroffen hat und weiter treffen wird – egal, ob er oder sie akademische Weihen, Facharbeiter-Briefe oder andere schöne Urkunden in der Tasche hat – wo sie doch gerade jetzt ihre Form von Bildung als Heilkraut auf den politischen Markt gebracht haben?
Zwölf sehr persönliche Erfahrungen
Die Ausstellung kommt still aber umso eindrucksvoller daher: Kein Protest, keine Anklage, keine Almosenforderung – ganz einfach nur zwölf sehr persönliche, beispielhafte Schicksale und Erfahrungen von Menschen unter dem Stigma Hartz IV. Menschen aller Schichten, aller Bildungsformen und aller Einkommensklassen. Idee und Texte des als Wanderausstellung konzipierten Projekts wurden von der Hartz4-Plattform entwickelt. Die einfühlsame Gestaltung stammt von der Kölner Künstlerin Monika Heimann, die in der nordrhein-westfälischen Arbeitslosenszene und beim Agitart-Projekt seit Jahren schon zahlreichen Aktionen Gestalt gegeben hat.

Monika Heimann, agitart – Kunst und Satire
Foto und Startfoto: gesichter zei(ch/g)en
Diese Ausstellung ist ein Appell im Namen von Millionen Betroffenen, einmal genau hin zu schauen, wer tatsächlich die angebliche „Unterschicht“ ist, der Kurt Beck – Chef der jüngst in Hamburg neu erwachten so genannten Gerechtigkeitspartei – vorwirft, dass „andere früh um sieben aufstehen und acht Stunden für sie arbeiten müssen“.
Aus der Mottenkiste
Hat seine Partei – die unter dem aktuellen Druck von Links zu aller Überraschung auch noch den Begriff „Demokratischer Sozialismus“ aus der Mottenkiste kramte und sich neuerdings mit so viel ehrenwerter Solidarität selbst beweihräuchert – einmal genau betrachtet, was es eigentlich mit den von ihm und Guido Westerwelle einstimmig hochgejubelten Millionen neuen Arbeitsplätzen auf sich hat? Hat diese weit über das Rentenalter hinaus in die Jahre gekommene Partei einmal hinter die schönfärbenden Statistik-Kulissen geschaut, wie viele davon tatsächlich echte – wie es so schön heißt sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze – sind und wie viele davon die wie Pilze aus der Erde schießenden so genannten 1 €-Jobs sind – also nach dem Grundgesetz verbotene Zwangsarbeit?
Und hat der Vorsitzende dieser uralten Partei, die nicht rot werden kann, weil sie es ja angeblich schon ist, immer noch das Wort sozial in ihrem Namen zu tragen, eigentlich mal diejenigen gefragt, denen er Faulheit vorwirft, weil sie nicht morgens um Sieben aufstehen und zur Arbeit gehen, ob sie dies nicht auch viel lieber täten, wenn sie nur dürften? Oder hat er vielleicht das einstimmig ihm laut entgegen schallende „Ja“ gefürchtet? Denn mit Tipps zum Waschen und Rasieren ist es ja nicht so einfach getan.
Idee und Werk der SPD
Und kein SPD-Politiker sollte glauben, dass auch nur ein Einziger der Millionen Betroffenen vergessen wird, dass Hartz IV Idee und Werk der SPD ist – auch wenn man sich jetzt in der Partei bemüht, den unverfänglicheren, weniger anrüchigen Namen Agenda 2010 zu gebrauchen. Jeder in der Politik weiß es und versucht trotzdem dem Wahlvolk den Durchblick zu vernebeln. Aber KünsterlInnen wie Monika Heimann trauen sich zu sagen, was gesellschaftliche Realität und Zukunft ist. Und sie steht erfreulicherweise nicht allein da:
Der Intendant des Berliner Hebbel-Theaters Matthias Lilienthal: „Mir gehen viele Politiker und die Gewerkschaften gleichermaßen auf den Wecker. Weil sie immer noch davon ausgehen, dass es eine Arbeitswelt gibt, in der ich einen einzigen Job habe und mit dem ich mein Geld verdienen und meine Rente sichern soll. Sie reden von einer Gesellschaft, die es schon lange nicht mehr gibt. Die Rente mit 67, wie soll ich denn mit 67 in Rente gehen, wenn ich gar keine Jobs habe, die mir eine Rente mit 67 erlauben. Selbst für
mich als hoch bezahlten Kulturmanager gibt es ja keine langfristigen Verträge. Die Wirklichkeit mit drei, vier Jobs, mit wechselnden Jobs, mit Brüchen im Leben, mit Lust auf was anderes, diese Wirklichkeit hat die Politik und haben auch die Gewerkschaften überhaupt noch nicht begriffen." („Berlin Mitte“, 15. Februar 2007)
Eine Methode zur Ausgrenzung
Und Dieter Hildebrand bringt es auf den Punkt: „Hartz IV ist eine Methode zur
Ausgrenzung. Die Menschen haben Angst, dass sie keinen Arbeitsplatz mehr kriegen. Deshalb machen sie das Maul nicht auf. Wenn sie wüssten, dass sie überhaupt keinen Arbeitsplatz mehr kriegen werden, würden sie vielleicht doch das Maul auf machen.“ („ttt“, 15. April 2007)
Zornig machen der in der Regel unverschuldete Schicksalstreffer Hartz IV, die damit verbundenen Entwürdigungen in den Behörden und die Diskriminierungen in den Medien auch deshalb, weil gerade Hartz IV-Betroffene es sind, die Monat für Monat rund die Hälfte ihres Einkommens – also etwa 173,50 € mit ihren Einkäufen gleich wieder an den Staatssäckel zurückgeben müssen. Denn etwa 50 Prozent beträgt die Staatsquote, die Unternehmer inzwischen in Form von Mehrwertsteuer, Unternehmenssteuer und Lohnnebenkosten auf die Endverbraucherpreise aufschlagen müssen.
Weshalb also, fragen sich AusstellungsbesucherInnen, dürfen Menschen, die ihr gesamtes Monatseinkommen von 347 € notgedrungen in den Konsum stecken und damit 50 Prozent davon an die Staatskasse zurückgeben müssen, ungestraft als „Schmarotzer“ bezeichnet werden? Andere hingegen, die dem Staat nur einen verschwindend geringen Prozentsatz ihres Einkommens zurückgeben, weil sie mehr verdienen, genießen dagegen hohes Ansehen! Wäre da nicht ein bedingungsloses Grundeinkommen gerechter – und ein Steuersystem, bei dem die, die mehr verdienen und sich mehr leisten können, auch solidarisch mehr in die Kasse der Gemeinschaft geben? (HDH)
Mehr zur Ausstellung unter: www.hartz4-plattform.de
Eine Auswahl von „Hartz IV sind wir":
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Online-Flyer Nr. 120 vom 07.11.2007














